Israel: Ein Tag am Meer

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Israel: Ein Tag am Meer

Der Besuch von 130.000 Palästinensern am Strand zwischen Tel Aviv und Jaffa, um das muslimische Zuckerfest am Ende des Fastenmonats Ramadan zu feiern, gleicht einem Traum. "Warum kann es nicht jeden Tag so sein?", fragt Gideon Levy. Bild: Marc Berthold, Lizenz: CC BY-NC 3.0

29. August 2012
Gideon Levy
Wohl jeder Häftling wird auf die Frage, wovon er hinter Gittern träumt, antworten: das Meer. Nun waren sie hier, Tausende von Eingeschlossenen, und genossen ihre Freiheit.

Anfangs schien es eher wie eine Phantasie, ein Tagtraum im Sommer. Doch da waren sie wirklich: Tausende von Palästinenser/innen, die sich an den Stränden von Tel Aviv tummelten. Eine Halluzination, dachte ich zuerst: Ein israelischer Rettungsschwimmer rief auf Arabisch durch ein Megaphon, sorgte sich um ihre Sicherheit und riet ihnen, viel Wasser zu trinken. Mitarbeiter der kommunalen Stadtreinigung fegten in ihren orangenen Jacken den Strand – womöglich das erste Mal überhaupt, dass Juden und Jüdinnen hinter Araber/innen herputzten.

Ein Meer von Arabern überflutete die Küste der weißen Stadt Tel Aviv - der ersten Stadt der neuen Juden überhaupt. Ohne einen einzigen Grenzpolizisten, ohne Bereitschaftspolizei oder Agenten des israelischen Geheimdienstes Shin Bet oder Truppen von Spezial-Einheiten des Militärs. Jugendliche fragten, wo Galiläa sei, ob man dorthin laufen könne. Sie wollten die Dörfer ihrer Vorfahren sehen, welche lange zerstört sind.

Die Älteren unter ihnen trauten ihren Augen nicht: Öffentliche Wasserhähne mit frei fließendem Wasser. Männer mittleren Alters, welche Israel damals mit aufgebaut hatten, die Häuser saniert und Straßen gereinigt hatten, kamen nach Jahrzehnten zurück. Frauen sahen zum ersten Mal in ihrem Leben verwundert einen Bikini, während viele Kinder zum ersten Mal überhaupt das Meer sahen – und das, obwohl sie nur eine Autostunde davon entfernt leben.

Fragen sie jeden beliebigen Gefangenen, wovon er hinter Gittern geträumt  hat, und er wird ihnen antworten: das Meer. Nun waren sie hier, Tausende von Eingeschlossenen, und genossen ihre Freiheit. Es ist schon eine Weile her, dass ich so viele glücklich aussehende Menschen an einem Strand gesehen habe.

Ich konnte meinen Augen kaum trauen; ich war so aufgeregt, dass mir die Tränen kamen. Stundenlang wanderte ich die Strände entlang und traf Palästinenser/innen, die glücklicher aussahen als ich sie jemals in den vergangenen Jahren gesehen habe. Familien von Djenin bis Hebron bauten ihre Zelte auf, grillten Fleisch, rannten unbeschwert am Strand entlang, sprangen in Kleidern in die Wellen und fotografierten ohne Unterlass, um später ein Andenken zu haben. Es war ein menschliches Spektakel.

Um sicher zu gehen, dass es sich bei mir nicht um eine Art sommerliche Wahnvorstellung handelte, kontaktierte ich den Koordinator für Staatstätigkeiten in der Westbank (COGAT) um herauszufinden, was hier vor sich geht. Der COGAT-Sprecher teilte mir mit, dass der Staat Israel 130.000 Einreise-Erlaubnisse an Bewohner der besetzten Gebiete zu Ehren des muslimischen Feiertages Eid-Al-Fitr (das Zuckerfest zum Abschluss des Fastenmonats Ramadan) ausgestellt hat. Ich glaubte ihm nicht und bat ihn darum, die Zahl bitte noch einmal zu überprüfen, vielleicht war es ein Tippfehler. Nein, kein Tippfehler.

Die Welt geht nicht unter

Leise, vermutlich um einen Aufschrei vom rechten Lager zu vermeiden, wurden die Pforten des Himmels für zehntausende Palästinenser/innen geöffnet, so wie es seit Jahren nicht geschehen ist. Es mag eine rote Fahne über der Rettungsschwimmer-Hütte geweht haben, über dem Strand des Tel Aviver Charles-Clore-Park wehte jedoch für kurze Zeit eine weiße Fahne der Hoffnung (verzeiht die blumige Ausdrucksweise).

Was Ilana Hammerman und die mutigen, entschlossenen Frauen der „Gruppe des zivilen Ungehorsams“ seit langem machen, vom Staat Israel stets scharf verurteilt und von strafrechtlicher Verfolgung bedroht, hat das Besatzungsregime zu diesem muslimischen Feiertag nun selbst vollbracht. Man muss diesen Beamt/innen viel Anerkennung zukommen lassen, selbst wenn es sich nur um eine temporäre Geste handelt.

Israelis, die an den Strand kamen, trauten ihren Augen genauso wenig wie ich. Da waren sie, die Palästinenser/innen, echte Menschen. Keine illegalen Arbeiter/innen, keine Terrorist/innen. Ganz normale Menschen, die das Spiel in den Wellen genossen, sich über frische Kebabs vom Grill freuten, Sandburgen bauten, Eis aßen und dabei in der heißen Sonne schwitzen, genau wie wir. Ihre Körper waren weiß, nur die Unterarme gebräunt – so sehen Menschen aus, die das erste Mal in ihrem Leben den Strand sehen.

Und wisst ihr was? Dieses seltene Schauspiel dauerte mehrere Tage in dieser Woche an und nichts passierte, außer der kurzzeitigen Freude dieser Menschen. Sie verließen ihre Städte und Dörfer in der Früh, nahmen ihre von Israel gnädiger Weise erteilten Einreiseerlaubnisse, und nach ein paar Stunden waren sie in Tel Aviv. Und die Welt ging nicht unter.

Es ist wahr, sie wagten sich nicht näher an die Strände im Norden der Stadt; offenbar hatte ihnen jemand erzählt, dass diese „nur für Juden“ seien. Dennoch war es wie eine Nacht ohne Morgen.

Ist das die Zukunft? Ist sie da? Das Schild am Ausgang des Strandes verabschiedet die Besucher mit einem "Auf Wiedersehen". Werden wir sie wiedersehen? Einer von ihnen, ein Bewohner von Akraba nahe Nablus, fragte mich: "Warum nur einmal im Jahr? Kann es nicht zweimal sein? "

Morgen werden sie in ihre bedrückende Realität zurückkehren, zu ihrem Leben unter der Besatzung und der Arbeitslosigkeit, hinter den Straßensperren und Checkpoints, und nichts wird von ihrem Tag am Strand von Tel Aviv übrig bleiben außer einem süßen, verblassenden Traum.

Im Ernst, warum kann es nicht zweimal im Jahr geschehen? Vielmehr: Warum, verdammt, kann es nicht jeden Tag so sein?

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Gideon Levy ist Kolumnist bei der israelischen Tageszeitung Haaretz. Der Artikel erschien zuerst in der Haaretz-Ausgabe vom 23. August. 

Ins Deutsche übersetzt von Ricarda Ameling, Heinrich Böll Stiftung, Büro Tel Aviv.

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