Mein erster Kuss

Mein erster Kuss

Zwei sich küssende Frauen, aufgenommen 2010 in Paris
"Sie sprang auf mein Bett und küsste mich" — Bildnachweise

Zwei Freundinnen: Sie treffen sich am Wochenende, reden, trinken und lachen gemeinsam. In einer der beiden toben all diese unerklärlichen Gefühle. Eine Kurzgeschichte.

Ich bin in einem Haus mit vier Zimmern aufgewachsen, zusammen mit meiner Großmutter und meinen jüngeren Cousinen und Cousins. Wir waren eine große Familie, über mehrere Häuser verteilt, und als Kinder wurden wir Freunde. Ganz in der Nähe wohnte unser Freund, der ein Haus besaß und am Wochenende Alkohol verkaufte. Samstags und sonntags traf ich mich gewöhnlich mit meinen Freundinnen in dem shebeen und wir tranken Alkohol. Jede von uns hatte ein „Baby“, ein jüngeres Mädchen. Wir behandelten sie wie unsere Freundinnen, aber die meisten meiner Freundinnen hatten auch einen Jungen zum Freund. Nur ich, ich hatte keinen Freund.

Ich verbrachte viel Zeit mit meinem „Baby“, einem kleinen und sehr hübschen Mädchen, das noch zur Schule ging. Sie besuchte mich jeden Tag nach der Schule und blieb bis in die Nacht. Wir redeten und lachten viel. Sie hatte einen Freund, aber als ich sie zum ersten Mal sah, musste ich ihr unentwegt auf den Mund schauen. Ich wollte nur eins: sie küssen. Aber ich hatte viel zu viel Angst vor all den unerklärlichen Gefühlen in mir.

Eines Samstags gingen wir wie jedes Wochenende zum shebeen, denn das Mädchen wohnte ganz in der Nähe. Als ich kam, stand sie mit ihrem Freund auf der Straße. Sie unterhielten sich. Ich war geschockt und wütend und konnte nicht länger in der shebeen bleiben. Meine Freundinnen machten sich Sorgen, denn diese Samstage und Sonntage gehörten normalerweise uns – den ganzen Tag.

Ich ging zurück in mein Zimmer und legte mich aufs Bett. Ich dachte unentwegt an sie. Es klopfte an meiner Tür, aber ich öffnete nicht. Dann hörte ich nur ihre süße Stimme. „Warum bist du vom shebeen weggegangen?” Mein Herz schlug schneller. Sie trat ein. Sie trug eine schwarze Bluse und einen goldfarbenen Rock und ein Lächeln. Sie sprang auf mein Bett und küsste mich. Ich küsste sie zurück – zum ersten Mal – und hielt sie ganz fest. Ich spürte, wie die Hitze durch meinen Körper strömte. Meine Hände zitterten. Ich sah nichts. Nur sie. Das war mein magischer und ganz besonderer Kuss.

Dieser Text erschein unter dem Titel “My first Kiss” in dem Buch "Rivers of Life. Lesbian Stories and Poems", Südafrika 2013.

 

Über das Buch

Bei einem Projekt in Zusammenarbeit der Heinrich-Böll-Stiftung mit Free Gender wurde eine Gruppe von Lesben und Trans*personen aus den Townships von Kapstadt darin geschult, Geschichten über ihr Leben zu schreiben. In diversen Workshops von November 2013 bis März 2014 lernten sie mit einer Autorin für manch Unsagbares Worte zu finden. Mit berührenden Gedichten und Kurzprosa verliehen sie sich selbst eine starke Stimme. Wie wichtig dies ist, betont die feministische Aktivistin Zethu Matebeni in der Einleitung: „Das Geschenk der Stimme kann Leben verändern“. Die Texte wurden in dem Buch „Rivers of Life –Lesbian Stories and Poems“ („Flüsse des Lebens – Lesbische Geschichten und Gedichte“) gesammelt herausgegeben und während der Tage des Aktivismus im November 2013 u.a. an nationale und internationale Institutionen verteilt.

 

Weiterer Text aus dem Buch

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