Das Care-Chain-Konzept auf dem Prüfstand

Von Helma Lutz, Ewa Palenga-Möllenbeck

Eine Fallstudie der transnationalen Care-Arrangements polnischer und ukrainischer Migrantinnen
 

Zusammenfassung

In einem 2000 erschienenen Artikel prägte Arlie Hochschild den Begriff der „care chains“, um zu beschreiben, dass Migrantinnen, die im Ausland die Care-Arbeit für Kinder und alte Menschen übernehmen, daheim eine Versorgungslücke in ihrer eigenen Familie hinterlassen. Diese Lücke, so Hochschild, werde entweder durch Mitglieder des Familiennetzwerks gefüllt oder durch Migrantinnen aus einem wirtschaftlich ärmeren Land. In diesem Artikel werden Daten aus einem Forschungsprojekt vorgestellt, das untersucht, wie in Deutschland arbeitende polnische Migrantinnen und in Polen arbeitende ukrainische Migrantinnen diese Versorgungslücke bewältigen. Wie wird die Betreuung und Versorgung von Kindern und alten Eltern im Herkunftsland organisiert? Was bedeutet transnationale Mutterschaft für die Familien der Migrantinnen in praktischer und emotionaler Hinsicht? Wie geht die Öffentlichkeit in den betroffenen Ländern mit dem Thema Care-Arbeit und Migration um?

Einleitung

Das Care-Chain-Konzept, ein Begriff der Soziologin Arlie Hochschild, beschreibt die im globalen Ausmaß emergierten personalisierten Beziehungen zwischen Menschen, die bezahlt oder unbezahlt Care-Arbeit verrichten (Hochschild 2000: 131). Gegenstand der Analyse sind Versorgungsketten, die entstehen, wenn transnationale Migrantinnen die Betreuung und Versorgung von Kindern und alten Menschen im Ausland übernehmen, womit sie in ihrer Herkunftsfamilie eine Versorgungslücke hinterlassen. Gefüllt werde diese Lücke, so Hochschild, entweder durch Mitglieder des Familiennetzwerks oder mit einer ‚Kopie‘, der erneuten Weitergabe dieser Arbeit an Migrantinnen aus einem wirtschaftlich ärmeren Land. Im Zentrum dieser Prozesse steht die weltweit stattfindende, kontinuierliche Kommodifizierung von care work.

In unserem Forschungsprojekt „Landscapes of Care Drain. Care Provision and Care Chains from the Ukraine to Poland and from Poland to Germany“ [1] haben wir danach gefragt, wie in Deutschland arbeitende polnische und in Polen arbeitende ukrainische Migrantinnen dieses „Care-Defizit“ bewältigen. Dabei geht es nicht nur um die Analyse auf der Mikroebene der persönlichen Beziehungen, sondern auch darum, wie Migrations-, Gender- und Care-Regime in den Entsende- und Aufnahmeländern zusammenwirken und wie diese die Migrationsverläufe und Betreuungssituationen in den Herkunftshaushalten der Migrantinnen beeinflussen.

Der erste Teil des Beitrags befasst sich mit der Debatte über globale care chains und transnationale Elternschaft, gefolgt von einer kurzen Beschreibung der aktuellen Erwerbsmigration aus der Ukraine und Polen. Im zweiten Teil wird gezeigt, wie Care und Migration in öffentlichen Diskursen der jeweiligen Herkunftsländer verhandelt werden. Im dritten Teil schließlich stellen wir einige Charakteristika von Kinderbetreuungsarrangements in der Ukraine und Polen in den von uns untersuchten Haushalten vor. Die Analyse konzentriert sich dabei auf die Frage nach den care patterns und erörtert auch das transnationale Betreuungsmanagement durch die migrierende Mutter.

2. Öffentliche Diskurse über abwesende Eltern und „verlassene“ Kinder in Polen und der Ukraine [2]

In den Zeitraum unserer Untersuchung fiel in beiden Entsendeländern eine öffentliche Debatte über „zurückgelassene Kinder”. Erstaunlicherweise waren weder in Polen noch in der Ukraine die Auswirkungen der Erwerbsmigration auf zurückbleibende Familienmitglieder in den späten 1990er und den frühen 2000er Jahren ein wesentliches Thema in der landesweiten Presse. Dies änderte sich erst in den Jahren 2007/2008, als in beiden Ländern das totale Schweigen in lebhaftes Interesse umschlug. [3]

Als Anlass der intensiven Mediendebatte sind auf nationaler Ebene zwei Ereignisse zu identifizieren: In der Ukraine initiierte die Nichtregierungsorganisation (NRO) „La Strada Ukraine“ 2007 eine Studie über die Kinder von Erwerbsmigrant/innen und einen Literaturwettbewerb mit dem Titel „Kinder von Migrant/innen über sich selbst, das Leben in der Ukraine und im Ausland – Träume und Wünsche“, die im Frühjahr 2008 gestartet wurde. Auf der Basis dieser Ergebnisse setzten andere NROs wie „Open Ukraine“ sowie „Ukraine 3000“ und Politiker dieses Thema auf ihre Agenda. In Polen starteten Ende 2007 zwei NROs (Fundacja Prawo Europejskie und Instytut Europejski) eine Untersuchung über die Auswirkung der Erwerbsmigration auf Familien, insbesondere auf Kinder, von den Autor/innen (vgl. Mikuła 2008: 3) wurden letztere als „Euro-Waisen“ bezeichnet, ein Neologismus, der sich schnell zu einer neuen Diskursfigur entwickelte. Zur gleichen Zeit gab der polnische Kinderbeauftragte eine repräsentative Studie in Auftrag, die sich mit den Auswirkungen der Migration von Eltern auf das Verhalten und den Schulerfolg ihrer Kinder beschäftigt (Walczak 2008).

In beiden Ländern lässt sich als Ergebnis der Analyse eine starke Tendenz zur Skandalisierung der Abwesenheit von Eltern, insbesondere von Müttern, erkennen. Wir identifizieren hier ein Muster, das der Diskurslogik des naming, blaming and shaming folgt, bald subsumiert unter der emblematischen Figur der ‚Euro-Waisen‘ (Polen). Mit diesem polymorphen, stark normativ abwertenden Begriff werden Kinder von Migrant/innen als schutzlos zurückgelassene Quasi-Waisen identifiziert, deren Eltern in Richtung „Europa“ verschwunden sind, womit gleichzeitig suggeriert wird, dass diese Kinder als Opfer der elterlichen Jagd auf Euros zu betrachten sind. [4] Der Begriff taucht seit dieser Zeit in nahezu allen Presseartikeln und schließlich auch in wissenschaftlichen Artikeln auf (z. B. Mikuła 2008), ohne je klar definiert oder kritisch reflektiert zu werden. Dabei geht es keineswegs um elternlose Kinder, sondern um solche, die in Polen bei einem Elternteil oder einer sie betreuenden Bezugsperson leben.

In der Ukraine hatte die Regionalpresse im westlichen Teil des Landes, der im Gegensatz zum Osten stark von weiblicher Erwerbsmigration betroffen ist, bereits 2005 den entsprechenden Begriff „soziale Waisen“ geprägt, der jedoch erst 2008 landesweite Aufmerksamkeit erregte. Es handelt sich um einen pädagogischen Terminus, der zur Beschreibung von Kinderarmut, der Situation von Straßenkindern und verlassenen Kindern verwendet wird. Der Begriff „soziale Waisen“ beschreibt wie „Euro-Waisen“ einen Zustand der Quasi-Verwaisung. Diese Figuration bezieht ihre Stärke aus Skandalberichten, nach denen Eltern, die nach „Europa“ migrieren, ihre Kinder in Heimen hinterlassen.

Charakteristisch für beide Länder ist die Anführung von hohen Zahlen, die suggerieren, dass es sich um ein unterschätztes Massenphänomen handelt. In der Ukraine zirkuliert in den meisten Pressetiteln eine Zahl von 7,5 bis 9 Millionen zurückgelassener Kinder, die sich letztendlich auf eine Schätzung der Anzahl der im Ausland arbeitenden UkrainerInnen – 7 Millionen – zurückführen lässt, von denen angeblich lediglich 6 Prozent kinderlos seien (Lvivskaja Gazeta, 05.07.2006).

In Polen wurde die Anzahl der betroffenen Kinder mit 110 000 angegeben. Auch diese Angabe muss als „magische Zahl“ charakterisiert werden, da lange Zeit keine verlässlichen Daten vorlagen. [5]

Für beide Länder lässt sich feststellen, dass Datenangaben in der Presse weniger der Abbildung einer Problemlage dienten, als vielmehr der Skandalisierung des Phänomens.

Insgesamt lassen sich in diesem Diskurs Inkonsistenzen erkennen: So war etwa in Polen die Erwerbsmigration in westliche EU-Länder lange Zeit als Erfolgsgeschichte porträtiert und die sozialen Kosten waren eher verschwiegen worden. Im Zuge der Debatte über die „Euro-Waisen” verschob sich die Argumentation in genau die gegenteilige Richtung des „Mother-blaming“, einer Beschuldigung der Mütter, ihre familiären Verpflichtungen zu vernachlässigen. Zwei Beispiele zur Illustration:

„Der 15-jährige Maciek wanderte drei Tage lang durch die Straßen, schlief bei Freunden. Die Polizei, seine Lehrer und sein Vater suchten nach ihm. Nicht aber seine Mutter, die das Land verlassen hatte, um zu arbeiten.“ (Gazeta Wyborcza, 12.05.2008)

„Bartek schlüpft in die Ärmel einer Bluse, die die Mutter zurückgelassen hat, und schläft ein. Der weiche Stoff riecht wie Joanna. […] Er zieht die Bluse an und wickelt die Ärmel um sich, als ob sie ihn umarmen würde. Wenn er die Wärme und den Geruch spürt, tut sein Bauch nicht mehr weh.“ (Rzeczpospolita, 22.01.2008)

In beiden Fällen werden die Frauen keineswegs direkt an den Pranger gestellt, sondern ihre Abwesenheit wird über die Beschreibung der emotionalen Probleme ihrer Kinder dramatisiert.

In der Ukraine ergibt sich ein vergleichbares Bild. Während männliche Migration schon zu Zeiten der Sowjetunion als normal galt, wird die weibliche Migration als abweichend konstruiert. Eine extreme Version dieses Bildes, die Gleichsetzung von Migrantinnen mit „Prostituierten“ durch den ehemaligen ukrainischen Präsidenten Kutschma, zeigt dies besonders gut. Kutschma bezeichnete 2002 auf einer Dienstreise nach Italien die in Italien arbeitenden ukrainischen Migrantinnen als „Prostituierte“; „anständige Frauen“, so Kutschma, bleiben zu Hause. Von diesen Äußerungen erfuhr die Öffentlichkeit in der Ukraine erst viele Jahre später, als prominente Politiker wie Tymoschenko (siehe Ukraina Moloda, 20.09.2007) oder Juschtschenko (siehe UM, 11.10.2008) sich kritisch mit diesen Äußerungen auseinandersetzten. Die Vertreter dieses „orangenen Blocks“ benannten, ähnlich der früheren Debatte in Polen, diese Migrantinnen als aktive, moderne Individuen, die das Land brauche. Dieses Beispiel illustriert nicht nur die Transnationalisierung öffentlicher Diskurse, sondern belegt auch deren Instrumentalisierung (zu Wahlkampfzwecken etc.). Festzustellen bleibt, dass die Diskursfigur des „verwaisten Kindes“ mittlerweile in beiden Ländern in die politischen Debatten aufgenommen wurde und auch in Nachbarländern mittlerweile eine große Rolle spielt (etwa Rumänien und Litauen). Die staatliche Reaktion beschränkt sich bislang auf die Diskussion über den Einsatz von Ausreiserestriktionen für die betroffenen Frauen (Ukraine und Rumänien); die entsprechenden Gesetzesentwürfe sind allerdings bis dato noch nicht umgesetzt worden. [6]

3. Charakteristika von Care-Arrangements und ihre Folgen in Polen und der Ukraine

Care-Arrangements im Rahmen unserer Forschung zu untersuchen, hieß in erster Linie, danach zu fragen, wie der Ersatz für die Betreuung durch die Mutter in der Herkunftsfamilie organisiert wird. Dabei ging es insbesondere um die Um-/Neuverteilung geschlechterspezifischer Aufgaben. Wir betrachten hier zunächst die von uns beobachteten Arrangements und überprüfen, ob sich dabei wiederkehrende Muster identifizieren lassen. [7]

3.1 Betreuungsmuster: zurückbleibende Väter

Unter den zurückbleibenden Vätern lassen sich drei Typen unterscheiden, 1. die Aufgabenverteilung zwischen Vätern und Großmüttern, 2. Rückzug des Vaters aus der Betreuung, 3. der Vater als primärer Betreuer.

„Marek“ repräsentiert den ersten und am weitesten verbreiteten Typus eines Vaters, der sich die Betreuung seines Kindes mit einer anderen Person teilt. Bevor Marek den Weg zur Arbeit antritt, trifft seine Schwiegermutter ein, trinkt mit ihm eine Tasse Kaffee und übernimmt dann die Betreuung ihres 8-jährigen Enkels: Sie bereitet ihm das Frühstück, zieht ihn an, bringt ihn zur Schule und holt ihn wieder ab; sie kocht das Essen für die gesamte Familie und beschäftigt sich mit dem Enkel, bis sein Vater von der Arbeit zurückkehrt; danach tätigt Marek Einkäufe und wäscht die Wäsche, spielt Computerspiele mit seinem Sohn und überprüft seine Hausaufgaben.

Im Gegensatz zu diesem Fall zieht sich Jakub, der Repräsentant des zweiten Typus, vollständig aus der Betreuung seines 6-jährigen Sohnes zurück. Er rechtfertigt dies mit dem Hinweis auf die zeitaufwändige Führung eines eigenen Unternehmens. Kontakt zu seinem Sohn hat er nur wöchentlich, und zwar immer dann, wenn er seine eigene Mutter oder die Schwiegermutter besucht, die abwechselnd im sechswöchigen Rhythmus die Betreuung des Enkels übernehmen. Jakub ist ein „abwesender“ Vater, der seinen Sohn zwar finanziell unterstützt, jedoch nur dann, wenn seine Frau aus Deutschland zurückkommt, bei seiner Familie lebt. Ein solcher Rückzug von Vätern aus der Betreuung findet auch dort statt, wo Eltern getrennt leben oder geschieden sind und die Mutter den Status einer Alleinerziehenden einnimmt. Laut einer polnischen quantitativen Studie beträgt der Anteil von „Familien mit einem Elternteil“ etwa 10 Prozent aller Migrant/innenfamilien (siehe Walczak 2008: 6).

Paweł ist unser Beispiel für den dritten Typus: Um 4 Uhr morgens bricht er zur Arbeit auf, um 7 Uhr weckt er telefonisch vom Arbeitsplatz aus seinen 12-jährigen Sohn. Später ruft er ihn erneut an, um zu prüfen, ob er den Hund ausgeführt hat; am frühen Nachmittag ruft er ein letztes Mal an, um sicherzugehen, dass der Sohn wohlbehalten aus der Schule zurückgekehrt ist. In Notfällen kann sich der Junge, der einen äußerst selbstständigen Eindruck macht, an Nachbarn wenden. Nach der Arbeit macht Paweł Einkäufe und beschäftigt sich mit den Hausaufgaben seines Sohnes. In unserem Sample hatten wir in der ukrainischen und der polnischen Stichprobe jeweils einen solchen Fall, ein Hinweis darauf, dass die Übernahme von weiblich vergeschlechtlichter Care-Arbeit in den Herkunftsländern eher als eine Ausnahme betrachtet werden muss.

Bereits beim ersten Blick auf die vorgefundenen Typen der väterlichen Kinderbetreuung fällt auf, dass in Familien mit zwei Elternteilen, in denen die Mutter migriert, Väter die Betreuung ihrer Kinder in einem hohen Maß weiblichen Verwandten, vorrangig den Großmüttern, überlassen. Diese Strategie der Teilung bzw. der Übertragung der Care-Arbeit auf weibliche Personen aus dem sozialen Umfeld finden wir nicht nur in Polen, sondern auch bei deutschen Familien alleinerziehender erwerbstätiger Väter (vgl. Stiehler 2000: 131f.) bzw. berufstätigen Elternpaaren mit atypischen Arbeitsverhältnissen (hier mit extensiver räumlicher und zeitlicher Flexibilität) (vgl. Jurczyk et al. 2009: 235ff.; Ludwig et al. 2002). Angesichts fehlender Infrastrukturangebote greifen diese in der Regel sowohl auf die informelle Unterstützung von Familienmitgliedern und Bekannten zurück sowie auf Migrantinnen (siehe die entsprechenden Beispiele in Lutz 2007).

Studien über alleinerziehende Eltern in Deutschland und in Polen verweisen auf Übereinstimmungen beim geschlechtsspezifischen Umgang mit der Vereinbarkeitsfrage. So sind deutsche alleinerziehende Väter – im Gegensatz zu alleinerziehenden Müttern – primäre „Erwerbspersonen“; 90 Prozent sind berufstätig, die meisten in Vollzeit (im Gegensatz hierzu sind 70 Prozenzt der Frauen berufstätig, dazu oft in Teilzeit). Für Polen gilt, dass im Gegensatz zu den Ehefrauen männlicher Migranten zurückbleibende Väter ihre Erwerbsarbeit in der Regel nicht aufgeben, wenn die Frauen migrieren (Wóycicka/Rurarz 2007: 294), sondern sich, wie oben beschrieben, die Care-Arbeit teilen.
In beiden Ländern scheint dieses Verhalten nicht nur eine Frage des ökonomischen Kalküls zu sein, sondern ebenso ein Ausdruck der kulturellen vergeschlechtlichten Kodierung der Arbeitsteilung: Care-Arbeit bleibt „weiblich“, selbst wenn Frauen „männliche“ Erwerbsarbeit übernehmen (Matzner 2007: 229; Grunow 2007).

Bei der praktizierten Vaterschaft zeigte sich in unserer Studie typenübergreifend, dass betreuende Väter oft Schwierigkeiten haben, die durch einen Mangel an (emotionaler) Betreuungskompetenz verursacht werden: Ein Vater etwa bezeichnet seinen Sohn als eine „Heulsuse“. Auf die Frage, wie er gewöhnlich reagiere, antwortet er:

„Ich habe einfach die Tür zugemacht oder bin rausgegangen, um eine Zigarette zu rauchen oder sowas. Aber als er immer noch nicht aufhören wollte, habe ich ihm auch eine geklatscht … und fertig.“

Diese Reaktion ist aus der Debatte über traditionelle männliche Erziehungsstile wohlbekannt; sie zeigt nicht nur, dass Väter, die gelernt haben, Tränen als Zeichen von Hilflosigkeit zu unterdrücken, dieses Muster oft auf die nächste Generation übertragen, indem sie emotionale Äußerungen ihrer Söhne negativ sanktionieren. Die gegenwärtige Vaterschaftsforschung belegt zwar, dass es die „eine männliche Erziehung“ nicht gibt, sondern dass Vaterschaft jeweils in einem sozialen und zeitlichen Kontext sowie entlang der individuellen Differenzen, wie Alter, Einkommen, Klasse, Ethnizität, biografische Erfahrungen, zu erforschen ist (Edwards et al. 2009). Dennoch zeigen einschlägige Studien, dass die „männliche“ Erziehung mit ihrem charakteristischen Habitus der physischen und emotionalen Unabhängigkeit, Risikobereitschaft und dem bevorzugten Umgang mit Kindern in Form von Spielen und Sport zwar in allen möglichen Variationen, jedoch über alle Differenzlinien – Klasse, Ethnizität, Alter – hinweg stets eine Rolle spielt (Duncan/Edwards 1999; Doucet 2010; Doucet 2006).

Dabei sind sich auch einige Väter in unserem Sample durchaus bewusst, dass von ihnen erwartet wird, die abwesende Mutter zu „ersetzen“. So äußert sich ein Vater folgendermaßen:

„Es ist so, als wenn man das Kind zum ersten Mal zum Kindergarten schickt. Am ersten Tag gefällt es ihm, am zweiten wird er neugierig, am dritten wird alles verdächtig und am vierten weint er … Also, als er das begriffen hat, dass Mama nicht da ist, da gab es eine kleine Krise. Und das passiert immer noch ab und zu. Nicht – regelmäßig, aber – wenn  er traurig wird. Und ein Mal meinte er sogar, dass das alles wegen dieser – blöden – Arbeit, dass Mama dahin fahren muss und dass keiner ihn liebt. Das sind Probleme eines Kindes.“

Viele Väter fühlen sich überfordert und verfügen nicht über die notwendigen Bewältigungsstrategien oder finden die entsprechende Beratung auch nicht in ihrem Umfeld.

Aus diesen Analysen leiten wir die These ab, dass Geschlechternormen, in diesem Fall traditionelle Wahrnehmungen geschlechtsspezifischer Bewältigungsstrategien, Betreuungskompetenzen und Verantwortlichkeiten, tief verankert sind und nicht automatisch von der Kraft des Faktischen verändert werden: Ein Rollenwechsel, bei dem der Vater die Mutterrolle übernimmt, gehört keineswegs zu den Automatismen einer Situation, in der Mütter zu Ernährerinnen ihrer Familien werden. [8] Rollenwechsel wurden bislang selten in Bezug auf männliche Migration diskutiert, die Abwesenheit von Vätern scheint insgesamt als „natürlich“ oder akzeptabel wahrgenommen zu werden; erst mit der Migration der Mütter wurde die „Fragmentierung von Familien“ problematisiert. Während aus zahlreichen Fallstudien der Migrationsforschung bekannt ist, dass Mütter in Familien mit abwesenden Vätern solche Situationen schon vor Jahrzehnten bewältigen mussten (Abadan-Unat 1985), wird die Situation in Bezug auf abwesende Mütter neu und anders beurteilt.

Als Folge solcher Fragmentierungsprozesse beschreiben Rhacel Parreñas (2005) für die Philippinen und Michele Gamburd (2000) für Sri Lanka, dass bei einigen zurückbleibenden Ehemännern und Vätern sozial abweichendes Verhalten festzustellen sei, eine Beobachtung, die auch durch unsere Studie bestätigt wird: In mehreren Familien in Polen und in der Ukraine wurde Alkoholmissbrauch und Vernachlässigung der Versorgungspflichten konstatiert. In einigen Fällen führte dies dazu, dass nicht die Väter ihre Kinder betreuten, sondern halberwachsene Töchter die Versorgung ihrer Väter übernommen haben.

Schließlich ist hier festzuhalten, dass in unserer Studie Hinweise auf eine „Krise des männlichen Selbstverständnisses“ zu konstatieren sind (siehe dazu auch Lutz 2007: 167). Ehemänner und Väter verlieren nicht nur ihre traditionelle Ernährerfunktion, sondern sie gewinnen selbst dann kein soziales Prestige, wenn sie die Rolle der betreuenden Mutter übernehmen, da ein solcher Wechsel der Genderkodierung tendenziell mit einem Statusverlust verbunden ist. Trotz vieler Unterschiede gilt – wie bereits gesagt – diese Beobachtung nicht nur für die Entsende-, sondern auch für die Aufnahmegesellschaften. Selbst Studien über die „neue Vaterschaft“ (z. B. Mühling/Rost 2007; Bereswill et al. 2006; Edwards/Doucat/Furstenberg 2009) zeigen, dass das Engagement der Väter bei der Betreuung von Kindern zwar konstant wächst, die Rhetorik der aktiven Vaterschaft und die Alltagspraxis jedoch immer noch weit auseinanderklaffen. Wie eingangs erwähnt, tun sich die Väter schwer, ihre Rolle als Erwerbsperson zu minimieren. Auch die sogenannten „neuen Väter“, die sich inzwischen nicht nur als breadwinner, sondern auch als carer sehen, sind weiterhin zwischen traditionellen und modernen Identitäten, Normen und Institutionen hin- und hergerissen. Für die hier relevanten Entsendeländer Polen und Ukraine muss festgehalten werden, dass die partnerschaftlichen Elternschaftsmodelle zwar verbal gewünscht, aber nicht im Alltag gelebt werden – was sich nicht nur in unseren Interviews, sondern auch in einschlägigen Umfragen widerspiegelt (für Polen vgl. Metz-Göckel et al. 2010: 298ff.). Als hinderlich für diesen Wandel können familialistische Sozialpolitiken gesehen werden, die in Verbindung mit der familienunfreundlichen Arbeitsmarktpolitik (u. a. Frauendiskriminierung) die Familienarbeit zu einer „Frauensache“ machen (Plomien 2009; Szelewa/Polakowski 2008). Hinzu kommt – nicht nur in Polen – die Kultur der „starken Mutterschaft“ (vgl. für westliche Gesellschaften Hays 1996; Badinter 2010), die sich im Topos der „Mutter Polin“, die ihre eigenen Bedürfnisse grundsätzlich für die Familie opfert, spiegelt (Marody/Giza-Poleszczuk 2000). Diese auch in sozialistischen Zeiten trotz hoher Berufstätigkeit der Frauen gelebte Norm der Mutterschaft wird durch die Re-Familialisierung der Sozialpolitiken nach 1989 weiter gefördert, was die Handlungsspielräume der neuen Väter Osteuropas deutlich einschränkt.

3.2 Betreuungsmuster: zurückbleibende Großmütter

Wie bereits erwähnt, wird in den meisten von uns untersuchten Familien die Care-Arbeit auf andere weibliche Personen („Ersatzmütter“), insbesondere Großmütter, umverteilt: „Ohne all diese Großmütter würde das Leben in solchen Familien überhaupt nicht funktionieren“, sagte ein Informant. Großmütter fungieren nicht nur als Betreuerinnen für die Kinder, sondern auch als Supervisorinnen für junge Väter, um die „man sich kümmern muss“.

Die meisten Großmütter werden von den Migrantinnen als hingebungsvolle Betreuerinnen beschrieben, auf die sie sich verlassen können. Allerdings scheint die Umverteilung der Mutterschaftsaufgaben nicht ohne Reibungsverluste zu verlaufen, denn in den Interviews wird von den betroffenen Großmüttern berichtet, dass sie sich physisch und psychisch oft nicht in der Lage sehen, ihrer Verantwortung gerecht zu werden (Krankheiten, fehlende Kondition usw.); als Generationsprobleme werden Kommunikationsprobleme mit ihren Enkelkindern beschrieben, die etwa in der Pubertät der Kinder auftreten oder durch die „digitale Lücke“ im Alltagswissen verursacht werden: Sie können die elektronischen Freizeitaktivitäten der Kinder nicht supervisieren. Aus Sicht der Mütter werden die Kinder zu sehr verwöhnt und Großmütter können die schulischen Probleme der Kinder nicht adäquat lösen.

3.3 Betreuungsmuster: Freundinnen, weibliche Verwandte und Geschwisterversorgung

In einigen wenigen Familien fanden wir die Übernahme der Care-Arbeit durch Freundinnen der Mutter oder weibliche Verwandte. Diese Beziehungen werden jedoch oftmals als instabil erfahren, da die Betreuung durch eigene familiäre Verpflichtungen erschwert wird (insbesondere, wenn sie selbst kleine Kinder haben). Die von uns interviewten Ersatzbetreuerinnen berichteten von Erschöpfung und Stress, der aus der Übernahme von zu viel Verantwortung resultiere; damit sind etwa Autoritätsprobleme, besonders mit Kindern im Teenager-Alter, gemeint (Schulverweigerung, Diskothekbesuche etc.), wobei sich Kinder den Anordnungen der Ersatzmütter mit dem Hinweis auf ein nicht bestehendes biologisches Elternverhältnis widersetzen. Hier zeigt sich die Grenze sozialer Elternschaft in einem Kontext, der biologische Elternschaft als ‚natürlich‘ normalisiert. Neben Freundinnen und Nachbarinnen, die die permanente Betreuung von Kindern übernehmen, fanden wir auch solche, die regelmäßig oder gelegentlich bezahlt oder unbezahlt Hausaufgabenhilfe, Altenpflege oder Notfallhilfe übernehmen.

In überraschend vielen Fällen in unserem Sample wurde die Betreuung jüngerer Kinder zeitweise durch ältere Geschwister übernommen, wobei hier nicht selten die geschlechterspezifische Arbeitsteilung fortgesetzt wird und es so vor allem Mädchen sind, die in die Haushalts- und Care-Arbeit einbezogen werden. [9]

Da in diesen Fällen die Eltern-Kind-Hierarchie fehlt oder zumindest undeutlich ist, sind die Älteren oft nicht in der Lage, die Rolle von „Quasi-Eltern“ zu bewältigen, und sind mit den von ihnen erwarteten Entscheidungen, jüngere Geschwister adäquat zu betreuen und finanzielle Angelegenheiten zu regeln, überfordert; auch fehlt ihnen die Zeit für sich selbst.

Zwischenergebnis

Festzuhalten bleibt die Tatsache, dass Care-Arbeit in der Mehrheit der von uns untersuchten Familien nicht zwischen den Geschlechtern, sondern zwischen weiblichen Personen umverteilt wird. Schlussendlich verändert sich die weibliche Genderkodierung dieser Arbeit nicht, sondern wird lediglich leicht verschoben.

In der Darstellung der (temporären) Abwesenheit der Mütter werden oftmals negative Auswirkungen auf die Familie konstatiert, die angeblich die Traumatisierung der Kinder bewirken (OSCE 2009). Hiermit verbunden ist die bekannte Figuration, Müttern die Vernachlässigung ihrer Kinder anzulasten, die im Konnex mit einem konservativen Familienmodell auch in den öffentlichen und politischen Debatten der Entsende- und Aufnahmeländer zu finden sind. Kritische (feministische) ForscherInnen haben allerdings dieser Form der „Naturalisierung“ widersprochen und darauf verwiesen, dass „Mutterschaft“ (mothering) verschiedene Formen des Sorgens um und des Sorgens für Kinder annehmen kann und neben lokal fixierter, biologischer Mutterschaft historisch auch lange schon die Mutterschaft aus der Distanz beziehungsweise „transnationale Mutterschaft“ als eine Option der Versorgungskompetenz existiert (für einen Überblick siehe Lutz 2007: 125ff.).

„Mutterschaft aus der Distanz“ ist eine Betreuungsform, bei der die Migration der Mütter nicht von vornherein als verwerflich betrachtet wird, sondern Kosten und Nutzen ex ante bewertet werden. Um beurteilen zu können, welche unterschiedlichen Kontexte in diesem Zusammenhang wirksam sind (siehe auch Zentgraf/Chinchilla 2008: 325), haben wir uns mit dem doing family der Mütter über geografische Distanzen hinweg beschäftigt.

3.4 Mutterschaft aus der Distanz: Skype-mothering

Diese Form der Mutterschaft stellt sich als sensible Kombination und Koordination von Abwesenheit und Nähe sowie von Emotionsmanagement dar und bedient sich eines wichtigen Instruments, der neuen Informationstechnologien. So ist aufgrund der niedrigen Kosten von Auslandstelefongesprächen oder per Internet (z. B. über den Internet-Telefonie-Anbieter Skype) für polnische Care-Arbeiterinnen die tägliche Kommunikation mit ihren Familien zum Normalfall geworden. Mütter sprechen mit ihren Kindern, Müttern und Ehemännern ausführlich über Belange des Alltagslebens. Dieser unbeschränkte Kontakt im virtuellen Raum hat die Qualität der transnationalen Mutterschaft stark verändert, denn Mütter sind stets über Angelegenheiten zuhause informiert, Kinder können ihre Mütter selbstgeleitet kontaktieren. So gelingt es Familienmitgliedern, trotz räumlicher Trennung ihre jeweiligen Befindlichkeiten und Gefühle auszudrücken. Die von uns interviewten Paare schicken einander „Liebesbotschaften“, Frauen ermöglichen ihrem zurückgebliebenen Ehemann, seine Beschützerrolle zu kontinuieren, indem sie ihn per SMS wissen lassen, dass sie am Arbeitsort unterwegs sind und ihren Zielort sicher erreicht haben; Kinder und Mütter beteuern sich gegenseitig, dass sie einander vermissen. Eine Weiterentwicklung dieser Art von Kommunikation ist die verbreitete Hard- und Software für die Internetkommunikation: Die migrierte Mutter und ihre Familienmitglieder verfügen an beiden Endpunkten über Computer und Webcams, mit deren Hilfe Alltagsentscheidungen getroffen werden (die richtige Farbe für die neue Küche); selbst Hausaufgaben der Kinder werden per Skype supervisiert und kontrolliert. Diese Beispiele zeigen, dass und wie als Praxis des doing-gender/doing-family über das Internet transnationale Mutterschaft im Alltagsleben entsteht.

Allerdings stoßen solche Fernkontakte an Grenzen, selbst dann, wenn alle Beteiligten scheinbar in dieser Form der Telekommunikation sozialisiert sind. Denn obwohl die Anrufe häufig stattfinden und sich beide Seiten an sie gewöhnen, betrachtete keine der von uns interviewten Personen diese virtuellen Kontakte als einen gleichwertigen Ersatz für physische Anwesenheit und Nähe: Kinder betonten, wie gern sie die Mutter bei sich hätten oder „mit Mutter nach draußen gehen würden, wie die anderen Kinder“, für sehr kleine Kinder sind Telefongespräche keine Option und für introvertiertere Kinder kann der Kontakt via Internet oder Telefon sehr schwierig sein. Außerdem ermöglicht virtueller Fernkontakt den Beteiligten auf beiden Seiten, ihre Gefühle oder das, was sie bewegt, zu verbergen: Kinder (können) lernen, ihre Mütter nicht mit schlechten Nachrichten aus der Schule oder familiären Problemen zu behelligen, und Erwachsene und Kinder (können) lernen, sich gegenseitig vor Nachrichten zu schonen, die die andere Seite in Sorge und Aufregung versetzen würde. Dabei spielt die geografische Entfernung immer eine Rolle, weil antizipiert wird, dass eine direkte Lösung ohne die jeweilige persönliche Anwesenheit nicht möglich ist. Schließlich ist auch zu konstatieren, dass nicht allen Migrantinnen unbegrenzte Telefonnutzung möglich ist: Deutsche und polnische ArbeitgeberInnen stören sich an Anrufen ihrer Pflegerinnen in Sprachen, die sie nicht verstehen, und untersagen ihnen, (zu bestimmten Zeiten) überhaupt anzurufen, da sie meinen, häufige Telefonate seien teuer und unnötig.

Für die in Polen arbeitenden Ukrainerinnen ist der Telefonkontakt stärker eingeschränkt, da die Gesprächskosten zwischen Polen und der Ukraine höher sind und viele Menschen in der Ukraine, besonders in ländlichen Regionen, nicht über ein Telefon verfügen.

3.5 Die Organisation der Mutterschaft als signifikante Bezugsperson

Wie bereits in anderen Studien beschrieben (Lutz 2007), bevorzugen transnationale Mütter aus Osteuropa ein Rotationssystem im Dreimonatsrhythmus, das es ihnen ermöglicht, alle zwei Monate zu ihren Familien zurückzukehren. Die Mehrheit der migrierenden Mütter in unserem Sample hat ihr Arbeits- und Familienleben nach diesem Muster organisiert, womit der Versuch einhergeht, ein Gleichgewicht zwischen der Häufigkeit und der Qualität ihrer Anwesenheit in der Familie und dem von ihnen meist selbst organisierten „Ersatz“ während der Abwesenheit herzustellen.

Um das Manko der Mutterschaft im herkömmlichen Sinne zu kompensieren, organisieren sie ihre Rolle als signifikante Betreuungsperson, die auch während ihrer Abwesenheit für Aufgabenverteilung oder die Kontrolle der Haushaltskasse zuständig ist, ihre persönlichen Besuche zuhause werden als Ereignis zelebriert. Dieser Autonomiegewinn ist allerdings mit einer doppelten Belastung verbunden, denn die Heimataufenthalte gestalten sich nicht als Erholungsurlaube, sondern dienen der Erledigung vernachlässigter Aufgaben im Haushalt und dem Versuch, die vorangegangene Abwesenheit emotional bei den Kindern zu kompensieren.

Trotz der vielen Schwierigkeiten transnationaler Betreuungsarrangements haben wir in unserer Erforschung solcher Konstellationen durchaus perfekt funktionierende Betreuungsarrangements vorgefunden. Diese zeichnen sich durch eine umfassende, strukturierte Organisation des Alltags mit klaren Ansprechpartner/innen für die Kinder aus; auch werden Kinder bei wichtigen Momenten in ihrem Leben (z. B. Passageriten wie Kommunion und am ersten Schultag) begleitet und für ausreichende emotionale Betreuung und Körperkontakt ist gesorgt. Während Großmütter die Kinder oft als „mutterlos“ bemitleiden, erziehen die Mütter sie dazu, selbstständig zu sein und sich nicht selbst zu bemitleiden.

3.6 Die Empfänger von Care-Arbeit

Wenn der 12-jährige Dawid, der Sohn von Paweł, der seit seinem 6. Lebensjahr nach der Schule allein zuhause war, über die Besuche seiner Mutter spricht, erwähnt er, dass er vor allem Körperkontakt mit der Mutter sucht, wenn er aus der Schule kommt: „… denn sie ist da, anders als Vater, der immer auf der Arbeit ist“. Das Kind registriert also genau die Unterschiede von Ab- und Anwesenheit der Eltern und wirkt sowohl äußerst selbstständig als auch sehr introvertiert. Die polnische Pädagogin Danilewicz spricht in solchen Fällen von einer „Kindheit ohne pädagogischen Schutz“, da die Kinder mit den gleichen Problemen konfrontiert würden wie Erwachsene (Danilewicz 2006: 71). Sie erfüllen quasi die Aufgabe, ein abwesendes Familienmitglied zu ersetzen, und über- nehmen die Rollen von Erwachsenen. So beschreibt etwa die heute 23-jährige Tatjana aus der Ukraine, die mit 13 Jahren ihre gelähmte Großmutter pflegte und sich um einen adoptierten Bruder kümmerte, ihren Alltag während der Abwesenheit ihrer Mutter:

„… im Ernst, es war für mich schwer, weil ... na ja, ich war damals 13 Jahre alt. Eh, zu Hause war die gelähmte Oma, die gepflegt  werden musste, ich musste in die Schule gehen und Hausaufgaben machen, eh, und sollte regelmäßig den Kleinen im Kinderheim besuchen. Ich dachte, dass ich ... das alles einfach nicht schaffen würde. […] Na ja, ich weiß es nicht, aber meistens sollte ich auf den Markt gehen, [der sich] neben dem neuen Warenhaus [befindet]. Die Oma hat die Liste vorbereitet, was ich kaufen soll. [Ich bin] auf den Markt [gegangen], als ich vom Markt kam, sollte was gekocht werden, dann waschen. Na ja, nicht jeden Tag, aber wir hatten keine Waschmaschine, wir hatten so ein altes Waschbrett, wenn Sie das kennen. Und das war für mich sehr schwer. Eh, aber ... Na ja, Wäsche waschen, trocknen, man hat immer eine Beschäftigung zu Hause gefunden, den Staub abwischen, staubsaugen, Oma baden, das konnte drei Stunden dauern, bis ich sie in die Badewanne setzte, und wieder rausholte ... Omas ganze linke Körperseite war gelähmt.“

Die Reaktion der Kinder auf die Migration ihrer Mütter steht nicht nur in einem direkten Zusammenhang mit den an sie gestellten Aufgaben, wie hier die Pflege einer gelähmten Frau, sondern auch mit der von den Müttern erbrachten Vorbereitung der Kinder auf die Trennung. Wenn die Gründe für die Erwerbsmigration, die Notwendigkeit und die Vorteile für die Familie überzeugend vermittelt werden können, wird die Trennung besser akzeptiert und bewältigt (Suárez-Orozco et al. 2002). Auch der soziale Status der Familie scheint von Bedeutung zu sein, denn Kinder aus der Arbeiterklasse haben tendenziell mehr Verständnis für die ökonomischen Notwendigkeiten der Trennung und sind weniger „anspruchsvoll“ als Mittelklassekinder (Zentgraf/Chinchilla 2008: 328).

In unseren Interviews mit Kindern hatten wir zwar erwartet, ein Echo der von den Eltern oft verwendeten Rhetorik der „Notwendigkeit der Migration“ zu hören, dennoch überraschte uns die Tatsache, dass viele Kinder detaillierte Kenntnis über die wirtschaftliche Lage ihrer Familie besitzen. Noch einmal der12-jährige Dawid:

  • „Was hältst du davon, dass Mama [so weit weg] zur Arbeit fährt?
  • Es ist gut und es ist schlecht. Gut weil … wir Geld haben. Und schlecht, weil es schwieriger zu Hause ist.
  • In welchem Sinne Geld, was ist dir wichtig, etwas wofür man Geld braucht?
  • Jetzt haben wir alles auf dem Tisch, verschiedene Salate und Koteletts, und wenn Mama nicht fahren würde, oder wenn das Baby da ist, dann wird es schwieriger sein, ansonsten werden wir Brot mit Butter essen. Aber Kuba [sein Freund] zum Beispiel, seine Mutter ist auch alleine, und da sind drei Kinder; sie kommen auch klar“.

In den meisten Fällen sind Kinder und Jugendliche mit der rhetorischen Legitimation der Migration ihrer Mütter vertraut. Im Laufe der Zeit können sich Erwartungen und Haltungen zu dieser Migration verändern. Viele Kinder gewöhnen sich an die neue Situation oder nehmen die Abwesenheit der Mutter insbesondere bei wichtigen (symbolischen) Momenten (etwa die Abschlussfeier der Schule) wahr. Zur „Normalisierung“ der Wahrnehmung der mütterlichen Migration trägt auch die Verbreitung des Phänomens (Akzeptanz oder Stigmatisierung) im sozialen Umfeld der Familie bei. Die meisten von uns interviewten Erwachsenen in Polen und in der Ukraine kennen in ihren Familien, in ihrer Nachbarschaft und ihrem Freundeskreis viele migrierende Frauen. Sie äußern sich dazu nicht unbedingt begeistert, akzeptieren diese Tatsache jedoch dann, wenn sie mit Freunden das gleiche Schicksal teilen, ohne mit ihnen jedoch über dieses Thema zu sprechen oder vielleicht sprechen zu müssen. Auf einem Bild, das Dawid zur Illustration seines „Alltagslebens mit und ohne Mama“ für uns gezeichnet hat, sind keine Menschen zu sehen. Auf die Frage, warum dies so sei, antwortete er: „Es gibt keine Menschen, weil Mama auf der Arbeit ist und Papa auch; normalerweise bin ich allein zuhause.“ Der Junge hat ganz offenbar die transnationalen Arbeitsorte seiner Eltern hier „normalisiert“, als gleichwertig behandelt; wichtig für ihn ist vor allem der menschenleere Haushalt, den er vorfindet, wenn er nach Hause kommt, und den identifiziert er als Folge der Arbeitssituation und nicht unbedingt der Migration.

Schlussfolgerungen

Im Gegensatz zu der eingangs beschriebenen Definition der global care-chains durch Arlie Hochschild, in der die Kommerzialisierung von Care-Arbeit eine Kettenreaktion zwischen (relativ) reicheren und ärmeren Ländern darstellt, haben wir in unserer Studie keinen einzigen Fall gefunden, in dem eine migrierende Mutter auf eine Mutterersatz-Migrantin zurückgegriffen hat; stattdessen überwiegen „unbezahlte“ Betreuungsarrangements, die von weiblichen Verwandten getragen werden, primär von Großmüttern. Allerdings profitieren diese Betreuungspersonen auch direkt oder indirekt von den Einkünften der Migrantinnen. Der Staat als Betreuungsleister (etwa der Kinderbetreuung) taucht hier nicht auf – besser gesagt, er taucht ab. Wie bereits in früheren Studien (Lutz 2007; Rerrich 2006) festgestellt, handelt es sich bei der Gruppe der Arbeitgeber/innen um ein Mittelschichtsphänomen der Aufnahmeländer, in unserem Fall sind die polnischen ArbeitgeberInnen nicht identisch mit den Migrantinnen, die in Deutschland arbeiten, sondern Vertreter/innen der städtischen Mittelklasse. Auch die Mehrzahl der Arbeitnehmerinnen – in unserem Fall der Polinnen und Ukrainerinnen, die Care-Arbeit verrichten – unterscheidet sich in der Bildungslage wenig von der der Arbeitgeber/innen. Aus unterschiedlichsten Gründen zählen sie allerdings zu den ökonomischen Verliererinnen der neoliberalen Transformationsregime und trachten mithilfe der Migration, ihren Mittelschichtsstatus zu erhalten beziehungsweise zu verbessern.

Weiterhin zeigen die Ergebnisse unserer Forschung, wie komplex sich die Frage des „Care-Replacement“ gestaltet und dass gerade hier eine genaue Betrachtung der Spezifika transnationaler Betreuungsarrangements wichtig ist, um der mächtigen Diskursfigur „Euro-Waisen“ eine differenzierte Sichtweise gegenüberzustellen. Horrorszenarien, wie sie in der Presse der Herkunftsländer gepflegt und mittlerweile auch von vielen NGOs übernommen werden, sind wenig hilfreich für die Abbildung der realen Probleme in den Haushalten vor Ort. Ganz im Gegenteil: Sie üben einen zusätzlichen Legitimationsdruck auf die Mütter aus. Unsere Ergebnisse weisen darauf hin, dass ein gelungenes Betreuungsverhältnis abhängt von der Qualität der Betreuung, etwa von der durch die Betreuenden vor Ort geleisteten emotionalen Arbeit, und der Organisation des transnationalen Kontakts mit der Mutter.

Wir sehen auch, dass die Familien der Migrantinnen sowohl in den Entsende- als auch in den Aufnahmeländern unter fehlender Unterstützung leiden. Entsendeländer betrachten ihre Migranten als „Investoren“ ihrer Volkswirtschaften, wobei die sozialen Kosten den Individuen überlassen bleiben. Dasselbe gilt für die Aufnahmeländer, in denen Migrantinnen als unmittelbar ökonomisch nützliche, temporäre Arbeitskräfte behandelt werden, vergleichbar mit dem früheren GastarbeiterInnensystem, bei dem die Verantwortung, in kulturelles Kapital zu investieren und soziale Risiken einzugehen, auf die Entsendeländer und die Individuen verschoben wurde. Die Diskussion über Migration und Care ist auch deshalb problematisch, weil sie von normativen Vorstellungen wie etwa geschlechtsspezifischen Normen über Care-Arbeit geprägt ist, in die die Veränderungen und Verschiebungen von Erwerbsarbeit (noch) keinen Eingang gefunden haben. Die Debatte über transnationale Mutterschaft hat gerade erst begonnen; sie muss fortgeführt werden durch Längsschnittstudien zur Beschreibung langfristiger und kurzfristiger Effekte von care drain für die betroffenen Angehörigen und Kinder.

 

Zu den Autor/innen
Helma Lutz, Prof. Dr., Goethe-Universität Frankfurt a. M. Schwerpunkt Frauen- und Geschlechterforschung im Fachbereich Gesellschaftswissenschaften: Institut für Gesellschafts- und Politikanalyse/Cornelia Goethe Centrum für Frauenstudien und die Erforschung der Geschlechterverhältnisse

Audio-Podcast: Interview mit Helma Lutz, aufgezeichnet auf der Tagung "Deutschland im Pflegenotstand – Perspektiven und Probleme von Care Migration" in der Heinrich-Böll-Stiftung am 11. März 2014, über die Auswirkungen der Care Migration für die Familien der Arbeitsmigrantinnen.

Ewa Palenga-Möllenbeck, M.A., wissenschaftliche Mitarbeiterin, Goethe-Universität Frankfurt a. M. Schwerpunkt Frauen- und Geschlechterforschung im Fachbereich Gesellschaftswissenschaften: Institut für Gesellschafts- und Politikanal

 

Hinweis: Dieser Text wurde vom Referat Sozialpolitik an einigen Stellen gekürzt.

Quelle: Helma Lutz, Ewa Palenga-Möllenbeck, "Das Care-Chain-Konzept auf dem Prüfstand. Eine Fallstudie der transnationalen Care-Arrangements polnischer und ukrainischer Migrantinnen", In: Sigrid Metz-Göckel/Carola Bauschke Urban (Hrsg.) Transnationalisierung und Gender. Special Issue for GENDER. Zeitschrift für Geschlecht, Kultur und Gesellschaft 1/ 2011, S. 9-27, Barbara Budrich Verlag.


Endnoten:
[1] Das Projekt (Laufzeit 2007–2010) wurde von der Deutschen Forschungsgemeinschaft finanziert.
[2] Datengrundlage war die Analyse der medialen Diskurse in Polen und der Ukraine zu den Themen Migration, transnationale Erziehung und Care. Dabei wurden 181 Artikel der polnischen und 559 der ukrainischen Presse aus einem Zehnjahreszeitraum (1997–2007/2008)  analysiert. Für Polen wählten wir die beiden Tageszeitungen Gazeta Wyborcza und Rzeczpospolita, das Boulevardblatt Super Express und die regionale Tageszeitung Nowa Trybuna Opolska, für die Ukraine die landesweiten  Tageszeitungen Fakty i Kommentary, Ukraina Moloda sowie die regionale Tageszeitung Lvivskaja Gazeta und die kostenlose Tageszeitung 15 Minut.
[3] Gleiches gilt im Übrigen für den migrationswissenschaftlichen Diskurs.
[4] Angeblich stammt der Begriff von polnischen PsychologInnen, in deren Praxen sich immer mehr Kinder von MigrantInnen einfanden.
[5] Die Studie von Walczak (2008), die Kinder und Jugendliche im Alter zwischen 9 und 18 Jahren berücksichtigt,  kommt zu dem Ergebnis, dass 3000–6000 MigrantInnenkinder länger als ein Jahr lang von beiden Eltern getrennt leben (Walczak 2008: 32).
[6] Im Mai 2010 verabschiedete das ukrainische Parlament lediglich das sog. Feldman-Gesetz, aufgrund dessen ArbeitsmigrantInnen für die Zeit ihrer Abwesenheit eine temporäre Vormundschaft für ihre Kinder beantragen können.
[7] Unsere Daten bestehen aus 22 narrativen biografischen Interviews mit polnischen und ukrainischen Migrantinnen und  41 teilstandardisierten Interviews mit Familienmitgliedern (Ehemännern, Großeltern, Kindern, Freunden), die in Deutschland,  Polen und der Ukraine geführt wurden.
[8] Diese Erkenntnis finden wir auch bei alleinerziehenden deutschen Vätern nach der Trennung von bzw. dem Tod der Mutter. Sowohl die Väter selber wie auch ihr soziales Umfeld nehmen diese Familienform als defizitär, „abartig“ und „exotisch“ wahr (Matzner 2007: 236f.).
[9] Dass auch dies kein typisch osteuropäisches Phänomen ist, zeigt eine deutsche Studie über die Vereinbarkeit von Familie und Beruf bei berufstätigen Eltern mit „atypischen Arbeitsverhältnissen“ (Jurczyk et al. 2009: 235f.). Diese Strategie wurde vorwiegend in Ostdeutschland vorgefunden. Die AutorInnen führen dies auf die spezifischen ostdeutschen demografischen Strukturen zurück, in denen es mehr Kinder gibt und zwischen diesen teilweise ein Altersunterschied von 8–10 Jahren liegt, was mit der politischen Wende in der DDR einhergegangen sei.

 

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