Ostafrika: Der größte Friedhof des Indischen Ozeans

Ostafrika: Der größte Friedhof des Indischen Ozeans

Während die Schiffunglücke vor „Europas Haustür“ ab und zu Eintritt in die deutsche Medienlandschaft finden, weiß kaum einer um die alltäglichen Dramen die sich vor der Ostafrikanischen Küste im indischen Ozean abspielen. Täglich brechen von den Komoren und Madagaskar Menschen auf, um auf der benachbarten zur Frankreich zugehörigen Insel Mayotte ein besseres Leben zu finden. Tausende überleben diese Reise in den meist überfüllten Fischerbooten nicht. Wir trafen im Rahmen von Afrikamera den Filmfestivalleiter Mohamed Saïd Ouma und sprachen mit ihm über seine Visionen, das Leben auf den Komoren und den Wunsch die Komoren mit seiner Kunst in die Öffentlichkeit zu bringen.
 

Filmfestivals geben einen Einblick in zeitgenössische Filmproduktionen. Was sehen wir, wenn wir durch das Fenster Ihres Festivals blicken?

Wenn Sie durch das Fenster des Internationalen Filmfestivals der Komoren sehen, werden Sie aufstrebende Talente des Landes entdecken. Sie werden ein starkes Verlangen erkennen, der Welt mitzuteilen, dass das Land nicht nur aus dem besteht, was die Medien weltweit über die Inseln verbreiten – also aus weißen Sandstränden, Kokospalmen, hübschen Mädchen einerseits und blutigen Staatsstreichen, Bob Denard, und der Tragödie zwischen den drei unabhängigen Inseln und Mayotte, das zu Frankreich zählt, andererseits. Weitaus seltener denkt man an die Menschen selbst, an ihre Träumen und Hoffnungen, aber auch an ihr Leid. Das ist eines der vorrangigsten Motive: die Realität darzustellen, wie wir sie auf den Inseln erleben. Es gibt auf den Komoren eine neu entstehende Kunstszene mit angehenden jungen Filmemacher/innen, die der restlichen Welt klarmachen wollen, dass wir existieren und unsere eigenen Standpunkte vertreten. Nachdem ich seit über 20 Jahren als Leiter von Filmfestivals auf dem gesamten Kontinent gearbeitet habe, wollte ich auch endlich etwas zu Hause auf den Komoren in Angriff nehmen. Deshalb habe ich mit einigen Freunden vor vier Jahren eine Bühne für öffentliche Vorführungen afrikanischer Filme in den Dörfern geschaffen. Bei uns gibt es keine Kinos mehr, wie Sie sie in Europa vorfinden: beheizt, sauber, anständige Bildprojektionen. Die Kinos des Landes haben geschlossen. Die Menschen kommen gar nicht erst auf die Idee, ins Kino zu gehen, und wir haben uns vorgenommen, die Tradition, Filme zu sehen und darüber zu diskutieren, wieder aufleben zu lassen. Filmvorführungen waren nicht genug, wie wollten die Menschen selbst mit einbeziehen, haben einen Wettbewerb ins Leben gerufen und Schreibwerkstätten für Filmskripts angeboten. Die Leute hielten uns für verrückt, denn wenn es kein Kino gab, warum sollte man dann einen Filmwettbewerb anregen wollen. Aber der Wettbewerb schlug ein wie eine Bombe und übertraf all unsere Erwartungen! Wir finanzierten uns komplett ohne Unterstützung aus dem Ausland. Ich habe viele Filmfestivals in ganz Afrika geleitet, und eine Sache, die mich daran immer wieder gestört hat, war, dass sie vor allem von ausländischen Institutionen gesponsert worden waren. Und dabei wurden nie die Einheimischen erreicht; es kamen immer nur die Bildungsbürger/innen, die Exilanten und die Möchtegerns, die dazugehören wollten. Die breite Masse haben wir nicht erreicht. Mir unserem Einsatz haben wir daran etwas geändert.

Was die Jugend und die junge Kunstszene betrifft: Würden Sie sagen, dass die jungen Künstler/innen, die jungen Talente im Vergleich zu ihren älteren Kollegen andere Inhalte und unterschiedliche Themen wählen?

Wir haben den Vorteil, dass es sich hier um ein jungfräuliches Terrain handelt, es gibt sie nicht, die Älteren. Deshalb sind wir ungebunden. Bei uns ist es anders als in vielen Ländern auf dem Kontinent. Wir sind in dieser Hinsicht tatsächlich nicht vorgeprägt. Wir können uns ausprobieren. Wir liegen möglicherweise falsch bei unseren Experimenten, aber wir sind frei, weil es keine Vorgänger gibt, die uns vorgeben, wie man Kino richtig macht. Wir sind alle in unseren Dreißigern, vielleicht Vierzigern. Und wir experimentieren mit dem Medium. Deshalb sind auch die Themen sehr vielfältig. Ein Thema, das vom Kontinent herüberkommt, ist die Suche nach der eigenen Identität. Die Tatsache, dass wir aus vier Inseln bestehen, die zwei verschiedenen Staaten angehören, weil eine davon immer noch zu Frankreich zählt, macht uns aus und bestimmt, wer wir sind. Wir kommen aus vielen verschiedenen Regionen: die Menschen, die sich auf den Inseln niedergelassen haben, kamen ursprünglich von der Ostküste Afrikas, aus dem Südosten des Iran, von Madagaskar, aus Asien, aus dem Vorderen Orient und aus vielen anderen Gegenden. Von daher dreht es sich ganz klar um eine Identitätssuche. Das andere Kernthema ist der Konflikt zwischen den Inseln und den Franzosen, was Mayotte angeht. Seit 1995 gibt es ein Visum, ein „Visum Balladur“ wie es genannt wird, nach dem ersten französischen Ministerpräsidenten. Man braucht ein Visum, wenn man nach Mayotte will, selbst wenn sie zu den anderen Inseln dazu gehört. Und die Menschen riskieren seit 1995 Tag für Tag ihr Leben, um auf Mayotte Wohlstand zu finden. Daraus hat sich ein echtes Drama entwickelt. 17.000 Menschen sind seit 1995 auf dem Weg dorthin gestorben sind. Zwischen Anjouan und Mayotte befindet sich der größte Friedhof des Indischen Ozeans. Was die französische Regierungspolitik in Hinsicht auf die Ausweisung Illegaler angeht, wurden 2008 rund 30.000 Menschen von der französischen Regierung abgeschoben, und von den 30.000 Ausweisungen waren es 22.000 allein auf Mayotte. Die französische Einwanderungspolitik dreht sich im Wesentlichen um Mayotte und die Komoren. Es ist ein enormes Problem, das weder die Behörden in Mayotte, noch die Behörden in Frankreich, noch die EU, noch die Internationale Gemeinschaft anerkennen wollen. Lediglich unter den Künstlern unseres Gebiets ist es tagtäglich ein Thema. Sieht man sich die Inseln mal genauer an, leben dort knapp 1 Millionen Menschen, und wenn man dann den Anteil derer, die in den letzten 15 Jahren gestorben sind im Verhältnis betrachtet, dann sind 17.000 Menschen eine erschütternde Anzahl.

Warum scheint das niemanden zu interessieren?

Ich denke, dass sich niemand mit uns beschäftigt, weil wir so weit weg sind und es auf den Komoren keine natürlichen Ölvorkommen oder andere Rohstoffe gibt. Die einzigen Ressourcen, aus denen wir schöpfen können, sind wir selbst. Die Inseln sind grundsätzlich schwer einzuordnen, weil sie sich nicht so ohne Weiteres kategorisieren lassen. Unser Staat besteht aus vier Inseln, wir sind Muslime und unsere kulturellen Einflüsse sind vielfältig. Deshalb ist es nicht ganz einfach, uns zu verstehen. Und dieser Tage ist das, was zu komplex erscheint, nicht unbedingt das, was auf Interesse stößt. Wir haben keine Macht, weil uns die Behörden die letzten dreißig Jahre im Stich gelassen haben. Es gibt eine UN-Resolution aus dem Jahr 1976, die die französische Regierung eindeutig verurteilt. Die UN-Abstimmung 1976 hat ergeben, dass die Franzosen das Land nicht aufteilen dürfen. Das ist eine UN-Entscheidung, die jedes Jahr wieder vorgelegt wird und alljährlich schafft es das französische Außenministerium erneut, zwei der fünf ausschlaggebenden Länder davon zu überzeugen, gegen die Resolution zu stimmen, nämlich Israel und die Vereinigten Staaten. Im Grunde genommen steht der Beschluss, aber keiner geht das Problem auf internationaler Ebene an. Alle Großmächte verweisen darauf, dass es die Angelegenheit Frankreichs sei und überlassen sie den Franzosen.

Was motiviert Sie also am Filmemachen festzuhalten?

Ich denke, es sind in erster Linie die Menschen, denen man begegnet. Kino handelt immer und eigentlich ausschließlich vom Leben. Manchmal kommt es einfach spontan und von Herzen. Möglicherweise gibt es da einen inneren Konflikt, der thematisiert werden will, und manchmal ist die beste Art, es anzugehen, darüber zu schreiben, und wenn es um Film geht, eine Geschichte zu erzählen. Wir werden zu Voyeuren, wir schauen uns die Menschen an, wie sie sich verhalten, wie sie sich bewegen und was sie tun. Ich denke, für die Kunst gibt es keinen Businessplan. Sie kommt aus dem Herzen. Als wahrer Künstler können Sie nicht schon im Voraus beschließen, welchen Film Sie in fünf Jahren drehen werden. Da gibt es eine Geschichte, die in Ihnen rumort, und die wollen Sie herausbringen. Im wirklichen Leben sind wir ganz schön unbeholfen, und das Filmemachen gibt uns die Chance, aus unserem Inneren heraus zu sprechen.

 

Mohamed Saïd Ouma ist künstlerischer Leiter des Comoros International Film Festival (CIFF) sowie seit 2004 Co-Organisator des International African Film Festival of Africa and the Islands (FIFAI) in Réunion Island. Er arbeitet zudem als Journalist und Dokumentarfilmer (u.a. Le mythe de la cinquième île, 2007)

 

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