"Mein Haus, aber noch mein Leben?"

"Mein Haus, aber noch mein Leben?"

Neubausiedlung Bairro Carioca, Rio de Janeiro
Bairro Carioca ist eine typische Neubausiedlung nahe Rio de Janeiro. Sie wurde für zwangsumgesiedelte Menschen errichtet, die ihre Häuser für WM-Bauvorhaben verlassen mussten — Bildnachweise

Jeane, Luisa und Suely wohnten bis vor drei Jahren in Armenvierteln im Viertel Recreio, im Westen Rio de Janeiros. Ihre Geschichten geben Einblicke in die Praxis und Konsequenzen der Umsiedlungen, die derzeit im Zusammenhang mit den kommenden Großereignissen WM und Olympiade stattfinden. Die Stadtverwaltung zwang die drei Frauen, ihre Häuser zu verlassen und brachte zwei von ihnen in Neubausiedlungen unter, die im Rahmen des staatlichen Sozialwohnungsprogramms "Mein Haus, Mein Leben" ("Minha Casa Minha Vida", MCMV) entstanden.

Diese Siedlungen befinden sich meistens am Stadtrand. In Rio de Janeiro kann das bedeuten, dass die neue Wohnung mehr als 60 Kilometer von den ursprünglichen Wohnorten der Bewohner/innen entfernt liegt. Der Zugang zu öffentlichen Verkehrsmitteln sowie Bildungs- und Gesundheitseinrichtungen ist an diesen Orten sehr schwierig oder gar nicht vorhanden.

Die Umsiedlung in eine Wohnanlage des MCMV-Programms ist eines der Angebote an Menschen, die von einer Umsiedlung betroffen sind. MCMV ist Teil der Wohnungsbaupolitik der brasilianischen Regierung und wurde 2009 ins Leben gerufen. Durch dieses Programm fördert die Regierung den Bau von Sozialwohnungen für Familien mit einem Monatseinkommen von unter 1.600 Euro. Bei Familien, denen nur bis zu drei monatliche Mindestgehälter zu Verfügung stehen (insgesamt ca. 750 Euro) wird die Kaufsumme komplett subventioniert, Familien mit bis zu zehn Mindestgehältern (insgesamt ca. 2.500 Euro) bekommen günstige Zinssätze.

In Rio de Janeiro sind einige MCMV-Neubausiedlungen ausschließlich für die Umsiedlungsprogramme im Rahmen der Großereignisse vorgesehen. Da Entschädigungszahlungen in der Regel zu niedrig sind, um neue Häuser zu kaufen, stimmen viele Familien dem Beitritt zum MCMV-Programm zu. Das MCMV-Programm zahlt den Bauunternehmen einen Festpreis pro Wohnanlage. Dieser Festpreis ist unabhängig von Größe und Lage der Wohnungen, es müssen lediglich einige Mindeststandards eingehalten werden. Um ihren Profit maximieren zu können, bauen die Bauunternehmen die Wohnungen an der Untergrenze der Standards und oft in unattraktiven Randlagen. Jeane, Luisa und Suely berichten hier, wie die Umsiedlungen sich auf ihr Leben ausgewirkt haben.


Jeane musste ihr Haus in der Siedlung Vila Recreio II im Dezember 2011 verlassen, als die Stadt mit den Bauarbeiten für den Grota Funda Tunnel begann. (Der Tunnel ist Teil der neuen Transoeste-Schnellstraße. Die Transoeste ist eines der großen Infrastrukturprojekte im Rahmen der Großereignisse in Rio de Janeiro.) Jeane nahm das Angebot an, in eine Wohnanlage des MCMV im Stadtteil Campo Grande zu ziehen, wo sie heute mit Mann, Sohn und Schwiegermutter lebt.

Jeane, sind Sie in der Vila Recreio II aufgewachsen?
Nein, ich habe da aber etwa acht Jahre gelebt. Als ich ankam, gab es die Siedlung bereits. Ich habe erst zur Miete gewohnt, später konnten wir dann unser Haus kaufen. Es war ein kleines Häuschen, aber als ich schwanger war, haben wir es renoviert. Wir hatten das hübscheste Haus in der Siedlung. Das ist ja das Traurige an der Sache.

Warum haben Sie sich für die Umsiedlung in eine MCMV-Anlage entschieden?
Wir hatten keine Wahl. Von dem Geld einer Entschädigung hätten wir uns nirgendwo ein Haus leisten können.

Wie viel hat die Stadt Ihnen als Entschädigung angeboten?
6.400 Euro. Wo findet man schon ein Haus für 6.400 Euro? Wir haben sogar gesucht, aber nichts gefunden.

Was hat sich für Sie nach dem Umzug verändert?
Die Gegend hier in Campo Grande ist nicht einmal so schlecht, aber unser Leben dreht sich noch immer um unsere alte Nachbarschaft. Und die Verbindung dorthin ist miserabel. Der Schnellbus BRT (Bus Rapid Transit) ist immer überfüllt, es ist ein Riesenchaos. Wir kommen schon erschöpft bei der Arbeit an, und noch erschöpfter wieder nach Hause. Außerdem gibt es hier keine öffentlichen Schulen. Seit drei Jahren kann ich meinen Sohn in keiner Kindertagesstätte anmelden. Jetzt wird er auf eine Privatschule gehen. Wir versuchen noch, ein Stipendium zu bekommen. Die Schule kostet 140 Euro im Monat. Ich bin Hausangestellte von Beruf, das reicht nicht für solche monatlichen Kosten. Mein Mann ist arbeitslos, das liegt auch an den schlechten öffentlichen Verkehrsmitteln, es ist alles zu weit weg. Es gibt hier ein paar Verkäufer-Jobs, aber das ist viel zu gering bezahlt, um eine Familie zu ernähren. In dieser Wohnung gab es noch keinen richtigen Fußboden, als wir eingezogen sind. Den haben wir selbst gemacht. Das Küchenfenster war auch noch nicht drin.

Haben Sie eine Besitzurkunde für diese Wohnung?
Nein, und ich habe auch keine Ahnung, wann ich die bekomme.


Luisa, 42 Jahre alt, ist die ehemalige Nachbarin von Jeane in der Vila Recreio II und wohnt allein. Sie wurde in eine Einzimmerwohnung in einer anderen Wohnanlage des MCMV in Campo Grande umgesiedelt.

Hat man Ihnen auch die Wahl gegeben, eine Entschädigung zu erhalten, statt hierher zu ziehen?
Nein, mir nicht. Es hieß, entweder das hier oder nichts. Das ging alles so schnell, ich habe die Leute nicht einmal persönlich getroffen, ich arbeitete ja Tag und Nacht. Ich habe alles nur gerüchteweise erfahren.

Was halten Sie von der Wohnanlage?
Es gibt Risse in den Mauern. Im oberen Teil der Anlage sind die Abwasserrohre verstopft. Die Bewohner dort haben sich zusammengetan, um die Rohre frei zu machen, aber am Ende landet das ganze Abwasser bei uns hier unten. Der Bau ist ein einziger Pfusch. Und niemand macht hier in der Wohnanlage sauber. Wir könnten natürlich jemanden dafür anstellen, aber keiner hier hat Geld für so etwas. Als wir hier ankamen, war noch alles ganz ordentlich, jetzt ist es ein großes Durcheinander – weil die Stadt sich hier nie blicken lässt, keiner kümmert sich. Und dann sollen wir noch 16 Euro Instandhaltungskosten bezahlen. Glaubst du, dass sich hier jemand das leisten kann, 16 Euro jeden Monat? Hier gibt es nur niedrige Einkommen, manche Leute haben nicht genug Geld, um zu essen. Das sind Leute, die an Ampeln Wasserflaschen verkaufen.

Leben Sie gern hier?
Nein. Ich glaube, niemand mag diesen Ort. Es gibt hier zu viele Probleme. Und dann ist es noch so weit draußen. Wer ein Auto oder Motorrad hat, kommt zurecht. Aber alle anderen müssen weite Strecken laufen, im Morgengrauen oder nachts. Auch der Supermarkt ist weit weg. Außerdem wohnen wir hier sehr nah aufeinander. Durch die Wände kann man jedes Wort hören. Man hat hier überhaupt keine Privatsphäre.

Was fehlt Ihnen am meisten?
In der Vila Recreio II musste ich nur aus dem Haus gehen und war schon direkt bei meiner Arbeit. Es gab Busse überallhin, und man musste nicht kilometerweit bis zur Haltestelle laufen.

Haben Sie Ihren Job behalten?
Ich arbeite noch am selben Ort, im Recreio Shopping Center, aber nicht mehr im selben Geschäft. Als ich umgesiedelt wurde, musste ich an einem Werktag hierher kommen, um Papiere zu unterschreiben. Da hat mich meine damalige Chefin sofort entlassen. Ich hatte da eine ganz offizielle Stelle, habe auf Lohnsteuerkarte gearbeitet.

Wie fühlen Sie sich, wenn Sie jetzt jeden Tag in Recreio die leeren Grundstücke sehen?
Das hat uns alle verletzt, erst mal waren alle ziemlich traurig, manche waren regelrecht depressiv. Das ist jetzt vorbei. Wir sind seit drei Jahren hier, jetzt muss man nach vorne schauen.

Fühlen Sie sich als Besitzerin dieser Wohnung?
Nein, das sind nicht unsere Wohnungen. Wir haben keine Verträge. Es hieß, wir würden sie nach fünf Jahren bekommen. Jetzt sind wir schon drei Jahre hier und haben noch keinerlei Anrecht.

Würden Sie gern von hier wegziehen?
Die Wohnung gehört mir nicht, also kann ich sie nicht vermieten. Ich traue mich nicht.


Suely, 61 Jahre alt, ist Krankenschwester und war die Vorsitzende der Vila Harmonia, einer Siedlung wenige Kilometer von der früheren Vila Recreio entfernt. Sie ist eine der wenigen, die das Angebot ausgeschlagen haben, in eine MCMV-Anlage umzusiedeln. Mit der Entschädigung und dem Geld ihres Mannes kauften sie ein kleines Haus in Pedra de Guaratiba, in dem sie nun allein lebt, nachdem ihr Mann starb.

Wie ist die Räumung der Vila Harmonia abgelaufen?
Eines Tages kam meine Tochter und sagte: „Mama, hier passiert etwas Komisches, da sind Leute von der Stadt, die bieten an, an einem Sanierungsprogramm teilzunehmen." Ich bin da hingegangen und sah, wie eine Sozialarbeiterin Nachbarn von mir registrierte. "Merkwürdig", sagte ich, „ich beziehe doch weder Bolsa Família [Förderprogramm für arme Familien, d.Ü.], noch habe ich sonst etwas beantragt." Da erklärte das Mädchen, dass es sich um Registrierungen für die Umsiedlung handelte. Meine Antwort lautete: "Nichts da, meine Leute gehen nicht nach Campo Grande." Mit mir haben sich 30 Familien gewehrt, und das sind alle die, die heute hier leben. Die anderen, die das Angebot der Stadt angenommen haben, beschweren sich jetzt.

Also haben sich 30 Familien gewehrt. Und wie viele sind nach Campo Grande gegangen?
Ungefähr 80 Familien sind gegangen. Viele wohnten zur Miete. Die haben nichts bekommen. Die Leute von der Stadt wollten uns auch gegeneinander aufbringen. Für die Entschädigungen haben sie die Häuser willkürlich eingeschätzt und dabei einige kleinere, die in schlechterem Zustand waren, höher als andere bewertet, um die Gemeinde zu spalten.

Wie ist heute Ihr Verhältnis zu den ehemaligen Nachbarn, die in MCMV-Anlagen gezogen sind?
Für das, was sie jetzt haben, hat es sich nicht gelohnt, den Kampf aufzugeben. Da, wo sie jetzt sind, gibt es keine Busse und auch sonst nichts. Sie wurden reingelegt. Wir, die weiter gekämpft haben, haben alle Geld bekommen und uns woanders Häuser gekauft – ganz legal mit Besitzurkunde. Die Umgesiedelten haben überhaupt keine Papiere, sie können ihre Wohnungen nicht verkaufen, sie können nichts tun.
Besonders wütend bin ich über die Behauptung, ich hätte mein Grundstück "besetzt". Warum bin ich eine Besetzerin? Ich bin in Recreio geboren! Der Großvater meiner Mutter ist in Recreio geboren. Ihnen wurde das Grundstück noch zu Zeiten der Sklaverei geschenkt. War mein Urgroßvater ein Landbesetzer? Warum, wenn er doch dort geboren ist? Ich werde jetzt 61 Jahre alt, mein bisschen Schulbildung musste ich mir sehr hart erkämpfen. Zwölf Kilometer musste ich zu Fuß zur Schule laufen, damals gab es überhaupt nichts in Recreio, das war praktisch mitten auf dem Land. Wir haben unser Haus in der Vila Harmonia 1973 gebaut, wir waren die ersten dort. Damals interessierte sich kein Mensch für das Land in Recreio.


Zwangsräumungen in Rio de Janeiro – eine Übersicht der bereits geräumten oder von Räumung gefährdeten Gemeinden im Rahmen der Megaevents

Bildnachweise

Im Vorfeld von WM und Olympia werden tausende Brasilianer zwangsumgesiedelt. In etwa 3.000 Familien mussten in Rio de Janeiro ihre Wohnorte und ehemalige Gemeinden bereits verlassen. Weitere 8.000 sind hier von Umsiedlungen bedroht. Diese Karte dokumentiert die Standorte, sowie den aktuellen Stand der geräumten oder bedrohten Gemeinden vor den Sportgroßereignissen in Rio. Auf der Karte öffenen sich mit einem Klick auf die roten Markierungen mit Feuersymbol Fenster mit weiteren Informationen zu den einzelnen Fällen.

Unsere Karte unterteilt die Zwangsumsiedlungsmaßnahmen im Rahmen der Megaevents in drei Kategorien:

  1. Zwangsumsiedlungen im Raum des geplanten "porto maravilha" – ein städtebauliches Projekt zur massiven Umstrukturierung und Aufwertung der Hafengegend.
     
  2. Zwangsumsiedlungen um Raum zu schaffen zum Bau von Sportstätten und anderer funktioneller Immobilien für die Megaevents.
     
  3. Zwangsumsiedlungen im Rahmen der Modernisierung des öffentlichen Nahverkehrs (Fahrtrassen für die Projekte Transoeste, Transcarioca und die Transolímpica).


Zusätzlich finden sich auf der Karte Informationen zu den Standorten des staatlichen Sozialwohnungsbauprogramm "Minha Casa, Minha Vida" (MCMV, zu deutsch: "mein Haus mein Leben"). Es sind die neue Unterkunft der zwangsgeräumten Familien. Der Großteil der neuen Siedlungsgebiete befindet sich im äußersten Stadtwesten – mit Entfernungen von bis zu 60 Kilometern zum alten Wohnort.

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