Perspectives Africa: Der Aufstieg Afrikas

Heinrich-Böll-Stiftung, Büro Südafrika
Veröffentlichungsdatum
Februar 2014
Seitenzahl
56
Lizenz
cc-by-nc-nd-3

Debatten über die aktuellen sozioökonomischen Bedingungen und Zukunftsaussichten für den afrikanischen Kontinent gehören in den Führungsetagen großer Unternehmen und in internationalen Konferenzzentren heute fast schon zum Alltag.

Zu Beginn des 21. Jahrhunderts drehte sich die Diskussion noch hauptsächlich um das große Narrativ von Afrika als einem weitgehend verlorenen Kontinent. Das vorherrschende Bild war das eines verarmten Kindes, das aufgrund politischer Instabilität, der Abhängigkeit von Entwicklungshilfe und kleptokratischer Eliten, die ihre zusammengerafften Reichtümer auf Schweizer Bankkonten horteten, einer düsteren Zukunft entgegenblickt. Doch binnen weniger Jahre hat sich dieses Narrativ radikal gewandelt und heute schwärmen internationale Beratungsfirmen im Duett mit den großen Wirtschaftsmagazinen vom Aufstieg Afrikas. Diejenigen, die mit Euphorie auf die Zukunft des Kontinents blicken, verweisen darauf, dass die Region Heimat einiger der weltweit am schnellsten wachsenden Volkswirtschaften ist und dass dieses Wachstum nicht nur von den historisch hohen Rohstoffpreisen angetrieben wird, sondern auch von Verbesserungen der makro- und mikroökonomischen Rahmenbedingungen in vielen afrikanischen Ländern, die Investoren anlocken.

Doch nicht anders als die alte Geschichte vom  „verlorenen Kontinent“ erscheint auch das Narrativ vom „Aufstieg Afrikas“ in weiten Teilen sehr emotionsgeladen und eindimensional. Der einseitige Blick auf das Bruttoinlandsprodukt (BIP) übersieht die durchaus gemischten Erfahrungen der realen – oder auch nur wahrgenommenen – Fortschritte der letzten zehn Jahre. Häufig unbeantwortet bleiben Fragen nach der sozialen, politischen und ökologischen Nachhaltigkeit der gegenwärtigen Entwicklungslinien und danach, wer vor allem davon profitiert.

Mit dieser Ausgabe von Perspectives möchte die Heinrich-Böll-Stiftung Kommentator/innen sowie Expertinnen und Experten aus allen Teilen Afrikas die Möglichkeit geben, kritisch über die „Africa Rising“-Erzählung und über die dazugehörigen Subnarrative, darunter der Aufstieg der afrikanischen Frauen, der Aufstieg der afrikanischen Mittelklasse und die Macht von Innovationen zu reflektieren.

Wie die hier versammelten Beiträge zeigen, ist es  allzu oft nicht die breite Bevölkerung, die von ökonomischem Wachstum und Ressourcenreichtum profitiert, sondern es sind vielmehr nur kleine Teile der Bevölkerung und Interessengruppen wie die lokale politische Elite und ausländische Investoren. Vor dem Hintergrund eindrucksvoller Wachstumszahlen spielen Dinge wie sozialer Zusammenhalt, politische Freiheit und Umweltschutz keine große Rolle. Die glamourösen Bilder und Storys von prominenten afrikanischen Frauen und einer boomenden Mittelschicht, die von den Medien erschaffen und immer wieder reproduziert werden, verhindern, dass weniger glamouröse und vielschichtigere Berichte über den alltäglichen Überlebenskampf der Bevölkerungsmehrheit Gehör finden.

Dabei handeln die Beiträge in dieser Ausgabe keineswegs nur von den Defiziten und Schattenseiten der afrikanischen „Entwicklungsgeschichte“. Vielmehr zeigen sie auch Wege auf, wie Afrika die einseitige Ausrichtung auf ökonomischen Gewinn überwinden und eine inklusive Entwicklung mit wesentlichen sozialen Fortschritten einläuten könnte. In diesem Kontext wird es für die afrikanischen Regierungen und ihre Entwicklungspartnerinnen und -partner darauf ankommen, sich mit der Vorstellung anzufreunden, dass die alltäglichen Lebenserfahrungen der allermeisten Afrikanerinnen und Afrikaner dem Gegenteil des Bildes entsprechen, das die eingängigen Erzählungen von Wachstum und Wohlstand und die Zahlen der Wirtschaftsstatistiker zeichnen.

Wir möchten mit dieser Ausgabe dazu beitragen, die Debatte über die Zukunft Afrikas gleichermaßen von irrationaler Niedergeschlagenheit wie unbegründeter Euphorie zu befreien und ein Verständnis von Entwicklung zu fördern, das die wirtschaftliche, soziale und ökologische Dimension gleichberechtigt mit einbezieht.

 

Inhaltsverzeichnis

5 Editorial

6 Lorenzo Fioramonti Africa Rising? Think Again

10 Anna Davies-van Es Whose Africa is Rising? A Feminist Perspective

16 Nnimmo Bassey Nigeria's GDP: A Grand Illusion

20 Frederick Golooba-Mutebi Africa Rising: The Rwanda Story

25 Francisco Kapalu Ngongo Angola Rising: So What?

28 Antonio S. Franco Mozambique: Embracing the Resource Boom

29 António A. da Silva Francisco Reality Bites: What Future for Mozambique?

36 Saliem Fakir South Africa’s GDP Paints Half a Picture

39 Alinah Segobye, Alioune Sall, Rasigan Maharajh and Geci Karuri-Sebina Whither the African Middle Class in an “Africa Rising”?

45 Christine Mwangi Interview - Kenya’s Middle Class: The Ideal vs. Reality

48 Olugbenga Adesida and Geci Karuri-Sebina Building Innovation Driven Economies in Africa as a Basis for Transformation

52 Shem J. Ochuodho Interview - "We Need Demand-Driven Innovations in the ICT Sector"

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