Umweltverbund: Auf die sanfte Tour

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Wer im Alltag verschiedene Verkehrsmittel miteinander kombiniert, kann seine Mobilität sehr effizient gestalten. Im Idealfall passen alle Bausteine einer solchen „Multimodalität“ zusammen.

Umweltverbund: Mobilitätsstationen als Knotenpunkte einer neuen Verkehrsinfrastruktur, Beispiele für Komponenten
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An Mobilitätsstationen lassen sich viele Angebote kombinieren – alternativ auch zu bisherigen reinen Pkw-Parkplätzen

Die meisten Menschen in Deutschland sind in ihrem Alltag bei der Wahl des Verkehrsmittels bislang wenig experimentierfreudig. Von den Fußwegen abgesehen, nutzen 58 Prozent das immer gleiche Verkehrsmittel, sei es das eigene Auto, das Fahrrad oder den öffentlichen Nahverkehr. Solche Menschen werden als „monomodaler Mobilitätstyp“ bezeichnet.

In Deutschland sind die Monomodalen mehrheitlich mit dem Auto unterwegs. 37 Prozent der Bevölkerung nutzen regelmäßig unterschiedliche Verkehrsmittel, können also als „multimodaler Mobilitätstyp“ bezeichnet werden. Multimodal ist, wer etwa morgens mit dem Fahrrad zur Arbeit radelt, für die Fahrt zum Möbelhaus am Sonnabend den Transporter von der Carsharing-Station nimmt und sonntags mit der Regionalbahn in das Umland fährt, um dort zu wandern.

Umweltverbund: Gemischte und ausschließliche Nutzung von Verkehrsmitteln, in Prozent der Bevölkerung
Fast zwei Drittel der Deutschen benutzen im Alltag immer das gleiche Verkehrsmittel, ein Drittel sind „multimodale“ Typen.


Jedes Verkehrsmittel hat im Alltag seine Vorteile, aber keines deckt alle Bedürfnisse ab. So können wir mit Bus und Bahn sehr schnell auch weit entfernte Reiseziele erreichen. Im Vergleich zu Fahrrad oder Auto lassen sich öffentliche Verkehrsmittel wegen festgelegter Fahrpläne jedoch weniger spontan nutzen. Große Lasten müssen die meisten Menschen nur selten bewegen. Aber wenn, dann ist ein großes Auto praktischer als eine Straßenbahn oder ein Cityrad. Das Auto aber deswegen das ganze Jahr über zu fahren, ist ökologisch wie ökonomisch wenig sinnvoll. Carsharing-Dienste und Autovermietungen bieten bei Bedarf ein passendes Fahrzeug. In einem multimodalen Verkehrssystem lassen sich die Vorteile der einzelnen Verkehrsmittel leicht nutzen und kombinieren.


Damit die Menschen ein so vielfältiges Mobilitätsangebot annehmen, müssen sie so viel wie möglich darüber erfahren, was es bietet und wie man es nutzen kann. Und wirklich alltagstauglich ist es auch nur, wenn die Verkehrsmittel unkompliziert und schnell kombiniert werden können. In Deutschland versuchen inzwischen viele Städte, multimodale Verkehrsangebote zu etablieren. Sie bauen den Umweltverbund aus Bus, Bahn, Rad- und Fußverkehr aus, wollen aber auch die Bürgerinnen und Bürger besser über ihre Angebote informieren. Gelingen kann dies etwa mit Navigations-Apps, die verschiedene Verkehrsmittel bei der Planung der Routen berücksichtigen. Hilfreich wären auch Beratungen zur Mobilität oder Abos für den öffentlichen Nahverkehr, die auch Freiminuten für Mieträder enthalten.


Die Mainzer Verkehrsgesellschaft (MVG) betreibt traditionell den Bus- und Straßenbahnverkehr in der Landeshauptstadt. Als Mainz ein öffentliches Fahrradverleihsystem bekommen sollte, entwickelte die MVG kurzerhand selbst eines. Heute gibt es Fahrradmietstationen in der ganzen Stadt. Informationen für Fahrgäste, das Design der Räder, Tarife für Bus, Bahn und Mietrad sind bei „MVGmeinRad“ aufeinander abgestimmt. Mittlerweile kommen in der Stadt fünf Mieträder auf 1.000 Einwohner – damit gehören die Mainzer zu den mietfreudigsten Bürgerinnen und Bürgern in Deutschland.


Die Stadt München errichtet jetzt Mobilitätsstationen an wichtigen Haltestellen und in Wohnquartieren. Wer hauptsächlich mit dem eigenen Rad, Bus oder Bahn unterwegs ist, findet an diesen Stationen weitere Angebote: Mietfahrräder, Lastenräder und Pedelecs, aber auch sogenannte Quartiersboxen als Lieferadresse für Bestellungen aus dem lokalen Einzelhandel. Dazu gibt es Parkplätze für Carsharing-Fahrzeuge samt Ladesäule für Elektroautos.

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Fachleute gehen davon aus, dass das Auto zunehmend seine Rolle als wichtiges Statussymbol verliert.


Einen wichtigen multimodalen Schritt ist Helsinki vorangekommen. Die finnische Hauptstadt bietet seit 2018 mit „Whim“ eine Smartphone-App an, die alle Transportmittel – vom Mietfahrrad über das Taxi bis zur Metro – zusammenführt. Alle umweltfreundlichen Verkehrsmittel können so sehr einfach gebucht wie genutzt werden. Gezahlt wird pro Fahrt oder mit einer Flatrate. Zudem hat die finnische Regierung alle Verkehrsunternehmen verpflichtet, ihre Verkehrsdaten frei zur Verfügung zu stellen. Und auch Drittanbieter dürfen Tickets verkaufen.


Für die Umweltbilanz des Verkehrs ist letztlich nicht entscheidend, ob die Menschen mono- oder multimodal unterwegs sind. Wichtiger ist, dass sie energieeffiziente und flächenschonende Verkehrsmittel nutzen. Lassen sich Verkehrsmittel unkompliziert erreichen und kombinieren, stärkt dies den Bus-, Bahn-, Rad- und Fußverkehr als Ganzes und erleichtert den Abschied vom eigenen Auto. Eine lückenlose Vernetzung aller Möglichkeiten ist dank der Digitalisierung in greifbarer Nähe. Doch die ersten Schritte sind ein leistungsstarker Nahverkehr und sichere Radwege, Flächen für Carsharing-Fahrzeuge und Mobilitätsstationen. Hier sind zunächst Städte und Gemeinden gefragt.