Afghanistan: Jugend in unruhigen Zeiten

Kinder in Afghanistan
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Flucht als Ausweg: Seit Jahrzehnten ist Migration die Überlebensstrategie vieler junger Afghanen

Afghanistan kämpft heute an vielen Fronten. Mobilität ist seit Jahrzehnten für viele Afghanen ihre Überlebensstrategie. Sie fliehen vor dem  dem Krieg und der wirtschaftlichen Unsicherheit.  Die Sicherheitslage verschärft sich, die ausländischen Truppen ziehen ab und hinterlassen Ungewissheit, die Wirtschaft kommt nicht in Gang und die internationalen Geldquellen versiegen. Als sei dies noch nicht genug, üben das schnelle Bevölkerungswachstum und die Urbanisierung demographischen Druck aus. Heute sind zwei Drittel der Bevölkerung unter 25 Jahre alt. Für die jungen Afghan/innen scheint es einmal mehr die beste Strategie zu sein, ihre Heimat zu verlassen und in der Fremde eine bessere Zukunft zu suchen.

Die Aufbruchsstimmung, die sich 2014 im Zuge der afghanischen Präsidentschaftswahlen verbreitete, ist schnell der Ernüchterung gewichen: Der Machtwechsel von Hamid Karzai, der seit 2002 im Amt war, zur neuen Regierung kam nur unter erheblichen Geburtswehen zustande. Von Wahlbetrug war die Rede, es gab eine Neuauszählung der Stimmen, und die beiden führenden Kandidaten konnten sich lange nicht einigen. Es hängt vom Gelingen dieses Machtwechsels ab, wie sich die sozio-politische Lage, die Sicherheit und die Friedensaussichten entwickeln. Verschärft wird die Krise im Land durch eine zunehmende Verschlechterung der Sicherheitslage und durch den Abzug der ausländischen Truppen, der bis Ende 2014 abgeschlossen sein sollte.

Die jungen Erwachsenen in Afghanistan, ganz gleich, ob sie auf dem Land oderin der Stadt leben, sind in einem Klima des kollektiven Unbehagens aufgewachsen – und mit der Befürchtung, dass das kommende Jahrzehnt nicht wesentlich besser wird als das vergangene. Die Hoffnung, die in den ersten Jahren der Karzai-Regierung zu spüren war, ist geschwunden. Für viele junge Afghanen sieht die Zukunft wenig vielversprechend aus. Sie haben vermehrt das Gefühl, ihre Zukunft liege anderswo, zu langsam war der Fortschritt, und immer noch hinkt Afghanistan den – ebenfalls armen – Nachbarstaaten hinterher. Es wäre keine Überraschung, wenn es erneut zu einer Migrationswelle kritischen Ausmaßes käme, in einem Land, in dem Mobilität fast traditionell die am häufigsten angewendete Überlebensstrategie einer vom Krieg zermürbten Bevölkerung ist.

Migrationstrends

Die Binnenmigration in Afghanistan nimmt zu. Dem UN-Hochkommissariat für Flüchtlinge (UNHCR) zufolge hatten Mitte 2014 fast 700.000 Menschen ihre Heimat verlassen, die Hälfte davon während der letzten drei Jahre. Afghanistan ist außerdem zwar nicht mehr Spitzenreiter, aber immer noch unter den Top 3 der Herkunftsländer von Asylsuchenden weltweit (75 273 in 63 Ländern, wobei die Türkei und Deutschland die bevorzugten Zielländer sind). Viele Afghanen kommen als unbegleitete Minderjährige in das Zielland, häufig Jungen unter 18 Jahren.

Diese offiziellen Zahlen sind wahrscheinlich nur die Spitze des Eisbergs, denn der UNHCR gibt zu, dass er keine Möglichkeit hat, Migrationsbewegungen in unsiche ren Landesteilen zu erfassen. Erst kürzlich sei begonnen worden, die städtischen Migrantengruppen zu zählen und zu kategorisieren. Die genannten Zahlen erfassen auch nicht die Menschen, die durch Naturkatastrophen aus ihrer Heimat vertrieben wurden.

Im Vergleich zu früher hat die grenzüberschreitende Migration nachgelassen. Dafür gibt es zwei Gründe: Erstens sind die klassischen Zieloptionen Iran und Pakistan nicht mehr so attraktiv, und zweitens haben viele westliche Länder die Eintrittsschranken für Flüchtlinge deutlich erhöht. Das zwingt Afghanen entweder zur Binnenmigration oder zu kreativen Methoden, in ein sicheres Land zu gelangen. Wer es sich leisten kann, bringt seine Familie nach Dubai (die Zahlen sind wenig belastbar, aber Schätzungen zufolge sind seit 2010 ca. 6,9 Milliarden US-Dollar von Afghanistan nach Dubai geflossen, und ca. 300.000 Afghanen sollen dort leben). Offiziell studieren derzeit etwa 10.000 Afghanen im Ausland, die Hälfte davon in Indien, der Rest in Pakistan, Europa, Nordamerika und Australien. Bis zu 3,4 Millionen Afghanen leben und arbeiten ohne Papiere oder vorübergehend im Ausland, drei Millionen davon im Iran und in Pakistan. Die Ehe mit Exil-Afghanen mit doppelter Staatsbürgerschaft und die Familienzusammenführung mit Verwandten im Westen sind ebenfalls beliebte Exit-Optionen geworden. "Afghanen, die es sich leisten können, zahlen bis zu 24.000 US-Dollar für Einreisedokumente nach Europa und bis zu 40.000 Dollar für Kanada. Visa für die USA können grundsätzlich nicht durch Zahlung erlangt werden."

Der mit Abstand größte Zustrom erfolgt in die Städte Afghanistans. 7,2 Millionen Menschen – 30 Prozent der Bevölkerung –leben derzeit in den Städten, und mindestens 2,2 Millionen davon sind in den letzten Jahren gekommen (eine Hälfte aus ländlichen Gebieten, die andere Hälfte sind zurückgekehrte Flüchtlinge). Auch hier sind die tatsächlichen Zahlen unter Umständen wesentlich höher.

Afghanistan hat seit 2001 wesentliche Fortschritte gemacht: Die Wirtschaft ist gewachsen, die sozialen Indikatoren zeigen Verbesserungen, und es wurde in die Verwaltung und die Infrastruktur investiert. Auf der Negativseite sind Rückschläge bei der Landwirtschaft und Stadtentwicklung zu verzeichnen und auch die Regierungsführung hat sich verschlechtert. Das ist die ernüchternde Bilanz, nachdem so viele Hilfsgelder in das Land geflossen sind.

Anhaltende Unsicherheit

Sie ist meist eine der stärksten Antriebskräfte der Migration und ein recht zuverlässiger Indikator oder Prädiktor für künftige Bevölkerungsströme. Der neue Anstieg der Gewalt in Afghanistan gibt nicht viel Anlass zur Hoffnung, dass die konfliktinduzierte Migration in nächster Zeit abnehmen wird. 2013 verzeichnete die United Nations Assistance Mission in Afghanistan (UNAMA) einen Anstieg der zivilen Opfer von 14 Prozent gegenüber dem Vorjahr. In den ersten sechs Monaten des Jahres 2014 zählte die UNAMA 4.853 zivile Opfer (1 564 zivile Todesopfer und 3 289 Verletzte) – 4 600 davon allein im ersten Quartal – was einen Anstieg der zivilen Opfer von 24 Prozent gegenüber den ersten sechs Monaten des Jahres 2013 bedeutet. Neu ist dabei, dass die meisten Toten und Verletzten nicht im Zuge der Kämpfe der afghanischen Streitkräfte mit gegnerischen Truppen zu beklagen waren, sondern Opfer improvisierter Sprengladungen wurden. Human Rights Watch warnt:

"Es ist unklar, inwieweit die afghanischen Sicherheitskräfte in der Lage sind, Gebiete, die unter der Kontrolle der Regierung sind, zu halten oder gegnerisches Gelände zurückzuerobern. Die Sicherheit für weite Teile der Bevölkerung ist nach wie vor gefährdet."

Viele junge Afghanen haben das Gefühl, ihre Zukunft liege anderswo. Dieser Trend hält schon seit Jahren an. Im Jahr 2010 hat eine Umfrage von drei Nachrichtenagenturen ergeben, dass sich nur etwa die Hälfte der Afghaninnen und Afghanen ausreichend vor den Taliban und anderen bewaffneten Gruppen geschützt fühlt – ein zum Vorjahr unveränderter Prozentsatz.  2013 zeigte eine weitere Umfrage, dass die Mehrheit der Afghaninnen und Afghanen über ihre eigene Sicherheit und die ihrer Familie besorgt ist und dass sie bei Reisen innerhalb des Landes Angst verspürt. Die Optionen der Zivilbevölkerung, die in umkämpften oder von Regierungsgegnern kontrollierten Gebieten lebt, sind begrenzt: bleiben und sich gefügig verhalten, in die von der Regierung kontrollierten städtischen Gebiete umsiedeln oder den Tod riskieren.

Weit verbreitete Ungerechtigkeit und Straflosigkeit

Die Unfähigkeit der afghanischen Regierung, ihre Bürgerinnen und Bürger vor Gesetzesverstößen zu schützen, verschärft die Unsicherheit der Menschen. Bei einer jüngst durchgeführten Studie des Liaison Office gab die Mehrheit der Befragten an, ihnen mache am meisten die Unfähigkeit der afghanischen Regierung zu schaffen, Rechtsstaatlichkeit und gleiches Recht für alle durchzusetzen sowie die Mächtigen, einschließlich der Staatsbeamten, für Machtmissbrauch zur Rechenschaft zu ziehen. Ein Teppichhändler aus Mazar-e Sharif brachte das, was viele denken, auf den Punkt:

"Bestrafung droht nur denen, die keine Macht haben. Diejenigen, die Macht oder Verbindungen zu Mächtigen haben, werden belohnt, nicht bestraft."

Die Mehrheit der Befragten war auch der Ansicht, dass die Regierung die verfassungsmäßigen Rechte nicht achtet. Studien haben in der Tat belegt, dass insbesondere in ländlichen Gebieten 70 bis 80 Prozent der Konflikte informell gelöst werden, denn viele sind überzeugt, dass die offizielle Justiz sie nicht beschützt, sondern, im Gegenteil, ihre Rechte durch Erpressung verletzt. Die häufigsten Beschwerden: keine Strafverfolgung korrupter Beamte und Machthaber, kein juristischer Beistand für die Armen. Obgleich ein gewisser Fortschritt zu sehen ist, hält sich der afghanische Sicherheitsapparat angesichts bewaffneter Opposition oft zurück und ist entweder nicht willens oder nicht in der Lage, die Zivilbevölkerung zu schützen. Vor allem der afghanischen Polizei werden immer wieder – glaubhaft – Menschenrechtsverletzungen vorgeworfen.

Ein korrupter, auf den eigenen Vorteil bedachter Verwaltungsapparat

Korruption gilt als eines der zentralen Probleme Afghanistans, sogar noch vor Armut, externer Einmischung und schlechter Regierungsführung, so eine UN-Umfrage aus dem Jahr 2013 – ein Ergebnis, das von anderen Umfragen bestätigt wird. Der Skandal um die Kabul-Bank und die Unfähigkeit der Regierung, die Schuldigen zu bestrafen, hat die Stimmung im Land schwer belastet, insbesondere angesichts der schieren Ausmaße des Betrugs und der Verwicklung der Elite darin. Viele Menschen sehen die Regierung beherrscht von gierigen Machtmenschen, die nur in die eigene Tasche wirtschaften. Oder wie eine Lehrerin aus Herat es formulierte: "Sie sind mit ihrem Luxusleben beschäftigt und ignorieren uns völlig. Es gibt niemanden, der uns anhört."

Stark schwankende Qualität der staatlichen Leistungen

Die Erbringung der grundlegenden staatlichen Leistungen wie Bildung, Gesundheitsversorgung oder Straßenbau hat zwar Fortschritte gemacht, ist aber in Bezug auf Qualität und Abdeckung noch sehr ungleichmäßig. Verbesserungen in Richtung Millenniums-Entwicklungsziele wurden realisiert, aber Afghanistan rangiert auf dem Human Development Index auf Platz 175 von 187 und weist in der Gruppe der am weitesten zurückgebliebenen Länder nach wie vor unterdurchschnittliche Entwicklungswerte auf. Frauen sind häufig schlechter gestellt als ihre Ehemänner und Brüder: Der Gender Inequality Index, der die mangelnde Gleichstellung von Frauen bei der Gesundheitsversorgung, gesellschaftlicher Teilhabe und wirtschaftlicher Aktivität widerspiegelt, führt Afghanistan auf dem vorletzten Platz (147 von 148). Viele Afghanen kritisieren die weitverbreitete Vettern- und Klientelwirtschaft und sind der Meinung, dass sie staatliche Leistungen nur erhalten, wenn sie entsprechende Kontakte haben.

Bildung wird zwar häufig als afghanische Erfolgsgeschichte herangezogen, aber eine Studie des Agency Coordinating Body for Afghan Relief (ACBAR) aus dem Jahr 2011 kritisierte, dass der Fokus auf Quantität statt Qualität liege. Die Anzahl der Schülerinnen und Schüler hat zwar zugenommen, die Lese- und Schreibfähigkeit jedoch nicht. So können manche Absolventen der 12. Klasse nicht richtig lesen und schreiben.

Die ACBAR-Studie und die Weltgesundheitsorganisation (WHO) äußerten sich kritisch über die Qualität der Gesundheitsversorgung, wobei der Gesundheitszustand der afghanischen Bevölkerung laut WHO weltweit kaum noch unterboten werden kann. Der Zugang zur Gesundheitsversorgung, so die WHO, sei eines der zentralen Probleme, was beschämende Gesundheitsstatistiken zur Folge hat: Eines von zehn Kindern stirbt vor der Einschulung, und alle zwei Stunden stirbt eine Afghanin aufgrund von Komplikationen während der Schwangerschaft. In den städtischen Gebieten Afghanistans hat sich der Zugang zu öffentlichen Versorgungsleistungen verbessert, allerdings sind weder die Versorgung selbst noch die politischen Maßnahmen ausreichend, um die Herausforderungen der steigenden städtischen Armut, insbesondere bei der Nahrungsmittelversorgung, zu meistern.

Folglich ist die Mehrheit der Afghanen unzufrieden mit dem Verhältnis zwischen dem Aufwand und den Geldern, die seit 2001 in ihr Land geflossen sind, und den gebotenen Dienstleistungen. Viele vergleichen die Lage in ihrem Land mit dem, was sie als Flüchtlinge im Ausland erlebt haben. Diejenigen, die es sich leisten können, schicken ihre Kinder auf eine der immer zahlreicheren Privatschulen, oder sie versuchen, eines der begehrten Auslandsstipendien zu ergattern. Andere brauchen das Familienvermögen auf, um in Pakistan oder Indien oder auch im Westen medizinische Behandlungen durchführen zu lassen, die in Afghanistan nicht erhältlich sind.

Angst und zerstörtes Vertrauen

Während die Bevölkerung rapide wächst, ist das Wirtschaftswachstum bestenfalls bescheiden. Die Auswirkungen der Gewalt im Land, insbesondere in Kabul, schüren Ängste und zerstören das Vertrauen der Verbraucher. Die Unsicherheit über die politische Zukunft des Landes verstärkt diesen Trend. Die Abhängigkeit Afghanistans von internationalen Hilfsgeldern – und einer illegalen Drogenökonomie – kann keine nachhaltige Zukunft schaffen. Mit dem Abzug der ausländischen Truppen wird auch ein Großteil der ausländischen Geldströme versiegen.

Das kürzlich veröffentlichte National Risk and Vulnerability Assessment bestätigte hohe Arbeitslosigkeit und Unterbeschäftigung, insbesondere unter Frauen, Jugendlichen und in der ländlichen Bevölkerung. 81 Prozent der Beschäftigten verdingen sich in prekären Arbeitsverhältnissen – als Selbständige, Tagelöhner und unbezahlte Familienarbeiter (79 Prozent bei den Männern und 87 Prozent bei den Frauen). Die Arbeit der Frauen konzentriert sich auf wenige Bereiche, insbesondere auf die Viehhaltun und Nahrungsmittelverarbeitung.

Spricht man mit jungen – und zunehmend besser gebildeten – Afghaninnen und Afghanen, wird die Angst vor der Zukunft überdeutlich. Fast acht von zehn Jugendlichen nennen Arbeitslosigkeit als eine ihrer größten Sorgen, gefolgt von Unterbeschäftigung. Die Optionen vieler junger Afghanen sind äußerst begrenzt: im Land bleiben, mit der Aussicht auf Arbeitslosigkeit und Unterbeschäftigung (anstatt sich den bewaffneten Pro- oder Anti-Regierungstruppen anzuschließen), ins Ausland gehen und dort (meist illegal) zu arbeiten oder irgendwie zu versuchen, in den Westen zu gelangen.

Faktoren, die die grenzüberschreitende Migration begünstigen

Der Strom der Rückkehrer ist nicht so beständig wie erhofft: Der UNHCR, der zunächst die Anzahl der Rückkehrer (mehr als fünf Millionen) als afghanische Erfolgsgeschichte gepriesen hatte, gibt heute offen zu, dass für viele, wenn nicht für die meisten, die Rückkehr nicht von Dauer war, da essich als schier unmöglich erwies, Wohnung und Arbeit zu finden. Ebenso wenig garantiert war die grundlegende Versorgung und die eigene Sicherheit. Viele der Rückkehrer leben zwar wieder in Afghanistan, können aber nicht an ihren ursprünglichen Heimatort zurück, oder sie haben das Land auf der Suche nach Arbeit, Sicherheit, einer grundlegenden Gesundheitsversorgung oder Bildung wieder verlassen. Das heißt, das Problem "Migration" existiert weiter, und nachhaltige Lösungen sind immer schwieriger zu finden.

Afghanistan sieht sich heute mit der klassischen Gemengelage der am wenigsten entwickelten Länder konfrontiert: chronische Unterentwicklung, eine schwache Wirtschaft, schnelles Bevölkerungswachstum und rapide Urbanisierung (so schnell, dass die Erbringung von öffentlichen Leistungen nicht Schritt halten kann). Die Unter-25-Jährigen machen fast zwei Drittel der afghanischen Bevölkerung aus, die auf ca. 30 Millionen Menschen geschätzt wird. Der Wettbewerb um Ressourcen wie Grund und Boden, öffentliche Versorgungsleistungen und Arbeitsplätze verschärft sich in einem Land, das größte Schwierigkeiten hat, seine Bevölkerung zu ernähren und auszubilden. Es bedarf keiner fortgeschrittenen Rechenkünste, um zu erkennen, dass mit der Zahl der Menschen potenziell die Migrationsströme anschwellen werden.

In Afghanistan werden die Jungen (und die Frauen) traditionell aus allen wichtigen Entscheidungsprozessen ausgeschlossen, denn die Macht liegt in den Händen der älteren männlichen Elite. Der 2013 formulierte Entwurf einer afghanischen nationalen Jugendpolitik (Afghan National Youth Policy – ANYP) definierte "Jugendlicher" im afghanischen Kontext als eine Person zwischen 18 und 30 Jahren. Für junge Erwachsene kann das bedeuten, dass sie bis zu einem Alter aus der Erwachsenenwelt ausgeschlossen sind, in dem Gleichaltrige in anderen Ländern bereits erfolgreich im Berufsleben stehen.

Manche Analysten vertreten die Meinung, eine Gesellschaft, die ihre jungen Generationen nicht integrieren kann, sei stärker konfliktgefährdet als andere. Sowohl unter den militanten Regierungsgegnern als auch im afghanischen Militär sinkt das Durchschnittsalter. Nur wenige Selbstmordattentäter sind älter als 20 Jahre.

Die Migrationserfahrung und eine weitverbreitete Diaspora machen es für Afghanen einfacher, die Optionen abzuwägen. Es ist nicht das erste Mal in der jüngeren Geschichte des Landes, dass die Menschen zur Migration getrieben werden. Im Gegenteil: Das war die Norm. Drei von vier Afghanen waren irgendwann in ihrem Leben zur Migration gezwungen. Die meisten Afghanen sind mit diesen Gedanken vertraut, und viele spüren nicht mehr jene enge Verbindung zu ihrem Land und ihrem Leben in der Heimat, die sie früher gehalten hätten.

Durch die vielen Migrationen leben Familien häufig über mehrere Länder verstreut, was wiederum die Zahl der potenziellen Zielorte erhöht. Anders als im Iran und in Pakistan haben diejenigen, die sich weiter weg niedergelassen haben, oft die Staatsbürgerschaft ihres Ziellandes angenommen. Familienzusammenführungen und Ehen zwischen Afghanen aus der Heimat und afghanischen Emigranten kommen vor und werden in Zukunft wahrscheinlich noch zunehmen. Sie sind ein Ticket nach draußen, das ohne langwierige und möglicherweise erfolglose Asylanträge erworben werden kann. Die Migrationsforschung hat auch gezeigt, dass die Diaspora die Hemmschwelle der grenzüberschreitenden Migration senkt, da bereits Migrationswege und Unterstützungsnetzwerke bestehen.

Neue Migrationswege

Wenn man weiß, wohin die Menschen voraussichtlichemigrieren, kann Hilfe gezielter bereitgestellt werden. Da die klassischen Exit-Optionen Iran und Pakistan zunehmend schwieriger zu erreichen sind (Pakistan ist unsicher und der Exilanten überdrüssig, Iran ist ihrer einfach nur überdrüssig) und neue Optionen sich nur mit Geld oder Bildung eröffnen, wird es voraussichtlich verstärkt zur Binnenmigration kommen.

Kabul gilt als eine der am schnellsten wachsenden Städte der Region.36 Im Laufe der vergangenen sechs Jahre hat sich die Einwohnerzahl verdreifacht und beträgt heute über fünf Millionen. Aber auch andere Städte wachsen rasch. Schätzungen der Behörden zufolge lebt die Mehrheit der Bevölkerung in Kabul und den anderen größeren Städten in behelfsmäßigen Behausungen. In den städtischen Gebieten gibt es besonders viele junge Leute zwischen 15 und 24 Jahren, was den Schluss zulässt, dass es die Jungen eher in die Städte zieht, ganz gleich, wo ihre Familien leben.37 Auch Familien, die Bildungsmöglichkeiten für ihre Töchter suchen, oder Frauen, die arbeiten möchten, ziehen die Städte den ländlichen Regionen vor.

Viele Mitglieder der alten und der neuen Eliten Afghanistans und der aufstrebenden Mittelschicht besorgen sich Aufenthaltsgenehmigungen für Dubai. Der neueste Trend ist es, die Familie nach Dubai umzusiedeln, während der meist männliche Ernährer der Familie nach Afghanistan zurückkehrt. So hat man ein Ausweichquartier, falls die Zeiten schlechter werden.

Der neue begehrte Nachbar der jungen Afghanen ist Indien, nicht nur wegen der vielfältigen Bildungsmöglichkeiten, sondern auch – sofern es das Budget zulässt – zur Gesundheitsversorgung. Ein Studium im Ausland lockt Frauen wie Männer, doch die Mehrzahl sind Männer.

Es sind meist unbegleitete Minderjährige (unter 18 Jahren), die den kostspieligen und gefährlichen Weg mit Schleusern in den Westen wagen; die Glücklicheren sind im Besitz eines Heiratsvisums. Wie bereits erwähnt, erleichtern bestehende Diaspora- Netzwerke die legale Einwanderung durch Heirat, sowohl für Männer als auch für Frauen. Die illegale Route ist jedoch nach wie vor populär, insbesondere unter den jungen Männern. Sie ist zwar teuer, aber wenn eine Familie zusammenlegt, um einem der jungen Männer die Chance zu geben, sich in den Westen durchzuschlagen, hofft man natürlich darauf, dass ihm andere leicht folgen können. In diesem einen Punkt ist es von Vorteil, jung und männlich zu sein.

 

Dieser Text ist in der aktuellen Ausgabe von Perspectives Asien: Ein Kontinent in Bewegung erschienen.