Jugendarbeitslosigkeit in Europa: Gängige Ansichten kritisch hinterfragt

Jugendarbeitslosigkeit in Europa: Gängige Ansichten kritisch hinterfragt

Die Entscheidungsträger innerhalb der EU waren, was die Jugendarbeitslosigkeit betrifft, ungewöhnlich hellhörig und entwickelten Maßnahmen, die unter dem Namen „Jugendgarantie“ im Frühjahr 2013 verabschiedet wurden. Auch die Medien in Europa berichteten ausführlich und brachten laufend neue Zahlen. Untersucht man das Zahlenmaterial allerdings genauer – und speziell in Hinblick auf langfristige Entwicklungen – zeigt sich, die meisten EU-Staaten haben weniger mit Jugendarbeitslosigkeit zu kämpfen, sondern haben ein generelles Arbeitsmarktproblem.

Tatsache Nr.1: Arbeitslosenquoten sind irreführend

Zuallererst muss man sich sorgfältig mit den Zahlen beschäftigen. Jugendarbeitslosigkeit von über 50 Prozent in Griechenland oder Spanien bedeuten nicht, jeder zweite junge Mensch sei arbeitslos. Die meisten 14- bis 19-jährigen und um die 40 Prozent der zwischen 20 und 24 besuchen eine Schule bzw. Hochschule und zählen deswegen nicht zum Arbeitsmarkt.

Statt mit der Arbeitslosenquote sollte man sich also mit der verhältnismäßigen Höhe der Arbeitslosigkeit befassen, d.h. mit dem Anteil der Arbeitslosen an der jeweiligen Bevölkerung. Diese Zahlen ergeben ein etwas weniger dramatisches Bild: Der Anteil junger Arbeitsloser bewegt sich hier zwischen 5 Prozent in Deutschland und 29 Prozent in Spanien, und in vielen Staaten betragen die Werte um die 12 Prozent. 

Abb. 1:Verhältnismäßige Arbeitslosigkeit für 20-24-jährige in Europa (2012).


Quelle: Angaben von Eurostat aufbereitet durch die Autorin.

Tatsache Nr. 2: Sparpolitik schadet nicht in erster Linie jungen Menschen

Aktuell ist oft zu hören, junge Menschen seien die Hauptleidtragenden der Sparpolitik. Ein Blick auf die Zahlen zeigt, auch hier haben Emotionen die Fakten zur Seite gefegt.

Schlüsselt man die Arbeitslosenzahlen auf, sieht man, dass im europäischen Durchschnitt (die Fluktuation zwischen den Staaten ist hier gering), die meisten Arbeitslosen Erwachsene sind. Die Gruppe der 25-54-jährigen macht etwa Zweidrittel der Gesamtzahl aus, wobei in dieser Gruppe die Männer etwas stärker betroffen sind als die Frauen. Die Arbeitslosen zwischen 55 und 64 machen insgesamt etwa 10, die jungen Arbeitslosen etwa 22 Prozent der Gesamtzahl aus.

Abb. 2: Arbeitslosigkeit in Europa nach Altersgruppe / Geschlecht

Arbeitslosigkeit in europa nach Altersgruppe/Geschlecht

Quelle: Angaben von Eurostat aufbereitet durch die Autorin.

Tatsache Nr. 3: Es hat sich wenig geändert

Langfristig betrachtet fällt auf, die aktuelle Lage ist nicht neu. Das Verhältnis zwischen arbeitslosen jungen (20-24) und Menschen mittleren Alters (25-49) ist seit Ende der 1990er Jahre verblüffend konstant geblieben. Zwischen einzelnen Staaten gibt es allerdings beträchtliche Unterschiede: In Italien ist das Verhältnis traditionell hoch (etwa 1:3), während es sich in Deutschland zwischen 1:1 und 1:1,5 bewegt. Solche Unterschiede haben jedoch vor allem strukturelle Ursachen und mit der gegenwärtigen Krise nichts zu tun. Unter den großen EU-Mitgliedsstaaten lässt sich über den gesamten Zeitraum nur für Großbritannien eine durchgehende Verschlechterung feststellen.

Fazit

Untersucht man die Werte genau, zeigt sich, die Jugendarbeitslosigkeit ist nur eine Erscheinungsform der allgemeinen Arbeitslosigkeit unter vielen. Langzeitarbeitslosen drohen, unabhängig von ihrem Alter, schwerwiegende Folgen. Wir folgern daraus, dass spezielle Maßnahmen für junge Menschen nicht notwendig sind. Alle Maßnahmen, die allein darauf zielen, die Jugend- und nicht die allgemeine Arbeitslosigkeit zu bekämpfen, sind bestenfalls Augenwischerei und wirtschaftspolitisch sinnlos.

Der Originaltext wurde von Bernd Herrmann übersetzt und redigiert.

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