Weibliche Flüchtlinge aus Syrien: Ausbeutung statt Schutz

Teaser Image Caption
Syrische Geflüchtete beim Einzug in das Flüchtlingslager in Zaatri, Jordanien

"Der Vater verkauft die Ehre seiner Tochter": Unter dieser dramatischen Überschrift zeigte der regimetreue Syria News Channel am 9. September 2013 das zusammengesetzte „Geständnis“ eines sechszehnjährigen Mädchens namens Rawan[1]: Ihr Vater habe sie unter Druck gesetzt, sexuelle Beziehungen mit Mitgliedern der Rebellen aufzunehmen, als Teil dessen, was der Sender „Sex Dschihad“ nennt. Im November 2012 war das Mädchen an einem Armeekontrollposten auf seinem Schulweg nach Hause in der Stadt Nawa im Gouvernement Daraa von Sicherheitskräften des Regimes entführt worden, um auf den Vater Druck auszuüben, sich auszuliefern. Dass sich Rawans Vater auch fast ein Jahr später immer noch nicht gestellt hatte, überzeugte das Assad-Regime nicht davon, dass es keinen Sinn mehr hatte, sie festzuhalten, sondern ermutigte es eher, sich andere Möglichkeiten auszudenken, um das Mädchen zu gebrauchen. Eine dieser Möglichkeiten war, sie zu zwingen, ein Geständnis aufnehmen zu lassen, das später im Fernsehen ausgestrahlt wurde und als Teil einer Medienkampagne gegen die Opposition verwendet wurde. Dieser Vorfall ist nur eines von vielen Beispielen des systematischen Gebrauchs von sexualisierter Gewalt als Waffe im syrischen Konflikt.

Sexualität ist eins der am meisten tabuisierten und moralisch aufgeladenen Themen nicht nur in Syrien, sondern in der gesamten arabischen Welt. Neben der tatsächlichen physischen Erniedrigung und dem Missbrauch, den viele Frauen (und Männer!) in Konflikten erleiden müssen, gibt es noch viele andere Wege, Sexualität als Waffe zu nutzen. Einer davon ist, wie oben beschrieben, die Reputation einer Frau und ihrer Familie zu zerstören. Damit verbunden ist die Dämonisierung der Gegner des Regimes.

Obwohl nicht bekannt ist, in welchem Ausmaß dies innerhalb Syriens stattfindet, ist die Angst davor einer der Hauptgründe für Syrerinnen und Syrer das Land zu verlassen, bestätigen Berichte internationaler Organisationen[2]. Trotzdem bedeutet die Flucht in anliegende Staaten nicht, dass diese Frauen dort immun gegenüber Missbrauch sind. Wenn wir über weibliche syrische Flüchtlinge sprechen, geht es schnell auch um sexuelle Ausbeutung. Sexuelle Ausbeutung nimmt in Zeiten von Krieg und Krise immer zu. Aber was Syrien von ähnlichen Situationen in der restlichen arabischen Welt unterscheidet[3], ist die Legitimation dieser Ausbeutung und deren graduelle Überführung in ein sozial akzeptiertes Phänomen, was dazu führte, dass es sich noch weiter verbreitete. Dieser Artikel wird versuchen, Licht auf dieses Phänomen und die Gründe für dessen Legitimierung und steigender Popularität zu werfen und dazu einige konkrete Fälle herausstellen.

Der Vorwand des Beschützens

Viele syrische Geflüchtete erzählen, wie ihnen in den Ländern, in denen sie ankommen, ständig die Frage stellt wird, „Kennst du Frauen, die heiraten möchten?“, sei es, dass sie gerade auf der Straße unterwegs sind, Hilfslieferungen abholen oder zu Hause sind. Die übliche Rechtfertigung dafür ist die "Soutra", das Konzept der Schutzbereitstellung und sozialen Versorgung durch die Ehe. Obwohl es bekannt ist, dass Frauen in der arabischen Welt stereotypisch als „unzulänglich“ und nur begrenzt Rechte genießend angesehen werden (mit anderen Worten, dass sie den Schutz eines männlichen Verwandten, sei es Vater, Bruder, Sohn oder Ehemann benötigen), hat die beispiellose Zunahme von Eheschließungen mit weiblichen syrischen Flüchtlingen unter dem Vorwand der Soutra keine Entsprechung in ansonsten vergleichbaren Flüchtlingsbewegungen in der arabischen Welt. Die Region ist schon öfter Zeuge von Wellen der Massenemigration, die arabische Frauen einschlossen, geworden (z.B. im Irak, Libanon, Sudan, Somalia und anderen Ländern), aber das Thema des „Beschützens“ oder „Sorgens“ für diese Frauen ist noch nie aufgekommen, trotz der Tatsache dass natürlich auch viele diese Frauen und Kinder sexueller Ausbeutung ausgesetzt und gezwungen waren, sich zu prostituieren, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Rana[4], eine syrische Frauenrechtsaktivistin, stellt die Aufrichtigkeit des Interesses an echtem Schutz infrage: „Wo waren diese Typen als irakische Frauen für ein paar Dollar verkauft wurden? Warum haben sie nicht die Sudanesinnen und Somalierinnen geheiratet, als sie als Flüchtlinge in ihre Länder kamen und viele an Hunger starben?“ An diesem Punkt könnten wir die wichtigsten Faktoren nennen, die zur Bildung und Legitimation dieses Phänomens geführt haben:

Die stereotypische Sicht auf die syrische Frau

Die syrische Frau gilt in der arabischen Welt als hellhäutig und schön, als willens, ihren Ehemann glücklich zu machen, ihm nie zu widersprechen und Tag und Nacht zu arbeiten, um seinen Wünschen nachzukommen. Eines der bedeutendsten Mittel, die dazu beigetragen haben, dieses Image zu fördern, sind die TV-Serien, die während des Monats Ramadan gezeigt und in der arabischen Welt viel geschaut werden. Während Ägypten als der Hotspot für arabisches Kino und arabische Filme gilt, hat Syrien sich im letzten Jahrzehnt mit unterhaltsamen Ramadan-Serien einen Namen gemacht. Die historische syrische Fernsehserie Bab Al Hara zum Beispiel präsentiert uns genau dieses Image. Dieses stereotypische Bild der syrischen Frau trägt dazu bei, junge Männer dazu zu motivieren, sich ein syrisches Mädchen zu angeln und damit die bekannte Redewendung zu erfüllen: “Atgawaz Shaamieh bitaaish Ishaa Haniyeh” („Nimm dir eine Ehefrau aus der Levante und du wirst ein gutes Leben haben“). Obwohl es sich dabei nicht nur um Fiktion handelt, spielt sich die Geschichte der Serie in einer ganz anderen Zeit ab: Sie ist auf die Wünsche und Träume der Zuschauerschaft zugeschnitten, spiegelt deren Begehren wieder und formt so das Image der syrischen Frau.

Schlechte wirtschaftliche Umstände

Obwohl Flüchtlinge generell unter wirtschaftlich schlechten Bedingungen leiden, sind syrische Frauen von diesen Aspekten akuter betroffen als andere. Die Mehrzahl der syrischen Bevölkerung stammt aus der Mittelschicht, was bedeutet, dass sie über ein monatliches Einkommen verfügen, aber keine großen Summen auf der Bank gespart haben. Ihre Ersparnisse sind sehr schnell aufgebraucht, da die Lebenshaltungskosten in Syrien deutlich günstiger sind als in angrenzenden Staaten (wie der Türkei, Jordanien, Libanon und Irak); die Abwertung des Syrischen Pfunds beschleunigt diesen Prozess.

In keinem der angrenzenden Staaten können Syrer/innen eine Arbeitserlaubnis erhalten, was sie dazu zwingt, illegal zu arbeiten und sie angreifbar macht. In manchen Fällen fliehen Frauen alleine mit ihren Kindern, ihre Männer sind umgekommen oder in Syrien zurückgeblieben, um zumindest ein kleines Einkommen zu verdienen oder den Familienbesitz zu hüten. In anderen Fällen fühlen sich die Männer so beschämt, dass ihre Familie in solch armen Umständen leben muss und sie nicht in der Lage sind, ihre selbst- und gesellschaftlich zugeschriebene Rolle als Geldverdiener zu erfüllen, dass sie ihre Familien verlassen.

Dazu kommt, dass es keine nennenswerte syrische Exilgemeinde im Ausland gibt, die als alternative Einkommensquelle dienen könnte.

Die Hochzeitsökonomie

Viele Geflüchtete sind gezwungen, ihre Töchter zu verheiraten, weil sie nicht in der Lage sind, deren tägliche Bedürfnisse zu erfüllen (Nahrung, Wasser, Kleidung, Medizin, Unterbringung etc.). Das gilt insbesondere für große und diejenigen Familien, deren Mitglieder spezielle Bedürfnisse haben. Sie verheiraten sie für sehr kleine Summen, manchmal für nicht mehr als 100 US-Dollar, und manche erhalten überhaupt keine Aussteuer.

Männer, die sich unter anderen Umständen keine Hochzeit leisten könnten, sind jetzt in einer anderen Position – und werden vielleicht sogar von ihrer Umgebung noch ermutigt, weil es als gute Tat gilt, ein „Beschützer“ zu werden. Wie auch in anderen Lebensbereichen, kann es sein, dass sie nicht respektieren und schätzen, was sie so billig bekommen haben.

Religiöse Ermunterung

Geistliche in einer Vielzahl arabischer Länder haben ihre Kanzel genutzt, um die Ehe als Möglichkeit, weiblichen syrischen Flüchtlingen Soutra zu geben, voranzutreiben. Während sich manche dieser Scheichs darauf beschränken, das Konzept der Ehe anzupreisen und die Vorteile aufzuzählen, haben andere Heiratslisten aufgestellt, die Häuser von Flüchtlingen besucht und ihnen geraten, ihre Töchter zu verheiraten, um ihre Ehre zu bewahren. Es ist hier wichtig hervorzuheben, dass dieses Phänomen nicht von einem speziellen prominenten Geistlichen erschaffen und verbreitet wurde. Viele Geistliche in verschiedenen Ländern haben angefangen, das Soutra-Konzept auf dem lokalen Level zu nutzen, um die Soutra-Ehe zu rechtfertigen und zu verbreiten, indem sie verschiedene Fatwas und Koranverse dazu vorbringen.

Der Mangel an Sicherheit

Berichte von sexualisierter Gewalt, der weibliche syrische Flüchtlinge insbesondere in den Lagern ausgesetzt sind (einschließlich, aber nicht beschränkt auf Belästigung, Entführung und Vergewaltigung), haben sich weit verbreitet und eine tief verwurzelte Angst über den Schutz der Ehre unter Flüchtlingen ausgelöst. Die Angst und Verzweiflung der Familien, die aus einem Gefühl der Ohnmacht und der Hoffnungslosigkeit resultieren, haben viele Flüchtlinge dazu gebracht, ihre Töchter zu verheiraten, um sie zu beschützen. Hasana, Flüchtling und Mutter zweier Kinder, sagt: „Ich schwöre, dass wir unsere Mädchen nicht verheiraten wollen, aber gleichzeitig müssen wir hier weiterhin leben. Wer weiß denn, was aus uns hier werden wird und ich glaube nicht, dass es eine Option ist, sie wieder nach Syrien zurückzubringen, weil ich mich davor fürchte, was ihnen dort passieren könnte.“

Obwohl keine präzisen Statistiken über die Verbreitung dieses Phänomens vorliegen (ein Ergebnis der Tatsache, dass fast alle Ehefrauen nicht registriert sind), hat der Nationale Rat für Frauen in Ägypten bekannt gemacht, dass 12.000 Eheschließungen zwischen syrischen Flüchtlingen und ägyptischen Männern innerhalb eines einzigen Jahres stattgefunden haben[5]. Dass das Phänomen für die Menschen in den Ländern, die syrische Flüchtlinge aufnehmen, alltäglich geworden ist, vermittelt uns einen Eindruck davon, wie weitverbreitet es ist. Es ist nicht unüblich, irgendeinen jungen Mann spaßen zu hören: „Ich sollte lieber mal ein bisschen langsamer machen! Wenn ich so weitermache, bin ich plötzlich mit einer Syrerin verheiratet!“, oder Männer, die prahlen, sie könnten vier syrischen Frauen gleichzeitig heiraten. Andere nutzen dies, um Ehestreits ein Ende zu setzen: „Ich gehe gleich los und bringe eine syrische Frau nach Hause, damit sie mit uns lebt!“ Es sollte trotzdem gesagt werden, dass die Positionen zu diesem Thema verschieden sind. Manche sehen Ehen zwischen syrischen Frauen und arabischen Männern als ziemlich normal an, etwas, das es sowohl vor als auch nach dem Ausbruch der Revolution gab.

Die aktuellen Bedenken sind demnach nur eine Übertreibung der Medien, und Geschichten über arme syrische Familien, die ausgenutzt werden, weil sie irgendetwas zu essen auftreiben müssen, nur Gerüchte. Andere glauben, dass unter diesen Umständen und ungeachtet dessen, ob beide Parteien damit einverstanden sind, Ehen mit weiblichen Flüchtlingen ungültig sind, besonders da die Familien und Mädchen nur aus ihrer Not zustimmen, und nicht weil sie das Verlangen verspüren, eine Familie zu gründen. Die Lösung, sagen sie, kann nicht die Soutra-Ehe sein, weil das Problem nicht durch die Erschaffung eines anderen gelöst werden kann; vielmehr müssen diese weiblichen Flüchtlinge einen sicheren Platz zum Leben bekommen, an dem sie alle ihre materiellen und anderen Bedürfnisse erfüllt finden.

Heiraten, um zu überleben

Majda war vor sechs Monaten gezwungen, aus Syrien zu fliehen. Sie lebt mit ihren vier Töchtern, die zwischen acht und vierzehn Jahren alt sind. Majda spricht über den Schrecken, den sie im Lager erlebt hat und beschreibt ihn als nicht weniger schlimm als das, was sie in Syrien durchgemacht hat: „Im Lager habe ich in Angst gelebt, besonders in der Nacht. Ich konnte keine Sekunde schlafen bis ich sichergestellt hatte, dass es meine Kindern gut ging.“ Der Grund dafür waren die weitverbreiteten Geschichten über Entführungen und Vergewaltigungen von jungen Mädchen im Lager. „Vor einiger Zeit haben sie drei Mädchen aus dem Lager entführt“, fährt sie fort. „Sie haben sie vergewaltigt und als sie mit ihnen fertig waren, haben sie sie wieder hier abgeladen. Niemand konnte irgendetwas deswegen tun, weil wir keine Ahnung hatten, wer die Kidnapper waren.“ Obwohl sexuelle Übergriffe auch tagsüber passieren, spielt sich die Mehrzahl der schrecklichen Geschichten, die sie erzählt, nachts ab. Majda ist wütend, dass es, obwohl diese Dinge passieren, in der Nacht keinen Wächter in der Nähe der Damentoiletten gibt, und dass diese in einem Zustand dauernder Dunkelheit sind: „Ich bin eine erwachsene Frau, aber ich konnte nicht alleine in der Nacht auf die Toilette gehen. Ich musste immer bis zum Morgen damit warten.“ Es dauerte drei Monate bis Majda den Punkt erreichte, an dem sie nicht mehr in dieser konstanten Angst um ihre vier Kinder im Lager leben konnte. Sie musste sich um sie kümmern und einen sicheren Ort zum Leben finden, aber sie konnte sie auch nicht alleine lassen, um nach Arbeit zu suchen.

Eines Tages, während Majda die Hilfspakete mit ihren Töchtern abholte, fragte eine syrische Frau, ob sie ihre Töchter verheiraten wolle. Nachdem sie lange darüber nachgedacht hatte, stimmte Majda zu, ihre älteste Tochter Sara, die siebzehn Jahre alt war, zu verheiraten: „Ich wusste nicht, was ich tun sollte. Ich meine, ich sagte mir selbst, dass ich meine ganze Familie beschützen könne und wir der Angst, in der wir leben, entfliehen könnten, indem ich eine meiner Töchter verheiratete.“ Es brauchte nicht lange, bis ein Ehemann gefunden war: ein Mann in den Siebzigern, der eine Mitgift von 3.500 US Dollar zahlte. Majda benutzte das Geld, um das Lager zu verlassen und eine Wohnung zu mieten. Weniger als einen Monat später kam Sara zu ihrer Familie zurück, nachdem sich ihr Mann hatte scheiden lassen. „Ich weiß, dass ich das Mädchen falsch behandelt habe“, sagt Majda, „aber es ist besser eine Person zu opfern als alle.“ Majda versteckt die Tatsache nicht, dass sie sich wünscht, Sara möge wieder heiraten: „Das ist alles eine Frage des Glücks, aber wenn Gott will wird sie dieses Mal mehr Glück haben und einen netten Jungen finden, der sich um sie kümmert und bei ihr bleibt.“

Eine Brotkruste in Blut getunkt

Arbeiter der Hilfsorganisationen und Flüchtlinge berichten von den vielen Männern und Heiratsvermittlern, die die harten Umstände ausnutzen, um potentielle Ehefrauen zu finden. Hasaan, ein syrischer Krisenhelfer, sagt, dass „viele Männer, die meisten davon vom Golf, Hilfsgüter in den Lagern und anderen Orten verteilen, wo weibliche Flüchtlinge sind, um nach einer Frau oder Frauen zu suchen, obwohl diese Ehen oft nur höchstens ein paar Wochen dauern“. Nour, eine geflüchtete Syrerin, die mit ihrer Tochter im Libanon lebt, sagt, dass sie von einem Mann kontaktiert wurde, der sich selbst als Philanthrop beschrieb und der ihre Nummer von einer Wohltätigkeitsorganisation hatte. Er fragte sie nach ihren Lebensumständen und Bedürfnissen und wollte dann plötzlich wissen, ob ihr Gesicht genauso schön sei wie ihre Stimme und ob sie nicht heiraten wolle: „Der Saudi erzählte mir, dass er mich und meine Tochter wie Prinzessinnen behandeln werde, wenn ich ihn heiratete. Ich lehnte ab und sagte ihm: ‚Ich möchte Sie und Ihre Hilfe nicht‘, und beendete das Gespräch.“ Abu Abdullah, ein syrischer Flüchtling, sagt, dass sehr viele Männer zu der Moschee, in der er arbeitet, kommen und nach Ehefrauen Ausschau halten: „‚Haben Sie irgendwelche Mädchen, die nach Soutra suchen?‘ fragen sie. Sie denken, sie können uns ausnutzen, nur weil wir kein Geld haben. Einmal tauchte dieser Mann auf und fragte mich, ob ich eine syrische Familie kenne, die nur noch aus Freuen bestünde. Er sagte mir, er sei bereit alle ihre Ausgaben zu bezahlen und sie alle bei sich wohnen zu lassen. Ich meine, er muss wohl gedacht haben, ich sei ein Idiot. So jemand wie der, was glauben Sie, was der mit diesen ganzen Frauen anstellen will?“ Obwohl sich die Leiter der Lager dieser Vorfälle sexueller Ausbeutung bewusst sind, sagen sie, dass sie Hilfsangebote von Außenstehenden in der jetzigen Situation nicht ausschlagen können. Die Nachfrage übersteigt ihre Ressourcen bei weitem und Unterstützung auszuschlagen ist unmöglich, wie klein sie auch sein mag.

Ausbeuten oder ausgebeutet werden

Das Phänomen der Heiratsvermittler/innen – oder „Matchmaker“ oder „Orientierungshilfen“ – ist im Kontext der traditionellen Ehe nicht neu in der arabischen Kultur, aber die Rolle, die diese Vermittler bei der Ausbeutung weiblicher Flüchtlinge spielen, unterscheidet sich sehr von ihrer früheren und ist an die Ansprüche ihrer Kunden angepasst. Früher war es der Job eines Vermittlers bzw. einer Vermittlerin, eine Braut zu finden, die den Erwartungen der Mutter des zukünftigen Ehemannes (die das letzte Wort hatte nachdem sie das Mädchen gesehen hatte) entsprach, während der/die Vermittler/in heute direkt mit dem Bräutigam verhandelt. Dieser prüft die Braut (und manchmal mehr als das) und verkündet dann seine Entscheidung. Das „Zückerchen“, der Lohn des/der Vermittlers/Vermittlerin, wurde niemals vorher festgelegt, ist aber heute ein integraler Teil des Ehevertrags geworden. Diese Vermittler waren einst ausschließlich Frauen, was ihnen erlaubte, die Braut zu besuchen und ungehindert in fremde Häuser einzutreten, aber heute, da sich der letztendliche Zweck dieses Berufs gewandelt hat, ist das nicht länger der Fall.

Umm Wafaa ist eine dreißigjährige Frau, die aus Syrien geflohen ist und mit ihren Töchtern in Jordanien lebt. Vor zwei Jahren war sie gezwungen, Syrien zu verlassen und hat ihre Familie mit dem Geld, das sie als Heiratsvermittlerin verdient, durchgebracht. Der Mann, der „heiraten“ möchte, kontaktiert sie und gibt ihr eine Beschreibung des Typs Frau, den er will, eine Beschreibung, die meistens nicht mehr ist als dass sie zierlich, hübsch, und, falls der Mann genug Geld hat, auch eine Jungfrau sein soll. Umm Wafaa erzählt ihm dann von den Mädchen, die sie im Angebot hat und nennt deren Preise. Wenn der Mann die Mädchen sehen möchte, muss er eine Gebühr von ca. 50 Dinar pro Besuch bezahlen (der Preis kann schwanken, je nach Kunde, Vermittler und Braut). Das gibt ihm das Recht, sie zu sehen und Kaffee mit ihr zu trinken. Wenn er mehr sehen will, muss er auch mehr zahlen. Wenn das Mädchen zu seiner Zufriedenheit ist, muss er alle Details mit dem Vermittler abstimmen, dann einen inoffiziellen (d.h. nicht amtlichen) Ehevertrag durch einen Scheich abschließen und den Preis an die Braut und ihren Vater auszahlen. Wenn dies abgeschlossen ist, steht ihm frei sich wieder scheiden zu lassen, wann immer ihm danach ist. Umm Wafaa sagt, dass sie mit ihrem Beruf unglücklich ist: „Ich möchte das wirklich nicht machen. Aber es gibt keine andere Arbeit. Ich kann entweder eine Brautvermittlerin oder die Braut selbst sein, es gibt keinen dritten Weg! Uns wird alles verweigert, sehen Sie, und vor allem unsere Würde. Gott verdamme diese Zeiten für das, was sie aus uns gemacht haben“.

"Was kann ich sagen?"

Das Thema der sexuellen Beziehungen in Folge von Ehen, die minderjährige Mädchen eingehen, ist wahrscheinlich die größte Sorge syrischer Flüchtlingsmütter, die es sehr schwer finden, die Details des sexuellen Aspekts der Ehe mit ihren jungen Töchtern zu diskutieren. Samar, Mutter von fünf Kindern, die aus ihrem Haus auf dem Land nahe Damaskus geflohen ist, beschreibt, wie schwer ihr das Thema fällt: „Das hat mich zehn Kilo abnehmen lassen, allein in diesem Monat. Ich weiß wirklich nicht, was ich machen soll“[6]. Samar hat zwei Töchter, sie sind vierzehn und siebzehn Jahre alt und beide verlobt. Obwohl sie kurz davor sind zu heiraten, versucht Samar Diskussionen über die Details ehelicher Intimität aufzuschieben: „Es ist unglaublich schwierig, sich mit ihr hinzusetzen und ihr zu erklären: ‚Das ist es, was passieren wird.‘ Ich sage mir nur, es hängt vom Schicksal ab, was aus ihnen wird. Nimm nur seine Hand und gehe und lebe mit ihm.“

Aber das Problem der sexuellen Unwissenheit ist nicht das einzige Problem, dem diese minderjährigen Mädchen entgegensehen. Viele von ihnen sind nicht vom Gericht registriert, da in vielen Ländern achtzehn Jahre das Mindestalter für eine legale Ehe ist und sich der Ehemann in manchen Fällen weigert, die Registrierung zu erlauben. Als Folge dessen sind die Familien oft gezwungen, einen inoffiziellen Ehevertrag für ihre Töchter abzuschließen, was bedeutet, dass ihre Rechte ungeschützt sind. In den Fällen, in denen die Ehe mit minderjährigen Syrerinnen nur zum Zwecke des Verkehrs geschlossen wird, halten die Beziehungen meist nicht lang. Die Ehen werden bald geschieden und die Mädchen wieder mit einem anderen Mann verheiratet. Viele dieser Mädchen erleben dann einen Zustand andauernder Vergewaltigung von diesen kurzzeitigen Ehemännern. Mit anderen wird gehandelt: Sie werden in die Prostitution gezwungen. Einige Flüchtlinge sagen, dass sie von Fällen gehört haben, in denen junge syrische Mädchen in vorgeschobene Ehen gelockt und dann von ihren Ehemännern gezwungen wurden als Prostituierte zu arbeiten.

Fazit

Wer weiß, welches Schicksal Rawan, mit der dieser Artikel begonnen hat und die noch immer in den Gefängnissen des syrischen Regimes eingesperrt ist, erwartet. Vielleicht ist es gar nicht so verschieden von den Schicksalen der syrischen Frauen, die genug Glück hatten, ihren Zellen in Syrien zu entkommen, nur um unterschiedlichsten Formen physischer und psychischer Gewalt ausgesetzt zu sein, in Syrien und anderswo. Wenn über sexualisierte Gewalt in Konflikten gesprochen wird, werden oft nur die schlimmsten Formen im direkten Konfliktgebiet selbst bedacht. Frauen allerdings machen die Erfahrung, dass sie dem Phänomen nicht wirklich entfliehen können, sondern es oft nur eine andere Form annimmt.

Nach 2003 wurden viele irakische Flüchtlinge zu Prostituierten gemacht und in den Nachbarländern auch so behandelt. Was neu und anders ist an der syrischen Situation, ist das unglaublich hohe Level sozialer Akzeptanz, das Kinderehen und Soutra heute genießen: Religiöse Autoritäten haben sich nicht nur dafür ausgesprochen, Legitimität dafür zu schaffen, manche sind sogar aktiv darin involviert, Personen zusammenzubringen und das Verheiraten von syrischen Frauen voranzutreiben, immer unter dem Vorwand, dies diene dem Schutz der Frauen.

Und dann sind da die Eltern, die sich in einem moralischen Dilemma befinden: Sie wollen das Beste für ihre Kinder, sie spüren, dass sie sie nicht beschützen können oder noch nicht mal genug verdienen, um die Familie zu ernähren. Darum opfern sie die Rechte ihrer minderjährigen Töchter.

Eine Lösung der Syrienkrise in der absehbaren Zukunft, die die Rechte der Syrerinnen und Syrer sichern und ihre Rückkehr erleichtern würde, ist nicht sehr wahrscheinlich. Das beschriebene Phänomen wird sich noch weiter verbreiten und zerstörerische Konsequenzen nach sich ziehen. Wir alle tragen die Verantwortung dafür, einen sicheren Ort für syrische Flüchtlinge zu schaffen, wo ihre Rechte geschützt und ihre Bedürfnisse erfüllt werden bis sie wieder in ihr Land zurückkehren können, ohne täglich in Angst leben zu müssen.

--

Fußnoten:

[1] http://www.al-akhbar.com/node/191959

[3] Das Phänomen wurde bereits in den 1990er Jahren in Bosnien und Herzegowina beobachtet, wenn auch in kleinerem Ausmaß. Es gab damals mehrere religiöse Erlasse, die die Gläubigen ermahnten, Flüchtlingsfrauen unter dem Vorwand der Soutra zu heiraten. Die Mehrzahl dieser Frauen war minderjährig und viele wurden zu illegalen Aktivitäten gezwungen.

[4] Alle Namen von Flüchtlingen und Aktivist/innen, die in dem Artikel erwähnt werden, wurden geändert, um ihre Identitäten zu schützen.

[6] Samars Geschichte stammt aus dem 2013 von der hbs unterstützten Dokumentarfilm “Not who we are”, Regie: Carol Mansour.