Südafrika hat sich einen moralischen Vorsprung erarbeitet

Holztafel am Kap der Guten Hoffnung
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14. August 2008
Als eines der ersten Länder des globalen Südens strebt Südafrika eine Reduktion seiner Treibhausgasemissionen an, obwohl es dazu laut Kyoto-Protokoll noch nicht verpflichtet wäre. Damit wird der afrikanische Staat eine Vorreiterrolle in den internationalen Klimaverhandlungen einnehmen. Allerdings setzt die südafrikanische Regierung neben Investitionen in Erneuerbare Energien auch auf den Ausbau der Atomkraft, um seine Klimaziele zu erreichen. 

Ein Interview mit Saliem Fakir, 12. August 2008

Vor einigen Monaten hat die südafrikanische Regierung eine Strategiestudie zur Klimapolitik ("Long Term Mitigation Scenario", LTMS) vorgelegt, die zur Grundlage für die Klima- und Energiepolitik Südafrikas wird. Dieser Schritt hat viele Beobachter positiv überrascht. Was waren die ursprünglichen Beweggründe, die Studie in Auftrag zu geben?  

Die konkreten Gründe der Regierung, speziell des Ministeriums für Umwelt und Tourismus, sind nicht eindeutig klar. Minister Marthinus van Schalkwyk hat sich in der Vergangenheit bereits intensiv mit Fragen des Klimawandels beschäftigt und sich, etwa durch aktive Teilnahme an den internationalen Treffen, aktiv am Prozess beteiligt. 
Auf dem Parteikongress des ANC (Glossar)  wurde im Dezember 2007 ein sehr fortschrittliches Rahmenwerk für eine Klimapolitik verabschiedet. Die LTMS Studie wurde allerdings deutlich früher in Auftrag gegeben.

Es scheint im Kabinett mittlerweile Konsens zu sein, dass Südafrika sich nicht international isolieren darf, sondern im Gegenteil aktiv in den Klimaprozess einbringen muss. Erste Schritte auf nationaler Ebene sind bereits erfolgt: In diesem Jahr hat das Finanzministerium eine zusätzliche Steuer in Höhe von 2 südafrikanischen Cent  pro kW Strom (Glossar) eingeführt, dabei handelt es sich im Kern bereits um eine CO2-Steuer.

Die südafrikanische Regierung wird häufig dafür kritisiert, dass zwischen ihren oft vorbildlichen Gesetzen und Richtlinien und deren Umsetzung bisweilen eine weite Lücke klafft. Wie sehen Sie vor diesem Hintergrund die verschiedenen Szenarien, die in der LTMS-Studie vorgestellt werden? Wie realistisch sind diese Szenarien?

Das ist genau der Knackpunkt. Die vorgestellten Szenarien bzw. die in der Studie ausgesprochenen Empfehlungen bringen hohe Kosten mit sich. Gleichzeitig wird ein wesentlicher Faktor nicht ausreichend berücksichtigt – die südafrikanische Wirtschaft in ihrer Gesamtheit. Der Grad der wirtschaftlichen Diversifizierung ist noch zu gering, als dass wir auf die bestehenden energieintensiven Industriezweige verzichten könnten.

Die Studie spricht sich für die Stärkung des Dienstleistungssektors aus, der jedoch in Südafrika weitgehend binnenmarkt- und nicht exportorientiert ist – Beispiele sind etwa Sicherheitsdienstleistungen, die Mobilfunkbranche oder der Finanzsektor.  Der Dienstleistungssektor ist zwar wenig energieintensiv, allerdings habe ich Zweifel, ob er die südafrikanische Wirtschaft nachhaltig tragen kann. Insgesamt glaube ich nicht, dass Südafrika das in der Studie anvisierte Ziel der Emissionsreduktion realisieren kann, es wäre schlicht wirtschaftlich zu teuer.

Das aktuelle Haushaltsdefizit von 9% des Bruttoinlandsproduktes gibt bereits Anlass zur Sorge. Gleichzeitig ist nicht abzusehen, ob wir die derzeitigen jährlichen Wachstumsraten von etwa 4% auch im kommenden Jahrzehnt erreichen werden. Dadurch wird der finanzielle Handlungsspielraum ggf. weiter eingeschränkt. 
 
 
Die Studie empfiehlt nachhaltige Investitionen in Erneuerbare Energien. Obwohl ähnliche Aussagen schon länger in Rahmenwerken und Richtlinien der südafrikanischen Regierung auftauchen, hat sich in dieser Hinsicht bisher wenig getan. Kann aus Ihrer Sicht die LTMS-Studie einen wichtigen Beitrag leisten, Erneuerbaren Energien in Südafrika (und der Region) zum Durchbruch zu verhelfen?   

Investitionen in erneuerbare Energien zu steigern, ist in der Tat eine der interessanteren Empfehlungen der Studie. Zwar kann die LTMS hier einen positiven Einfluss auf die Politik haben, es handelt sich jedoch letztlich wieder um eine finanzielle Frage.

Die Regierung muss bereit sein, in dieser Aufbauphase die Verbreitung der entsprechenden Technik zu fördern. Momentan kann sie jedoch nicht einmal bereits zur Verfügung stehende Gelder effizient verwenden. Ein Beispiel: Die vor längerem beschlossene Auslieferung von einer Million solarbetriebener Wasserkocher verläuft nur schleppend – sieben Monate nach Beginn des Projektes sind weniger als 1.000 Kocher tatsächlich ausgeliefert worden.

Trotz dieser Schwierigkeiten bin ich aber insgesamt optimistisch in bezug auf Erneuerbare Energien. In den nächsten fünf Jahren wird der Markt in Südafrika signifikant wachsen. Der entscheidende Druck entsteht dabei durch die Energiekrise. Der staatliche südafrikanische Stromversorger ESKOM steht in den kommenden fünf Jahren vor dem Problem einer wachsenden Lücke zwischen Energieangebot und –nachfrage, die gefüllt werden muss.   


Die südafrikanische Regierung setzt weiter auf den Ausbau der Kernenergie und argumentiert, es handelt sich dabei um eine klimafreundliche Alternative zur Stromerzeugung aus Kohle. Viele Experten bezweifeln jedoch, dass Atomstrom jemals eine ökonomisch und ökologisch nachhaltige Alternative für Südafrika werden kann. Wie sehen Sie die Zukunft der Kernenergie hier in Südafrika?  

Ich kann mir nicht ernsthaft vorstellen, dass Südafrika die Kernenergie durch andere Energieformen ersetzen wird, die Frage ist recht eindeutig geklärt.
Ich glaube nicht, dass der PBMR (Glossar) erfolgreich sein wird , rechne aber damit, dass man weiterhin auf Druckwasserreaktoren setzen wird und die geplanten Neubauten umsetzen wird (Glossar). Es handelt sich um ein kostspieliges Unterfangen. Andererseits sind die bisherigen CCS-Technologien (Glossar) noch nicht ausreichend ausgereift und werden u.U. noch kostenintensiver sein . Ich sehe derzeit nicht allzu viele Optionen für die südafrikanische Energiepolitik. In bezug auf die Kernenergie scheint mir ein pragmatischer Ansatz angemessen.


Südafrika hat als eines der ersten Länder des "Globalen Südens" eine eigene langfristige Klimastrategie entwickelt. Welche Implikationen ergeben sich daraus für Südafrikas Rolle und Verhandlungsposition im Rahmen der "UN Framework Convention on Climate Change"?

Südafrika hat sich dadurch nach meiner Einschätzung einen moralischen Vorsprung erarbeitet, der dabei helfen wird, eine führende Rolle bei den Verhandlungen einzunehmen. Der Umweltminister Marthinus van Schalkwyk ist sehr an einer solchen Führungsposition interessiert. Dabei spielt wohl auch eine Rolle, dass seine Zukunft als Minister 2009 in einem neuen Kabinett unter Jacob Zuma (Glossar) sehr unsicher ist . Es ist gut möglich, dass van Schalkwyk sich auch deswegen international positionieren will.


In den vergangenen Monaten war Südafrika – wie von Ihnen eben angesprochen – von den Auswirkungen einer "Energiekrise" betroffen. Es kam zu massiven Stromausfällen im ganzen Land. Der Energieversorger ESKOM musste mehrere Monate lang zu temporären Stromabschaltungen ganzer Stadtteile greifen, um die Versorgungssituation in den Griff zu bekommen und das Netz nicht zu überlasten. Auch die südafrikanische Wirtschaft hat bereits die Folgen zu spüren bekommen. Welche Effekte könnte die "Energiekrise" auf die Umsetzung der LTMS-Empfehlungen haben?

Die Studie wird langfristige Richtungsentscheidungen der Energiepolitik beeinflussen. ESKOM unternimmt bereits erste, wenn auch gemessen an den LTMS-Empfehlungen unzureichende, Schritte in Richtung mehr Energieeffizienz. Nach wie vor sind jedoch die Kosten ein wesentlicher Faktor. Wir haben keine wirkliche Antwort auf das Problem der CO2-Emissionen. Die Studie schlägt z.b. eine größere Rolle von Wasserstoff im Transportsektor vor, hier habe ich jedoch einige Zweifel.
Insgesamt steht die LTMS-Studie noch ganz am Anfang bzw. ist sie erst der Anfang eines langen Prozesses. Insbesondere auf der ökonomischen Seite ist noch einiges an Analyse erforderlich, etwa bei der Berechnung der Auswirkungen einer Kohlesteuer auf die tatsächlichen Emissionen und auf die südafrikanische Wirtschaft.
Etwaige zusätzliche finanzielle Belastungen, die aus der Umsetzung der LTMS-Empfehlungen resultieren, werden über den Strompreis an die Endverbraucher weitergegeben. Dadurch wiederum können soziale Spannungen entstehen, insbesondere wenn man die Zusammensetzung der Regierung  und ihrer hauptsächlichen Anhängerschaft einbezieht.  
Eine vollständige Umsetzung der Empfehlungen erscheint mir unrealistisch. Und in der Studie heißt es, zur vollständigen Umsetzung besteht keine Alternative.

Glossar:

  • ANC: African National Congress, südafrikanische Befreiungsbewegung und Regierungspartei

  • südafrikanischer Cent:  entspricht Mitte 2008 etwa 0,16 - 0,18 Eurocent

  • PBMR: In Südafrika wird eine Variante des fortgeschrittenen Reaktortyps Pebble Bed Modular Reactor – PBMR – weiterentwickelt und soll zur Serienreife gebracht werden. Der PBMR soll als kleine Einheit 165 MWe liefern und so als dezentraler Energielieferant einen Vorteil gegenüber heutigen Großkraftwerken haben.

  • geplante Neubauten: Derzeit betreibt der Energieversorger ESKOM zwei Reaktoren in Koeberg bei Kapstadt, deren Kapazität etwa 1.8 GWe beträgt. Es handelt sich dabei um die einzigen am Netz befindlichen Reaktoren auf dem afrikanischen Kontinent. 2007 erfolgte die Entscheidung, Südafrikas Nuklearkapazität um insgesamt 20 GWe zu erweitern. Mit dem Bau der ersten neuen Reaktoren soll 2010 begonnen werden.

  • CCS-Technologien: Carbon Capture and Storage (CCS),Ansätze bestehen darin, CO2 an der Quelle – etwa an Kohlekraftwerken – zu isolieren und zu speichern, anstatt in die Atmosphäre zu entlassen.

  • neues Kabinett unter Jacob Zuma: Wahlen sind für das zweite Quartal 2009 geplant. Der derzeitige Staatspräsident Thabo Mbeki wird nicht erneut antreten. Präsidentschaftskandidat des ANC ist sein Rivale Jacob Zuma

  • Regierung: Neben dem ANC handelt es sich um die südafrikanische Kommunistische Partei SACP, sowie COSATU, dem Dachverband der südafrikanischen Gewerkschaften.


Saliem Fakir

Saliem Fakir ist Associate Director des ‘Center for Renewable and Sustainable Energy Studies’ der Universität Stellenbosch und unterrichtet Kurse zu ‚Renewable Energy Policy’ und zur Finanzierung erneuerbarer Energien.
Zuvor war Saliem Fakir bei Lereko Energy (Pty) Ltd beschäftigt, einer Investmentfirma, die im Bereich Projektentwicklung und Finanzierung für erneuerbare Energien und Biotreibstoffe, sowie im Entsorgungs- und Wassersektor tätig ist.
Er war acht Jahre lang Direktor der ‚World Conservation Union South Africa’ (IUCN-SA).
Zu seinen akademischen Qualifikationen gehören ein B.Sc Honours molecular biology (Wits University South Africa), sowie ein M.Sc. in Environmental Science (Wye College London).

 

Perspectives. Political Analysis and Commentary from Southern Africa 04/2008

Energy Crisis in South Africa

Summary
With South Africa's – and the region’s – energy future at stake, we utilise this issue of Perspectives to explore the range of actions and circumstances that brought South Africa’s power house to its knees; to investigate the impact of power failures on ordinary lives, the country’s power intensive economy and public discourse on energy solutions.
Particularly close to our hearts – as the green foundation – and central to this issue – is the question of renewable energy, and how it figures in the current energy scenario. As South Africa accelerates its development of nuclear power utilities, tossing aside its massive potential to yield power from renewable sources, we reflect on why it is that this crisis has not at the very least materialised as a significant opportunity to push renewables to the fore. Of all the dimensions of this crisis, there is no doubt that this is the most unfortunate. It is the lessons learned from the fleeting of this prospect that we hope civil society, decision makers and experts consider in mapping out the collective futures of South Africans.

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