Wir können auch anders

Wir können auch anders

Wir können auch anders

8. März 2013
Ralf Fücks
»Wohlstand durch Wachstum« laute lange Zeit das Credo der industriellen Moderne. Das hat sich gründlich geändert. Mit dem legendären Report des Club of Rome von 1972 wurden die »Grenzen des Wachstums« zum geflügelten Wort. Die 90er Jahre brachten eine neue Erfahrung: Wachstum ohne Wohlstand. Das Bruttosozialprodukt stieg, die Kaufkraft der Mehrheit erodierte. Reich wurde nur eine Minderheit. Heute geistert ein neuer Slogan durch die Feuilletons und Universitäten: »Wohlstand ohne Wachstum«. Auch die Titelgeschichte der ZEIT von vergangener Woche atmete diesen Geist. Das Dossier eröffnete mit wuchtigen Sätzen: Unser Wirtschaftssystem gerät an seine Grenzen, wir können nicht ständig mehr konsumieren. Der Kapitalismus bringt keinen Wohlstandsgewinn mehr. Es kann deshalb nicht mehr um Wachstum gehen, sondern um das gute Leben.

Solche Thesen treffen den Zeitgeist. Die Welt ist krisenhafter geworden. Der Westen steckt im Schuldensumpf. Zuversicht weicht bürgerlichem Selbstzweifel. Die Mehrheit der Deutschen glaubt nicht mehr, dass es ihren Kindern besser gehen wird als ihnen selbst. Der Aufstieg Chinas und die Verschiebung des wirtschaftlichen Kraftzentrums in den pazifischen Raum verstärken das Gefühl, dass Europa seinen historischen Zenit überschritten hat. Während Milliarden Menschen gerade auf dem Weg in die industrielle Moderne sind, ist bei uns eine fin de siecle-Stimmung spürbar: Die Party ist vorbei. Wir müssen unser Leben ändern: vom "schneller, weiter, höher" zur neuen Bescheidenheit.

Das klingt gut und grenzt doch an Realitätsflucht. Punkt eins: Wer ist mit der Behauptung gemeint, »wir« könnten nicht ständig mehr konsumieren? Selbst in der reichen Bundesrepublik lag das verfügbare Nettoeinkommen im Jahr 2011 im Durchschnitt bei 1.300 Euro. Die Mehrheit der Bevölkerung schwimmt keineswegs im Überfluss. Für sie ist das postmaterielle Zeitalter noch nicht angebrochen. Und je weiter wir nach Ost- und Südeuropa blicken, desto größer die reelle Armut. Das gilt erst recht für die Milliarden Menschen in Asien, Lateinamerika und Afrika, die alles daran setzen, ein besseres Leben für sich und ihre Kinder zu schaffen. Es sind ihre Wünsche, ihr Fleiß, ihre Ambitionen, die das Wachstum der Weltwirtschaft vorantreiben. Dieses Wachstum ist die Basis für steigende Lebenserwartung, sinkende Kindersterblichkeit, bessere Bildung und Gesundheitsversorgung, kurz, für alles, was uns selbstverständlich ist.

Punkt zwei: Wirtschaftliches Wachstum bedeutet keineswegs »mehr vom Gleichen«. Es bedeutet vor allem Innovation: neue Technologien, neue oder bessere Produkte, neue Möglichkeiten und damit auch neue Bedürfnisse. Wer das Wachstum stoppen will, muss diesen kreativen Prozess aus Erfindergeist und Wettbewerb stoppen.

Punkt drei: Ab einem bestimmten Punkt führt steigender Wohlstand zu verändertem Konsumverhalten. Wer auf sich hält und es sich leisten kann, veredelt seinen Lebensstil. Schöner statt mehr, Kunst und Kultur, Wellness, Bildungsreisen, Fair Trade, Bio-Lebensmittel, Hybridauto und Sportrad.

Wir können trefflich spekulieren, ob sich die globale Ökonomie irgendwann »auswachsen« und in einen stationären Zustand münden wird. Auf absehbare Zeit lautet die entscheidende Frage allerdings nicht ob, sondern wie die Weltwirtschaft wachsen wird: auf der Basis welcher Energiequellen, Werkstoffe, Verkehrssysteme und Bautechniken. Es mag dem alten Europa verlockend erscheinen, in einen Zustand selbstgenügsamer Beschaulichkeit einzutreten. In den Augen der restlichen Welt aber wäre das der Abschied in die Bedeutungslosigkeit. In Griechenland und Spanien lässt sich gerade besichtigen, was eine schrumpfende Volkswirtschaft bedeutet. Möchte man darin wirklich ein Modell für die Zukunft Europas sehen?

Natürlich können wir nicht zurück zum ressourcenfressenden Wachstum des letzten Jahrhunderts. Das wäre ein Verbrechen an den Lebenschancen künftiger Generationen. Wenn bloße Verzichtsappelle aber ins Leere gehen - was ist dann die Alternative?

Wir neigen dazu, die gegenwärtige Krise als Endzeit zu betrachten, statt sie als Gründerzeit zu sehen. Das alte, von fossilen Energien befeuerte Industriezeitalter wird abgelöst durch eine neue, ökologischen Produktionsweise, die ihre Energie aus Sonnenlicht, Wind, Erdwärme und der Kraft des Meeres bezieht. Dazu kommt die künstliche Photosynthese, mit deren Hilfe sich Wasser und Kohlendioxyd in Energie umwandeln lassen. Bioreaktoren verwandeln organisches Material in Kraftstoffe und Chemikalien. Photovoltaik, Wärmepumpen und intelligente Steuerungstechnik verwandeln Gebäude in Kraftwerke, die mehr Energie erzeugen als sie verbrauchen. Miniaturisierung reduziert den Materialverbrauch. Computer, Maschinen und Motoren werden kleiner, leichter und leistungsfähiger. Abfall war gestern, alle Reststoffe fließen in den biologischen oder technischen Kreislauf zurück. Auf Dachfarmen, in alten Fabriken und neuen Öko-Hochhäusern werden zu allen Jahreszeiten Gemüse, Obst und Pilze angebaut. Die Kombination biologischer Kreislaufwirtschaft mit moderner Pflanzenzucht führt zur nachhaltigen Steigerung landwirtschaftlicher Erträge. Die technische Entwicklung orientiert sich an der Kreativität der Natur, dem unendlichen Reichtum biologischer Prozesse. Die Erde ist kein eng begrenzter Lebensraum, sondern ein dynamisches System voller unentdeckter Möglichkeiten. Intelligentes Wachstum heißt Wachsen mit der Natur. Zügeln müssen wir unseren Naturverbrauch, nicht Entdeckerfreude, Tatendrang und Lebenslust!

Wer auf den menschlichen Erfindungsgeist setzt, handelt sich schnell den Vorwurf der "Technikgläubigkeit" ein. Dabei sind bewusster Lebensstil und technische Innovation zwei Seiten derselben Medaille. Es ist gut und richtig, weniger Fleisch zu essen, mehr Rad zu fahren und keine Produkte zu kaufen, für die Menschen geschunden oder Regenwälder abgeholzt werden. Aber ein nüchterner Blick auf die Dynamik des globalen Wachstums zeigt, dass Appelle zur Bescheidenheit hilflos bleiben, wenn sie nicht von einer neuen industriellen Revolution flankiert werden.

Seit dem »Big Bang« von 1989 ist die Weltwirtschaft in eine neue Phase getreten. Trotz aller Krisen und Rückschläge wird sich das Welt-Sozialprodukt in den kommenden 20 bis 25 Jahren glatt verdoppeln. Dafür sorgen die Milliarden Menschen, die vor allem ein Ziel vor Augen haben: ihren Lebensstandard zu verbessern. Wir sollten sie mit Rat und Tat dabei unterstützen, das fossile Zeitalter möglichst zu überspringen. Das Wissen dazu besitzt die Menschheit mittlerweile. Auf dem Weg in eine CO2-neutrale Produktionsweise müssen die alten Industrieländer vorangehen. Wir müssen zeigen, dass Ökologie und Wohlstand zusammengehen.

Die Idee vom "Wohlstand ohne Wachstum" bleibt unter unseren Möglichkeiten. Statt uns auf's Altenteil zurückzuziehen, hat Europa die Chance, zum Vorreiter der nächsten industriellen Revolution zu werden. Mit der Energiewende haben wir diesen Weg bereits eingeschlagen. Nachhaltiger Wohlstand durch intelligentes Wachstum, das ist die Antwort auf die ökologische und soziale Frage.

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Dieser Artikel erschien zuerst als Gastbeitrag in DIE ZEIT vom 7.3.2013.

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Ralf Fücks ist Vorstand der Heinrich-Böll-Stiftung

Er publiziert in großen deutschen Tages- und Wochenzeitungen, in internationalen politischen Zeitschriften sowie im Internet zum Themenkreis Ökologie-Ökonomie, Politische Strategie, Europa und Internationale Politik.

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