Das Unbehagen in der Diaspora

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Immer mehr Israelis lassen sich in Berlin nieder.

Immer mehr Israelis lassen sich in Berlin nieder – ein Thema, das in den Weltmedien zuletzt große Beachtung fand und Gegenstand politischer Debatten ist. Mit ihrer Übersiedlung lassen sie die israelische Identitätspolitik keineswegs hinter sich.

Immer mehr Israelis lassen sich in Berlin nieder – ein Thema, das in den Weltmedien zuletzt große Beachtung fand und Gegenstand zahlreicher politischer Debatten ist. Die Migration von Israelis nach Berlin führt zu einer Generierung vielfältiger Beiträge in der Literatur, Übersetzung, Kunst, Theater und wissenschaftlicher Forschung. Die Stadt, die als Leitzentrale für die Vertreibung und Ausrottung der europäischen Juden fungierte, beherbergt heute eine blühende kreative jüdischen Gemeinde, deren junge Stimmen häufig Neuankömmlinge aus Israel sind.

Folge der Übersiedlung von Israelis nach Berlin ist ein ambivalentes soziales Phänomen: Die Auswanderer genießen das Interesse der Deutschen, ja sogar ein idealisiertes Bild von Israelis. Gleichzeitig blüht mit ihnen das jüdische Leben in Europa auf. Damit geht das Problem einher, dass mit der Ausweitung der jüdischen Existenz in Europa oftmals eine Kritik an Israel verknüpft wird. Anders ausgedrückt: Israelische Migranten und Migrantinnen in Berlin werden von post-apokalyptischen Gefühlen getragen, laufen dabei aber Gefahr, mit ihrer Abkehr vom jüdischen Staat und ihrem Anschluss an eine „Diaspora-Gemeinde der Vergangenheit“ den Ursprung dieser Gefühle aus den Augen zu verlieren.

Dass es die Auswanderer – angelockt von der seit Jahren boomenden deutschen Wirtschaft – ausgerechnet nach Deutschland zieht, ruft Kritiker auf den Plan, die ihnen „Opportunismus“ vorwerfen. Sie verdrängen die an den Juden verübten Verbrechen des Holocausts zur Befriedigung der eigenen schlichten Bedürfnisse, so der Vorwurf. Als Beispiel für diese Kritik sei hier der Kommentar des ehemaligen israelischen Finanzministers Yair Lapid erwähnt, der die Haltung der Israelis anprangerte, sie würden Israel nur deshalb verlassen, weil es „sich in Berlin einfacher leben lässt"1

Die israelischen Medien sehen die Lebenshaltungskosten in Israel als wichtigste Ursache für die neue diasporische Existenz: Sie hätten die Israelis „ausgerechnet“ nach Berlin getrieben, so der Tenor vieler Polemiken zu diesem Thema.
Wer die israelischen Auswanderer in Deutschland nur als „Flüchtlinge“ sieht, übersieht jedoch einen entscheidenden Punkt. Mit ihrer Übersiedlung nach Berlin lassen die Israelis die israelische Identitätspolitik nämlich keineswegs hinter sich, sondern nehmen sie mit in das neue Land .

Arabische Juden und Deutsch-Türken

Als Wunschziel vieler gesellschaftlicher Randgruppen und junger Leute wird Berlin von Deutschen und Ausländern gleichermaßen häufig als eine „Blase“ empfunden. Die Stadt gilt als tolerant gegenüber den verschiedensten Manifestationen von marginalisierten und alternativen Identitäten. Ironischerweise ist diese „Blase“ jedoch auch ein Konstrukt, das die Mitnahme von Identitätspolitik in ein neues, fremdes Gebiet ermöglicht. Nachstehend werde ich mich der Frage widmen, inwieweit die israelische Identitätspolitik im Zuge der Auswanderung nach Berlin verhandelt – und nicht ignoriert, geleugnet oder zurückgelassen, wie behauptet wird.

Der Entschluss vieler junger Israelis, sich in Kreuzberg und Neukölln – Viertel mit einem großen Anteil an türkischstämmigen Bewohnern und Bewohnerinnen – niederzulassen, ist vielsagend. Die Präsenz von Israelis in diesen Vierteln konfrontiert die alten Migranten in Deutschland mit seinen Neuankömmlingen. Das Zusammenleben Israelis und Muslime pflegt den Eindruck, dass die Israelis mit ihrer Homeland-Politik ihren Frieden gemacht haben. In der israelischen Berlin-Literatur liefert die urbane Landschaft der Stadt die Bühne für israelische Protagonisten, die mit Gewalt- und Vernichtungsängsten experimentieren – ausgelöst von der Geschichte der Stadt und den Begebenheiten des modernen Staates, den sie hinter sich ließen.

Schnell verfallen die Protagonisten jedoch den Reizen Berlins und einem neuen Life Style – einer Lebensform nach oder jenseits des apokalyptischen Szenarios. Diese Lebensform  findet in der israelischen Literatur ihren Ausdruck in plastischen Schilderungen des Nachtlebens, der sexuellen Freiheit und der Hoffnung auf Aussöhnung zwischen Deutschen und Juden. Gleichzeitig schwingt in den Texten die Idee von einem „Neuanfang“ mit – häufig als autobiografische Voraussetzung für kreatives Arbeiten und Schreiben in hebräischer Sprache in der deutschen Hauptstadt.

Das Ringen um Identität

In seinem kürzlich erschienenen Band mit Kurzgeschichten schildert der in Berlin lebende israelische Autor Mati Shemoelof, wie sogenannte Mizrachim (hauptsächlich aus Nordafrika, Asien und insbesondere aus dem Nahen Osten stammende Juden) vor dem Hintergrund ihrer Übersiedlung nach Berlin um ihre Identität ringen. Im Gegensatz zu jüdischen Berlinern mit europäischem Pass, den diese oft erhalten, weil sie Nachkommen von Holocaust-Überlebenden sind, kommen die Mizrachim oft nur mit befristeten Visa nach Berlin – und in der Regel mit weniger Mitteln zum Überleben sowie einer nicht-europäischen Identität, die ihren Status als Randgruppe in Israel (wie auch in Berlin) markiert. Wer als Jude den Staat Israel verlässt, um in die europäische „Diaspora“ zu gehen, scheint sich regressiv zu verhalten. So beschreibt Shemoelof in seinem ersten Prosawerk die Erfahrungen israelischer Mizrachim, der nach Berlin auswandern, nicht zuletzt unter dem Druck der wirtschaftlichen und politischen Krise in Israel, welche die Randgruppen stärker als die übrige Bevölkerung trifft.

Die Präsenz von Israelis in Berlin bezieht sich auf den Erinnerungsdiskurs Deutschlands, der die Identität verschiedener Gruppen prägt. Andreas Huyssen zufolge ist den türkischen Migranten und Migrantinnen die Teilhabe an der kollektiven „deutschen Vergangenheit“ deshalb verwehrt, weil der Fokus des öffentlichen Erinnerungsdiskurses in Deutschland auf den deutschen Aggressoren und den jüdischen Opfern liegt. In ähnlicher Weise stellt die Präsenz israelischer Mizrachim in Berlin die Annahmen in Frage, die für Israelis mit ihrer Präsenz in Deutschland bisher galten.

Im heutigen Deutschland ist das Eingeständnis von Schuld ein Zeichen für die Zugehörigkeit zum nationalen Diskurs; die Beschäftigung mit dem Gedenken an den Holocaust ist in Wirklichkeit die Wiederholung einer Position einer gewissen sozial-ökonomischen Stärke. Genau wie die türkischen und arabischen Bürger und Bürgerinnen in Berlin, dekonstruiert der Mizrachim-Migranten aus Israel das deutsch-israelische Aussöhnungsnarrativ: Seine oder ihre Familie lebte nie in Europa. Daher war dieser Migrant nie Teil einer kulturellen Hegemonie, die in Israel zum Teil in der Opferrolle der Juden mit europäischen Wurzeln subsumiert wird.

Die Auswanderung von Israelis nach Berlin hinterfragt also die ethnischen und politischen Annahmen, die sowohl von Deutschen als auch von Israelis im Hinblick auf ihre gegenseitige Beziehung vorausgesetzt werden. Eine echte Begegnung, die den Deutschen ihre Rolle als Schuldige und die Israelis ihre Opferrolle überwinden ließe, findet nicht deshalb statt, weil Berlin nicht kosmopolitisch sei, sondern im Gegenteil, da die Stadt eben vielfältig ist. Die Polyphonie der Großstadt ermöglicht solche Konstellationen, die über das Aussöhnungsnarrativ nach dem Holocaust hinausgehen, die Alternativen zum hegemonischen Diskurs in Israel so auch wie in Deutschland verlangen.

Zitierte Werke:

  • Huyssen, Andreas. „Diaspora and Nation: Migration into Other Pasts“. New German Critique, Nr. 88 (2003): 147–164.
  • Shemoelof, Mati. Remnants of the Cursed Book. Or Yehudah: Kinneret, Zmora-Bitan, 2014.

[1] Eine Äußerung auf seiner Facebook-Seite, die unter den Israelis polemische Reaktionen auslöste. Siehe TheMarker, 1. Oktober 2013.

 

Bei diesem Artikel handelt es sich um die überarbeitete Fassung des Artikels vom 20.4.15. Die von uns an diesem Datum veröffentliche Fassung lag nicht in der Verantwortung der Autorin.