„Tiefgründige Arbeit an der Dissertation bei gleichzeitigem ehrenamtlichen Engagement“

Interview

Im Gespräch mit Richard Königsdorfer, Promotion im Fach Architektur und Stadtplanung, Universität Stuttgart.

Porträt Richard Königsdorfer

 

Heinrich-Böll-Stiftung: Lieber Richard, kannst Du ein paar Sätze zu Dir sagen? 

Nach der Ausbildung zum Industriemechaniker studierte ich an der Universität Stuttgart Architektur und Stadtplanung. Schon während des Masterstudiengangs kam zusammen mit Kommilitonen die Idee auf, leerstehende Gewerbeflächen temporär zu Wohnraum umzunutzen. Aus dieser Idee entstand 2019 der gemeinnützige Verein ADAPTER. In meiner Promotion untersuche ich die städtebauliche Dimension der Nachhaltigkeitsstrategie Suffizienz auf räumlich-gestalterischer Ebene. Angestrebt werden Erkenntnisse zu Gestaltungsmerkmalen und sich daraus ergebende Potenziale, die aus suffizienzorientiertem, städtebaulichem Entwerfen entstehen. 

Wofür engagierst Du Dich aktuell neben Deiner Promotion? 

In der ehrenamtlichen Tätigkeit bei dem von mir mitgegründeten Verein ADAPTER beschäftigen wir uns mit der Zukunft unserer gebauten Umwelt und dem Zusammenleben in den Städten. Unser gemeinsames Ziel ist eine nachhaltige und lebendige Stadt. Aktive gesellschaftliche Teilhabe und Zugang zu Raum sind hierfür der Schlüssel. Als gemeinnütziger Verein bringen wir Orte, Ideen und Menschen zusammen. 

Wir entwickeln Austausch-, Bildungs- und Kunstformate, aktivieren Räume, bespielen Leerstände und entwerfen neue Wohnformen. Wir forschen, experimentieren, diskutieren, publizieren und bauen. 

Insbesondere entwickeln wir Zwischennutzungen im Bereich Wohnen. Hierfür wurde das wiederverwendbare Innenausbausystem ENDO entworfen. Es basiert auf vorgefertigten Holzpaneelen, kann schnell auf- und abgebaut werden und ermöglicht den temporären Umbau leerstehender Büroflächen und Produktionshallen zu Wohnraum. Ungenutzte Raumressource wird so kurzfristig aktiviert und dringend benötigter Wohnraum geschaffen. 

Ein erstes Modellprojekt wurde 2024 im Neckarspinnereiquartier in Wendlingen bei Stuttgart umgesetzt. Das denkmalgeschützte Areal soll in den kommenden Jahren als Projekt der Internationalen Bauausstellung 2027 zu einem zukunftsweisenden, gemischt genutzten Quartier entwickelt werden. Während dieser Entwicklung fällt für die auf dem Gelände befindlichen Gewerbehallen eine Phase der Nichtnutzung an. ADAPTER nutzte die Lücke um eine Fläche von 660 qm temporär zu Wohnraum für neun Personen umzubauen und so frühzeitig mit der Transformation zu beginnen. 

Für den Innenausbau kam das von ADAPTER entwickelte und wiederverwendbare Paneelsystem ENDO zum Einsatz. Das System kann frei und flexibel in unterschiedlichsten Konfigurationen angeordnet werden, große Räume gliedern und akustisch sowie thermisch getrennte Zimmer bilden. In der Neckarspinnerei wurden mit ENDO Individualzimmer, Küchen und Bäder von der Wohngruppe im Selbstbau errichtet. 

Nach Ende der Nutzungsphase kann das System wieder in seine Einzelteile zerlegt und an einem neuen Ort, in anderer Konfiguration aufgebaut werden. So wird temporäres Wohnen in verschiedensten Wohnformen ermöglicht. 

Nähere Informationen zu diesem und weiteren Projekten findet ihr unter adapter-stuttgart.de oder @adapterstuttgart. 

Offener Büroraum bei ADAPTER

Was bedeutet das Stipendium der Heinrich-Böll-Stiftung für dich?

Das Promotionsstipendium der Heinrich-Böll-Stiftung ermöglicht mir die erfolgreiche und konzentrierte wissenschaftliche Arbeit an meinem Promotionsvorhaben. Nur durch das Stipendium ist die tiefgründige Arbeit an der Dissertation bei gleichzeitigem ehrenamtlichen Engagement möglich. Dabei führt die Beschäftigung mit Suffizienz in Bezug auf Architektur und Städtebau innerhalb der Promotion zu fruchtbaren thematischen Überschneidungen mit der gemeinnützigen Tätigkeit bei ADAPTER e.V.. Der Fortschritt in beiden Tätigkeitsfeldern ist sehr motivierend und wird durch die ideelle Förderung der Heinrich-Böll-Stiftung insbesondere im Rahmen von Veranstaltungen des Forschungscluster „Sozial-ökologische Transformation“ maßgeblich unterstützt.

Hast Du einen Tipp für zukünftige Bewerber*innen?

Während meiner Arbeit bei ADAPTER habe ich gelernt: Um innovative, neuartige Projekte umsetzen zu können braucht man Durchhaltevermögen. Nur durch kontinuierliche Arbeit können die zahlreichen Hürden auf dem Weg hin zu einem anspruchsvollen, erfolgreichen Projekt überwunden werden. Um so schöner ist es, wenn das Ziel erreicht wird und so ein Mehrwert für die Gesellschaft entsteht!

Auch das Bewerbungsverfahren für ein Promotionsstipendium ist aufwendig und langwierig. Aber aus eigener Erfahrung kann ich sagen: Es lohnt sich! Denn neben der finanziellen Förderung bietet das Stipendium die seltene Möglichkeit, mit so vielen interessanten Menschen aus unterschiedlichsten Disziplinen in Austausch zu kommen und gemeinsam an unserer Zukunft zu arbeiten.

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