Zwei Farben Grün - Das Verhältnis der islamischen Lehre zur natürlichen Umwelt

26. Juni 2008

Vortrag im Rahmen der Veranstaltungsreihe "Vordenken #6: Ökologie und Gesellschaft" des Wuppertal Instituts am 11. Juni 2008 in der Galerie der Heinrich-Böll-Stiftung

Von Ayyub A. Köhler, Vorsitzender Zentralrat der Muslime

Meine sehr verehrten Damen und Herren,

ich nehme gleich einmal den Vorspanntext zu Ihrer Veranstaltung auf, in dem gefragt wird, „inwieweit die motivationalen Ressourcen in unserer Gesellschaft für ökologisch verantwortliches Handeln ausreichen. Mitunter wird dann die Religion angeführt. Was sagen Vertreter der islamischen Lehre zur Ökologie und dem Verhältnis zur Umwelt? Lassen sich Handlungsanweisungen für den Einzelnen ableiten? Gibt es Konsequenzen für das Wirtschaften?“

Die erste Frage, inwieweit die motivationalen Ressourcen in unserer Gesellschaft für ökologisch verantwortliches Handeln ausreichen, beantworte ich mit einem klaren „Ja, aber…“.  Die zweite Frage, ob sich in der islamischen Lehre Handlungsanweisungen für den Einzelnen ableiten lassen und ob es Konsequenzen für das Wirtschaften gäbe, beantworte ich mit einem eindeutigen „Ja“ (mit dem Zusatz: Das gilt prinzipiell auch für alle anderen Religionen).

Dass nur mitunter die Religionen zur Lösung unserer Umweltprobleme herangezogen, unterschätzt bzw. gar nicht erst in Erwägung gezogen werden, bedaure ich sehr. Denn: Religionen spielen besonders im Umweltschutz eine bedeutende Rolle, wenn nicht gar die nachhaltigste.

Religionen und Nachhaltigkeit

Das herausragendste Kriterium für die Bedeutung der Religionen im Umweltschutz ist die Nachhaltigkeit. Ich beginne mit einem Plädoyer für die Religionen. In diesem Falle zitiere ich gerne, - hier etwas verkürzt -, Peter Koslowski, der sogar noch einen draufsetzt, wenn er bezweifelt,

„ob das bewegliche Element einer sich unaufhörlich modifizierenden und umwälzenden spontanen Kultur des gesellschaftlichen Lebens ohne die dauerhaften Lebensordnungen der Religion möglich ist. Dort, wo Religion fehlt, wird das Moment der Universalität und Beständigkeit, ohne das die gesellschaftliche Einheit diachron und synchron zwischen den Mitgliedern der Gesellschaft nicht gewahrt werden kann, durch Zwangsgeltung des Staates durchgesetzt. Wird die religiöse Innenlenkung der Individuen durch staatlich erzwungene Kultur und damit Außenlenkung ersetzt." 

Mit anderen Worten: Wenn die Innenlenkung des Einzelnen zum ökologisch konformen Verhalten nicht vorhanden ist, also wenn die Menschen aus innerstem Antrieb sich nicht umweltkonform verhalten, muss der Staat Gesetze erlassen. Emissionsschutzgesetze und Abfallwirtschaftsgesetze und –verordnungen müssen dann nachhelfen. Religionen bieten besonders im ökologischen Bereich den stärksten Antrieb und die nachhaltigsten Erfolge. Wenn es also nicht nur um einen ökologischen Reparaturbetrieb gehen soll, wenn es um Nachhaltigkeit eines ökologischen Verhaltens gehen soll, dann wirkt und motiviert die metaphysische Begründung der Religionen nachhaltiger zu gutem Handeln als jedes staatliche Gesetz.

Ich kann natürlich nicht abschätzen, welche Erfolge wir im Umweltschutz den Angehörigen von Religionsgemeinschaften zu verdanken haben. Selbstkritisch möchte ich schon jetzt behaupten, dass wir Muslime in Deutschland mehr tun sollten.

Da ich gerade schon die Nichtachtung der Religionen im Umweltschutz bedauere, möchte ich noch einen Satz zur AGENDA 21 sagen: In Rio wurde 1992 eine AGENDA 21 zur Lösung der globalen Umweltprobleme verabschiedet. Der Fortschritt bei diesem Vorgehen war die Erkenntnis, dass die Umweltprobleme nur im großen Zusammenhang der Ökonomie, Ökologie und des Sozialen nachhaltig zu bewältigen sind.

Die AGENDA 21 beruht in ihrem Wesen auf den Strategien unseres technisch-wissenschaftlichen Zeitalters, in dem die Lösungen von Problemen nahezu ausschließlich technokratisch (einschließlich des rechtlichen Instrumentariums) angegangen werden. Die religiöse Dimension von Nachhaltigkeit wurde dabei nicht berücksichtigt. Die Agenda wurde teilweise in einzelnen Ländern in eine LOKALE AGENDA 21 bis auf die Gemeindeebenen transformiert und ist auch schon in vielen Kommunen in Deutschland institutionalisiert. Jetzt ist es an der Zeit, die AGENDA 21 auch in die Herzen der Menschen zu pflanzen. Das gelingt m. E. am besten durch Religion.

Religionen stellen den Menschen in einen unendlich großen und komplexen Sinnzusammenhang mit der Natur – Schöpfung. Sie sind ganzheitlich im wahrsten Sinne des Wortes. Ihre Nachhaltigkeit beruht auf der religiösen Bindung des Einzelnen an das Ganze. Wenn die Religionsgemeinschaften ihre spirituellen Werte in die Ökonomie, die Ökologie und das Soziale, um bei den Stichworten der AGENDA zu bleiben, einbringen, stärken sie auch im Sinne der dezentralen Umweltpolitik das gesamtgesellschaftliche Anliegen des ökologischen Verhaltens. Religiosität schafft starke Verbindlichkeiten bei der Absicht (Nija) und im verantwortungsvollen, wertebezogenen Handeln, die ihren Ausdruck in Lebensweisen findet.

Das Wort Lebensweise gibt mir das Stichwort für Religion: Religiosität und das Verhalten des Einzelnen. So komme ich vom Allgemeinen zum Besonderen – dem Islam. Wie begründet man im Islam die Bewahrung der Schöpfung und worin liegt die Nachhaltigkeit? (weiterlesen...)