WM ohne Volk. Ein kritischer Blick auf den Austragungsort Salvador da Bahia

WM ohne Volk. Ein kritischer Blick auf den Austragungsort Salvador da Bahia

Salvador, Bahia - Bauarbeiten an der Arena 'Fonte Nova' im Oktober 2012 — Bildnachweise

Der Ball rollt bei der Fußball-WM in Brasilien. Doch viele Fragen der Bevölkerung bleiben unbeantwortet, und ihre Anliegen werden häufig übergangen. In Salvador, wo in der „Fonte Nova Arena“ gleich zu Anfang Spanien auf Holland traf und Deutschland auf Portugal, gibt es wenig positive Veränderungen in Bereichen wie der urbanen Mobilität, der Wohnsituation und der Beschäftigung. Die Menschen vor Ort profitieren hier kaum von der WM und bleiben in vielerlei Hinsicht außen vor.

Das beginnt schon auf dem Gelände des Stadions. Streit gibt es hier um die Nutzung des Raums im und um die Arena, die für 230 Millionen auf dem Gelände des alten Stadions neu erbaut wurde - 33 Millionen Euro mehr als geplant.  Aufgrund des "Rahmengesetzes für die Fußballweltmeisterschaft" (Lei Geral da Copa), das die kommerziellen Rechte der FIFA regelt, herrscht hier eine rechtliche und verwaltungstechnische Ausnahmesituation. Diese verbietet den informellen Händlerinnen und Händlern, während der Spiele ihre Waren im Stadion oder innerhalb eines Radius von 2 Kilometern um das Stadion herum zu verkaufen.

Laut Angaben des Amtes für städtische Dienste gibt es in Salvador etwa 10.600 bei der Verwaltung registrierte mobile Verkäuferinnen und Verkäufer. Wenn man die nicht registrierten hinzurechnet, könnte die tatsächliche Anzahl sogar das Dreifache betragen. Die große Anzahl erklärt sich durch die hohe Arbeitslosigkeit in der Stadt, die im Februar 2012 laut Daten des bundesstaatlichen Amtes für Wirtschafts- und Sozialstudien 19 Prozent der Bevölkerung betraf, davon 69 Prozent Frauen.

Die Bevölkerung Salvadors ist seit jeher erfindungsreich, wenn es darum geht, Job und Einkommen zu sichern. So wie die "Baianas de Acarajé" – Straßenverkäuferinnen, die in traditioneller Kleidung Acarajé verkaufen, ein Speise afrikanischer Herkunft aus weißen Bohnen, die in Palmöl gebraten werden. Ihre Tätigkeit wurde 2004 vom Institut für nationales historisches und künstlerisches Erbe (IPHAN) und 2012 auch von der Landesregierung als immaterielles Kulturerbe Brasiliens anerkannt. Dennoch verbot die FIFA den etwa 5.000 Baianas, während der Spiele der Fußball-WM ihr Acarajé im Stadion oder in seiner Umgebung zu verkaufen (s. dazu auch den Artikel „Uns haben sie nicht eingeladen“: Frauen und die Fußball-WM") Nach zahlreichen Protesten gestattete die FIFA sechs der Frauen, auf dem Stadiongelände einen Verkaufsstand zu eröffnen.

"Ein Megaevent hat immer einen Einfluss auf die lokale Wirtschaft, aber die Großunternehmen, die Fast-Food-Ketten und Brauereien haben den meisten Raum erhalten. Wir haben heftige Auseinandersetzungen mit der städtischen Verwaltung über die Frage der Verkaufsverbote für mobile Händler geführt", bestätigt Raimundo do Nascimento vom WM-Volkskomitee in Salvador.

Auch die Kooperativen der Wertstoffsammler/innen kritisieren den Mangel an Dialogbereitschaft der öffentlichen Verwaltung im Vorfeld der WM. "Vor dem Confederations Cup hatten wir uns zunächst um Kontakte in der Verwaltung bemüht, um die Abfallsammlung in der Umgebung des Stadions zu übernehmen. Geschafft haben wir es schließlich über eine Partnerschaft mit einem privatwirtschaftlichen Unternehmen. Wie es jetzt bei der Fußball WM wird wissen wir nicht", erklärt Aderlinda Bastos Santana vom Verbund der Recycling-Kooperativen Bahias.

Zumindest eine gute Nachricht gibt es dennoch im Bereich der Beschäftigung: Laut der Regierung Bahias werden derzeit mehr als fünf Millionen Euro in die Ausbildung von Personal im Bereich von Hotels, Bars, Restaurants, Taxis, ambulanten Verkäufern und Ladenpersonal investiert. Der brasilianische Verband der Hotelindustrie (ABIH) erwartet, dass allein im Hotelsektor dieses Jahr mehr als 8.000 neue Jobs entstehen.

Die Mobilität und ihre Kosten

Von den 8,3 Milliarden Euro, die für die 12 Austragungsorte der WM aufgewendet werden sollen, entfallen ca. 1,2  Milliarden auf Salvador. Ein Teil dieser Ressourcen soll für die Verbesserung der urbanen Mobilität ausgegeben werden. Doch trotz dieser hohen Investitionen hat die Ankündigung dieser Urbanisierungs- und Mobilitätsprojekte in von den Projekten betroffenen Bezirken teils heftige Debatten ausgelöst, wie zum Beispiel in der Siedlung Saramandaia.

Saramandaia entstand in den Siebzigerjahren in direkter Nachbarschaft des Fernbusbanhofs und zählt heute 12.000 Einwohner/innen. Durch dieses Gebiet führt nun die Trasse der "Linha Viva", einer mautpflichtigen Schnellstraße. Für diese sollen 10.000 Bewohner/innen Saramandaias und des benachbarten Stadtteils umgesiedelt werden. Das Projekt umfasst neben dem Bau auch den Betrieb und die wirtschaftliche Nutzung der Schnellstraße, die 17, 7 Kilometer lang ist und je Richtung drei Spuren aufweist. Sie wird zwei Ausfallstraßen Salvadors und die Straße zum Flughafen miteinander verbinden. Es wird eine normale Konzession (ohne öffentliche Mittel) mit einer Laufzeit von 35 Jahren vergeben. Die Stadt kündigte das Projekt als Mobilitätsalternative für Salvador an, die den Tourismus während der Weltmeisterschaft fördern wird.

Lokale Wortführer/innen bezweifeln allerdings den Nutzen des Projekts für die städtische Mobilität: "Diese Straße wird ausschließlich vom Individualverkehr genutzt werden, nicht zuletzt von Touristen. Die Favelabewohner wurden nicht einbezogen und neben den Zwangsumsiedlungen verliert die Gegend auch Freizeiteinrichtungen wie das Fußballfeld. Wir müssen auch Schulen verlegen: Wie sollen denn die Kinder direkt neben so einem Lärm und den Abgasen lernen können? Das ist ein reines Wirtschaftsprojekt unter dem Deckmantel der städtischen Mobilität und es wird noch nicht einmal rechtzeitig zur WM fertig", sagt José Luiz das Silva, Direktor der Bewohnervereinigung von Saramandaia.

Die Bevölkerung in Salvador selbst profitiert nur eingeschränkt von den Projekten zur Verbesserung der innerstädtischen Mobilität: Auch nach vierzehn Jahren Bautätigkeit ist das nur sechs Kilometer lange U-Bahnnetz Salvadors immer noch nicht in Betrieb gegangen. Nach der Einigung mit der Stadtverwaltung übernahm die Landesregierung das Bauvorhaben, das in öffentlich-privater Partnerschaft vollendet werden soll. Während der WM ist nun zumindest ein Teilstück in Betrieb.

So wie die U-Bahn wurden auch andere Verkehrsprojekte erst letztes Jahr freigegeben und auf den Weg gebracht. Das betrifft etwa den Ausbau der Hauptausfallstraßen, die die Innenstadt, in der auch das Stadion liegt, mit dem Flughafen und den Hotelanlagen in den Vororten verbinden. Die Verdoppelung der Fahrspuren wird über 23 Millionen Euro kosten.

Und die Frauen?

Seit 2011 forderten das „Netzwerk zur Unterstützung der solidarischen Wirtschaft“, das eine Reihe selbstverwalteter wirtschaftlicher Aktivitäten betreibt, und der „Verbund der Recycling-Kooperativen Bahias“ von der Verwaltung Vorschläge, wie Solidarökonomie und Wertstoff-Sammler/innen in Projekte rund um die in die Weltmeisterschaft einbezogen werden könnten. Es fanden mehrere Treffen zwischen diesen Gruppen und den für die WM verantwortlichen Behörden stattgefunden.

Das 220 Frauen umfassende Köchinnen Netzwerk erhielt den Auftrag, ein Projekt zur Versorgung der Bauarbeiter der Stadionbaustelle mit Essen zu entwickeln. Die Köchinnen reichten das Projekt ein, eine Antwort  haben sie ihrer Sprecherin Ana Suely Conceição zufolge nie erhalten: "Das wäre gut für die Frauen gewesen, ein zusätzliches Einkommen. Wir haben ein Projekt entworfen, mit einem Budget, so, wie angefragt, damit man uns die offiziellen Partner nennen könnte. Ob wir wollen, dass Großveranstaltungen nach Salvador kommen? Ja sicher, aber wir möchten, dass man unsere Projekte mit einschließt", erklärt sie.

Die Schwächsten werden ausgegrenzt

Salvador ist eine der Hauptstädte des Nordostens mit den höchsten Arbeitslosigkeits- und Gewaltraten; ein Gebiet Brasiliens, in dem die Bevölkerung in hohem Maß von öffentlichen, sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen Dienstleistungen ausgeschlossen ist. Besondere Sorge bereitet im Vorfeld der Fußball-WM die Vertreibung von auf der Straße lebenden Menschen aus zentralen Stadteilen Salvadors.

Die "Nationale Bewegung der auf der Straße lebenden Menschen" bezeichnet die Situation als sehr ernst, wie Maria Lúcia Pereira, Koordinatorin der Bewegung erklärt: "Es wurden bereits viele auf der Straße lebende Menschen verprügelt und ermordet. Die Stadt hat im November letzten Jahres die ehemalige psychiatrische Anstalt wieder geöffnet und viele, die von der Straße entfernt wurden, dort untergebracht. In der ersten Woche erfuhren wir von 200 Menschen, in der zweiten Woche waren es schon 600. Zur Zeit holt die Stadt die Leute wieder von hier weg, um sie anderswo abzuladen",

Laut Valdecir Nascimento, Leitende Koordinatorin von „Odara – Institut der schwarzen Frau“, sind durch die Fußball-WM sozial schwache Bevölkerungsgruppen noch stärker benachteiligt. Es gebe keine Strategien, die Bevölkerung an der Vorbereitung der Stadt auf die WM zu beteiligten. Zudem seien die Investitionen auf sehr ungleich auf verschiedene Teile der Stadt verteilt: „Die Stadt wird auf die Ankunft der Touristen vorbereitet. Sie wird überall für die WM ‚gesäubert‘. Wir sprechen hier vor allem von einer schwarzen Bevölkerung: Junge Menschen, Straßenverkäufer, Menschen die auf der Straße leben, Sexarbeiter/innen, Baianas de Acarajé, Wertstoffsammler. Dieser Teil der Bevölkerung ist in dieser Zeit Übergriffen und Polizeigewalt besonders stark ausgesetzt. Speziell junge Menschen sind betroffen.

Was bleibt wirklich von der WM?

650.000 Touristen erwarteten die zuständigen Behörden für Bahia während der WM, davon 70.000 aus dem Ausland. Darüber, was an positiven Auswirkungen in Bahia bleiben wird, nachdem diese Touristen wieder abgereist sind, gibt es noch keine Untersuchungen.

In einem Interview mit der Website Bahia Todo Dia betonte Ney Campello, Geschäftsführer des WM-Ministeriums des Bundesstaates Bahia, dass die WM ein "Ausgangspunkt" für eine Neukonzeption der Stadt und für den Kampf gegen Ungleichheit sei: "Ich spreche von den jugendlichen Schülern, die dringend auf Verbesserungen von Sportanlagen warten; von Radfahrern die Respekt, Radwege und Radspuren fordern; von vermehrten sozio-ökonomische Integrationschancen für Schwarze und Frauen; von Stadtteilen, die zu Recht eine urbane Aufwertung mit verbessertem Transport, Sicherheit und Gesundheitswegen verlangen. Die Fußball WM ist ein Ausgangspunkt, diese Fragen anzugehen. Man sollte die WM nicht als Allheilmittel für Jahrzehnte alte Auseinandersetzungen sehen, sondern als einzigartige Gelegenheit, unsere Städte zu überdenken, ein positives Außenbild abzugeben, so dass die WM 2014 eine integrative WM wird!"

Valdecir Nascimento von „Odara – Institut der schwarzen Frau“ glaubt nicht, dass die WM der Bevölkerung von Salvador bleibende Vorteile als Vermächtnis hinterlassen wird: "Es lassen sich keine positiven Veränderungen oder Nutzen für die Stadt feststellen. Als Vermächtnis wird diese WM die Erkenntnis im öffentlichen Bewusstsein hinterlassen, das es keine Weltmeisterschaft für alle ist".

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