„Toyota ist keine Kirche“

Crown Hybrid - ein Hybrid-Fahrzeug von Toyota
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7. Oktober 2008
Hannes Koch
Hannes Koch: Herr Wandt, Sie arbeiten für den Automobilkonzern Toyota. Fahren Sie gerne Auto?

Hans-Peter Wandt: Es hält sich in Grenzen. Ich habe mir eine Bahncard 100 zugelegt. Trotzdem besitze ich noch drei Autos.

Koch: Von welcher Marke?

Wandt: Der älteste Wagen ist ein französischer Citroen 2CV von 1967. Der steht auf meinem Grundstück in Südfrankreich. Dort gibt es auch einen Toyota Landcruiser von 1978, einen Geländewagen. Und an meinem Hauptwohnsitz in Köln habe in einen Toyota Corolla, den aber hauptsächlich mein Sohn benutzt.

Koch: Autofahren scheint in Ihrem Alltagsleben keine große Rolle zu spielen.

Wandt: Das würde ich so nicht sagen. In Frankreich auf dem Land macht es einfach noch Spaß und ist notwendig, um mobil zu sein. Aber in Städten wie Köln und Berlin? Da bin ich mit Rad und Bahn schneller und bequemer unterwegs.

Koch: Wie kann man für einen Autokonzern arbeiten, wenn man die Sinnhaftigkeit seiner Produkte bezweifelt?

Wandt: Das tue ich nicht. Das Auto wird für viele Menschen und die Gesellschaft noch sehr lange eine große Rolle spielen. Andererseits denkt auch ein Unternehmen wie Toyota natürlich darüber nach, wie sich die Zukunft des Automobils und der Mobilität verändert.

Koch: Wie erklären Sie, dass Toyota schon vor 20 Jahren auf den relativ umweltfreundlichen Hybrid-Antrieb gesetzt hat, mit dem man Benzin- und Elektroantrieb kombiniert?

Wandt: Weil unser Unternehmen abseits quasi-religiöser Glaubensbekenntnisse überlegt hat, wie sich die Dinge entwickeln könnten.

Koch: Verhalten sich andere Konzerne wie Kirchen?

Wandt: In gewisser Weise schon. Nach meiner Beobachtung gibt es dort häufig Strategien, die nicht optimal zur Wirklichkeit passen, aber trotzdem nicht in Frage gestellt werden. Ein Beispiel ist die Konzentration auf den traditionellen Diesel- oder Benzinmotor, dessen unangefochtene Stellung man lange Zeit nicht in Frage stellen wollte.

Koch: Hat nicht auch Toyota eine Religion – sie heißt „Hybrid“?

Wandt: Eben nicht. Unsere Analyse kam zu dem Ergebnis: Zwar werden wir mit dem Verbrennungsmotor noch die kommenden 30 oder 40 Jahre leben müssen. Aber durch die neue Kombination mit dem Elektroantrieb kann man ihn viel effizienter und damit umweltfreundlicher machen.

Koch: In Sachen Ökologie hat Toyota einen guten Ruf. Doch eigentlich ist das Hybrid-Fahrzeug Toyota-Prius nur ein gelungener Werbe-Coup. 2007 hat Ihr Unternehmen in Europa rund eine Million konventioneller Fahrzeuge verkauft, aber nur 32.000 Öko-Autos.

Wandt: In Europa bewegen wir uns noch auf niedrigem Niveau. Aber auch hier hat sich der Hybrid-Absatz zwischen Mai 2007 bis Mai 2008 verdoppelt. Global dagegen verfügen bereits fünf Prozent unserer Neuwagen über die Hybrid-Technologie. Und in den USA haben wir die acht Prozent schon überschritten. Es sind heute bereits mehr als 1,6 Millionen Hybridfahrzeuge von Toyota auf den Straßen, angeführt von mehr als einer Million Prius.

Koch: Toyota steigert seine Produktion Jahr um Jahr. Mehr neue Autos stoßen insgesamt mehr klimaschädliches Kohlendioxid aus. Das macht die CO2-Reduzierung ihrer Öko-Autos unter dem Strich zunichte. Wann wird die Umweltbelastung abnehmen, die Ihre Produkte verursachen?

Wandt: Die Emissionen sind insgesamt jetzt schon rückläufig. Denn in Europa und den USA wächst der Absatz kaum noch. Gleichzeitig reduzieren wir den durchschnittlichen Schadstoff-Ausstoß pro Auto. Das verlangen die EU, Japan und die USA, aber auch China und Indien. Und in den USA und Europa kaufen die Menschen kleinere, verbrauchsärmere Fahrzeuge.

Koch: Angesichts des großen Wachstums in Schwellenländern dürfte diese Rechnung in China und Indien nicht aufgehen.

Wandt: Doch. Wir rechnen damit, dass sich unsere weltweiten Verkaufszahlen bei etwa zehn Millionen Neuwagen pro Jahr einpendeln. Und schon um 2010 wollen wir eine Million Hybrid-Fahrzeuge pro Jahr absetzen. Die Umweltbelastung der Neuwagen-Flotte von Toyota sinkt weltweit. So haben wir beispielsweise den CO2-Ausstoß der von Toyota in Japan verkauften Fahrzeuge von 1997 bis 2007 um 22 Prozent reduziert.

Koch: Gilt diese hoffnungsvolle Botschaft für den gesamten Autoverkehr weltweit?

Wandt: Nein, noch nicht. 2010 rollt wahrscheinlich eine Milliarde Fahrzeuge auf der Welt. Zehn Jahre später könnten weitere 500 Millionen hinzukommen. Angesichts dieses Wachstums und des Alters der Fahrzeugflotte wird der Schadstoffausstoß vorerst nicht sinken, im Gegenteil.

Koch: Zur Energiewende im Verkehr würde beitragen, wenn man die Batterien der Hybrid-Fahrzeuge an der Steckdose aufladen könnte. Wann bringt Toyota Plug-In-Autos auf die Straße?

Wandt: Einige Hundert Versuchsfahrzeuge liefern wir Ende 2009 aus. Im Handel gibt es die Autos aber frühestens ab 2013. Und im Alltag werden sie sich in größeren Stückzahlen nicht vor 2020 durchsetzen.

Koch: Diese Technologie hat nur Sinn, wenn der Strom aus umweltfreundlichen Quellen stammt. Woher wird die Elektrizität für Ihre Hybrid-Fahrzeuge kommen?

Wandt: Das kann regional sehr unterschiedlich sein. In Frankreich ist klar, dass im wesentlichen Kernkraftwerke die Energie liefern. Wenn wir in Deutschland dagegen die Atomkraftwerke abschalten, wird der Anteil der regenerativen Quellen zunehmen. Außerdem können wir dann auf gute Kohlekraftwerke mit hohen Wirkungsgraden nicht verzichten.

Koch: Schick wird das Öko-Auto erst, wenn der Strom aus Sonne, Wind und Wasser stammt.

Wandt: Man sollte realistisch bleiben.

Koch: Hauptsache Strom – die Art der Erzeugung ist Ihnen egal?

Wandt: Nein, natürlich muss man auf die CO2-Bilanz achten. Das ist das wichtigste Kriterium. Aber der Energiemix in Deutschland ist schon heute gar nicht schlecht – trotz der Kohlekraftwerke. Die Autos hierzulande würden umweltfreundlicher fahren, wenn wir sie teilweise mit Strom statt mit Öl betrieben.

Koch: Die Europäische Union entdeckt Nordafrika. Spielt die künftige Lieferung von Solarstrom aus der Sahara in Toyotas Strategie eine Rolle?

Wandt: Wir beobachten die Entwicklung sehr aufmerksam – auch mit einer gewissen Skepsis. Die Staaten, die für solche Pläne in Betracht kommen, sind politisch nicht die stabilsten.

Koch: Können sie sich ein Deutschland vorstellen, das irgendwann im Wesentlichen ohne Autos auskommt?

Wandt: Ganz nüchtern: Nein. Auf dem Land, in dünner besiedelten Regionen, abseits der großen Städte wird man darauf auch in Zukunft nicht verzichten können. Und sei der umweltfreundliche, öffentliche Verkehr noch so gut entwickelt. Die intelligente Vernetzung der unterschiedlichen Verkehrsträger ist das zielführende Konzept. 

Koch: Sie kommen heute schon ohne Auto aus.

Wandt: Weitgehend, manchmal gibt es aber keine bessere Alternative. Vor einigen Tagen wollte ich abends von Delmenhorst nach Köln fahren, aber es verkehrte kein direkter Zug mehr. Da habe ich einen Mietwagen genommen.

Hans-Peter Wandt (47) war bis vor Kurzem politischer Vertreter von Toyota Europe in Berlin. Jetzt arbeitet er als Unternehmensberater für den Konzern in Sachen Öffentlichkeitsarbeit und Hybrid-Technologie. Toyota ist der größte Autohersteller weltweit. 2008/9 will das japanische Unternehmen etwa 8,4 Millionen Fahrzeuge produzieren. Der Umsatz betrug im vergangenen Jahr rund 240 Milliarden Dollar, der Gewinn etwa 14 Milliarden.