Wärmewende klimafreundlich und sozialverträglich gestalten

Wärmewende klimafreundlich und sozialverträglich gestalten

Panelbericht

Sabine Drewes, Referentin für Kommunalpolitik und Stadtentwicklung der Heinrich-Böll-Stiftung, begrüßte die Anwesenden mit der These: „Wärmewende hat Konjunktur“, um sofort einzuschränken: „zumindest auf Fachveranstaltungen“. Die Umsetzung stagniere trotz ihrer hohen Bedeutung für die Energiewende. Wie kann ihr der nötige Schwung gegeben werden?

Wärmewende klimafreundlich und sozialverträglich gestaltenUrheber/in: Stephan Röhl. Creative Commons License LogoDieses Bild steht unter einer Creative Commons Lizenz.

Susanne Stark, zuständig für den Ausbau der Fernwärme bei den Stadtwerken Düsseldorf, gab dazu einen Einblick in die Umbaustrategie in Düsseldorf. Diese ist geprägt von der Überzeugung: „Energiewende in den Städten heißt Wärmewende“. Zur Fernwärmeversorgung setzen sie auf verschiedene Erzeuger, darunter eine Müllverbrennungsanlage, ein Biomasseheizkraftwerk, ein Gas- und Dampf-Kombikraftwerk mit Wärmespeicher sowie ein Modellprojekt zur Einspeisung von Solarthermie. Darüber hinaus ist ein Abwärmeeinspeisungsprojekt mit der Firma Henkel in Planung. Die Stadtwerke haben einen Wärmeentwicklungsplan aufgesetzt sowie alle Verbrauchsdaten von Gebäuden in Düsseldorf in ein Kataster aufgenommen. Mithilfe dieser beiden Instrumente lassen sich wirtschaftliche Potentiale für den Ausbau des Fernwärmenetzes genau kalkulieren. Um die Wärmewende weiter voranzutreiben, sprach Stark sich für eine städtebauliche Wärmeleitplanung aus. Bei parallel liegender Infrastruktur von Fernwärme und Gas sei eine Entscheidung nötig, um die Netzkonkurrenz zwischen den regulierten und nichtregulierten netzgebundenen Wärmeträgern aufzuheben.

Tim Meyer, Leiter des Geschäftsbereichs Dezentrale Energiesystem bei der NATURSTROM AG, stellte anschließend zwei Wärmeprojekte von NATURSTROM vor. Bei dem Quartiersprojekt Möckernkiez in Berlin handelt es sich um ein genossenschaftliches Neubauprojekt mit 471 Wohneinheiten und einem Bedarf von 2000 MWh/Jahr, gedeckt durch ein kleines Nahwärmenetz (Primärenergiefaktor 0). Hinzu kommt Mieterstrom aus einem Biogas-BHKW und einer PV-Anlage. Für die Realisierung sei zentral gewesen: der passende Anwendungsfall, „die Unterstützung von unten“, also vor Ort, sowie das Eingeständnis, „es wird immer komplexer“. Konzepte sind also nicht ohne weiteres übertragbar.

Ein Projekt im ländlichen Raum ist das Nahwärmenetz Hallerndorf mit einer Trassenlänge von 4,2 km, das zu 100% mit Erneuerbaren beheizt wird. Gespeist wird es durch Biomasse sowie durch die größte bayrische Solarthermieanlage und versorgt 100 Gebäude (2200 MWh/Jahr). Projekte dieser Art brauchen bei heutiger Förderkulisse und einem perspektivisch sinkenden Ölpreis aber weitere wirtschaftliche Anreize.

In seinem Fazit betonte er: „Die Wärmewende ist das komplexeste Projekt in der Energiewende.“ Für eine Beschleunigung ist es nicht nur wichtig zu wissen, „wo man hin will, sondern auch, wo man weg will.“ So dürfe nichts mehr installiert werden, was mit der Klimaneutralität nicht vereinbar ist. Dies müsse durch Förderung für neue Projekte flankiert werden, um Kostenneutralität zu garantieren, damit „genug Akteure etwas davon haben.“

Reiner Wild, Geschäftsführer des Berliner Mietervereins, ging anschließend auf das Thema Gebäudesanierung und Sozialverträglichkeit ein. Er forderte: „Wir müssen schauen, dass wir Modelle finden, die das Mieter- und Eigentümerverhältnis einbeziehen.“ Denn: „75 % der Bewohner in Städten wohnen zur Miete.“ Für Mieter ist es gut, wenn der Energiepreis sinkt. Problematisch ist allerdings, dass Vermieter aus ökonomischen Gründen oft teure freiwillige Maßnahmen umsetzen. So kommt es zu einer durchschnittlichen Mehrbelastung von 2,50€/m2, bei Einsparungen von 50Cent/m². Für diejenigen mit niedrigem Einkommen, „fehlt es an einer klaren Nachsteuerung durch die Politik, um das sozialverträglich zu gestalten.“

Ergänzend stellte Julia Verlinden, MdB, Sprecherin für Energiepolitik der Grünen Bundestagsfraktion, die politische Perspektive vor. In der Studie Die neue Wärmewelt wurden verschiedene Szenarien für 100% erneuerbare Wärme entwickelt. Zentral: der Wärmebedarf muss halbiert werden und, „es wird ein breiter Mix an Energieträgern sein.“ Das heißt auch, „es wird eine große Technologiebreite geben.“ Der Aktionsplan für Wärme mit einem breiten Instrumentenmix fand im Bundestag keine Mehrheit. Sie kritisierte, dass in der letzten Legislatur im Bereich Wärme wenig passiert sei, sieht aber Chancen für die Zeit nach der Wahl.

In der anschließenden Diskussion wurden unter Beteiligung des Publikums verschiedene Themen diskutiert:

Richtungssichere Entscheidungen?

Für Susanne Stark ist klar, dass der Ausbau der Fernwärme eine richtungssichere Entscheidung ist. „Fernwärme halte ich für einen Alleskönner.“ Der Umstieg auf Erneuerbare ist mit erneuerbarem Gas auch relativ einfach. Allerdings wünschen sich die Stadtwerke die politische Sicherheit, dass Fernwärme auch gewollt ist. Tim Meyer hingegen war bei großen zentralen Ansätzen skeptisch. Für ihn ist klar, vor allem „dezentrale Lösungen können richtungssicher sein.“ Das Risiko einer Fehlentscheidung ist viel geringer.

Zielkonflikt: Sozialverträgliche und ökologische Sanierung?

Aus dem Publikum wurde kritisch angemerkt, dass die ökologische Zielrichtung der Wärmewende nicht verloren gehen dürfe. Julia Verlinden sah dafür drei politische Stellschrauben: Die Berücksichtigung von CO2-Faktoren und grauer Energie bei der Novellierung des Gebäudeenergiegesetztes, ein Modellprogramm für ökologische Baustoffe sowie die Verankerung der Ökologie in der Ausbildung. Reiner Wild ergänzte, dass die Bauordnungen der Bundesländer Spielräume für die Festschreibung ökologischer Bau- und Dämmstoffe bieten. „Man fragt sich, warum das in vielen Bundesländern nicht diskutiert wird.“

Daran anschließend stellte sich die Frage der Verteilung der entstehenden Kosten. Aus dem Publikum kam der Hinweis „Ökologisches Dämmen kann nicht billig sein“, verbunden mit der Warnung, sich die Kostendebatte nicht aufdrängen zu lassen. Mietpreise bei Neuvermietungen seien teilweise so hoch, dass die Modernisierungskosten kaum ins Gewicht fallen. Reiner Wild widersprach: „Wir müssen unterscheiden zwischen Neubauquartieren und Maßnahmen im Bestand.“ Der Aufschlag im Bestand bei Mieten von 6€/m² sei schließlich massiv und die Mehrzahl der Wohnungen befände sich in Bestandsgebäuden. Für Julia Verlinden ist die warmmietenneutrale Sanierung ein klares politisches Ziel. Reiner Wild ergänzte, dass dies möglich sei und verwies auf das Beispiel eines Berliner Mietshauses.

Konzepte- und Instrumentenmix

Ein weiterer Kritikpunkt aus dem Publikum bezog sich auf die Vielfalt an Konzepten und Instrumenten, so dass die klare Linie fehle. Julia Verlinden sah darin eine Chance: „Wir werden die Herausforderungen nur schaffen, wenn wir all diese Ansätze miteinander kombinieren.“ Auch Tim Meyer betonte, dass Strom alleine nicht ausreichend sein wird – wenn auch zentral, beispielsweise um Wärmepumpen zu betreiben. Bei der hohen Diversität an Wohn- und Nutzungsformen ist für ihn klar: „Es kann da keine Generalantwort geben.“

Politische Rahmenbedingungen und Leitplanken

Die Wärmewende muss politisch flankiert werden. Reiner Wild forderte eine ordnungsrechtliche Steuerung der Gebäudesanierung, die Entwicklung von Nahwärmekonzepten und die Verpflichtung, sie umzusetzen. Zudem dürfe die Politik die Wärmewende nicht verschlafen. Daran knüpfte Tim Meyer an und wünschte, dass die Wärmewende so an Dynamik gewinnt, dass sie nicht mehr aufzuhalten ist. Dies werde aber nur funktionieren, wenn es einen ordnungsrechtlichen Rahmen mit richtigen Zielparametern gibt. Julia Verlinden verwies dazu auf die Dynamik der Stromwende. Sowohl Julia Verlinden als auch Tim Meyer befürworteten dezentrale Ansätze, darunter Bürgerenergie im Wärmesektor. „Bei der Bürgerenergie im Stromsektor haben wir erlebt, dass der Strommarkt von unten nach oben umgekrempelt wurde.“ Damit das im Wärmesektor möglich wird, müssen Risiken kalkulierbar werden. Susanne Stark sprach sich deshalb für klare Leitplanken und Ziele aus, „zum Beispiel, CO2 muss runter.“ Zentral sei, Reduktionsziele auf kommunaler Ebene konkret zu machen. Entscheidende politische Weichenstellungen waren für Julia Verlinden, Klimaschutz als oberste Priorität festzuschreiben und in den Sektoren umzusetzen sowie die ministeriellen Zuständigkeiten den Notwendigkeiten anzupassen. In ihrem Schlusswort machte sie darauf aufmerksam, dass Effizienz und der Umbau auf erneuerbare Energien alleine nicht ausreichend seien, wenn sie nicht auch durch Suffizienz flankiert werden.

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