11. Juni 2013: Die brutalsten Polizeiübergriffe der türkischen Geschichte

Apokalyptische Bilder: Der Gezi-Park während des brutalen Polizeieinsatzes.
Foto: Burak Su, Quelle: Flickr, Lizenz: CC BY-SA 2.0

12. Juni 2013
Gestern, tagsüber bereits, ist die Polizei in unglaublich brutaler Weise gegen die friedlichen Protestierenden auf dem Gezi-Park vorgegangen. Um 13 Uhr wollten rund 5.000 Protestierende der Presseerklärung der Taksim-Solidarität-Plattform zuhören. Sie alle waren friedlich versammelt, es gab keine Gewalt, es gab keine Steinewerfenden. Stattdessen herrschte interessierte Spannung, was die Plattform sagen wird, nachdem bereits am Vormittag immer wieder in unglaublicher Menge Tränengas auf die Menschen niedergeregnet war.

Doch kurz bevor die Plattform ihre Presseerklärung abgeben konnte, forderte die Polizei die Wartenden auf, die an den Platz angrenzende Straße zu räumen. Sie begann, ihre TOMA, so heißen jene Polizeifahrzeuge, mit denen das Tränengas auf die Massen niedergeregnet wird, in Richtung Strasse zu bewegen. Es gab ein paar Zwischenfälle, direkt wurden Wasserwerfer eingesetzt, Tränengas regnete auf die Tausenden von Menschen nieder.

Derweil wurden auf den Straßen die Barrikaden beseitigt, die Slogans auf den Gebäuden überpinselt. Alle Transparente von dem Atatürk-Denkmal auf dem Platz und vom Atatürk-Kultur-Zentrum entfernt. So, als ob man einen Zustand ante-Protest erreichen wollte.

Tagsüber jedoch verlautbarte Premierminister Erdogan, dass niemand sich in dem Glauben wiegen solle, dass der Gezi-Park anders behandelt werde als der Taksim-Platz. Die Stimmung war den Rest des Nachmittags angespannt. Für 19 Uhr wurde zu einer Protestkundgebung aufgerufen. Es kamen zehntausende Menschen. Die Carsi-Fussball-Fan-Gruppe kam gerade auf den Platz, sie heizte – in positivem Sinne – die Stimmung an. Die Masse sang, rief Slogans, klatschte, hüpfte und rief immer wieder „Tayyip tritt zurück“. Just als die Fussballfans auf dem Taxim-Platz angelangte, wurde Tränengas in Unmengen eingesetzt. Niemand hielt es für denkbar, dass die Polizei gegen Zehntausende vorgehen würde. Es herrschte eine vollkommen positive Woodstock-artige Feststimmung.

Die Masse zog sich auf den Gezi-Park zurück, zahlreiche Protestierenden wurden vom Tränengas ohnmächtig. Noch gibt es keine Anzahl über die Verletzten. Aber man hört andauernd die Sirenen der Notarztwagen. Alle Behauptungen des Gouverneurs, dass sich auf dem Taxim-Platz marginale Gruppen befunden hätten, sind eine glatte Lüge. Oder gibt es etwa Zehntausende von marginalen Gruppen, alt, jung, mit Kindern? Es war die Bevölkerung auf der Strasse, die ihren Protest gegen die Repressionen der Staatsgewalt zum Ausdruck brachten. Und genau das ist es, was diese Regierung nicht erträgt: Proteste. Diese Polizeigewalt darf international nicht ohne Reaktionen bleiben.

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Ulrike Dufner ist Leiterin unseres Büros in Istanbul. Erst vor einigen Tagen haben wir ihren Artikel "Pizza für die Demonstrierenden" veröffentlicht, der einen ersten Blick auf die Proteste in der Türkei wirft. In ihrem Text "Türkische Protestierende: Nicht Marx, nicht Atatürk und auch nicht Allah" beschreibt Dufner die politische Partienelandschaft in der Türkei und die realitätsferne Reaktion der Medien auf die Proteste.