Energie sucht Zukunft

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Windräder in GriechenlandWindräder in Griechenland. Urheber/in: Patsnik . Creative Commons License LogoDieses Bild steht unter einer Creative Commons Lizenz.

Die Atomkraft gehört neben Kohle und Stahl zu den ersten Gemeinschaftsprojekten der Europäischen Integration. Schon 1957 gründeten die sechs Länder Deutschland, Frankreich, Belgien, Niederlande, Luxemburg und Italien die Europäische Atomgemeinschaft (Euratom), um mit vereinten Kräften die Atomenergie in Europa zu etablieren und damit die Energieversorgung sicherzustellen. Noch heute finanziert Euratom die Erforschung der Kernenergie und gewährt Kredite, um Atomkraftwerke zu errichten oder zu modernisieren; ihr Etat liegt bei rund 300 Millionen Euro jährlich.

Doch drei der Gründernationen haben inzwischen ein Ende der nuklearen Stromerzeugung beschlossen: neben Deutschland auch Belgien, wo der Atomausstieg parlamentarisch beschlossen wurde, und Italien, wo er bereits umgesetzt ist. Nur in 14 der 28 EU-Mitgliedstaaten wird derzeit überhaupt Atomstrom produziert. Der Ausstieg liegt im Trend: Von 1989 bis 2013 ist die Zahl der Reaktoren auf dem Gebiet der heutigen EU und der Schweiz um ein Viertel gesunken. Es wird auch immer weniger Atomstrom produziert. 2003 waren es noch 31 Prozent der Gesamtenergieerzeugung, 2012 nur noch 27 Prozent, davon fast die Hälfte in Frankreich. Selbst dort soll der Anteil der Atomkraft am Energiemix bis zum Jahr 2025 von derzeit 75 Prozent auf 50 Prozent fallen.

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Doch es gibt auch Pläne, die Kapazitäten zu erweitern. In Frankreich und Finnland entstehen Reaktoren, deren Bau sich bei explodierenden Kosten allerdings laufend verzögert. Neben Großbritannien setzen auch EU-Länder im Osten weiter auf die Atomkraft. Polen will neu einsteigen, Tschechien, Ungarn, Rumänien und die Slowakei wollen ihre Kapazitäten erweitern. Dabei hat der europäische Stresstest für AKWs nach dem Reaktorunfall von Fukushima auch bei deren Meilern Sicherheitsmängel nachgewiesen, und auch in diesen Ländern gibt es keine sicheren Endlagerstätten. Doch den Regierungen gilt die Atomkraft als klimaverträgliche Alternative zu Kohle und Gas. Den östlichen EU-Mitgliedern geht es auch darum, die Unabhängigkeit von russischem Gas zu sichern. Dass der Bau der neuen Reaktoren in Ungarn und Tschechien mit russischer Hilfe erfolgen soll, wird dabei nur ungern thematisiert.

Auf dem freien Markt lassen sich Neubauten nicht realisieren. Die niedrigen Handelspreise für Strom erzwingen Subventionen, die von der EU genehmigt werden müssen. Ein neuer britischer Reaktor soll finanziert werden, indem die Betreibergesellschaft um den französischen Staatskonzern EDF 35 Jahre lang einen lukrativen Abnahmepreis für den Strom erhält. Der Vergütungssatz liegt 50 bis 100 Prozent über dem für deutschen Ökostrom. Bei den Staatshilfen steht die Atomkraft damit in direkter Konkurrenz mit den erneuerbaren Energien. Deren Anteil am Stromverbrauch in der EU lag im Jahr 2012 bereits bei 22 Prozent. Die EU könnte den Bedarf sogar vollständig aus Erneuerbaren Energiequellen decken, wenn der politische Wille vorhanden wäre. Die natürlichen Voraussetzungen sind da, die ökonomischen auch.

 

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Das Rennen läuft aber nicht nur zwischen den erneuerbaren Energien und der Atomkraft. Auch die Kohlekraft hat, nachdem ihr Anteil in den letzten Jahrzehnten rückläufig war, seit 2009 wieder an Bedeutung zugenommen. Der Weltmarktpreis für Steinkohle ist konkurrenzlos günstig, bedingt durch den Gasboom in den USA, der die Nachfrage sinken ließ. Zugleich hat die EU Reformen beim ineffektiven Handel mit Verschmutzungsrechten versäumt, was zu einem sehr niedrigen Preis für CO2-Emissionen geführt hat. So steigt der Anteil der klimaschädlichsten Energieform trotz der gemeinsam formulierten Klimaziele wieder, und klimafreundliche Gaskraftwerke werden aus dem Markt gedrängt.

Wie der Energieträger der Zukunft aussieht, wird von den Klima- und Energiezielen für das Jahr 2030 abhängen, die der Europäische Rat im Jahr 2014 einstimmig festlegen soll. Doch von einer Linie bisher keine Spur: Deutschland, Belgien, Dänemark, Österreich und andere wollen verbindliche Vorgaben für die CO2-Reduktion, einen Energiemix und Einsparungen. Briten und Polen setzen auf CO2-freien Atomstrom. Ein "technologieneutraler" Ansatz könnte sogar zu einer Einspeisevergütung für Atomkraft führen. Auch das Emissionsziel für 2030 ist umstritten. Setzt sich ein unambitioniertes Konzept durch, wird der Emissionshandel auch in Zukunft keinen Preisdruck ausüben, um die klimaschädliche Kohle aus dem Markt zu drängen und klimafreundlichen Gaskraftwerken sowie Erneuerbaren Energien den Vorrang zu geben.


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