Perspectives Africa: #Game-Changer

Perspectives Africa: #Game-Changer

Wie verändern die neuen Medien die politische Partizipation in Afrika?
27. Jul. 2015
Heinrich-Böll-Stiftung, Büro Südafrika
Kostenlos
Veröffentlichungsort: Kapstadt
Veröffentlichungsdatum: Juli 2015
Seitenanzahl: 48
Lizenz: CC-BY-NC-ND 3.0

Unser Leben „online“ überschneidet sich immer öfter mit dem Leben, das wir „offline“ führen. Da mobile Technologien in Afrika weiter auf dem Vormarsch sind, werden auch hier immer mehr Verbindungen und Ansichten über E-Mail und Chatrooms geschlossen und ausgetauscht. Politische Diskurse und Aktionen finden immer häufiger über Twitter, Facebook und Whatsapp statt. Kurz gesagt, haben Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT) die Art, wie wir Dinge tun, grundlegend geändert, von den persönlichsten bis hin zu den politischen.

Solche Plattformen haben eine ungeahnte Ausdehnung unseres öffentlichen Raumes geschaffen. Es ist nun jederzeit möglich Ideen über Gesellschaftsgruppen sowie nationale und kontinentale Grenzen hinweg zu teilen. Der einfache Zugang zu Informationen erleichtert die breitere und schnellere Verbreitung von Nachrichten, einschließlich solcher die durch den einfachen Bürger erfasst werden. Zensur ist schwerer umzusetzen. Twitter und YouTube stellen Hierarchien infrage, weil sie es „Unbekannten“ ermöglichen mit Stimmen hoher Bekanntheit zu konkurrieren. In manchen Zusammenhängen ist die durch das Internet ermöglichte Anonymität der Schlüssel dazu politischen Mächten und Einschränkungen die Stirn zu bieten.

Ein „Game Changer“, ja. Doch mit welchem Ziel? Weitverbreiteter Informationsaustausch kann genauso leicht Gewalt und Vorurteile vorantreiben wie Toleranz und Offenheit. Die schnelle Verbreitung von Nachrichten kann informieren, aber genau so auch verwirren. Anonymität ermöglicht Dissidenz – aber auch Überwachung.

Und vor allem können diese Technologien zwar ein Forum für das Abbauen von Hierarchien sein, sie sind jedoch nur offen für die Menschen, die nicht schon rein aufgrund von Geografie, Klasse, Geschlecht, Rasse oder „Ursprung“ von ihnen ausgeschlossen sind.

Wie Sarah Chiumbu in ihrem Eröffnungsartikel schreibt, haben die IKT zwar „die Medien- und Kommunikationslandschaft in Afrika radikal verändert“, doch es steht nicht von vornherein fest, dass sie einen „Ausbau der Demokratie und Verantwortlichkeit“ bedeuten. Die Idee demokratische Prozesse mit Hilfe von IKT zu verbreiten, ist nicht neu. Seit Ende des Zweiten Weltkriegs können drei Zeitalter „elektronischer Demokratie“ benannt werden. Zwischen 1950 und 1960 wurden Computer eingeführt um, besonders im Westen, die Effektivität von Regierungen zu steigern. Die 1970er und 80er Jahre waren die Zeit der „Teledemokratie“, als die Kommunikation über Telefon, Radio und TV immer weiter entwickelt wurde. Das momentane Zeitalter der „Cyber-Demokratie“ hat ihren Ursprung im Aufkommen des Internets in den 1990er Jahren. In jeder der vorangegangenen Perioden gab es sowohl optimistische als auch pessimistische Ansichten bezüglich der Bedeutung von Technologien für demokratische Prozesse. Heute ist das ähnlich: Zumindest bei manchen hat die anfängliche Euphorie über das was die IKT in Afrika erreichen können Platz gemacht für zynischere Bemerkungen. Am Ende hat doch der Hashtag #BringBackOurGirls nicht geholfen den politischen Willen und die Ressourcen in Nigeria und der Welt aufzubringen, um die im April 2014 von Boko Haram in der nordnigerianischen Stadt Chibok verschleppten 250 Mädchen zurückzubringen.

Wie werden also die IKT genutzt um afrikanische Gesellschaften zu verändern? Wie weit unterstützen sie eine integrative und auf Teilname bedachte Demokratie? Bis zu welchem Grad stärken sie bestehende politische und soziale Institutionen, Praktiken und Ausgrenzungen? Die Artikel in dieser Ausgabe von Perspectives beschäftigen sich mit den komplexen und vielfältigen Wegen wie Akteure in Afrika versuchen die Informations- und Kommunikationstechnologien zur Demokratisierung des Kontinents zu nutzen – mit all den Herausforderungen, denen sie dabei begegnen und mit den daraus resultierenden wertvollen Erfahrungen.

Wenn es darum geht gute Regierungsführung und Verantwortlichkeit durch IKT voranzubringen, ist Technologie wie Adi Eyal es ausdrückt „dazu da Prozesse zu erleichtern und zu unterstützen. Technologie allein kann keine Probleme lösen.“ Das Tendai-Projekt nutzt mobile Technologien um Informationen über Gesundheitsdienste zu sammeln. Doch diese Informationen werden erst dann politisch relevant wenn sie in traditioneller Lobbyarbeit genutzt werden. In Bagega wurde die Lokalisierung öffentlicher Mittel über soziale Medien erst dann bedeutsam, als sie mit lokaler Kontrolle, Mobilisierung und Beratung kombiniert wurde. Politische Veränderungen treten nicht einfach auf, weil soziale Medien vorhanden sind oder weil Hashtags getwittert werden, sondern vielmehr durch eine effektive Kombination von Faktoren - einschließlich Unzufriedenheit mit den Machthabern; dem gesetzlichen Umfang der Vereinigungsfreiheit, der freien Meinungsäußerung und der Informationsfreiheit; eine aktive Bürgerschaft; und Zugang zu den entsprechenden Technologien und anderen Ressourcen sowie die Fähigkeiten diese zu nutzen.

Politiker in Afrika südlich der Sahara haben begonnen die IKT als Werkzeuge zu nutzen – vor allem in Kenia, Nigeria und Südafrika, wo die Nutzung der Technologien vergleichsweise hoch ist. Wie auch an anderen Orten sind soziale Medien zentrale Mittel für Wahlkampagnen geworden. 2011 zum Beispiel, hat der nigerianische Präsident Goodluck Jonathan seine Kandidatur über Facebook angekündigt. Obwohl IKT die politische Teilhabe erleichtern können, ist es jedoch auch eine Herausforderung sicherzustellen, dass sie die digitale Kluft (und somit das dazugehörige Machtgefälle) nicht verstärken. „Online“ und „offline“ Gesellschaften zu verbinden ist genau so bedeutsam, wie Projekte, die Diskriminierung direkt bekämpfen. Jennifer Radloffs Beitrag bestätigt die Anstrengungen afrikanischer Frauen und feministischer Organisationen IKT zu nutzen, um ihren Forderungen und gelebten Realitäten Gehör zu verschaffen. Leider werden solche Initiativen im Internet zu oft konfrontiert mit Einschüchterungen und Gewalt gegen Frauen, Schwule und Lesben sowie mit Massenüberwachung durch repressive (und weniger repressive) Staaten. Jedoch wird mit den globalen Trends auch die Cyber-Sicherheits-Gesetzgebung genutzt um Klauseln einzuschmuggeln, die es Regierungen ermöglichen Kommunikationen abzufangen und Redefreiheit und Zugang zu Informationen einzuschränken. Solche Entwicklungen bedrohen das demokratische Potenzial der gesamten IKT.

Und das ist vielleicht die wichtigste Botschaft der Artikel in dieser Ausgabe: IKT bieten grundlegende Möglichkeiten Demokratie und soziale Gerechtigkeit voranzubringen. Doch es ist eine größere Mobilisierung und politische Bildung notwendig um sicherzustellen, dass dies auch so bleibt und dass nationale, regionale und kontinentale Internetkontrollen eine Balance zwischen Sicherheitsfragen und fundamentalen politischen Rechten finden.

 

Jochen Luckscheiter
Programmmanager

Keren Ben-Zeev
Stellv. Büroleitung

 

Inhaltsverzeichnis:

  • Editorial
  • Sarah Chiumbu - New Media Technologies and Political Participation in Africa
  • Adi Eyal - Tendai: The Benefits of Mobile Data Collection
  • Jennifer Radloff - Hacking Exclusion: African Feminist Engagements and Disruptions of the Internet
  • Azeenarh Mohammed - A Double-Edged Sword: The Internet and the Struggle for Equality of LGBTQI People in Africa
  • Jane Maina - Sauti Mtaani: Promoting Youth Participation in Governance
  • Achille Mbembe - Interview: The Internet Is Afropolitan
  • Azeenarh Mohammed - Follow The Money: How ICTs Ensure Accountability in Public Spending in Nigeria
  • Natasha Msonza - Internet Freedom and Repression in Zimbabwe
  • Gabriella Razzano - Between Privacy and Access to Information: Threats and Opportunities in Internet Regulation

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