Die Frau vorm Rathaus

Die Frau vorm Rathaus

Aufruf/Flugblatt zur Demonstration auf dem Alexanderplatz  Frauen in die Offensive!Aufruf/Flugblatt zur Demonstration auf dem Alexanderplatz / Frauen in die Offensive!. Urheber/in: Uwe Peltz. All rights reserved.

Erinnerungen von Annett Gröschner an das erste Flugblatt der feministischen Gruppe Lila Offensive im November 1989 und was aus den Forderungen wurde.

Als sich im letzten Jahr der Aufbruch der Demokratiebewegung in der DDR und der Mauerfall zum 25. Mal jährten, holte ich für einen Artikel, den ich dann doch nicht schrieb, meine Kiste mit den Flugblättern und Konzepten eines ostdeutschen Feminismus aus dem obersten Regalfach und las mich fest. Jedem dieser Papiere waren lange Diskussionen vorausgegangen. Wir hatten viel debattiert im Herbst und Winter 1989/90, nachts, wenn die Kinder schliefen. Manchmal vergingen Stunden, ehe wir uns auf eine Formulierung einigen konnten. So entstanden Sätze, die am nächsten Abend schon überholt waren, weil die Verhältnisse sich in einer rasenden Geschwindigkeit änderten. Und es entstanden Sätze, die zu unserem Bedauern bis heute ihre Gültigkeit behalten haben.

Der Urtext all dieser Thesenpapiere war ein Flugblatt FRAUEN IN DIE OFFENSIVE! unserer damals noch Initiativgruppe Berlin genannten Frauengruppe, die sich später Lila Offensive nannte und zu der Vorbereitungsgruppe zur Gründung eines unabhängigen Frauenverbandes gehörte. Wir hatten es für die berühmte Berliner Demonstration am 4. November 1989 entworfen und auf verschlungenen Wegen vervielfältigt. Es kam nicht besonders gut an, die meisten Demonstrierenden, Frauen wie Männer, denen wir eines in die Hand drückten, wollten sich mit dem, was damals Nebenwiderspruch und später Gedöns hieß, nicht beschäftigen, für sie war anderes wichtig.

Dieses Flugblatt ist deshalb interessant, weil es immer noch mehr mit der Gegenwart als mit der Vergangenheit zu tun hat. Auch wenn es uns damals darum ging, uns in den „Prozeß der sozialistischen Erneuerung“ einzumischen und zwar „bewußt aus der Perspektive von Frauen“, ist auch 25 Jahre später in der vereinigten Bundesrepublik fast keine der Forderungen erfüllt. Im Laufe der nächsten zwölf Monate mussten wir in einem schmerzhaften Prozess feststellen, dass die Feministinnen im Westen zwar dabei waren, das generische Maskulinum über Bord zu werfen, sie Fragen der Vereinbarung von Beruf und Familie aber weniger interessierten. Frauen- und familienpolitisch war die alte Bundesrepublik mit ihren überkommenen Rollenmustern für uns noch in der Steinzeit. Das Problem unserer Arbeit würde in der kommenden Zeit dann auch sein, die Verhältnisse für Frauen in der DDR nicht zu verbessern, sondern darum zu kämpfen, dass die Errungenschaften der Frauenpolitik nicht mit der DDR untergingen. Die nächsten Jahre würden wir damit beschäftigt sein, Frauenarbeitsplätze, Kindergärten und die Fristenregelung zu verteidigen und darin alle Kraft zu binden, übrigens weitgehend ohne die Unterstützung der damaligen Frauenministerin Angela Merkel. Wir Ostfrauen reagierten wie häufig pragmatisch. Es kam zu einem aufsehenerregenden Geburtenknick, „Gebärstreik“ genannt. Die Geburtenrate fiel in den nächsten fünf Jahren von 1,56 Kindern pro Frau auf die Hälfte, auf einen historischen Tiefstand von 0,77 im Jahr 1995. Bis 2011 stieg sie im Osten wieder auf 1,43 (im Westen: 1,36). Aber das wussten wir in der Woche vor dem 4. November 1989, in der wir das Flugblatt schrieben, nicht.

Zu dieser Zeit waren 91 Prozent der Frauen in der DDR berufstätig und 90 Prozent aller Frauen im gebärfähigen Alter hatten mindestens ein Kind. Heute sind im Osten 81,6 Prozent, im Westen 71,8 Prozent der Frauen im arbeitsfähigen Alter berufstätig. Dabei liegt der Anteil an Teilzeitarbeitenden viel höher als in der DDR. 1990 arbeiteten dort 27 Prozent aller Frauen verkürzt. 2012 waren in Deutschland Frauen mit 45 Prozent deutlich häufiger Teilzeit tätig als im EU-Durchschnitt. Dabei gilt, dass Frauen, die in Teilzeit arbeiten, das im Westen meist auf eigenen Wunsch tun, während dies im Osten auf weniger als die Hälfte zutrifft. Sie bekommen einfach keine Vollzeitstellen. Wir waren 1990 einer Gesellschaft beigetreten, in der Frauen noch mehrheitlich, wenn sie überhaupt arbeiteten, Zuverdienerinnen bzw. Zweitverdienerinnen waren. Die Aussage, “dass es für alle Beteiligten am besten wäre, wenn der Mann voll berufstätig ist und die Frau sich um den Haushalt und die Kinder kümmert” akzeptierten laut Datenreport des Statistischen Bundesamtes von 1997 knapp die Hälfte der Bundesbürger, während 2012 nur noch 10,4 Prozent dem uneingeschränkt zustimmen konnten. Quelle: Wikipedia

Wir aber forderten 1989 „die Schaffung von Bedingungen, die die Vereinbarkeit von Mutterschaft, als auch Vaterschaft und Berufstätigkeit möglich machen“. Nicht das Fehlen von Kindereinrichtungen war das Problem, sondern die fehlende Qualität, Flexibilität und die pädagogische Ausrichtung, was in unseren späteren, ausführlicheren Forderungskatalogen eine große Rolle spielen sollte. Wer die familienpolitischen Diskussionen der letzten Jahre verfolgt hat, weiß, dass es wieder und wieder und wieder um dasselbe geht. Dass Frauen arbeiten und Familie haben wollen, hat sich bei den Jüngeren durchgesetzt, die Kinder gehen auch im Westen inzwischen länger als drei Stunden in die Kita, es gibt sogar einen Rechtsanspruch auf einen Kitaplatz, und nun sind wir in den Diskussionen auf dem Stand von 1989 in der DDR: Wie vereinbart man Beruf und Familie und wie verbessert man die Qualität der öffentlichen Kindereinrichtungen. Und zwar für alle und nicht nur für die, die sich eine private Lösung leisten können.

Ja, der Fortschritt ist eine Schildkröte, die Hälfte des Jahres schläft sie unter dem Bett.

„Frauen stehen immer noch in der 2. Reihe in Wirtschaft, Politik und Wissenschaft“, hieß es gleich am Anfang unseres Flugblattes. Auch wenn die Verhältnisse gegenwärtig in Bewegung sind, ist dieser Satz von 1989 – und trotz einer Bundeskanzlerin, die seit zehn Jahren regiert und eine der einflussreichsten Frauen der Welt ist –, noch immer nicht widerlegt. Wir versuchten, das 1989 mit einigen ausgewählten Zahlen zu belegen, die einige von uns, die sich mit Frauen und Ökonomie beschäftigten, auf verschlungenen Wegen ermittelt hatten, die meisten Statistiken waren unter Verschluss. Erst mit dem 1990 erschienenen verdienstvollen Frauenreport ’90 gab es zum ersten Mal belastbare Zahlen zu Frauen in der DDR.

„75 Prozent aller berufstätigen Frauen arbeiten in traditionell typischen Frauenberufen“, hieß es in unserem Flugblatt, „werden die traditionell typischen Frauenberufe schlechter bezahlt als die traditionell typischen Männerberufe“, was in der Forderung der Höherbewertung frauentypischer Berufe mündete. Auch sollten mehr Männer in Berufe des Sozialbereichs. Wobei das eine nicht ohne das andere zu haben war.

Von den 355 Facharbeiterberufen der DDR waren nur 30 für Frauen aus arbeitstechnischen Gründen nicht empfohlen, doch war das Berufswahlfeld von Mädchen oft eingeschränkt. Teils durch die Betriebe, die die Ausfallquoten durch Schwangerschaft und Mütterjahr kompensieren wollten und Frauen abwimmelten, teils durch mangelnde Motivation von Mädchen, die immer noch lieber Friseurin wurden als Meisterin der Volkseigenen Industrie. Nicht nur deshalb forderten wir den Abbau rollenspezifischer Erziehung, vergeblich, wie wir heute angesichts von Lego für Mädchen (Shoppen, Blumengießen, Cocktails trinken) feststellen müssen. Dabei gab es damals Analogien zu heute, mit einigen interessanten Abweichungen. Bevorzugte Berufe von Mädchen in den achtziger Jahren waren laut Frauenreport ’90 und bezogen auf die abgeschlossenen Lehrverträge (noch mit männlichen Bezeichnungen) Fachverkäufer, Wirtschaftskaufmann, Facharbeiter für Schreibtechnik, Koch, Facharbeiter für Textiltechnik, Kellner, Kleidungsfacharbeiter, Facharbeiter für Tierproduktion, Gärtner, Friseur, Facharbeiter für Datenverarbeitung, Maschinenbauzeichner.

2011 machten, Maßnahmen wie Girls Days (in Übereinstimmung mit unserer Forderung: Besondere Förderung von Frauen in Wissenschaft und Technik) zum Trotz, Berufe wie Kauffrau, Medizinische Fachangestellte, Verkäuferin, Friseurin, Industriekauffrau, Hotelfachfrau, Verwaltungsfachangestellte 53,3 Prozent der erlernten Berufe von Mädchen aus. Berufe, die kaum Aufstiegschancen bieten. Laut Frauenreport ’90 lag der Anteil an Frauen an (heute nicht mehr existierenden) Fachschulen der DDR, die vorwiegend Berufe ausbildeten, die heute unter dem Begriff Care-Arbeit laufen, 1989 bei 70,3 Prozent.

In dieser Beziehung hat sich leider nicht viel geändert, sieht man von den in Deutschland fast ausgestorbenen, weil ausgelagerten oder von der Automatisierung überholten Berufen wie Facharbeiter für Schreibtechnik oder Facharbeiter für Textiltechnik ab. Eine Besonderheit waren in der DDR die Facharbeiterinnen für Datenverarbeitung, im Westen unter der Bezeichnung IT-Berufe eine ausgesprochener Männerdomäne. Aus der ersten IT-Generation der DDR fassten Frauen kaum Fuß im Westen, weil die Firmen sich weigerten, Frauen einzustellen, unter fadenscheinigsten Gründen, wie dem Fehlen von Frauentoiletten. Die 18 Prozent Frauen unter den Produktionsarbeitern in der Schwerindustrie verloren wie die Männer mit der Deindustrialisierung im Osten ihre Arbeit. Sie wurden häufig zu Floristinnen oder Verkäuferinnen umgeschult, was nicht jeder gefiel, aber oft hingenommen werden musste, wenn es darum ging, nicht zu Hause zu sitzen, sondern weiter ökonomisch unabhängig zu bleiben, auch im Hinblick auf die Rente. Auch waren in der DDR geschiedene Frauen weitaus schlechter gestellt als in der Bundesrepublik geschiedene, eine Ungerechtigkeit des Einigungsvertrages, die demnächst vor dem UN-Ausschuss gegen die Diskriminierung von Frauen verhandelt wird. Der Anteil der Frauen unter den Antragstellern für Scheidungen lag 1989 bei 69 Prozent, 1960 waren es noch 55 Prozent, ökonomische Unabhängigkeit machte es leichter für sie, eine als unbefriedigend empfundene Ehe zu beenden.

Dabei waren die Unterschiede zwischen Männern und Frauen, bezogen auf das Entgelt pro Zeiteinheit bei vergleichbarer Tätigkeit (heute unter Gender Wage Gap bekannt), ein geringeres Problem als heute. Ein Mann in einem traditionell frauentypischen Beruf verdiente nicht mehr als seine Kollegin. Das Problem war eher die Einstufung der Frauenberufe in Leichtlohngruppen und niedrigere Gehaltsklassen. Das wollten wir ändern, genau. Es ist uns nicht gelungen, im Gegenteil: 2009 betrugen die Gehaltsunterschiede in der Bundesrepublik zwischen Männern und Frauen im Durchschnitt unglaubliche 23 Prozent.

Eine Besonderheit gegenüber dem Westen war auch die große Anzahl von Alleinerziehenden. Belastbare Zahlen dazu gab es nur von der Volkszählung 1981: Damals lebten 18 Prozent Alleinerziehende in der DDR, davon 17 Prozent Frauen, die Zahl stieg zum Ende der DDR aber noch einmal an. Heute liegt der Anteil in ganz Deutschland bei 13,6 Prozent (1996 9,9 Prozent, mindestens ein Kind unter 18). Der Anteil der Alleinerziehenden an allen Familienhaushalten lag in Ostdeutschland im Jahr 1996 bei 17,7 Prozent und erreichte 2009 mit 26,6 Prozent seinen bisherigen Höchststand (2011: 25,9 Prozent). Quelle: bpb

Wir fordern gleichberechtigte Anerkennung nichtehelicher/lesbischer Lebensformen, schrieben wir im November 1989.

Anerkannt sind sie heute, gleichberechtigt nicht, so lange das Ehegattensplitting die Alleinverdienerehe stärkt. Es gehört abgeschafft. Dabei hätte damals keine von uns, lesbisch oder nicht, die Ehe für Lesben und Schwule als Fortschritt angesehen.

„Zum Beispiel arbeiten in Leitungsfunktionen der Wirtschaft nur 20 Prozent Frauen“, hieß es in unserem Flugblatt. Die Zahl stimmte nicht ganz. Der Anteil der Frauen in Leitungsfunktionen betrug laut Frauenreport ’90 in der Industrie 21 Prozent, in der Volkseigenen Wirtschaft insgesamt aber 31,5 Prozent, wobei Frauen meistens in unteren und mittleren Leitungsfunktionen eingesetzt waren, in Spitzenfunktionen blieben sie die Ausnahme.

Im Bereich der Wissenschaft war fast die Hälfte des wissenschaftlichen Fachpersonals Frauen, der Anteil der Frauen in obersten Leitungsebenen (Rektoren, Fachbereichsdirektoren) betrug kaum 3 Prozent, an mittleren Leitungsfunktionen nur 15 Prozent. Das schlug sich dann auch in den Gehältern nieder. So verdienten im Hoch- und Fachschulbereich Frauen durchschnittlich 1.001 Mark, Männer aber 1.169 Mark. Auch hier sind die Entwicklungen zäh und langwierig, und sind, wie beispielsweise die gegenwärtigen Diskussionen über Professuren in Gender Studies, mit Häme und biologistischem Unsinn begleitet. Was uns aber nicht wundern sollte. In einer Gesellschaft, in der Macht und Eigentum als höchste Güter gelten, ist jeder Versuch, Anteile daran zu erwerben, mit Verteilungskämpfen verbunden.

Auch fast 25 Jahre später, 2013, lag der Anteil hauptberuflicher Professorinnen in der Bundesrepublik bei mageren 21,3 Prozent, bei einem Anteil von 49,8 Prozent Frauen unter den Studierenden. Auch haben Frauen die oft schlechter bezahlten oder befristeten Professuren, nur die Hälfte der Professorinnen werden nach C4 bezahlt. Die USA und einige europäische Länder sind in dem Punkt viel weiter. Wir fordern Quotenregelung auf allen Gebieten in Politik und Wirtschaft, hieß es 1989 in unserem Flugblatt.

Zur Quotenregelung konnte sich die bundesdeutsche Politik auch dank der Lobbyarbeit der Wirtschaft lange nicht entschließen. Ein Gleichstellungsgesetz für die private Wirtschaft – ein Ziel der früheren Bundesministerin Christine Bergmann, einer Ostdeutschen, scheiterte u. a. am Widerstand der Unternehmerverbände. Stattdessen wurde 2001 eine freiwillige und kaum greifende Vereinbarung zwischen Wirtschaft und Bundesregierung geschlossen. Erst 2015 wurde unter der Frauenministerin Manuela Schwesig, ebenfalls eine Ostdeutsche, in der Großen Koalition eine Frauenquote von 30 Prozent für Aufsichtsräte durchgesetzt.

Im Jahr 2008 betrug der Anteil der Frauen in den Vorständen der 200 größten deutschen Unternehmen noch magere 2,5 Prozent, der Anteil von Frauen in Führungspositionen überhaupt auch nur 11,2 Prozent.

Im Bundesgleichstellungsgesetz ist eine relative Quotenregelung für den öffentlichen Dient enthalten. Unumstritten ist die Quote auch unter Frauenbewegten nach wie vor nicht, doch hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass ohne sie alles noch viel länger dauern wird und weitere Generationen von Frauen unterprivilegiert bleiben. Die Frage ist, wie viel Zeit noch vergehen wird, ehe sich die Zahlen den 50 Prozent annähern. Von unserem Selbstverständnis her hatten wir damals auch immer das im Blick, was heute Klassismus heißt. Es ist nichts gewonnen, wenn die Hälfte der DAX-Vorstände Frauen sind, die aber eine Politik machen, die die Frauen am unteren Ende der Einkommensskala arbeitslos macht oder ihnen global gesehen mit dem Entzug der Ressourcen wie Wasser und Boden die Lebensgrundlage entzieht. Wer Quotierung der DAX-Vorstände im Blick hat, sollte auch immer danach fragen, wer am Ende der Frau in Führungsposition zu welchen Bedingungen den Dreck wegmacht. Das war damals unser Selbstverständnis, auch wenn Putzhilfen nicht zu unserem Leben gehörten und der DAX ein Tier mit Rechtschreibfehler war.

Von den wöchentlich anfallenden 45 Stunden Hausarbeit leisten Frauen 34 Stunden, hieß es in unserem Flugblatt. Sie leisten heute noch 34 Stunden, wenn man den Statistiken Glauben schenken darf und obwohl sich der Anteil der Männer auf 17 erhöht hat (Quelle: Wikipedia). Dabei ist doch nach 1989 die Hausarbeit auch Dank Geschirrspülern und vollautomatischen Waschmaschinen leichter geworden, und vor allem fiel das Anstehen beim Einkaufen weg.

Erfüllt wurde eigentlich nur eine Forderung und die gleich in den nächsten Monaten: Wir fordern eine neue Frauenorganisation, Frauenzeitungen, Frauenzentren, Frauencafés, Frauenbibliotheken, ein Frauenforschungsinstitut, Frauenmuseum, Frauenarchiv, FRAUENMINISTERIUM.

Wir nahmen uns die Räume und organisierten die Finanzierung, viele dieser Einrichtungen gibt es sogar heute noch. Politisch war der Unabhängigen Frauenbewegung nach 1989 kein großer Erfolg mehr beschieden, auch wenn viele ihrer Forderungen von den Parteien links vom politischen Spektrum übernommen wurden, in zähen Kämpfen mit denen, die das Problem der Gleichstellung als Gedöns abtaten und abtun.

Der Satz aus unserem Flugblatt: Wir kämpfen für eine sozialistische Gesellschaft ohne patriarchale Verhältnisse! – Gemeinsam mit Männern! war am 18. März 1989 erledigt, als der Unabhängige Frauenverband, der mit den Grünen zusammen eine Wahlplattform gebildet hatte, keinen einzigen Sitz in der Volkskammer bekam, ein politisches Desaster. Nach der Wiedervereinigung ist der Unabhängige Frauenverband als politische Organisation zwischen Bündnis 90/Die Grünen und der PDS zerrieben worden, abgesehen davon, dass die Bewegung sich selbst auseinanderdividierte und keine gemeinsamen Nenner mit den westdeutschen und Westberliner Aktivistinnen fand, u.a. auch deshalb, weil die Zweite Frauenbewegung im Westen sehr zersplittert war.

Trotzdem viele von uns nicht mehr politisch arbeiten, was nicht heißt, dass wir keine politischen Menschen sind, gilt doch nach wie vor: Der Zustand der Welt ist keiner, der uns gefallen darf, wenn wir nicht über Bord geworfen haben, was wir damals wollten.

Quelle: Frauenreport ’90 Im Auftrag der Beauftragten für die Gleichstellung von Frauen und Männern , Dr. Marina Beyer, herausgegeben von Gunnar Winkler, Verlag Die Wirtschaft, 1990

 

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