Anne-Klein-Frauenpreis 2015 an Nebahat Akkoc

Anne-Klein-Frauenpreis 2015 an Nebahat Akkoc

Barbara UnmüßigBarbara Unmüßig. Urheber/in: Stephan Röhl. Creative Commons License LogoDieses Bild steht unter einer Creative Commons Lizenz.

Liebe Freundinnen und Freunde von Anne Klein,
liebe Nebahat Akkoc,
liebe Sibel Kekilli,
liebe Gäste,
 

Anne Klein und Nebahat Akkoc sind sich in ihrem Leben nie begegnet. Aber wir sind sicher, dass sie sich gut verstanden hätten. Und, dass Anne Klein glücklich gewesen wäre, Nebahat Akkoc als vierte Preisträgerin des Anne-Klein-Frauenpreises zu würdigen.

Nicht nur, dass sie beide gerade Geburtstag hatten, zwei runde 65 Anne, 60 Nebahat. Was sie verbindet ist ihre Arbeit gegen Diskriminierung und Gewalt gegen Frauen im Alltag und in kriegerischen Auseinandersetzungen.

"Feminismus erobert Kurdengebiete" – das ist eine frohe Botschaft an Nebahat und für uns alle inmitten der deprimierenden Nachrichten aus der politisch und militärisch so aufgeladenen Region, aus der Nebahat stammt. Gewalt im Namen von Ethnie, Nation, Religion und Geschlecht gehört zu den Lebenserfahrungen Nebahat Akkocs.

Ganz kurz möchte ich auch dieses Jahr davon erzählen, wie sehr der Anne-Klein-Frauenpreis Veränderungen bewirkt. Zur Erinnerung: im letzten Jahr ging der Preis an Imelda Maruffo Nava aus Ciudad Juarez an der mexikanischen US-amerikanischen Grenze. Der Preis hat ihr im Kampf gegen Straflosigkeit eine große Öffentlichkeit in Mexiko selbst beschert. Alle bedeutenden Medien haben berichtet. Mehr noch: im letzten Herbst hat Imelda Maruffo den Menschenrechtspreis von Mexiko-Stadt bekommen. Das ist Schutz für Imelda und ihre mutigen Mitstreiterinnen, die nicht hinnehmen, dass Gewaltverbrechen in Mexiko straflos bleiben.

Nebahat Akkoc kommt aus Diyarbakir, einer Stadt und Region, die seit vielen Jahrzehnten von Krieg und Gewalt geprägt ist. Vor hundert Jahren vernichtete das Militär des Osmanischen Reiches in enger Zusammenarbeit mit dem Deutschen Reich die armenische Bevölkerung in dieser Region. Vom Kurdenkonflikt der letzten 30 Jahre ist nicht eine Familie verschont geblieben. Und heute suchen in dieser Region Hunderttausende Menschen aus den Nachbarländern Irak und Syrien Schutz und Zuflucht vor den Gewaltexzessen des Assad Regimes und des Islamischen Staats.

Gewalt gegen Frauen ist in der Türkei allgegenwärtig. Sie hat nach Ansicht der Frauenrechtsgruppen in den vergangenen Jahren sogar zu- und nicht abgenommen. Aber endlich protestieren in der Türkei landesweit Menschen gegen diese Gewalt. Der Mord nach versuchter Vergewaltigung an der Psychologiestudentin Özgecan Aslan am 11. Februar 2015 brachte das Fass zum Überlaufen. Özgecan war auf ihrem Heimweg im Bus ermordet worden. Ihr Schicksal war, als letzte allein im Bus zu sein.

Frauenrechtsgruppen gehen davon aus, dass in der Türkei täglich mindestens zwei Frauen Gewalt zum Opfer fallen und ermordet werden. Die landesweiten Proteste gegen die Ermordung von Özgecan wurden auch zu Protesten gegen die türkische Regierung. Diese macht indirekt die Frauen selbst verantwortlich: sie tragen schließlich Miniröcke, lachen zu offenherzig,... – Frauen sind selbst Schuld, wenn ihnen Gewalt widerfährt. Dieses Muster kennen wir in allen Regionen der Welt, auch bei uns.

Feministischen Organisationen, die sich gegen Gewalt gegen Frauen engagieren, sind nicht selten besonderen Repressionen und Anfeindungen ausgesetzt. Sie sitzen zwischen allen Stühlen. Davon erzählt Nebahat Akkoc in dem Buch „Feminismus im Ausnahmezustand“ (2012), in vielen Interviews und Dokumentationen.

Nebahat unterstützt tagtäglich Frauen und Mädchen, die Opfer von Gewalt und Demütigung sind. Gemeinsam mit ihren Mitstreiterinnen gründete sie in den kurdischen Gebieten der Türkei vor etwa 20 Jahren das erste Zentrum – KAMER – gegen Gewalt gegen Frauen.

Die ersten Schritte von KAMER sind übrigens auch eng mit den Anfängen der Heinrich-Böll-Stiftung in der Türkei verbunden. Als wir damals unser Büro in Istanbul eröffneten und Nebahat kennenlernten, waren wir beeindruckt von dem Mut der Frauen, die in diesen sehr schwierigen Zeiten des Kurdenkonfliktes die Aufmerksamkeit auf Gewalt gegen Frauen lenkten.

Heute unterstützen wir in der Türkei sowohl den Friedensprozess als auch die Frauen, die daran mitwirken. Wir stehen an der Seite von KAMER und anderen Frauenrechtsorganisationen wie Mor Cati (Lila Dach) in den kurdischen Gebieten und in der Türkei. Wir unterstützen sie in ihrer Arbeit gegen Gewalt gegen Frauen und die Rechte von Lesben, Schwulen, Bisexuellen und Transgender, wo immer es uns möglich ist.

Anne Klein wollte über ihren Tod hinaus Frauen Mut machen. Der Preis ist eine Ermutigung zum nächsten Schritt in eine Welt ohne Diskriminierung und Gewalt.

Der Anne-Klein-Frauenpreis an Nebahat Akkoc will ein politisches Signal für Frauenrechte und gegen Zwangsverheiratungen in der Türkei sein. Wir sind nicht nur heute solidarisch mit ihr und ihren vielen Mitstreiter/innen. Unser Büro in Istanbul wird auch in Zukunft an der Seite von Nebahat Akkoc stehen und ihre Anliegen so gut wie möglich unterstützen.

Liebe Nebahat, die Jury und wir alle freuen uns von Herzen, dass Du unsere Preisträgerin 2015 bist!

Herzlichen Dank!

 

Video-Mitschnitt der Preisverleihung am 06. März 2015

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