Recife vor der WM: Die Bilanz einer (Fehl)-Investition?

Städtische Abrissarbeiten in Recife für das Fußball-Viertel "Cidade da Copa"
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Städtische Abrissarbeiten in Recife für das Fußball-Viertel "Cidade da Copa"

Am Strand von Boa Viagem, der immer noch die meisten Touristen Recifes anzieht, hängen Schilder, die vor Haiangriffen warnen. Das Problem existiert erst seit kurzem – bis Anfang der Neunziger Jahre konnte man dort sorglos baden. Doch seit im Süden der Stadt ein neuer Hafen entstanden ist, hat das Küstenökosystem gravierende Veränderungen erfahren. Die Umweltauswirkungen haben seit 1992 schon 59 Todesopfer gefordert.

Dieses symbolträchtige Beispiel zeigt: Pernambuco sieht sich im Entwicklungsdilemma gefangen. Denn immer wenn in den letzten Jahren an einer Stelle verstärkt investiert wurde, führte dies an anderer zu neuen Problemen. Während Gesetze, die den Investitionsprojekten im Wege stehen, oft sehr flexibel gehandhabt wurden, ignorierten die Behörden oftmals zentrale Umwelt- und Sozialbelange.

Die Pernambuco Arena - mit einem der teuersten Stadien der Welt

Recife ist die Hauptstadt Pernambucos und jene WM-Spielstätte, in der am 26. Juni Deutschlands Fußball-Elf gegen die USA antritt. Und doch kann es sein, dass die Stadt bei der Weltmeisterschaft nur eine Nebenrolle spielen wird. Zunächst wurde die "Pernambuco Arena" im Nachbarort São Lourenço da Mata errichtet, an der Grenze zu Camaragibe und zum Stadtrand Recifes. Möglicherweise verzichtet Recife auch darauf, das "FIFA-Fanfest" - das eigentlich an jedem der WM-Spielorte stattfinden soll - auszurichten. Die Konsequenzen des Gastspiels der Fußball-WM wird die Stadt sicher noch lange spüren. Bevor hier für die Weltmeisterschaft gebaut wurde, war São Lourenço ein ländliches Gebiet am Rande der Großstadt. Zwischen der "Pernambuco Arena" und Recifes Stadtzentrum liegen 20 Kilometer. Wegen dieser Entfernung blieben die Proteste, die während des Confederation Cups auf den Straßen Recifes stattfanden, von den Nationalmannschaften und dem Fußballbetrieb unbemerkt.

Das Stadion ist Teil eines Projekts der städtischen Erweiterung Recifes und hat etwa 210 Millionen Euro gekostet. Das ursprüngliche Budget von 170 Millionen Euros wurde überschritten, vor allem wegen der Eile im Vorfeld des Confederation Cups. Das abschließende, korrigierte Budget wurde allerdings noch nicht offiziell bekannt gegeben. Die "Arena Pernambuco", die auf der Liste der teuersten Stadien der Welt Platz 14 belegt, wurde mit drei Krediten staatlicher Banken finanziert, die zusammen fast 290 Millionen Euro betragen. Zwei der Kredite wurden für den Bau des Stadions benötigt, der dritte deckt über 30 Jahre hinweg die Garantien der Regierung für Instandhaltung, Betrieb und Profite der Investoren. Bislang sind die Zuschauerzahlen in der "Pernambuco Arena" bei Spielen lokaler Mannschaften offenbar unter den Erwartungen geblieben – trotz des Umstands, dass die Regierung kostenlose Eintrittskarten über ein Bonuspunkte-Programm zur Förderung der Steuerehrlichkeit verteilt.

Beim ersten Testbetrieb, während des Confederation Cups, musste das Publikum auf dem Weg ins Stadion massive Schwierigkeiten überwinden. An der Metrostation im Stadtteil Cosme e Damião in der Nähe des Stadions (in dem Dutzende Familien enteignet wurden) gab es enorm lange Schlangen. Wer mit dem Auto kam stand lange im Stau und musste dann auf Spezialparkplätzen parken, von denen Sonderbuslinien die Zuschauer zum Stadion brachten. Für die Weltmeisterschaft hofft man allerdings, dass das Parksystem effizienter wird und die Zuschauer nicht wie beim Vorbereitungsturnier über zwei Stunden für den Weg zum Stadion brauchen. Urspünglich geplant war,  dass der Zugang zur "Pernambuco Arena" hauptsächlich per Metro erfolgen sollte. Doch die Metrostation ist rund 2,5 Kilometer vom Stadion entfernt.

Kein FIFA-Fanfest in Recife?

Auch die zweite WM-Attraktion Recifes, das FIFA-Fanfest, bereitet Probleme. Angeblich gab es Pläne, die Party in das 120 Kilometer entfernte João Pessoa, die Hauptstadt des Bundesstaates Paraíba, zu verlegen. Ursprünglich sollte das FIFA-Fanfest am "Kilometerstein 0" stattfinden. Ein Grund für den Wechsel des Party-Ortes könnte sein, dass der Gouverneur Pernambucos und Herausforderer der Präsidentin Roussef, jegliche Konflikte vermeiden will, die auf die Probleme bei den Bauvorhaben unter seiner Regierung hinweisen könnten. Sogar 3 Wochen vor WM-Beginn war noch unklar, ob die FIFA-Party stattfinden würde. Die dafür notwendigen Kosten von 11 Millionen Reais - um der FIFA und den offiziellen WM-Sponsoren die Bühne für das Fest zu schaffen - sollten allein von öffentlicher Hand getragen werden. Und dies stieß in Recife bei der Stadtverwaltung, auch auf Grund der vielen vergangenen Proteste, auf großen Widerstand.

Schon während des Confederation Cups gab es städtische Übertragungen der Spiele auf Großleinwänden. Dies fand allerdings so geringen öffentlichen Zuspruch, dass die Stadtverwaltung schließlich einige Übertragungen wieder absagte. Die FIFA drohte derweil mit Klage und verweist auf die rechtliche Verpflichtung der Städte alle nötigen Strukturen bereitzustellen. Unter Zeitdruck zeichnete sich ein Kompromiss ab, der lange nicht möglich schien: Auf Drängen der Stadt wird die FIFA nun auch privaten Sponsoren erlauben, sich auf dem Fest zu präsentieren. Laut örtlichen Medien steht ein großer brasilianischer Spirituosenhersteller bereit. George Braga, städtischer Minister für Sport und die Fußball-Weltmeisterschaft, hatte außerdem vorgeschlagen, den Zeitraum des Festes auf 14 Tage zu reduzieren um die Kosten zu halbieren. Erst Ende Mai bestätigte der Generalsekretär der FIFA, Jérôme Valcke, die Austragung des Fanfestes. Öffentliche Mittel sollen zumindest dafür nicht ausgegeben werden, so die Stadtverwaltung.
 


Vertreibungen für den Bau des Immobilienprojekts "Cidade da Copa"

Der Bau der "Pernambuco Arena" im vormals beschaulichen São Lourenço vertrieb viele Händler, die dort regionales Essen verkauften, ohne dass ihnen Alternativen geboten wurden. Allerdings kann man in der Nähe des Stadions jetzt fünf Restaurants mit traditioneller Küche finden. Einige werden von ehemaligen Bewohnern der Siedlungen betrieben, die dem Stadionbau oder dem "Cidade da Copa"-Projekt weichen mussten.

Laut Ricardo Leitão, Sonder-Stadtsekretär für die Weltmeisterschaft, herrschte in dieser Gegend "eine ökonomisch-demographische Leere". Daher habe die Regierung das Immobilienprojekt "Cidade da Copa" hierher geholt, um städtische Investoren anzuziehen. "Diese Entscheidung wurde unter urbanen Gesichtspunkten getroffen und wird sicherlich ein wichtiges Erbe der WM für die städtische Neustrukturierung des Großraums Recife."

Uns so soll die "Stadt der Weltmeisterschaft" ein Wohnviertel und Gewerbegebiet vor den Toren der Großstadt werden. Geplant sind ein Shopping-Center, moderne Wohnanlagen, Konferenzzentren und eine Anbindung an den öffentlichen Nahverkehr. Als Bauherr tritt der multinationale Immobilienriese Odebrecht auf. Für Ricardo Leitão ist das Bauvorhaben eine wichtiger Motor für das wirtschaftliche Wachstum im Großraum Recife. Für das "Cidade da Copa" Projekt mussten hunderte Familien ihre Häuser und Wohnungen verlassen. Sie bekamen eine finanzielle Entschädigung, die in beinahe jedem einzelnen Fall zu gering war, um sich eine neue Unterkunft mit vergleichbarem Standard zu suchen.

Die versprochenen Investitionen in die Mobilität, die Alternativen zum chaotischen Straßennetz Recifes schaffen sollten, führen in letzter Minute zu Improvisationslösungen: So verlief es auch beim Projekt Ost-West BRT ("Bus-Rapid-Transit"), einer Linie, die ursprünglich von Recife bis Camaragibe reichen sollte und dann doch verändert wurde. Das Ergebnis: In Camaragibe werden nun vier BRT Stationen nicht gebaut, damit die Strecke bis zur WM fertig wird, obwohl diese Stationen einen wichtigen Zugang zum Stadion bieten würden. Auch die erhöhten Haltestellen wurden gestrichen und die Fertigstellung auf die Zeit nach der Weltmeisterschaft verschoben. Aber auch dies scheint ungewiss, so wie es auch fraglich ist ob das Großprojekt "Cidade da Copa" überhaupt realisiert wird.

Das Ende der Siedlung São Fransisco

Wenige Tage vor dem Karneval Anfang dieses Jahres und als auf den Straßen aller wichtigen Städte Pernambucos schon festliches Treiben herrschte, hörte die Siedlung São Fransisco praktisch auf zu existieren. Über 100 Familien mussten ihre Häuser verlassen und ließen dabei einen Teil ihrer Lebensgeschichte zurück. Die Menschen verloren nicht nur ihre Heime, sondern auch ihre sozialen Bindungen - und waren gezeichnet von der stillen Gewalt, die sie bei der Räumung ihrer Siedlung erfahren mussten. Dies ist nur ein Beispiel für die vielen strukturschwachen Gemeinden, die von den Vorbereitungen für die Weltmeisterschaft besonders hart getroffen wurden.

São Fransisco ist etwa sechs Kilometer vom WM-Stadion Pernambucos entfernt, in dem vier Mannschaften, einschließlich der deutschen, spielen werden. In dieser Siedlung wurden mehrere Straßenzüge enteignet, um für den Bau von Zufahrtswegen und einem Busbahnhof Platz zu schaffen. Viele der Bewohner/innen der Siedlung wurden gezwungen, ihre Häuser zu verlassen, noch bevor sie eine Entschädigung erhalten hatten. Einige versuchten, vor Gericht zu ziehen.

Ana Paula Cosa de Almeida Salazar ist Direktorin des Justizforums von Camaragibe und Richterin in 40 Räumungsprozessen im Zusammenhang mit den Vorbereitungen für die Weltmeisterschaft. Sie glaubt, dass sowohl die "defensoria pública" (eine Art Staatsanwaltschaft für schutzwürdige Gruppen), als auch die Anwälte den Zwangsgeräumten geraten haben, die angebotene Entschädigungssumme zu akzeptieren, weil es somit viel eher zu einer Auszahlung kommen würde. "Das ist auch wahr, denn wenn die Summe abgelehnt wird, verkompliziert sich der Prozess und zieht sich in die Länge. Außerdem würde ein etwaiger Rest auch in ein langwieriges Haushaltsverfahren eingehen", sagt sie.

"Lächerliche Entschädigungssummen"

"Die Summen sind lächerlich, da stimme ich zu", sagt Richterin Ana Paula über die Entschädigungen für die Händler, die 1.350 Euro nicht überschreiten. "Aber das ist der Illegalität geschuldet, dem Mangel an Papieren. Camaragibe ist eine sehr bedürftige Randgemeinde, die Leute sind ahnungslos und schlecht informiert". Erst im April, nach viel Protest der Bewohner/innen, hat die Regierung des Bundesstaates zugestimmt, drei Arbeitsgruppen einzurichten und die Familien darin zu unterstützen Räumungsprozesse zu führen und einen Dialog mit der Zivilgesellschaft zu beginnen. Es wurde über die Möglichkeit eines Wohnprojekts verhandelt und darüber, die Zahl von nur 25 mit Wohngeld geförderten Familien zu erhöhen.

Was die Lage in São Lourenço noch gravierender machte war, dass ein Großteil der Menschen dort betagte Bewohner/innen waren, die dort seit den 1960er Jahren wohnten und sich nicht zu wehren wussten, als plötzlich der Staatsapparat auftauchte und das Gebiet für die Weltmeisterschaft erschloß. Anders als in anderen Städten Brasiliens, fanden in Recife die Proteste während des Confederations Cups wegen der Entfernung weitab vom Stadion statt. Die Geschichten der Enteigneten in dieser Gegend wurden daher erst später bekannt, als das WM-Volkskomitee erste Demonstrationen zu diesem Thema organisierte. Die Generalstaatsanwaltschaft wurde für die Widrigkeiten, denen die Bewohner/innen der Siedlung São Fransisco ausgesetzt waren, stark kritisiert. Dies veranlasste die Regierung Pernambucos schließlich im Dezember 2013 ein Gesetz zu verabschieden, das den zwangsgeräumten Bewohner/innen Wohngeld zusprach.

Keine kompletten Entschädigungszahlungen ohne Papiere

Erst Ende März 2014 wurde bekannt, dass die enteigneten Bewohner/innen die Wahl haben, die angebotene Entschädigung anzunehmen, oder aber Wohngeld zu beantragen und dann in eine der dafür vorgesehenen Wohnungen umzusiedeln. Angesichts der Tatsache, dass viele Entschädigungen lächerlich gering ausfallen, können sich Familien gegen sie entscheiden und anstatt dessen monatlich 64 Euro Wohngeld  beziehen (was für die Miete einer mittleren Wohnung im Großraum Recife nicht ausreicht). Das staatliche Sozialwohnungsprogramm "Mein Haus, Mein Leben" ("Minha Casa, Minha Vida") hat ein Wohnungsbauprojekt mit 1.200 Wohnungen in São Lourenço da Mata geplant, in das Familien aus Camaragibe einziehen könnten. Allerdings steht der Baubeginn für das Projekt noch nicht fest.

Die Generalstaatsanwaltschaft informierte kürzlich, dass "bereits 80 Prozent der Entschädigungszahlungen an die Enteigneten ausgezahlt wurden". Allerdings ist es häufig der Fall, dass nur ein kleiner Anteil der Entschädigung ausgezahlt wurde, weil viele Enteignete nicht alle notwendigen Besitzurkunden vorlegen können. Die große Mehrheit der Enteigneten hat daher den Hauptteil der Entschädigung - den für das Grundstück - nicht erhalten. Zusätzlich müssen sich oft mehrere Parteien die Entschädigungszahlungen teilen, da sich auf einzelnen Grundstücken meist mehrere Immobilien befinden.

 

Bauprojekt Art der Immobilie    Durchschnittliche Entschädigung
BRT Busbahnhof Siedlung São Francisco do Timbi Immobilien auf privaten Grundstücken 149.638 Euro
Immobilien auf öffentlichem Grund 34.515 Euro
Zufahrt Cidade da Copa - Siedlung São Francisco do Timbi Immobilien auf privaten Grundstücken 95.849 Euro
Immobilien auf öffentlichem Grund 20.042 Euro

Bis heute hat das WM-Volkskomitee keine genauen Angaben darüber, wieviele Menschen in Pernambuco von den Vorbereitungen für die Fußball-Weltmeisterschaft betroffen sind. Offizielle Zahlen nennen 442 Enteignungen für bundesstaatliche Bauvorhaben im Verkehrsbereich, davon 297 in der Hauptstadt Recife, 38 in Olinda und 107 in Camaragibe.

Es ist wichtig hervorzuheben, dass die offiziellen Zahlen sich auf Grundstücke beziehen. Richterin Ana Paula Salazar erklärt hierzu, dass allein in Camaragibe 320 Familien auf dem Verwaltungsweg und 80 Familien auf dem Justizweg entschädigt wurden. Die unterschiedliche Anzahl von Grundstücken und Familien erklärt sich dadurch, dass die Siedlung in den 1960er Jahren entstanden war und die ersten Bewohner/innen danach ihre Grundstücke aufgeteilt hatten ohne die Änderung offiziell registrieren zu lassen, um für ihre Familie oder Mieter weitere Häuser zu bauen – ein typisches Verfahren in informellen Siedlungen.

Übersetzung: Manuel von Rahden.