Theater im Livestream

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Theateraufführungen per Livestream ins Internet übertragen? Während die einen vor dem Kulturverfall warnen, sehen die anderen genau darin eine Chance für das Theater. Beate Heine, Geschäftsführende Dramaturgin am Thalia Theater, über die unterschiedlichen Positionen.

Zunächst einmal scheint der Vorstoß des Berliner Kulturstaatssekretärs Tim Renner, Theater sollen Inszenierungen live streamen, folgerichtig: In den vergangenen Jahren haben sich die deutschsprachigen Stadttheater mit zahlreichen und sehr vielfältigen Formaten als neue Orte und Foren in den Städten definiert. Sie haben sich mit einer künstlerischen wie sozialen Reichweite in die Städte hinein vernetzt. So hätten die Stadttheater in den vergangenen Jahren eine Menge geleistet und sich eine neue Relevanz erarbeitet, konstatiert die Freiburger Intendantin Barbara Mundel. Die Theater bemühen sich, auf jede erdenkliche Weise Hürden abzubauen, die Häuser in vielerlei Hinsicht zu öffnen und transparent erscheinen zu lassen.

Also liegt es auf der Hand, dass sich die Theater auch ins offenbar barrierefreie World Wide Web begeben. Theoretisch erreichen hier Theater und Künstler eine freie und breite Gesellschaft. Schenkt man dem Soziologen Dirk Baecker Glauben, dann werde sich ohnehin die „nächste Gesellschaft“ durch die Präsenz von Informations- und Kommunikationstechnologie, in allen Formen, Institutionen und Theorien von ihren Vorläufern unterscheiden. Er ist sicher, dass das Theater in Zukunft der Ort sein wird, an dem das Multimediale zum Ereignis wird. Aktuell besteht die Chance eines jeden Theaters, im Netz präsent zu sein, darin, seine ihm wichtigen künstlerischen Inhalte wie gesellschaftspolitischen Intentionen auf eine weitere und andere Weise transparent zu machen und zu vermitteln. Es gibt hier verschiedene Versuche in der Theaterlandschaft: Das Theater Ulm streamte unter anderem sein Rechercheprojekt „Refugium“ über die Geschichten und Lebenssituationen von Flüchtlingen in Ulm sowie die sich anschließende Diskussionsrunde, das Thalia Theater Hamburg übertrug bisher Vorträge und Podiumsdiskussionen. Die britische Zeitung The Guardian zeigte kürzlich anlässlich des 30. Jubiläums der Künstlergruppe Forced Entertainment die Aufführung „Speak Bitterness“ im Hebbel Theater Berlin. Begleitet werden diese Unternehmungen von Live-Chats, Twitteraktivitäten, Einführungen, Diskussionen und Kommentaren. So kommt man darüber hinaus auch mit seinen Zuschauern, ob nun im Netz oder live ins Gespräch. Theater wird auf globaler wie lokaler Ebene für alle zugänglich, in einer Gesellschaft, wie der Verleger Bernd Schmidt in seinem Beitrag auf der Theaterplattform nachtkritik.de ausführt, die einerseits mobil wie niemals zuvor ist und die gleichzeitig, angesichts des demografischen Wandels und des zunehmenden Alterungsprozesses, immobiler wird.

Letztlich bleibt es jedem Theater selbst überlassen, wie aufwendig es seine Präsentationen im Netz ästhetisch aufbereitet. Dies ist sicher auch abhängig von den finanziellen Mitteln, die zur Verfügung stehen. Ist es nur eine Kamera, die die Totale aufnimmt, wie bei hauseigenen Mitschnitten oder wird das szenische Geschehen über ein Mehrkamerasystem aufgelöst? Mit diesen technischen Entscheidungen, die zudem ästhetische Auswirkungen haben, befindet das Theater auch darüber, ob Inhalt vor Kunst geht. Damit entscheidet es zugleich, ob dieses Angebot als Teaser gemeint ist, der einen auffordert, sich eben live ins Theater zu begeben, um dem künstlerischen Produkt in seiner Herrlichkeit beizuwohnen.

Ästhetische Ansprüche

Doch die User stellen Ansprüche, qualitative wie ästhetische und um wirklich attraktiv zu sein, wird dies alles letztlich viel Geld kosten. In diesem Zusammenhang hat Bernd Schmidt einen bedenkenswerten Vorschlag gemacht: „Fordern wir doch eine adäquate Summe aus der öffentlich-rechtlichen Rundfunkgebühr dafür.“ Zu Ende gedacht hieße es, dass zukünftig für eine Inszenierung zwei Regisseure parat stehen - einer für das Bühnenerlebnis und einer für die Regie des Livestreams.

Dies ist für viele eine Horrorvision. Der FAZ-Theaterkritiker Gerhard Stadelmeier warnt gar vor einer „Theaterzerstörung ganz eigener Art“ und kritisiert ebenso wie auch der Baseler Journalist Andreas Tobler, dass der Blick des Zuschauers durch den Zwang, den die Kamera ausübt, entdemokratisiert werde. Frei nach dem Motto: „What you see is what you get.“ Diesen Merksatz schreibt sich der eine oder andere Fernsehregisseur während der Dreharbeiten unter die Kontrollmonitore. Denn er kann dem, was er er live während der Aufnahmen sieht, nicht trauen. Nur der Bildschirm zeigt ihm, was die Kamera wirklich sieht. So werden Ausstattung, Licht und Spielweise dem Kamerablick angepasst, damit sie den Bedürfnissen des Mediums gerecht werden. Stadelmeier wie Tobler kritisieren letztlich, das beide Medien im Livestreaming, Film und Theater, nicht zu ihrem Recht kommen und man nur Kompromissen beiwohne. Damit bringe sich das Theater um die künstlerische Qualität und seinen künstlerisch-ästhetischen Ausdruck.

Diese Kritik scheint gar nicht so abwegig zu sein, zum Beispiel angesichts der hochwertigen Liveübertragungen des National Theatre London in diverse europäische Kinos. So ist die dortige Aufführung „Von Mäusen und Menschen“ von John Steinbeck mit Schauspielern besetzt, die berühmt aus Film und Fernsehen sind. Das Bühnenbild wirkt wie eine Filmkulisse. Filmisch ist die Übertragung in einer Fernsehästhetik aufgelöst und die Dramaturgie wirkt in ihrer Linearität für das Medium Film sehr verstaubt. Im Grunde nivellieren sich hier zwei Künste gegenseitig.

Neue Perspektiven

Worin also kann die Chance dieser Technologie für das Theater bestehen und wie kann die Intention über den Aspekt der Transparenz und Legitimation hinausgehen? Grundsätzlich bringt sich das Theater erst einmal um seine Exklusivität, aber vielleicht liegt genau darin seine Chance. Das Theater hat durch eine Direktübertragung die Möglichkeit dem Netz-Zuschauer, der eben nicht das analoge Live-Erlebnis im Theaterraum hat, einen anderen Mehrwehrt über eine exklusive Perspektive zu eröffnen. Es wäre möglich, live - durch Splitscreens wie auch durch externe Schauplatzwechsel oder Voice Over - simultan zur Aufführung, einen Einblick in das Geschehen hinter den Kulissen zu bekommen. Regisseure und Theatermacher könnten die Arbeit mit ihren spezifischen Herausforderungen kommentieren. Das Theater Dortmund macht vor, welche Möglichkeiten noch in den neuen Medien für das Theater stecken können, indem sie Bestandteil der künstlerischen Grundkonzeption werden - sei es, dass Zuschauer aktiv auf das theatrale Geschehen Einfluss nehmen können oder dass die technologischen Erkenntnisse auf das Bühnenereignis übertragen werden. Am Thalia Theater Hamburg hat der Regisseur Christopher Rüping mit seiner Inszenierung „Die lächerliche Finsternis“ von Wolfram Lotz den Versuch unternommen, das Genre des Hörspiels auf die Bühne zu übersetzen und hat gleichzeitig einen Audio-Livestream ins künstlerische Konzept miteinbezogen: Schauspieler und Zuschauer spielen gemeinsam live für das Netzpublikum. Das Ereignis im Internet hat seine eigene und ganz andere Form und Qualität als der Liveact und beide erzeugen jeweils spezifische Erlebnisse.

Darüberhinaus bietet es sich an, exklusive Ereignisse, beispelsweise einmalige Aufführungen, Gastspiele auf Festivals oder Festspielen, von den Schillertagen, den Lessingtagen oder Autorentheatertagen, zu übertragen. Für zeitgenössische junge Autoren wäre das vielleicht sogar attraktiv, sich einem breiteren Publikum präsentieren zu können. Genauso wäre es möglich, Probenprozesse live zu streamen, was zugegebener Maßen neue Probleme hervorruft und das Privileg, vor allem aber den intimen Schutzraum in Frage stellt, acht bis zehn Wochen unter Ausschluß der Öffentlichkeit zu probieren. Der Regisseur Luk Perceval unternimmt immer wieder unterschiedliche Versuche, Proben zu öffnen oder auch Nicolas Stemann zeigte Zwischenergebnisse seiner Faust-Produktion – im Grunde sind dies eine Art Live-Making-Ofs, die dem Zuschauer zeitgleich zu ihrer Entstehung einen Einblick in die Arbeit gewähren. Dann wird zwar das letzte Geheimnis des Theaters gelüftet, aber es könnte ein erweitertes Theatererlebnis beim Zuschauer erzeugen, wenn er in der Aufführung sitzt und zuvor eine Idee davon bekommen hat, wie die Inszenierung entstanden ist. Die Behauptung, Theater sei Experiment, würde hier praktisch umgesetzt.

Letztlich kann weder für das Theater noch für die filmische Übersetzung der ästhetische Aspekt des jeweiligen Mediums im Vordergrund stehen, sondern zuallererst der Inhalt. Hier könnte das Theater eben durch das Cross-over der Medien eine neue politische Dimension erhalten und mit Konzepten und Inhalten überzeugen. Vielleicht wird Theater wirklich zum multimedialen Tempel. Vielleicht wird es, wenn der erste Hype vorüber ist, wieder davon ablassen. Hoffentlich wird es Theatermacher geben, die weiter damit experimentieren, so dass über diese Auseinandersetzung zugleich auch immer wieder auf das Besondere hingewiesen wird.

 

Video-Mitschnitt der Veranstaltung "Schauspiel im Livestream - Fluch oder Segen?"

Fachgespräch am 10. Dezember 2014 mit:

  • Geraldine de Bastion - Vorsitzende der Digitalen Gesellschaft, Kuratorin der re:publica, Berlin
  • Daniel Hengst - Medientechniker und Videokünstler, Otto-Kasten-Preisträger 2014
  • Anne Peter - Kritikerin, Chefredakteurin www.nachtkritik.de, Berlin
  • Tim Renner - Staatssekretär für kulturelle Angelegenheiten, Berlin
  • Ulf Schmidt - Blogger und Theaterautor, Preisträger beim Heidelberger Stückemarkt 2014
  • Nils Tabert - Leiter Rowohlt Theater Verlag, Hamburg
  • Kay Voges - Regisseur und Intendant des Schauspiels Dortmund
  • Kay Wuschek - Intendant des Theaters an der Parkaue, Mitglied im Rat für die Künste, Berlin
  • Moderation: Christian Römer, Heinrich-Böll-Stiftung

 

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Kommentare

Ich hab mal am Theater

Ich hab mal am Theater Dortmund mitgemacht, als Assistent und kenne das Stück Psychose von Sarah Kane in und auswendig. Ich finde schon, dass man da ruhig ne liveübertragung machen kann, aber das ist ja wohl niemals das selbe, das ist gar nicht möglich. Das Chipsrascheln auf der Couch, das Masturbieren im Schlafzimmer, wird niemals an ein Masturbieren im Zuschauersaal herankommen. Daran hat man die Autorin bei den "immobilen" - und vermutlich leicht debilen - Alten nicht gedacht. Wenn man allerdings an priapismus leidet und sich in der Öffentlichkeit nicht mehr zeigen will, dann ist es natürlich super, sich den Laptop aufzuklappen und die unecht wirkende Kunstblutfarbe von Vogels Psychose nicht riechen zu müssen.

Letztlich kann weder für das Theater noch für die filmische Übersetzung der ästhetische Aspekt des jeweiligen Mediums im Vordergrund stehen, sondern zuallererst der Inhalt. Hier könnte das Theater eben durch das Cross-over der Medien eine neue politische Dimension erhalten und mit Konzepten und Inhalten überzeugen.

Ich finde das eine super Idee

Ich finde das eine super Idee mit dem Livestream von ausgewählten Theatervorführungen: Es ist quasi eine Demokratisierung des Theaters und nimmt den Theatern auch etwas von dem Rechtfertigungsdruck, der mit der hohen Subventionierung einhergeht.

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