Wie ich mich in Diane verliebte

Wie ich mich in Diane verliebte

"Ich wollte unbedingt wissen, wie sich ihre Lippen auf meinen anfühlten" — Bildnachweise

An diesen Tag erinnert sie sich noch genau. Es war der Tag, als Judith merkte, dass sie sich in ihre beste Freundin verliebt hat. Eine Geschichte aus Kenias Queer-Community.

So wie sich alles gefügt hat, schien es von Anfang an, als ob wir füreinander geschaffen wären. Diane habe ich in meinem ersten Jahr auf der Highschool kennengelernt. Ich war auf einem Mädcheninternat und sie mit mir in einer Klasse. Damals habe ich nie mit ihr gesprochen. Aber sie ist mir aufgefallen, weil sie die Stillste war und von allen in der Klasse am leisesten sprach. Vielleicht hätte ich Kontakt zu ihr aufgenommen, im zweiten Halbjahr ging sie jedoch von der Schule ab, auf eine andere.

Das Jahr darauf kam ich auf eine gemischte Tagesschule in Nairobi, um ganz genau zu sein, war das im letzten Trimester meines zweiten Highschool-Jahres. Was für eine Überraschung, als ich herausfand, dass ich mit Diane in einer Klasse war. Ich erkannte sie sofort wieder und begrüßte sie, gleich am ersten Tag in der Pause. Wir unterhielten uns ein bisschen über die vorhergehende Highschool, doch ansonsten passierte nicht viel zwischen uns. Sie war nett zu mir, aber wir waren nicht gerade eng befreundet.

Im dritten Jahr auf der Highschool wechselten wir das Klassenzimmer, und ab da saß Diane neben mir in derselben Reihe. In den Pausen quatschten wir miteinander, aber sie hatte immer noch ihre eigenen Freundinnen und ich meine. Trotzdem kamen wir uns immer näher, und am Ende des dritten Jahres waren wir die besten Freundinnen. In der Schule verbrachten wir jede freie Minute gemeinsam. Dennoch dauerte es bis zu meinem vierten Jahr auf der Highschool, bis mir bewusst wurde, dass ich mehr als freundschaftliche Gefühle für sie hegte. Ich erinnere mich noch genau an jenen Tag. Es war der Valentinstag.

An der Schule war es üblich, dass die Jungen, den Mädchen, die ihnen gefielen, kleine Geschenke machten. Deshalb war es nicht weiter verwunderlich, dass Diane an diesem Tag, eine Rose von Ben (einem Klassenkameraden) an ihrem Platz im Klassenzimmer vorfand. Ich war nicht weiter erstaunt, weil Diane sehr hübsch ist und zudem noch bei allen sehr beliebt. Was mich aber verwunderte war, wie ich darauf reagierte. Meine erste Empfindung war tiefe Enttäuschung, die sich unmittelbar darauf in Eifersucht wandelte. Zuerst dachte ich, es läge daran, dass ich keine Rose bekommen hatte. Aber je länger ich darüber nachdachte, desto klarer wurde mir, dass ich nicht auf Diane eifersüchtig war, sondern auf Ben. Ich wäre gern diejenige gewesen, die Diane eine Rose schenkte und ich hätte mich gefreut, wenn sie sie von mir angenommen hätte. Ich war enttäuscht darüber, dass Diane nicht meine Valentinsdame war.

Entsetzt stellte ich fest, dass ich mich jeden Tag, wenn ich zur Schule ging, am meisten auf Diane freute, darauf mit ihr zusammen zu sein. Ich hatte mich in ihre Art zu lächeln verliebt, ihren Humor, wie sie lachte und wie liebenswürdig sie war, sogar in die Tatsache, dass sie, nie boshaft, aber dennoch gern ein bisschen viel tratschte. Und es war nicht allein ihre Persönlichkeit - ich fühlte mich auch körperlich zu ihr hingezogen. Damals hatte ich nicht die geringste Vorstellung davon, was zwei Mädchen im Bett ausrichten könnten, aber ich wollte unbedingt wissen, wie sich ihre Lippen auf meinen anfühlten. Für mich war es ein Moment, in dem sich meine Welt veränderte, der Moment, in dem mir bewusst wurde, dass ich zum ersten Mal in meinem Leben verliebt war.

Diese Erkenntnis machte es allerdings nicht einfacher. Ich wusste nicht, wie ich mit ihr darüber reden sollte und ich hatte keinen Schimmer, ob sie auch an mir interessiert war. Als ich endlich allen Mut zusammengenommen hatte und ihr gestand, was ich für sie empfand, ist sie nicht gleich darauf eingegangen. Sie wollte erst einmal darüber nachdenken. Für mich war das eine qualvolle Zeit, in der ich mich in der Schwebe befand und nicht wusste, ob ich am Ende eine Freundin haben oder meine beste Freundin verlieren würde. Aber letztendlich beschloss sie, dass sie es gern ausprobieren würde, und zwei Wochen nach unserer letzten Highschool-Prüfung, fingen wir an miteinander auszugehen. Ich habe endlich herausfinden können, wie sich ihre Lippen auf meinen anfühlen: wie geschmolzene Butter. Und ich habe mit ihr zusammen erforscht, was zwei Mädchen zusammen im Bett anstellen können. Aber das Beste daran ist die glückliche Erfahrung, die ich machen durfte, weil meine erste Liebe jemand war, die mich mochte und es gut mit mir meinte.

 

Dieser Text erschien als Kapitel 6 unter dem Titel “Wie ich mich in Diane” in dem Buch "Invisible. Stories from Kenya’s Queer Community", Kenya 2014.

 

Über das Buch

Invisible erzählt die Geschichte, wie es ist, in Kenia als Homosexuelle/r zu leben. Über ein Jahr lang ist der Journalist und Aktivist Kevin Mwachiro kreuz und quer durch Kenia gereist und hat Geschichten aus der queeren Community gesammelt. Geschichten von jungen und alten Frauen und Männern, die sich entschlossen haben, ohne Versteckspiel zu leben trotz aller Widrigkeiten.

 

Weiterer Text aus dem Buch

 

Über den Autor

1973 geboren, hat Kevin Mwachiro die meiste Zeit seines Lebens in Nairobi gelebt und gearbeitet. Nachdem er die Daystar University in Nairobi besuchte, setzte er sein Studium an der Bournemouth University im Vereinigten Königreich fort. Dort erhielt er seinen MA in Hörfunkproduktion. Er hat als Rundfunkjournalist und Radioproduzent in Kenia, Uganda und dem Vereinigten Königreich gearbeitet und als Korrespondent für den BBC World Service. Zurzeit arbeitet er als communication officer bei der internationalen Entwicklungsorganisation Hivos in Nairobi.

 

 

Verwandte Inhalte

  • Kenia: "Die Gesellschaft macht uns unsichtbar"

    Homosexuell, bisexuell, trans* oder inter* zu sein, ist nach wie vor ein Stigma in der kenianischen Gesellschaft. Mit seinem Buch "Invisible" versucht der Autor Kevin Mwachiro mit Mythen über die alternativen Lebens- und Liebesweisen aufzuräumen und einer gesellschaftlichen Gruppe damit zu neuer Sichtbarkeit zu verhelfen.

    Von Caroline Ausserer
  • Brief an Mum und Dad

    Familienfeiern empfindet er zunehmend als Herausforderung. Die Verwandten fragen ihn nach seiner geheimen Freundin aus. Die es gar nicht gibt. Mit diesem Brief sollen seine Eltern erfahren, dass er Männer liebt.

  • Tief im Innern verwundet

    Wie geht man mit dem Schmerz um? Zandile, eine junge Frau aus Kapstadt, wurde vergewaltigt, weil sie lesbisch ist. Ein Bericht INHALTSWARNUNG: Schilderung von Vergewaltigung.

    Von Zandile Tose

0 Kommentare

Neuen Kommentar schreiben

Neuen Kommentar schreiben