Autorin: Ines Meier
Das UN-Jahr der Frauen in der Landwirtschaft lenkt den Blick auf diejenigen, die meist unsichtbar sind: Weltweit sind es oft Frauen, die die Hauptlast der bäuerlichen Arbeit leisten und auf eine nachhaltige, zukunftsfähige Bewirtschaftung achten. Doch vielerorts ist ihr Alltag von Diskriminierung geprägt – durch ungleichen Zugang zu Land, eingeschränkte Erbrechte, häusliche und sexualisierte Gewalt am Arbeitsplatz sowie gesundheitliche Folgen durch den Einsatz von Pestiziden. Darüber hinaus müssen Frauen meist noch die gesamte Care-Arbeit leisten, die gerade für Familienbetriebe überlebenswichtig ist.
Wie bitter die Kosten einer auf Profit ausgelegten, intensiven Landwirtschaft sind, erzählt die Landarbeiterin Khadija. Sie hat ihr ganzes Leben für einen geringen Lohn auf den Erdbeer- und Himbeerfeldern in der marokkanischen Region Moulay Bousselham gearbeitet. Die Nachfrage nach den Früchten ist in Europa hoch, ihr Anbau ist ein Motor der lokalen Wirtschaft und stark abhängig vom Einsatz gesundheitsschädlicher Pestizide. Gebückt über den Feldern atmen die Landarbeiterinnen die giftigen Chemikalien ein, die ohne Vorsichtsmaßnahmen versprüht werden. Khadija brach vor einigen Jahren bei der Arbeit zusammen und ist seitdem arbeitsunfähig – sie kämpft mit Asthma und Allergien, ihre Entschädigungsforderung wurde ignoriert.
In Marokko stößt die bisherige Intensivierung inzwischen an Grenzen, die Landwirtschaft steht an einem Wendepunkt und die Agrarökologie gewinnt als Antwort auf die Probleme an Bedeutung. So umfasst das 2013 gegründete agrarökologische Netzwerk RIAM (Réseau des Initiatives Agroécologiques au Maroc) inzwischen mehr als 100 Landwirt*innen, Kooperativen, Vereine und Konsument*innen. Die von der Umweltbiologin Rachida Mehdioui geleitete Organisation engagiert sich für vielfältige Anbausysteme, reduziert chemische Inputs und schafft lokale Märkte.
Im Senegal sind rund 80 Prozent der Bevölkerung in der Landwirtschaft tätig, etwa 75 Prozent der Arbeit leisten Frauen – doch sie werden durch ungleiche Zugänge zu Land, Produktionsmitteln, Finanzen und anderen Ressourcen massiv benachteiligt. Julie Cissé engagiert sich seit mehr als 20 Jahren mit ihrer Initiative für Gleichberechtigung – die Bäuerinnen erkämpfen sich Landrechte und sind zu zentralen Treiberinnen des Wandels hin zu Agrarökologie geworden.
Auf den abgelegenen, unfruchtbaren Flächen, die sie am Anfang bekamen, belebten sie die Tradition der Gemüsegärten wieder, die den Frauen Ernährungssicherheit und wirtschaftliche Autonomie ermöglichen. Gemeinsam mit 600 Bäuerinnen aus ganz Afrika zogen sie vor zehn Jahren in einem historischen Protest zum Kilimandscharo, um gleichberechtigten Zugang zu Land einzufordern.
Inzwischen gehören Frauen im Senegal gut 15 Prozent des Ackerlands – noch nicht genug, aber im regionalen Vergleich ein Fortschritt. Für Julie Cissé steht fest, dass sich der mühsame Weg zur Gleichberechtigung nur gemeinsam gehen lässt – getragen von einer solidarischen Gemeinschaft, die lokal verwurzelt und international vernetzt ist. Agrarökologie ist für sie dabei viel mehr als eine Anbaumethode: sie ist ein Instrument zur Verschiebung von Macht.
Auch in Deutschland sind Frauen in der Landwirtschaft strukturell benachteiligt. Zwar arbeiten in landwirtschaftlichen Betrieben mehr als 50 Prozent Frauen, aber nur etwa zehn Prozent leiten einen Betrieb oder besitzen Land. Claudia Gerster leitet seit über 30 Jahren einen vielseitigen Biobetrieb mit verschiedenen Tierarten, Ackerbau, Obst, Imkerei, Bäckerei, Käserei und Direktvermarktung in Sachsen-Anhalt. Sie engagiert sich darüber hinaus – aktuell als Bundesvorsitzende – in der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL).
Anlässlich des UN-Jahres der Frauen in der Landwirtschaft hat die AbL mit einem breiten Bündnis von Verbänden aus Landwirtschaft und Ländlichem Raum eine gemeinsame Erklärung veröffentlicht. Darin fordern sie die gleichberechtigte Teilhabe von Frauen in ihrer ganzen Vielfalt in allen Bereichen der Landwirtschaft durch gezielte politische Instrumente: Zuschläge in der Agrarförderung für von Frauen geführte Betriebe, bessere Zugänge zu Land und faire Erzeuger*innenpreise. Für Claudia Gerster sind feministische Forderungen agrarpolitische Forderungen – denn ohne mehr Partizipation und wirtschaftliche Sicherheit wird es keine diverse und zukunftsfähige Landwirtschaft geben.
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