Lateinamerika: Neo-Extraktivismus als Entwicklungsmodell

Edgardo Lander
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Edgardo Lander während seines Vortrags im Eröffnungspanel

Zusammenfassung des Vortrags im Eröffnungspanel der Konferenz „Rohstoffausbeutung und die Zukunft der Demokratie in Lateinamerika“
am 13. Mai 2014

 

Historisch hat Lateinamerika seit Beginn der Kolonialepoche vor über fünfhundert Jahren eine tragende Rolle in der internationalen Arbeitsteilung und Aneignung der Natur gespielt: Seine Funktion als Primär- bzw. Grundgüterlieferant stützte sich auf Sklaverei und andere Formen der Ausbeutung menschlicher Arbeitskraft. Der massive Reichtumstransfer von Lateinamerika über die iberische Halbinsel nach Europa bezeichnete den Beginn des kapitalistisch-kolonialen Weltsystems und bildete die Grundlage für die ursprüngliche Kapitalakkumulation, mit der die industrielle Revolution ermöglicht wurde.

Erst nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Rolle Lateinamerikas in der internationalen Arbeitsteilung und Aneignung der Natur ernsthaft in Frage gestellt: Die UN-Wirtschaftskommission für Lateinamerika und die Karibik (CEPAL) erkannte die Folgen einer kontinuierlichen Verschlechterung der Terms of Trade zwischen exportierten Primärgütern und importierten Industriegütern und förderte unter der Leitung von Raúl Prebisch die Industrialisierung des Kontinents durch Importsubstitution. Trotz zahlreicher Hindernisse waren diese Industrialisierungsansätze relativ erfolgreich, insbesondere in den größten Ländern Lateinamerikas Brasilien, Mexiko und Argentinien.

In den 1970er Jahren trat jedoch ein Wandel ein: Mit den Militärdiktaturen, der Schuldenkrise der achtziger Jahre und der durch den Washington-Konsens erzwungenen neoliberalen Anpassungspolitik, die 1973 mit dem von den USA unterstützten Militärputsch in Chile ihren Anfang nahm, wurde der Weg der Industrialisierung weitgehend aufgegeben. Es folgte der erneute Rückgriff auf die althergebrachte Theorie der komparativen Kostenvorteile, um die Notwendigkeit einer Konzentration des Kontinents auf das zu begründen, was er am besten konnte, nämlich Rohstoffe zu produzieren. Damit wurde eine neue Ära des Marktfundamentalismus mit dem Ziel eingeläutet, Lateinamerika in den darauffolgenden Jahrzehnten den Erfordernissen des transnationalen Kapitals anzupassen.

Der sogenannte "Linksruck" in Lateinamerika, insbesondere in den südamerikanischen Staaten, war das Ergebnis der Massenbewegungen gegen die Militärdiktaturen und später auch gegen die neoliberale Politik, mit der die neuen, demokratisch gewählten, jedoch den internationalen Finanzinstitutionen unterworfenen Regierungen die neoliberale Politik der Militärregimes unverändert fortsetzten.

Die neuen Regierungen erweckten außerordentlich hohe Erwartungen dahingehend, dass der Linksruck zu einer staatlichen Politik führen könnte, die den Extraktivismus als Ausdruck kolonialer Einbindung in den Weltmarkt in Frage stellen würde. Dass es in dieser Hinsicht zu grundlegenden Differenzen zwischen den neuen - sogenannten "progressiven" - und den von Konservativen bzw. Neoliberalen kontrollierten Regierungen kommen würde, war zu erwarten.

Neo-Extraktivismus als Wirtschaftsmodell

Jedoch setzten auch die „progressiven“ oder „revolutionären“ Regierungen weiterhin auf Rohstoffabbau und -export als Wirtschaftsmodell. In Lateinamerika, insbesondere in Südamerika, hat infolgedessen in den letzten zehn Jahren eine zunehmende Reprimarisierung der Ökonomien stattgefunden.

Stärkere staatliche Kontrolle, Ausweitung der nationalen Beteiligung an den Gewinnen, Verwendung eines höheren Anteils der Gewinne für sozialpolitische Maßnahmen zur Befriedigung der Bedürfnisse der Bevölkerung, Verringerung von Armut und Ungleichheit, verbesserter Zugang zu Nahrungsmitteln sowie Bildungs- und Gesundheitsleistungen ‑ all dies entspricht den sozialen Forderungen der Bevölkerungsmehrheit. Darüber hinaus betrachten die Regierungen solche umfangreichen sozialen Investitionen als Voraussetzung für die Kontinuität ihrer politisch-elektoralen Legitimität, ohne die sie die Veränderungsprozesse nicht weiter vorantreiben könnten.

Ebenso grundlegend ist jedoch die Kontinuität zwischen klassischem und neuem Extraktivismus: Die Vormachtstellung des auf den Primärgüterexport gestützten Produktionsmusters wird beibehalten bzw. noch weiter verfestigt.

Die Proteste gegen den Extraktivismus und deren Kriminalisierung gehen weiter. Der Widerstand gegen die vielfältigen Formen der Rohstoffausbeutung (Förderung von Erdöl, Kohle, Schiefergas, Goldabbau, Anbau gentechnisch veränderter Nutzpflanzen, Tagebau in großem Maßstab, große Wasserkraftwerke) ist in den letzten Jahren bis heute der Hauptgrund für die Kämpfe der Bevölkerung in ganz Lateinamerika, unabhängig von der politischen Couleur der jeweiligen Regierungen.

In der gegenwärtigen Debatte über Extraktivismus in Lateinamerika werden grundlegende Unterschiede deutlich, nicht nur im Hinblick auf die Wesensmerkmale des Übergangs zu einer postkapitalistischen Gesellschaft, sondern auch hinsichtlich der Art der angestrebten postkapitalistischen Gesellschaft. In diesen Diskussionen kommt der Entwicklungskritik und den Perspektiven der Post-Entwicklung implizit oder auch explizit eine zentrale Bedeutung zu. Der kritische Standpunkt zum Neo-Extraktivismus geht allgemein von einer Kritik des hegemonialen Zivilisationsmodells aus, das sich auf unbegrenztes Wachstum und die dauerhafte Unterwerfung der gesamten Natur stützt.

 

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