"Vom Raubbau zur Kooperation mit der Natur"

"Vom Raubbau zur Kooperation mit der Natur"

Urheber/in: Pacific Northwest National Laboratory. Creative Commons License LogoDieses Bild steht unter einer Creative Commons Lizenz.

Dieses Interview mit Ralf Fücks erschien zuerst in Grün Regional, dem Mitgliedermagazin von BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN in Rheinland-Pfalz.

Ralf, du hast ein Buch geschrieben, das den Titel „Intelligent wachsen“ trägt. Es ist eine Kritik an der Art und Weise wie wir heute wirtschaften. Was läuft schief? Wie lange geht das noch gut?

Das bisherige Wachstumsmodell, das mit dem Aufstieg des Industriekapitalismus in Gang gesetzt wurde, beruht auf dem Raubbau an den natürlichen Ressourcen. Die Akkumulation von Reichtum und die enorme Steigerung des Konsums gingen Hand in Hand mit der Dezimierung von Flora und Fauna, Abholzen von Primärwäldern, Zersiedelung der Landschaft, Kontamination von Böden, Luftverschmutzung, Überfischung der Meere etc. Die Natur diente als bloße Rohstoffquelle und Deponie für Schadstoffe aller Art. Inzwischen wissen wir, dass die Grenzen des Wachstums weniger in einer Erschöpfung der Rohstoffe liegen als vielmehr in der Überlastung der großen Ökosysteme, von denen die menschliche Zivilisation abhängt. Klimawandel, Verlust fruchtbarer Böden und die zunehmende Wasserkrise in vielen Weltgegenden sind Alarmzeichen für einen drohenden Kollaps unserer natürlichen Lebensgrundlagen. Wir befinden uns schon in einem Wettlauf mit der Zeit. So haben wir vielleicht noch 20 oder 30 Jahre, um eine weitgehende Dekarbonisierung von Industrie, Landwirtschaft und Verkehr voranzutreiben. Gelingt das nicht, droht ein Anstieg der Erdtemperatur um 4 Grad oder sogar mehr – und das wäre ein ziemlich ungemütlicher Planet.

Du forderst eine GRÜNE Revolution. Wie könnte die aussehen?

In einem Satz: Vom Raubbau an der Natur zur Kooperation mit der Natur. Also nicht bloße Anpassung an vermeintlich fixe Grenzen, die uns die Natur setzt, sondern eine Synthese zwischen den immensen Potentialen der Natur und der menschlichen Kreativität. Statt gegen die Natur zu arbeiten, müssen wir lernen, mit ihr zu arbeiten. Solar- und Windenergie sind ein Beispiel für diese Art der „Allianztechnik“ (Ernst Bloch). Ein anderes ist die technische Photosynthese, also die Umwandlung von Sonnenlicht, Wasser und CO2 in Energie und chemische Grundstoffe. Gebäude, die mehr Energie produzieren als sie verbrauchen, die Umwandlung der Petrochemie in eine Naturstoffchemie, die Produktion von Gemüse in städtischen Solar-Gewächshäusern, kompostierbare Bio-Kunststoffe – all das ist keine Science Fiction, sondern bereits in Reichweite.

Ralf Fücks. Urheber/in: Stephan Röhl. Creative Commons License LogoDieses Bild steht unter einer Creative Commons Lizenz.Wohlgemerkt: es geht nicht um einen Ausstieg aus der industriellen Moderne oder den Abschied von wirtschaftlichem Wachstum, sondern um eine fundamentale Veränderung der Art und Weise, in der wir produzieren. In einer globalen Perspektive ist „Nullwachstum“ reine Fiktion. Die Weltbevölkerung wächst, und gleichzeitig sind Milliarden Menschen auf dem großen Sprung aus bitterer Armut in die moderne Lebenswelt. Nicht ob, sondern wie die Weltwirtschaft wächst, ist die entscheidende Frage. Was wir schaffen müssen ist die Entkopplung von wirtschaftlicher Entwicklung und Naturverbrauch. Das erfordert drei komplementäre Operationen: Den Übergang von fossilen zu erneuerbaren Energien, also eine Energiewende im globalen Maßstab. Eine Steigerung der Ressourceneffizienz um mindestens den Faktor 5 (Effizienzrevolution). Vernetzte Wertstoffketten und abfallfreie Produktionskreisläufe, in denen jeder Reststoff wieder in die biologische oder technische Wertschöpfung eingeht.

Was sind die Hürden, die der GRÜNEN Revolution im Weg stehen? Und wie können wir diese Hürden überwinden? Siehst du hier die KonsumentInnen, die ProduzentInnen oder die Politik in der Pflicht?

Alle drei. Politik muss einen ökologischen Ordnungsrahmen für Unternehmen und KonsumentInnen schaffen: Effizienzstandards, Ökosteuern, Obergrenzen für CO2.

Du zeichnest ein ressourcenschonendes Wirtschaftssystem, das 9 Milliarden Menschen ernähren könnte. Auf was müssten wir verzichten? Müssen wir gar den Verlust unseres Wohlstands fürchten? Oder geht intelligentes Wachstum auch ohne Verzicht?

Mit Verboten und Verzichtspredigten kommen wir nicht weit, schon gar nicht im internationalen Maßstab. Die aufstrebenden Gesellschaften des Südens werden sich nur auf die ökologische Reise begeben, wenn das nicht auf Kosten ihrer wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung geht. Das gilt auch für die USA und die meisten europäischen Länder. Wir müssen eine andere Geschichte erzählen: Es geht nicht um Verzicht, sondern um anders und besser. Das gilt auch für Lebensstil-Fragen wie Ernährung oder Mobilität. Wer weniger Fleisch isst und dafür mehr Obst und Gemüse, verzichtet nicht auf Genuss. Man braucht in der Stadt auch kein eigenes Auto, um mobil zu sein: mit einem Verbund aus modernem ÖPNV, gut ausgebauten Radwegen und Car-2-Go kommt man besser ans Ziel. Es geht nicht darum, den Leuten vorzuschreiben, wie sie leben sollen, sondern die Eigenverantwortung zu stärken und für faire Rahmenbedingungen zu sorgen.

Schaust du eigentlich optimistisch in die Zukunft oder glaubst du nicht daran, dass wir noch die Kurve bekommen?

Es gibt schon Tage, an denen ich düsterer Stimmung bin. Es scheint ja oft so, dass die Konflikte und Turbulenzen weltweit schneller wachsen als die Fähigkeiten zu Krisenprävention. Aber in der Grundtendenz bin ich zuversichtlich. Ich vertraue auf die menschliche Fähigkeit, Krisen durch kreative Lösungen zu überwinden. Es geht nicht um Rückzug, sondern um einen großen Aufbruch in die ökologische Moderne. Dafür gibt es schon viele ermutigende Beispiele: China ist inzwischen zum Vorreiter für Solar- und Windenergie geworden, in den hochindustrialisierten Ländern sinkt der Verbrauch von Kohle und Öl, überall schießen neue Firmen aus dem Boden, die an bahnbrechenden Innovationen arbeiten. Die Geschichte des Fortschritts ist nicht zu Ende. Wir müssen sie nur neu erzählen.

Vielen Dank!

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