"Es fehlt eine engere Zusammenarbeit in Energiefragen zwischen Frankreich und Deutschland"

Cécile Maisonneuve ist Direktorin des Zentrums für Energie am Institut Français des Relations Internationales. Bild: Stephan Röhl, Lizenz: CC BY-SA 3.0

3. Mai 2013
Cécile Maisonneuve ist Direktorin des Zentrums für Energie am Institut Français des Relations Internationales. Paul Hockenos sprach mit ihr über die deutsche Energiewende, die Zukunft der Energie in Frankreich und die öffentliche Debatte über die Erneuerbaren Energien, die in Frankreich gerade erst beginnt.

Frau Maisonneuve, ist Deutschland das einzige Land in Europa, das eine Energiewende verfolgt?

Vor vier Monaten begann in Frankreich eine nationale Debatte über eine Energiewende. Die Frage ist: Wie sieht die französische Energieversorgung im Jahr 2030 aus? Diese Debatte ist in vielerlei Hinsicht neu: Sie findet nicht nur auf der höchsten Regierungsebene in Paris statt, sondern im ganzen Land. Es beteiligen sich Ministerien, NGOs, Unternehmen und Kommunen. Alle Fragen werden hierbei diskutiert: Transport, Strom, Energieeffizienz, Heizung. Wir haben uns der EU gegenüber verpflichtet, den Anteil der erneuerbaren Energien bis 2020 auf 23 Prozent zu erhöhen. Hoffentlich wird die Diskussion zu einer Gesetzgebung im kommenden Herbst führen.

Ist das eine enthusiastische Debatte mit breiter Beteiligung?

Wenn etwas neu ist, muss man die Menschen zuerst an Bord holen. Die Französinnen und Franzosen sind es nicht gewohnt, Energiefragen in einem öffentlichen Forum zu diskutieren. Bisher war die Beteiligung ein bisschen niedrig. Umfragen zeigen, dass vier von fünf Menschen nicht einmal über die Debatte wissen, aber die gleiche Anzahl sagt, dass Energiefragen ihnen wichtig sind. So wirbt die Regierung für die Debatte und die Menschen in Frankreich werden sich hoffentlich stärker für diese neue Art der Auseinandersetzung mit Energiefragen interessieren.

Wie nehmen die Menschen in Frankreich die deutsche Energiewende wahr?

Im Allgemeinen interessiert man sich in Frankreich immer für das, was in Deutschland passiert. Laut einer Umfrage meinen 53 Prozent der Französinnen und Franzosen, dass der deutsche Weg gut ist. Sie kritisieren den beschlossenen Atomausstieg nicht. Doch gleichzeitig sind 64 Prozent für die französische Kernenergie. Ich interpretiere dies so: Die Deutschen können machen, was sie wollen, aber wir möchten selbst über unseren Energiemix entscheiden. Was fehlt, ist eine stärkere Zusammenarbeit in Energiefragen zwischen Frankreich und Deutschland.

Aber die Regierung Hollande setzt sich dafür ein, die Abhängigkeit Frankreichs von der Kernenergie zu reduzieren.
 
Im Wahlkampf sagte Hollande, Frankreich soll die Kernenergie vom heutigen Niveau von 75 Prozent auf 50 Prozent im Jahr 2025 reduzieren. Das ist Teil der Debatte, aber es wurde nichts umgesetzt – mit der Ausnahme, dass nun das älteste Kernkraftwerk Frankreichs in Fessenheim im Südosten Frankreichs geschlossen werden soll.

Deutschland ist sehr stolz darauf, wie es den Anteil regenerativ erzeugten Stroms in seinem Energiemix erhöht hat. Aber Sie haben angesprochen, dass wir es mit einer Energiewende und nicht nur einer Stromwende zu tun haben. Was meinen Sie damit?

Dies ist wichtig, weil wir viel zu wenig über andere Verwendungen von Energie wie Wärme und Verkehr reden. Wir Europäerinnen und Europäer  verbrauchen Hunderte von Milliarden von importiertem Öl und dies behindert die wirtschaftliche Erholung Europas. Es ist, als ob wir mit angezogener Bremse Auto fahren. Ein weiterer vielversprechender Bereich wäre also, wenn wir dazu übergehen würden, unseren Transport über Elektrizität oder/und Gas zu organisieren. Energieeffizienz ist ein weiteres Feld, das ein riesiges Verbesserungspotenzial birgt, insbesondere im Wohnungsbereich. Hier gibt es viele Möglichkeiten für Kooperation entweder bilateraler Art oder auf Ebene der EU. Was uns fehlt, ist eine klare und globale Vision.

Deutschland und Frankreich feierten vor kurzem den 50. Jahrestag des Elysée-Vertrags und ihre besondere Beziehung seit über einem halben Jahrhundert. Ein Resultat der Feierlichkeiten war die Verstärkung durch ein neues Büro für die französisch-deutsche Zusammenarbeit im Bereich der erneuerbaren Energien. Ist das der richtige Weg?

Diese Art von Büro ist wichtig, aber für mich ist es klar, dass es nur der Anfang ist. Wir müssen ganz konkrete Zusammenarbeit zwischen den Unternehmen entwickeln, aber auch zwischen Gemeinden und Regionen. Wir denken oft an Kooperation in der Großindustrie, aber wir sollten die kleinen und mittleren Unternehmen im Energiesektor nicht vergessen. In Zukunft werden wir einen Mix aus zentraler und dezentraler Energieversorgung haben, so gibt es auf beiden Ebenen Raum für Zusammenarbeit.

Derzeit strebt Deutschland mehr Kooperation in Energiefragen an, vor allem mit seinen unmittelbaren Nachbarn. Sie können dies selbst auf der Konferenz heute und gestern sehen. Doch es ist fraglich, ob dies völlig selbstlos geschieht... Wir begrüßen die Zusammenarbeit auf europäischer Ebene. Aber der Umstand, dass Deutschland sich erst in dem Moment nach seinen Nachbarn umschaut, da es Schwierigkeiten erlebt, weckt den Eindruck, dass sein Interesse vielleicht nur daran liegt, Kosten seiner Politik post facto zu vergemeinschaften. Das ist etwas, was wir besprechen müssen. Den Energiemix festzulegen, ist ein nationales Recht, aber das bedeutet nicht, dass wir uns nicht besser koordinieren sollten.

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Cécile Maisonneuve ist Direktorin des Zentrums für Energie am Institut Français des Relations Internationales. Sie arbeitete für verschiedene Ausschüsse der Französischen Nationalversammlung, darunter die Ausschüsse für Verteidigung, für Auswärtige Angelegenheiten und für Recht. Sie war als leitende Angestellte bei AREVA tätig, einem multinationalen Atomkonzern.

 

 

Dossier zur Konferenz: Energiewende europäisch denken!

Lebt man in Deutschland, kann man leicht einen verzerrten Eindruck davon gewinnen, was der Rest von Europa über das Jahrhundertprojekt Energiewende denkt. Im Rahmen der Konferenz "Energiewende europäisch denken!" diskutierten nun Referentinnen und Referenten aus ganz Europa die Chancen und Hürden einer europäischen Energiewende.