Die Identitätslosen von Lampedusa

Die Identitätslosen von Lampedusa

Zakaria Mohammed Ali
Zakaria Mohammed Ali - Ausschnitt aus seinem Film "To whom it may concern" — Bildnachweise

2008 kam er als Flüchtling nach Europa – im Film „To whom it may concern“ erzählt er seine Geschichte. Ein Interview mit dem somalischen Journalisten Zakaria Mohammed Ali.

Der in Rom lebende somalische Journalist Zakaria Mohammed Ali berichtet in seinem Film „To whom it may concern“ auf dokumentarische Art und Weise über die Flüchtlingsproblematik auf Lampedusa. Die Geschichte, die der Journalist erzählt, ist seine eigene: Im Sommer 2008 floh Zakaria aus Somalia über Libyen nach Italien und beantragte dort erfolgreich Asyl. Er selbst sagt, er habe „Glück“ gehabt und will mit seiner Arbeit eine Stimme für die Lebenden sein, die tagtäglich um ihre Zukunft fürchten müssen. Aber auch für die tausenden von Toten, die die Reise in eine erhoffte „besseres Zukunft“ nicht überlebten.

Welche Gedanken gingen Ihnen durch den Kopf, als Sie im August 2008 auf der Insel Lampedusa ankamen?

Ich fühlte zunächst eine riesige Erleichterung! Ich fühlte mich frei und freute mich, dass ich es geschafft hatte. Dass ich meine Familie anrufen und sagen konnte: „Gott sei Dank, ich lebe. Ich habe es geschafft!“ Andererseits befand ich mich umgehend in einer Art Trauer und dachte an all diejenigen, die auch in Libyen stecken geblieben oder auf dem Weg gestorben sind. Du kommst in der totalen Unsicherheit an und weißt nicht, was dein Schicksal sein wird und was mit dir geschieht.

Ich wollte einfach nur weg aus meiner Heimat und war froh, dass ich es geschafft hatte. Ich war nun an einem besseren Ort, aber ich dachte sofort an meine Familie, die noch in Somalia – mitten in einem Bürgerkrieg – war. Im Rückblick hatte ich riesiges Glück. Nicht nur, dass ich die Reise überlebte, auch dass ich mit Menschen des Archivo Delle Memorie Migranti in Kontakt kam. Sie ermöglichten mir, meine Bestrebungen auch in Italien als Journalist anerkannt zu werden, zu verfolgen.

Sie hatten riesiges Glück und können heute als Journalist arbeiten. Zudem sind Sie auch als Sozialarbeiter für Flüchtlinge tätig. Inwiefern ist deren Situation heute eine andere als Ihre vor fünf Jahren?

Die Administration, die Politik, das ganze Verfahren ist das Gleiche. Was es aber vor einiger Zeit noch nicht gab, sind die ganzen Freiwilligen und Sozialarbeiter, die mittlerweile mit den Flüchtlingen arbeiten – und dies zu einem großen Anteil ehrenamtlich tun. Einige Dienstleistungen sind viel besser als noch vor fünf Jahren, zum Beispiel gab es, als ich kam, noch nicht das „Sistema di Protezione per Richiedenti Asilo et Rifugiati“ (Schutzstrukturen für Flüchtlinge und Asylsuchende).

Das gibt es jetzt und es arbeitet mit dem „Centro di Rifugiati“ (Zentrum für Flüchtlinge) zusammen. Sie kümmern sich insbesondere um Frauen und Kinder, die mehr Hilfe benötigen. Auch die Gastfreundschaft und Hilfe in weiten Teilen der Bevölkerung scheint zu wachsen – aber es ist längst noch nicht genug. Es muss sich noch Vieles ändern! Es sind die Freiwilligen, die sich um die Flüchtlinge kümmern – nicht die Politik.

Italiens Politik scheint mit der großen Anzahl von Flüchtlingen überfordert zu sein. Was kann und sollte Italien und Europa tun, um die Situation von Flüchtlingen zu ändern?

Die Frage kann nur beantwortet werden, wenn die Interessen aller Beteiligten mit einbezogen werden: die der Flüchtlinge und die der Aufnahmeländer. Italien, als Mittelmeeranrainerstaat, sieht sich mit einer ungleich größeren Zahl an Flüchtlingen konfrontiert, als andere europäische Länder. Täglich kommen auf der Insel Lampedusa hunderte von Flüchtlingen an.

Das „Centro Identificazione“ (Zentrum zur Feststellung der Identitäten) auf Lampedusa, das sich als allererstes um die ankommenden Menschen kümmert ist militarisiert. Anstatt die traumatisierten Flüchtlinge abzuschrecken, sollten gerade solche Zentren Orte des „Willkommens“ sein. Erst die Sozialarbeiter und die Freiwilligen zeigen die notwendige Menschlichkeit. Für sie sind die Flüchtlinge nicht nur bloße Nummern, sondern Individuen, deren Schicksal sie tagtäglich mit eigenen Augen miterleben.

Europa sollte schon an den Grenzen selbst und nicht auf dem Meer eingreifen. Es sollte schon auf dem afrikanischen Kontinent Ansprechpartner für Asylsuchende geben, die unter europäischer Obhut stehen. Schon vor Ort sollten die Menschen interviewt und ihre Möglichkeit für Asyl evaluiert werden. Nur so kann man die Flüchtlinge ernst nehmen.

Kein Mensch begibt sich sonst freiwillig auf eine solch gefährliche Reise. Und die meisten kommen mit der festen Absicht und meist auch einer Profession und wollen in Europa erwerbsfähig sein. Sich mit ihren Ideen einbringen und arbeiten. Sie wollen sich an der Wirtschaft beteiligen und den Staaten nicht auf der Tasche liegen. Aber das wird ihnen einfach nicht ermöglicht. Da gibt es noch viel zu tun.

„To whom it may concern“ – an welchen Unbekannten richten Sie Ihren Film und wer soll sich angesprochen fühlen?

Die Menschen die auf dem Meer sterben, sterben ohne Identität. Oft kennt man nicht ihre Namen, ihre Träume und Hoffnungen, weiß nicht, wen sie in ihrer Heimat zurück gelassen haben. Sie sind bloße Nummern.

Als ich mich auf die Reise begab, nahm ich auch mein Tagebuch mit, ein einfaches Notizheft. Von Mogadishu bis Rom schrieb ich alles auf, was mir auf der Reise widerfuhr. Ich interviewte meine Mitreisenden aus der Wüste und in Libyen, im Sudan und in Äthiopien. Kurz bevor ich in Tripolis in das Boot stieg, packte ich eine Plastiktüte mit meinem Tagebuch, einem Foto meiner Familie, mein Journalistendiplom und meiner Identifikationskarte, verpackte alles Wasserdicht und schrieb „To whom it my concern“ darauf – „,may“ ohne a und unterschrieb mit meinem Namen, meinem Geburtsdatum und meinem Geburtsland. Ich wusste ja nicht, ob ich die Reise über das Meer überleben oder ob ich ertrinken würde. Auch wenn ich sterbe, wollte ich, dass meine Geschichten gelesen werden.

2012 bekam ich dann durch das durch das AMM die Möglichkeit nach Lampedusa zurück zu kehren und dort einen Film zu drehen. Doch diesmal kam ich als freier Mensch und ohne Angst. Ich war ein Individuum mit eigener Geschichte. Ich wollte den Film für alle, die es nicht geschafft haben, aber auch für die, die in Europa verteilt leben, drehen. Für die, die sich interessieren, aber auch für die, die Flüchtlinge nach wie vor als Nummern betrachten.



Video: "To whom it may concern" (Italienisch mit englischen Untertiteln)

 

Verwandte Inhalte

  • Israel: Flüchtlinge in Aufruhr

    In Tel Aviv haben zu Beginn des Jahres tausende illegale Migrantinnen und Migranten gegen die Kriminalisierung von Asylsuchenden demonstriert. Die Proteste haben eine öffentliche Debatte über den Umgang mit Geflüchteten provoziert, doch die Regierung stellt sich stur.

    Von Marianne Zepp

0 Kommentare

Neuen Kommentar schreiben

Neuen Kommentar schreiben