Die Klischees vom wilden Kurdistan

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Hat genauso wenig mit der Realität zu tun, wie das Bild, das hierzulande viele vom kurdischen Leben haben

Männer mit Pluderhosen, unterdrückte Frauen und ein selbstverliebter Anführer: Wir sollten endlich mit unseren Vorurteilen gegenüber Kurden aufräumen und sie als Partner begreifen.

Geben wir es doch endlich zu. Wenn wir über Kurden in der Türkei, in Syrien, im Iran und Irak nachdenken, fallen uns zu allererst Klischees vom wilden Kurdistan ein: Männer mit Pluderhosen, die ihre Herrschaft auf Stämmen aufbauen. Männer, die mehrere Frauen heiraten, die Ehrenmorde begehen. Die unterdrückte kurdische Frau, die Analphabetin, die nur kurdisch spricht. Der Kurde, der finstere Terrorist, dem man nicht über den Weg trauen kann. Die Kurden laufen blind einem autoritären selbst verliebten Anführer namens Öcalan hinterher…

Aber, ich kann sie beruhigen: Die Kurden essen auch mit Messer und Gabel. Sie sind in politische und zivilgesellschaftliche Organisationen eingebunden. Sie gründen Parteien, sie können lesen und schreiben. Man kann mit ihnen „ganz normal reden“. Und – man mag es nicht glauben – sie bemühen sich mehr als viele ihrer jeweiligen nicht-kurdischen Landsleute um demokratische Partizipation von Frauen.  Die pro-kurdische Partei HDP in der Türkei hat als einzige eine 50-Prozent Frauenquote und bemüht sich darum, dies auch auf kommunaler Ebene in Form eines Ko-Sprecher-Systems umzusetzen. Nach jüngsten Statistiken werden die meisten Morde an Frauen im Westteil der Türkei begangen.

Man mag es kaum glauben, aber sie setzen sich sogar mit wissenschaftlich mit Modellen des bilingualen Unterrichts, mit internationalen Erfahrungen von Friedensprozessen, mit Modellen von Föderalismus und regionaler Autonomie auseinander. Sie kennen sich mit internationalen Standards im Völkerrecht besser aus als ihre nicht-kurdischen Landsleute. Sie kennen die Instrumente des Völkerrechts besser, weil sie mit diesen Institutionen versuchen, ihre international verbrieften Rechte einzuklagen. Rechte, die ihnen auf nationaler Ebene verwehrt werden.

Jüngst entgegnete mir ein Wissenschaftler, dass Kurden ja nicht einmal Konzepte hätten, wie sie den muttersprachlichen Unterricht in den verschiedenen Schulen umsetzen wollen. Wen wundert das, wenn erst seit etwas mehr als einem Jahr das kurdische Alphabet überhaupt erst erlaubt ist. Bis dahin mussten die Kurden dafür kämpfen, dass die Buchstaben w, q und x ohne Strafe benutzt werden dürfen.

Wen wundert es, dass politische Vorstellungen und Konzepte von Autonomie u.a. nur schleppend vorankommen angesichts der Tatsache, dass die politische Elite der Kurden unter dem Generalverdacht der KCK-Mitgliedschaft für Jahre hinter Gittern war. Sind etwa die Kurden dafür verantwortlich, dass das Einkommen in den kurdischen Gebieten bis heute durchschnittlich ein Zehntel dessen im Westen beträgt? Sind sie dafür verantwortlich, dass die Armut sie häufig dazu zwingt, ihre Kinder als Saisonarbeiter zu elend schlechten Bedingungen durch das Land zu schicken?

Wir sollten endlich mit unseren Vorurteilen gegenüber Kurden aufräumen und sie als Partner für den Aufbau demokratischer Strukturen begreifen. Und wir sollten uns mit dafür einsetzen, dass Frieden und Demokratie in der Türkei eine Chance bekommen. Nach über dreißig Jahren müssten auch wir begriffen haben, dass eine wichtige Voraussetzung für Demokratie in der Türkei der Friedensprozess darstellt. Ein Friedensprozess allerdings, der nicht nur auf einer Demilitarisierung des Konfliktes, sondern auf die Garantie der Rechte von Kurden abzielt.