Kleine Volkskunde, Teil eins

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Duchregieren ist eine Meisterin aus Deutschland: Angela Merkels Raute am Berliner Hauptbahnhof

Die Entfremdung zwischen den Eliten und dem Volk ist ein populistisches Basismantra. Doch seitdem politische Entscheidungen als „alternativlos“ gelten, ist der Appell „Wir sind das Volk“ vor allem ein Ventil für die Wut. Die Kolumne von Jochen Schimmang.

Nun schrumpfen sie zwar langsam, die folkloristischen Umzüge, die Pegida und seine Ableger durch deutsche Großstädte veranstalten, aber verschwunden sind sie nicht. Folkloristisch kann man sie deshalb nennen, weil diese patriotischen Europäer/innen sich ja um alles Mögliche Gedanken machen, nicht nur um die 0,4 Prozent Muslime unter den Einwohner/innen Dresdens. Vor allem einen Ruf – außer dem von der „Lügenpresse“ – haben wir noch im Ohr, weil er vor 25 Jahren in einem anderen Kontext schon einmal erklang: „Wir sind das Volk“. Später wurde das forcierter zu „Wir sind ein Volk.“ Wenigstens, was den Volksbegriff angeht, lag die Definitionsmacht zu Wendezeiten auf der östlichen Seite. Sonst war's fast durchgängig umgekehrt.

Da das Volk nun einmal, nicht nur in Deutschland, in propagandistischen Zusammenhängen eine so große Rolle spielt, ist es an der Zeit, eine kleine Volkskunde zu betreiben. Sie erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit, weil der Begriff zu komplex ist, und sollte – obwohl es Überschneidungen gibt – nicht mit der Völkerkunde verwechselt werden, jener Ethnologie also, die zwischen Empirie und Belletristik pendelt und im Lauf der Zeit außer Erkenntnissen auch wundersame Blüten der Phantasie hervorgetrieben hat, angefangen bei Tacitus' Schrift Germania.

Was das Volk ist, hängt zunächst davon ab, wer von ihm spricht. Ursprünglich, wenn von den people oder le peuple die Rede war, geschah das eher naserümpfend und von oben herab, das heißt von hoher gesellschaftlicher Warte. Es war der Blick der Elite auf die Masse, und der etymologische Weg von le peuple zum Pöbel ist kurz und geht unmittelbar ins Ohr. Man kann ihn natürlich auch freundlicher formulieren. Unvergessen ist Helmut Kohls fürstliche Formel von den „Menschen draußen im Lande“. Da sprach der gute König, der dessen ungeachtet zwischen sich und seinem Volk einen gehörigen Abstand legte.

Die Entfremdung zwischen den Eliten und dem Volk ist heute ein Basismantra aller populistischen Bewegungen und bringt, da dieses Mantra ja auf einem Wahrheitskern beruht, zuverlässig Wahlstimmen. Versteht sich, dass es sich hier nicht erst um ein Problem der Neuzeit handelt, sondern bereits in der Formel vom Senatus Populusque Romanus (S.P.Q.R.) festgeschrieben war, dem Senat und dem Volk von Rom also, die offenbar zwei verschiedene Menschenklassen waren. Gewiss hat sich auch damals schon das Volk oft „von der Politik allein gelassen“ gefühlt, um die heutige Standardformel zu gebrauchen.

Das Wohlergehen der Shareholder

Diese Formel nimmt die Herrschaft des demos durch seine von ihm gewählten Vertreter beim Wort. Nicht anders war es 1989, als der heute wieder aufgegriffene Schlachtruf „Wir sind das Volk“ geboren wurde. Die zugleich ironische wie polemische Spitze war für jeden deutlich, war doch die DDR eine Volksdemokratie mit einer Volkspolizei und einer Volksarmee und tagten ihre – auf verschlungenen Wegen gewählten –  Abgeordneten doch in der Volkskammer.

Selbstverständlich sind auch die Abgeordneten des Deutschen Bundestages als Volksvertreter/innen konzipiert und werden – bei konstant sinkender Wahlbeteiligung – vom Volk gewählt. Diese Abgeordneten – und mit ihnen zusammen die infolge der Wahl gebildete Regierung – an ihren vom Volk erteilten Auftrag zu erinnern, hat unter den gegebenen Umständen dennoch etwas Naives oder, wie im Falle Pegida, etwas Kindlich-Trotziges. Deshalb wählt man auch die Formel, man fühle sich „allein gelassen“, wie weiland als Kind zuweilen von Papa und Mama.

Warum liegt hier etwas schief? Weil die Regierungen der westlichen Welt (man möge sie meinetwegen auch „die internationale Gemeinschaft“ nennen) in einem fast nicht mehr zu bewältigenden Spagat zwei fundamental entgegengesetzte Loyalitäten zu wahren haben. Zum einen die gegenüber dem eigenen Staatsvolk, die schon aus Gründen der angestrebten Wiederwahl nicht völlig missachtet werden darf. Zum anderen aber die gegenüber „den Märkten“, deren Leitlinie nicht das soziale Wohlergehen des Volkes bzw. der Völker sein kann, sondern dasjenige der Shareholder, und die zudem nicht in nationalen und einzelstaatlichen Kategorien denken.

Das war bekanntlich nicht immer so. Lange Zeit schienen nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges die Entwicklung des Kapitalismus und diejenige der Demokratie Hand in Hand zu gehen, bis etwa in der Mitte der 70er Jahre dem Kapital diese scheinbar naturgemäße Koppelung zu kostspielig wurde. In dem Augenblick aber, da bestimmte Entscheidungen angeblich „alternativlos“ werden und mit allen Mitteln durchgedrückt werden müssen, da also TINA gilt („There Is No Alternative“, Margaret Thatcher), bekommt der Appell des Volkes an seine Vertreter/innen etwas Bemitleidenswertes, weil schon der Adressat nicht stimmt.

Täglich wechselnde Feindbilder

„Die Politik“, von der man sich allein gelassen fühlt, wird in dieser Sichtweise mit einer Souveränität und einer Machtfülle ausgestattet, über die sie schon seit mehreren Jahrzehnten nicht mehr verfügt. Und Aktionen wie die als Hilfsprogramm für notleidende Länder getarnte gigantische Bankenrettung der letzten Jahre haben diese Selbstentmündigung „der Politik“ weiter verschärft. Der nächste Schritt dieser Selbstkastration wird TTIP sein. Wenn Großunternehmen erst einmal vor sogenannten unabhängigen Schiedsgerichten gegen souveräne Staaten klagen dürfen, weil diese sie daran hindern, den maximalen Gewinn zu machen, dann sind wir schon fast am Ziel der völligen Entmündigung angekommen.

Dieser kleine Exkurs war notwendig, um deutlicher zu machen, warum Pegidas Aufgreifen des 1989er-Schlachtrufs aus den Endzeiten der DDR nicht nur eine historische Unverschämtheit ist, sondern warum dieser Schlachtruf heute angesichts eines fehlenden Adressaten insgesamt nur noch der Ausdruck von Hilflosigkeit sein kann. Auf der Seite „des Staates“ fehlt nämlich schon lange das „L'Ètat c'est moi.“ Durchregieren geht heute ganz anders, so verstohlen, dass es kaum einer merkt. Durchregieren ist eine Meisterin aus Deutschland.

Also richten sich nach einem bekannten sozialpsychologischen Gesetz die Verzweiflung, der Frust, die Wut, die ja alle trotzdem da sind, gegen andere Feindbilder. Ob dies nun die Griechen sind, die Flüchtlinge, „die Einwanderer ins Sozialsystem“, die Roma, die Lügenpresse oder eben die 0,4 % Muslime in Dresden, der Metropole des Selbstmitleids, das kann wöchentlich, täglich, stündlich wechseln. Hauptsache, das Volk artikuliert sich, und bestimmte Politiker, keineswegs nur rechte und keineswegs nur „vom Rand“, greifen das gerne auf. Das erinnert an die Feststellung des verstorbenen Publizisten Eike Geisel, wenige Wochen nach dem Fall der Mauer, „dass man die Koffer packen muss, wenn sich in Deutschland die Bevölkerung in das Volk verwandelt“. Fairerweise muss man dazu sagen, dass das derzeitige atmosphärische 30er-Jahre-Revival  keineswegs auf Deutschland beschränkt ist und anderswo teilweise viel bedrohlichere Formen annimmt.

Soviel Wirrwarr!  Und dabei haben wir vom Staatsvolk, von den Ethnien (und ihrer Säuberung), von der Nation und vom Völkischen noch gar nicht gesprochen. Darüber vielleicht ein andermal mehr.