"Eine Desillusionierung ist feststellbar"

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Jugendliche bei einer Eco-Streetart-Ausstellung: "Es ist eindeutig, dass für das Engagement der Spaßfaktor eine wichtige Rolle spielt"

Sie sind vom Klimawandel immer stärker betroffen, aber immer weniger an Umweltthemen interessiert. Wie Jugendliche für nachhaltige Politik gewonnen werden können, erläutert der Zukunftsforscher Edgar Göll.

Dieter Rulff: Nachhaltige Politik nimmt für sich in Anspruch, vor allem die Belange der jüngeren und künftigen Generationen zu vertreten, aber man hat den Eindruck, dass diese jüngere Generation nicht mehr viel davon wissen will.

Edgar Göll: In unseren Studien haben wir festgestellt, dass dieser Befund in gewisser Hinsicht zutrifft. Befragt nach der subjektiven Bedeutung des Themas, ist die Umwelt im Vergleich zu den 80er Jahren bei Jugendlichen nach hinten gerutscht. Führt man allerdings vertiefende Interviews durch, so stellt man fest, dass nach wie vor eine hohe Sensibilität für die Belange des Umweltschutzes vorhanden ist. Die äußert sich allerdings nicht mehr in einem reinen Engagement, sondern ist meist verquickt mit anderen Zugängen, mit Fragen der Gerechtigkeit, des Konsums oder von Jobmöglichkeiten. Von daher würde ich Ihrem einleitenden Eindruck widersprechen wollen.

Die Sensibilität schlägt sich zumindest nicht in einer erhöhten Handlungsbereitschaft nieder. Gleichzeitig steigt jedoch aufgrund des sich verschärfenden Klimawandels der allgemeine Handlungsdruck. Sind die Jugendlichen desillusioniert, sehen sie dem Klimageschehen eher fatalistisch entgegen?

Eine Desillusionierung ist feststellbar. Allerdings besteht sie nicht nur zur Umweltpolitik, sondern zur Politik allgemein, vor allem der die jungen Heranwachsenden betreffenden Bildungs- und Arbeitsmarktpolitik. Es herrscht der Eindruck vor, dass die Politik nicht mehr richtig steuern kann, keinen richtigen Kurs fährt. Das trifft natürlich auch auf die Umweltpolitik zu, auf die großen globalen Konferenzen, die meist nur bescheidene Ergebnisse zeitigen.

Deshalb engagieren sich Jugendliche ja auch seltener in Parteien, wollen kaum noch Mitglied werden. Dieser Umbruch hat bereits in den 90er Jahren eingesetzt. Jugendliche suchen mittlerweile andere Formen des Engagements, projektbezogene Formen mit konkreten Zielen, die zeitlich befristet und mit einem überschaubaren Einsatz verbunden sind und einen persönlich spürbaren Erfolg ermöglichen.

Hat diese Hinwendung zum Konkreten auch damit zu tun, dass eine eindeutige Zuordnung von Richtig und Falsch, wie sie z. B. noch die Anti-AKW-Bewegung prägte, einer gewissen Komplexität und Unübersichtlichkeit – man schaue sich nur die Energiewende an – gewichen ist?

Diese hohe Komplexität ist ja nicht nur der Energiewende eigen, sie prägt auch die Auseinandersetzungen um den Klimawandel, wo wir immer wieder mit naturwissenschaftlichen Erkenntnissen konfrontiert sind, bei denen strittig ist, wie sicher sie letztendlich sind. Mit dieser Nicht-Eindeutigkeit, mit dieser Unsicherheit haben natürlich nicht nur Jugendliche zu kämpfen, sondern auch Erwachsene und Politiker.

Diese Unsicherheit begegnet uns bei den Jugendlichen nicht nur in Bezug auf die globalen Ziele, sondern bei den ganz alltäglichen Entscheidungen, etwa des Konsums. Was ist in der Peergroup angesagt, was darf ich kaufen, was ist ökologisch richtig?

Welche Rolle spielt die Moral beim persönlichen Verhalten, etwa bei Kaufentscheidungen?

Unsere Erfahrung ist, dass die Jugendlichen bei Kaufentscheidungen für moralische Erwägungen sehr empfänglich sind. Die entscheidende Frage ist allerdings, wie diese Sensibilität kommuniziert werden kann. Und da muss man unterscheiden zwischen den verschiedenen sozialen Milieus...

...Dieses ganze Gerede von der Generation X oder der Generation Y ist also unsinnig...

Ganz richtig. Manche Jugendforscher machen bis zu 600 verschiedene Milieus und Subkulturen aus. Schauen Sie sich nur einmal an, welche Vielfalt von Optionen Jugendliche heute haben: Das ist immens. Sich darin zurechtzufinden, zumal wenn in der Umweltpolitik die eine Studie dieses behauptet und ein Ökotest jenes und das Green-washing der Unternehmen das Seinige zur Verwirrung beiträgt, verlangt einiges ab. Jugendliche, die sich engagieren, sind da natürlich in einem Vorteil, weil sie umgeben sind mit Leuten, die über ein gewisses Know-how verfügen.

Wie lassen sich die Jugendlichen-Milieus identifizieren, die offener für ökologische Belange sind?

Das ist schwer zu klassifizieren. Was man feststellen kann, ist, dass Jugendliche, die sich für die Umwelt engagieren, ein stärkeres Bewusstsein ihrer selbst haben, also der Rolle, die sie in ihrem Umfeld und in der Gesellschaft einnehmen, und der Ansprüche, die sie an beide formulieren, während bei Jugendlichen, denen die Umwelt egal ist, dieses Selbst-Bewusstsein weit weniger entwickelt ist. Dieser Unterschied korreliert mit der jeweiligen Bildung und dem familiären Hintergrund.

Aber selbst die Gruppe der Hochengagierten drängt es weniger zu einer längerfristigen Mitgliedschaft in Parteien, und wenn, dann zu Ein-Punkt-Aktionen. Es ist ganz eindeutig, dass für das Engagement der Spaßfaktor eine wichtige Rolle spielt und an zweiter Stelle die erfahrbare Wirkmächtigkeit des eigenen Handelns. Jahrelanges Rumrödeln in Gremien ohne sichtbares Ergebnis ist tödlich für die Motivation. Man darf nicht vergessen, dass jeder über eine Vielzahl von Handlungsoptionen verfügt.

Was machen die Parteien falsch, dass sie diese Jugendlichen kaum noch erreichen?

Parteien sind Organisationen, die die Tendenz haben, zu verknöchern. Ab einem gewissen Organisationsniveau steigt die innere Komplexität, man muss sich um tausend Sachen kümmern, taktische Erwägungen sowie Gesichtspunkte des Machtgewinns und -erhalts spielen eine Rolle. Zugleich nimmt die spürbare Außenwirkung ab, und die Offenheit für Impulse von außen ist gering. Das sind ja Erfahrungen, die die Grünen im Umgang mit ökologischen Gruppen gemacht haben. Dieser Mechanismus gilt auch für Erwachsene, doch Jugendliche sind da noch sensibler, weil sie sich in einer Phase der allgemeinen Lebensorientierung befinden.

Ist das Bild noch stimmig, dass Jugendliche radikaler sind?

Manche Milieus sind enorm radikal und beanspruchen für sich eine hohe Moral, schauen Sie sich nur die Tierschutz-Bewegungen und deren Aktionsformen an. Nur erfahren diese Gruppen von den Etablierten auf ihrer Wellenlänge keine Resonanz. Politik kann radikal bezogen auf das Ergebnis, z. B. das Klimaziel, sein, Radikalität kann sich aber auch in dem moralischen Anspruch ausdrücken, den ich an mich selbst formuliere: Suffizienzpolitik, Verzicht üben, weniger Fleisch und mehr vegetarisch essen, besser mit dem Fahrrad als mit dem Auto fahren...

...oder sein Essen aus dem Abfall der Konsumgesellschaft suchen. Das ist schon sehr radikal. Ist diese Verhaltensradikalität für Jugendliche
attraktiv, oder fühlen sie sich dadurch eher abgestoßen?

Das unterscheidet sich je nach Milieu. Die sogenannten Traditionellen, also die, die z. B. noch bei den Eltern wohnen, lehnen das völlig ab, für die ist das shocking. Auf der anderen Seite erleben wir diejenigen, die mobil sind, die vielfältige Erfahrungen gesammelt haben, z. B. Praktika im Ausland absolviert haben, die sind top, die lassen sich auch auf radikale Positionen ein, von denen ihre Eltern sagen: Oh Gott, warum machst du das. Das sind eher höhere Bildungsschichten. Entscheidend für die eine oder die andere Richtung ist jedoch nicht allein das Milieu, sondern auch die Ansprache, der Anreiz, den die Jugendlichen erfahren.

Gelten die Beschreibungen nur für die deutsche Jugend, oder lassen sie sich für andere Länder verallgemeinern?

Das ist weitgehend übertragbar. Egal in welches Land ich schaue, ob in die USA oder Ägypten: Die Potenziale der Jugend sind immens. Wir stoßen bei ihr auf eine ethische Haltung und auf Engagementbereitschaft. Es kommt für die Politik darauf an, Brücken zu ihr zu bauen, Freiräume zu schaffen, in denen sie sich entwickeln kann. Diese Freiräume gibt es nach wie vor nur im unzureichenden Maße, und es besteht das Problem, dass Situationen kippen können und jugendliches Engagement dann egoistische und nationalistische Artikulationsformen findet.

Die Jugend Europas zeigt derzeit ein starkes Engagement. In Griechenland, aber auch in Italien und Spanien engagiert sie sich in lange nicht da gewesener Art und Weise. In ihrem Fokus stehen aber weniger Umweltbelange, sondern Fragen der Verteilungsgerechtigkeit. Haben wir es mit einer Rückkehr der alten sozialen Frage und den entsprechenden Konfliktkonstellationen in einem zeitgemäßen, national gefärbten Gewand zu tun?

Natürlich geht es um Verteilung, um Access, wie Rifkin es genannt hat, und die Situation ist in Ländern wie Griechenland oder Spanien ungleich dramatischer als in Deutschland. Viele etablierte Organisationen und Parteien haben das Problem in seiner ganzen Dimension noch nicht begriffen. Sie sehen nicht, welche Potenziale da verlorengehen, welche Chancen der Zukunftsgestaltung nicht genutzt werden. Es ist richtig, dass soziale Belange da etwas in den Vordergrund gerückt sind, aber wenn man nachfragt, sieht man, dass die Umweltprobleme gleichwohl noch präsent sind.
 

Dieser Text ist einer von weiteren in unserem Magazin "Böll.Thema: Ökologie und Freiheit".