Die Sieben in uns

Mann mit Megafon
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Filmszene aus dem Dokumentarfilm „7 ½“

Drei Jahre nach den ersten freien Wahlen Tunesiens kommt mit „7 ½“ ein Dokumentarfilm in die Kinos, der die ersten Monate der Revolution beleuchtet. Viele der damaligen Akteure sind auch heute wieder präsent. Ein Interview mit Regisseur Nejib Belkadhi über Vaterfiguren, Momente der Begeisterung und das kollektive Gedächtnis Tunesiens.
 

Sarah Mersch: Sie sagen, Ihr Film sei weniger ein künstlerisches Werk als die Aktion eines Staatsbürgers. Warum?

Nejib Belkadhi: Ich finde, jeder Bürger, jeder Tunesier hat die Aufgabe, seinen Teil dazu beizutragen, dass diese Revolution gelingt. Wie viele andere Regisseure, Journalisten und Blogger habe ich direkt nach der Revolution das dringende Bedürfnis gehabt, zu dokumentieren und zu archivieren, was gerade um uns herum geschieht - der Nachwelt etwas zu hinterlassen und auch den Tunesiern dabei zu helfen, eine Erinnerung aufzubauen, denn wir haben in Tunesien ein Problem mit der Erinnerung, wir vergessen die Vergangenheit zu schnell.

Mein Beitrag als tunesischer Bürger ist es also, die Verantwortung zu übernehmen und zu dokumentieren, was passiert ist. Denn eine Revolution kann man nicht einfach von Tag zu Tag denken und leben. Wenn wir vergessen, was in dieser wichtigen Zeit passiert ist, von Januar bis zu den Wahlen im Oktober 2011, dann werden wir nicht weit kommen. Dieser Film ist mein bescheidener Beitrag dazu.

Sie sprechen von kollektiver Erinnerung: In einer Szene sagt Beji Caid Essebsi, damaliger Premierminister, er werde nicht wieder kandidieren. Heute tritt er zu den Präsidentschaftswahlen an...

Ich hoffe, dass der Film Teil der Archive wird, wir sehen Politiker, das Leben auf der Straße. Aber das wichtige daran ist, dass er 2011 gedreht aber 2014 geschnitten wurde. Dazwischen sind drei Jahre vergangen. Die Bilder sind die gleichen geblieben, aber der Blick auf sie hat sich verändert, das ist es, was diesen Bildern ihre Bedeutung verleiht. Ein großer Teil dessen, was ich gedreht habe, ist obsolet geworden und wird in den Archiven bleiben.

Um den Film zu verstehen, muss man sich nur daran erinnern, was sich in den letzten drei Jahren verändert hat. Ich zweifele nicht daran, dass Essebsi damals ehrlich war. Ich glaube er wollte wirklich diese erste Übergangsphase als Regierungschef zu Ende bringen und dann abtreten. Diese Momente des Films sind nicht dazu da, den Zuschauern zu sagen: der und der hat gelogen. Es geht vielmehr darum, sie dazu zu bringen, über die Umstände nachzudenken, die die Personen dazu gebracht haben, ihre Meinung zu ändern.

Die meisten Regisseure, die damals mit dabei waren, haben ihre Filme direkt veröffentlicht. Warum haben Sie sich drei Jahre Zeit gelassen?

Am Anfang wusste ich gar nicht, was ich mit diesem ganzen Material machen sollte, das ich gefilmt hatte. Die Linie des Films wurde erst etwas klarer, als viele Politiker (aus dem Exil) nach Tunesien zurückgekehrt sind und sie begonnen haben, Parteien zu gründen und über Programme nachzudenken. Dann kam die Kasbah 2 (ein Sit-In vor dem Regierungssitz), die Forderung nach der Auflösung der RCD und die Wahl einer Verfassungsversammlung. In dem Moment wuchs bei mir der Gedanke, daraus einen Film zu machen. Und auf einmal hatte ich viele verschiedene Wege vor mir und musste mir überlegen, wohin ich mit diesem Film überhaupt will. Ich habe mich entschieden bis zum Tag der Wahlen, dem 23. Oktober 2011 zu drehen. Das brauchte einen langen Atem.

Dann haben wir 2012 angefangen zu schneiden, aber ich hatte nebenher noch meinen Spielfilm „Bastardo“. Ich konnte nicht beides gleichzeitig machen, und für die mehr als 200 Stunden Rohmaterial, die ich hatte, braucht man mindestens sechs bis sieben Monate für den Schnitt. Als ich mit dem Spielfilm fertig war habe ich den Dokumentarfilm wieder hervorgeholt, und da wieder Wahlen anstehen haben wir uns entschieden, den Schwerpunkt des Films auf die Wahlen zu legen.

Es gibt eine Szene im Film, im Gericht von Tunis, wo Sie mitten in der Menge stehen, ganz enthusiastisch, wie ein kleiner Junge, der seinen Augen nicht traut.

Das war einer der wichtigsten Momente in der Geschichte Tunesiens. Stellen Sie sich vor, dabei zu sein, als die Auflösung der RCD verkündet wird – eine Partei, die unter verschiedenen Namen die Tunesier 60 Jahre lang regiert hat. Wer hätte sich einen Monat vorher vorstellen können, dass dieses Ungetüm, das uns 23 Jahre unterdrückt hat, auf einmal verschwindet. Das war ein historischer Augenblick, ein Moment der Freude.

Und ich erinnere mich an diesen Moment am 14. Januar: Ich war von der großen Demonstration nach Hause zurückgekommen. Ich wohne ein bisschen erhöht und habe in ganz Tunis Rauch aufsteigen sehen und hatte Angst. Und dann sagen sie im Fernsehen, Ben Ali ist nach Saudi Arabien abgehauen. Ich habe angefangen zu weinen, bin auf den Balkon gegangen und habe völlig hysterisch angefangen zu schreien. Die Nachbarn haben aus dem Fenster geschaut und nichts verstanden. Ich habe gleichzeitig geschrien und geheult. Diese Gefühle sind damals im Gericht wieder hochgekommen. Ich habe nicht geschrien, aber ich war überwältigt, ich war glücklich dabei zu sein, als das Ende einer Epoche verkündet wurde. Für mich war es noch wichtiger als der Fall Ben Alis, denn die RCD war das Magengeschwür Tunesiens.

Jetzt geht es darum, die Mentalität Tunesiens zu ändern. Wie der Alte im Film, der, nachdem er gewählt hat, diesen Riesenlapsus macht und ruft: Es lebe die RCD! Die Reaktionen der Zuschauer auf diese Szene sind herausragend. Sie lachen, aber es ist ein sehr bitteres Lachen, denn es zeigt, wie sehr diese RCD immer noch in uns verwurzelt ist. Wir sind völlig konditioniert. Ich verurteile diesen Mann nicht. Wahrscheinlich wurde er gegen ein Sandwich und eine Fanta zu allen RCD-Versammlungen gekarrt, um zu applaudieren.

Der Titel des Films, „7½“ spielt auf die Zahl 7 an, die ein Symbol Ben Alis war. Warum heute 7½ ?

Der 7. November war für mich ein Albtraum, genau wie für viele andere Tunesier auch, ein Symbol der Diktatur in all ihrer Pracht. Eine Woche davor und eine Woche danach wurde auf den Straßen und in den Medien ein riesiger Zirkus veranstaltet, um diesen Tag zu feiern, an dem Ben Ali 1987 Bourguiba abgesetzt hatte. Ich habe nie um den 7. November herum Freunde aus dem Ausland eingeladen, damit sie sich nicht diesen grotesken Karneval antun mussten. Es war pathetisch, Ben Ali wurde zu einem Halbgott gemacht, zum Vater der Nation, der er niemals gewesen ist.

 

Filmplakat "7½"

Heute haben wir einen kleinen Schritt nach vorne gemacht, aber die 7 ist nach wie vor präsent. Heute erleben wir, wie viele Mitglieder der RCD zurückkommen, das macht mich traurig. Das hat auch mit uns Tunesiern selbst zu tun. Die Sieben ist nicht Ben Ali, das sind wir alle, unsere Mentalität, unsere Erziehung, wie wir die Regierung sehen. Das tunesische Volk wurde daran gewöhnt, an eine höhere Macht zu glauben, die uns regiert. Das sind wir, und wir haben Ben Ali 23 Jahre ertragen. Aber ich glaube wir haben einen halben Schritt nach vorne gemacht. Aber so langsam würden wir gerne weiter vorwärts kommen, zu acht, neun, zehn. Das ist dringend nötig.

Sind Sie optimistisch, dass sich bald etwas ändert?

Ich bin relativ zuversichtlich. Die letzten drei Jahre waren von einem ständigen Auf und Ab geprägt. Es gab Momente, wo wir große Hoffnungen hatten, vor allem während der ersten neun Monate der Transition. Danach weniger. Die politischen Morde machen dich psychisch kaputt, wir wussten nicht mehr, wo es lang geht. Manche Leute sagen, dass sei der Preis, den man zahlen muss. Man kann nicht ein System ändern, ohne dafür einen Preis zu zahlen.

Sie haben in Ihren früheren Arbeiten unter Ben Ali immer ihre Grenzen getestet. Hat sich mit dem 14. Januar 2011 für Sie etwas verändert?

Ehrlich gesagt, nein. Wir wurden bei „Shams Alik“ ständig zensiert. Das war eine Satire-Sendung, es ging vor allem um gesellschaftliche Themen. Aber in Tunesien war damals alles politisch – wenn man damals über Armut gesprochen hat ging es natürlich um Politik und die Zensur war immer präsent. Heute hat die Zensur die Seiten gewechselt. Ich habe den Eindruck, dass viele Künstler in den letzten drei Jahren Angst hatten, Dinge anzusprechen und sich daher selbst zensieren. Das gab es zu Zeiten Ben Alis schon, aber damals war sie eher gerechtfertigt. Denn damals ging man wirklich ein Risiko ein, wenn man den Mund aufgemacht hat. Ich würde nie behaupten, dass ich damals Aktivist war, aber ich habe versucht, auf intelligente und ein bisschen schräge Weise meine Meinung zu sagen. Aber das Problem heute ist wirklich die Selbstzensur.

Haben Sie sich in 7½ zensiert?

Nein. Es gab Teile im Film, die wir rausgenommen haben. Nicht, weil sie nicht interessant wären, aber weil sie heute nicht mehr relevant sind. Ich werde diese Teile dem Nationalarchiv übergeben, damit sie als historisches Dokument erhalten bleiben.

Sie haben die Zeit bis zu den Wahlen 2011 intensiv verfolgt. Wie beurteilen Sie die jetzigen Wahlen im Vergleich damals?

Wir konzentrieren uns heute sehr auf die Präsidentschaftswahlen, obwohl die Parlamentswahlen viel wichtiger sind. Das ist komisch. Will da jemand unsere Aufmerksamkeit ablenken? Oder brauchen wir immer noch einen starken Mann an der Spitze und interessieren uns daher mehr für die Präsidentschaftswahlen, weil wir immer in der Anbetung und der Angst vor dem Herrscher gelebt haben, dieser Vaterfigur? Oder geht es einfach nur ums Spektakel, wenn sie uns da irgendwelche Kandidaten im Fernsehen anschleppen, die keiner kennt und die gerne ihr Viertelstündchen Berühmtheit genießen wollen? Ich weiß es nicht. Aber ich werde trotzdem wählen gehen, auch wenn nicht die gleiche Begeisterung zu spüren ist wie 2011.

 

 

Über den Regissuer
Nejib Belkadhi wurde in Tunesien mit der satirischen Fernsehsendung „Shams Alik“ bekannt. Sein Spielfilm „Bastardo“ läuft zurzeit auf verschiedenen internationalen Festivals. „7 ½“ ist sein zweiter Dokumentarfilm.

Foto: Sarah Mersch. All rights reserved.

 

 

Trailer zum Film „7 ½“ (Original mit französischen Untertiteln)