„Little Alien“: Zwischen Hoffnung und Ohnmacht

„Little Alien“: Zwischen Hoffnung und Ohnmacht

Nina Kusturica
Nina Kusturica: "Die Vorstellung, gar keine Familie im selben Land zu haben, ist schrecklich" — Bildnachweise

Sie leben, weil sie geflüchtet sind: Über Grenzzäune oder im Fahrgestell eines LKWs gelangen sie nach Österreich, in der Hoffnung auf eine normale Jugend, auf ein Leben mit Zukunft. Der Dokumentarfilm „Little Alien“ von Nina Kusturica fokussiert Geschichten von sogenannten unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen, die es nach Österreich verschlagen hat. Wir sprachen mit ihr über ihren Film und Europas Asyl- und Flüchtlingspolitik.

Beim Sehen von "Little Alien" fühlt man sich von der Leichtigkeit und Freude der Protagonisten mitgerissen, um dann im nächsten Moment auf den harten Boden der Realität zurückgeholt zu werden. Wie sind Sie auf den Titel gekommen?

Es geht um das junge Leben, das trotz der schwierigen Umstände eine Leichtigkeit in sich trägt. Der Titel erlaubt uns auch einen "side step" zu nehmen und den Menschen, der ja von der Behörde auf Englisch als "Alien" bezeichnet wird, auch in einem universellen Kontext und der Frage nach Fremdsein zu sehen.

Sie selbst sind als Jugendliche mit Ihren Eltern nach Österreich geflohen. Wo sehen Sie die besonderen Herausforderungen für Jugendliche, die ohne Familien flüchten?

Durch die Fluchterfahrung verliert man das Zuhause und die geliebten Menschen. Die Vorstellung, gar keine Familie im selben Land zu haben, ist schrecklich. Vor allem, wenn der Aufenthaltsstatus der Flüchtlinge in so einem Verfahren sehr lange ungewiss bleibt – was fast immer der Fall ist. Die Flüchtlinge kommen in ein fremdes Land, in eine Gesellschaft, in der sie lange in einem unnatürlichen Schwebezustand gefangen sind. Dieser Zustand kann viele Monate und sogar Jahre dauern und ist – gerade ohne familiären Rückhalt – unerträglich.

Wie kamen Sie in Kontakt mit den jungen Protagonisten?

Es war eine klassische Recherchearbeit. Ich habe in den Institutionen und Unterbringungsmöglichkeiten geschaut, aber auch an den EU-Grenzen und in den Verstecken im Wald. Manchmal habe ich die Menschen auch einfach auf der Straße angesprochen. Es war relativ leicht mit ihnen in Kontakt zu treten. Viele haben Interesse gezeigt mitzuwirken, sie haben oft gesagt: „Filmt uns – so dass die Menschen in Europa sehen, wie es uns geht und welchen Ungerechtigkeiten wir ausgesetzt sind!“ Da schwebte immer die Hoffnung mit, dass sich in Zukunft etwas bessern wird.

Was muss sich Ihrer Meinung nach in der Asyl- und Flüchtlingspolitik Europas ändern?

Das ist eine schwere Frage, die ich nicht ganz beantworten kann. Es ist wichtig für die Bürgerinnen und Bürger Europas, die Tatsache anzuerkennen, dass in ihrem Namen vor allem an den Grenzen, aber auch innerhalb der EU, die Menschenrechte buchstäblich mit Füßen getreten werden. Ich hoffe, dass immer mehr Menschen anfangen, hinter die einfachen politischen Parolen und Mythen zu blicken. Bei der Arbeit am Film waren wir Zeugen von all den Dingen, die Flüchtlinge tagtäglich erleben: Gewalt durch Polizei, grundlose Verhaftungen. Sie dürfen nicht arbeiten und keine Berufsausbildung absolvieren. Sie haben nicht die gleichen Rechte wie die anderen Menschen in der Gesellschaft und keinen Platz zum (Über)Leben.

Die Asylpolitik ist keine nationale Frage, sondern eine Frage auf EU-Ebene, in der die Nationalstaaten die Harmonisierung der Asylgesetze verhindern. Was mir am deutlichsten auffällt, ist dass die Gesetze und die Praxis so sind, dass die Zuständigkeiten schwer zuzuordnen sind. Wenn wir die täglichen Berichte von den Toten im Mittelmeer oder am Stacheldraht in Nordafrika sowie von menschenunwürdiger Behandlung der Geflüchteten hören, verschwimmt die Verantwortung zwischen den Grenzländern, der Grenzagentur Frontex und den Nationalstaaten. Wenn keiner zur Verantwortung gezogen werden kann, kann sich auch die Situation der Flüchtlinge nicht verbessern.

Das Interview führte Maria Kind


Hier geht es zur Seite des Films.

Die DVD kann man hier bestellen.

Die Limited Edition-DVD beinhaltet ein
72-seitiges Booklet (Deutsch/Englisch) mit ausführlichen Informationen zu den Themen im Film, sowie 30 Min.  Bonusmaterial (noch nie gezeigte Szenen aus Griechenland und der Ukraine, ein Making Of und das Little Alien-On-Tour-Special) sowie eine Audiodeskription für Blinde und Sehbehinderte. Untertitel: Deutsch (für Gehörlose und Hörgeschädigte), Englisch, Spanisch, Französisch, Portugiesisch, Kroatisch und Japanisch.

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