Schule in der demokratischen Gesellschaft

Schultisch mit Hand und Heften
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Schulen sind wichtig für die Demokratie

Festrede zur Preisverleihung der Deutschen Gesellschaft für Demokratiepädagogik e.V.

Im Juli dieses Jahres haben wir im Kuratorium der Theodor-Heuss-Stiftung, die sich der Förderung von Demokratie, Bildung, Toleranz, und zivilgesellschaftlichem Engagement verschrieben hat, nach einem neuen Jahresthema gesucht. Heraus schälte sich die Frage nach den Ressourcen von Solidarität in unserer Gesellschaft. 30 Jahre neoliberale Wettbewerbsmanie, die Kinder wie Erwachsene auf allen Gebieten trimmt, erste zu werden und nicht nach denen zu schauen, die im Getümmel zurückbleiben, die Monate lange Griechenlandkrise, die in ein antisolidarisches Diktat von EU, Europäischer Zentralbank und Internationalem Währungsfonds gegen Griechenland mündete und dessen Demokratie wie in einem Protektorat praktisch außer Kraft setzt, zunehmende Gewalt von rechts – so viele Indizien sprachen dafür, dass die Ressource Solidarität knapp geworden ist.

Dann kamen die Flüchtlinge in großer Zahl ins Land, und zu ihrer Begrüßung setzte eine Welle der Hilfsbereitschaft ein, die kaum einer in Deutschland für möglich gehalten hatte. Hatten wir die Deutschen unterschätzt? Nicht unbedingt, wir wollten mit dem Jahresthema ja gerade die vorhandenen Ressourcen auftun, auf sie aufmerksam machen und sie dadurch stärken.

Trotzdem, in Umfragen war dieses Potenzial vorher nicht erkennbar – was wieder einmal Anlass gibt, die Aussagekraft solcher Umfragen kritisch zu beleuchten. Indizien gab es, weil die empirische Psychologie schon seit längerem auf eine Sensibilität der Menschen im Allgemeinen, und eben auch der Deutschen in Bezug auf Ungerechtigkeit hinweist: Sie wollen nicht ungerecht behandelt werden, sie wollen aber auch nicht, dass es ihnen im Vergleich zu den anderen zu gut geht. Sie sind auch in der EU zur Solidarität bereit, wenn das Geld gut angelegt wird.

Was hat das mit Demokratie zu tun? Der Begriff bezeichnet ein Regierungssystem, aber auch eine Lebensform. Beide gehören zusammen, das Regierungssystem hängt in der Luft und kann nicht gedeihen, wenn es nicht in der Lebensform der Gesellschaft, in der demokratischen Gesellschaft gründet.

Über diesen Zusammenhang macht sich die politische Philosophie seit Jahrhunderten Gedanken, in der europäischen Tradition mindestens seit der griechischen Antike. Erfahrungen und Reflexionen zeigen, dass demokratische Institutionen – Regierungen, Parlamente, Gerichte, Parteien, Medien - in demokratischem Geist, mit demokratischer politischer Kultur praktiziert werden müssen, wenn sie im Sinne ihrer Gründer wirken, wenn sie die Demokratie stärken sollen.

Wenn man z.B. nach einem Regimewechsel eine demokratische Verfassung verabschiedet, heißt das noch lange nicht, dass damit eine lebendige Demokratie beginnt. Denn die kulturellen Grundlagen, die die Demokratie erfordert - die Orientierung der Bürger und der Institutionen an den Werten Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität, vor allem auch dementsprechende gewohnheitsmäßige Einstellungen bzw. Haltungen wie Fairness, Offenheit, Zuwendung gegenüber den Mitmenschen und die psychischen Dispositionen dafür wie persönliche Stärke sind damit nach lange nicht gegeben.

Wie aus einer Gesellschaft, die sich an eine Diktatur gewöhnt hat, eine demokratische wird, darüber gibt es nicht sehr viele Forschungen. In der Geschichte der Politischen Ideen ist viel mehr von Verfallsentwicklungen die Rede (Tocqueville, Montesquieu), in der Regel vom Verfall der Sitten, der auch den Verfall von Demokratien bzw. von Republiken nach sich zieht.

In einem deutsch-französisch-polnischen Forschungsprojekt haben wir vor Jahren untersucht, wie nach einer Diktatur und einer ihr entsprechenden Gesellschaft, die gerade nicht Offenheit, Kritikfähigkeit, Kooperationsbereitschaft usw. fördert, eine demokratische Gesellschaft entstehen kann. Das wichtigste sind freie öffentliche Debatten, in denen unterschiedliche Standpunkte vorgetragen werden können, die miteinander argumentieren und streiten. Wichtig ist auch, dass es den staatlichen Repräsentanten gelingt, die Positionen in den öffentlichen Debatten in demokratischem Geist zu beleuchten und etwa in öffentlichen Reden zusammenzuführen. Richard von Weizsäcker hat zum 40. Jahrestag des 8. Mai 1945 vorbildlich gezeigt, wie das gelingen kann. Schließlich kommt es sehr auf offene Gespräche in der Familie an, in denen Kinder ohne Angst nach der diktatorischen Vergangenheit fragen können, auch nach dem, was ihre Eltern damals gemacht haben. Das ist nicht einfach.

Was kann Schule in diesem Rahmen in der demokratischen Gesellschaft und für sie beitragen? Sie ist nach der Familie wohl die wichtigste Sozialisationsinstanz. In der Schule geht es wiederum – wie in der Demokratie - um Inhalte, die kontrovers sind und unterrichtet werden sollen – in allen Fächern, vornehmlich sicher im Politik- und Gemeinschaftskundeunterricht, in Geschichte, Geographie und gegebenenfalls Wirtschaft. Nicht die trockene Information darüber, wie Institutionen funktionieren, kommt dabei an, sondern Probleme, aktuelle Herausforderungen, an denen die Schülerinnen und Schüler die Institutionen selbst entdecken und erforschen können – auch in der Schule, nicht nur an der Universität halte ich das forschende Lernen für angezeigt. Was können wir machen, um die Situation von arbeitslosen Jugendlichen zu verbessern? Nicht nur bei uns, sondern z.B. auch in Portugal oder in Griechenland?

Mindestens ebenso wichtig aber ist auch in der Schule die Demokratie als Lebensform. Wie beteiligen sich Schülerinnen und Schüler an der Lösung von Konflikten? Werden die überhaupt zur Sprache gebracht oder einfach weggedrückt? Weil man dafür keine Zeit hat, denn der Stoff muss ja geschafft werden! Welchen Einfluss haben Lehrer, Schülerinnen und Eltern auf die Gestaltung des Schullebens, des Unterrichts? Wie findet Schule Antworten auf die manchmal schwierigen Lebensfragen der Schülerinnen und Schüler, die Erwachsene auch in Verlegenheit bringen können?

Gibt es eine Atmosphäre der Offenheit, der Partnerschaftlichkeit, der Kooperation? Oder beherrscht die Angst vor den nächsten Klassenarbeiten und den darauf unausweichlich folgenden Zensuren den Alltag? Wird Zivilcourage belohnt? Gilt Fairness gegenüber Mitschülern wir Lehrern als cool oder eher knallharte Konfrontation? Werden soziale Ungleichheiten bemerkt und z.B. bei Festen oder bei Klassenfahrten angegangen? Gelten soziale Rollen von Mädchen und Jungen als in Stein gemeißelt oder kann man sie aushandeln? Überhaupt: Sind Ermutigung und Zuversicht leitend oder eher die Drohung, zurückzubleiben, das vorgegebene Ziel nicht zu erreichen und auf sich selbst gestellt zu sein?

Wir können mit ziemlicher Sicherheit davon ausgehen, dass unsere Gesellschaften immer bunter werden. Vor dem Hintergrund dessen, dass die Diskrepanzen zwischen arm und reich in den letzten Jahrzehnten drastisch zugenommen haben, stellt uns das vor allem vor die Aufgabe, einander verstehen zu lernen, nicht selbstverständlich zu meinen, dass unsere eigene Erfahrung von den anderen geteilt wird, sondern neugierig zu sein auf die anderen, zuzuhören, was sie erleben und denken, das Gemeinsame in den Unterschieden zu suchen. Je mehr man sich das angewöhnt, desto besser gelingt es, mit den Augen der anderen zu sehen, sich an ihre Stelle zu setzen. Dies ist bekanntlich eine der drei Maximen, die Immanuel Kant in seiner „Kritik der Urteilskraft“ für die Praxis des „Gemeinsinns“ fordert. Es ist die Maxime der Gerechtigkeit. Die anderen beiden lauten: „Selbst denken“ und „Jederzeit mit sich einstimmig denken“, d.h. nicht zu leben nach dem Motto: „Was geht mich mein Geschwätz von gestern an.“

Wir feiern heute Schulen, die sich auf den Weg der Demokratie gemacht und dabei vieles erreicht haben. Dazu gratuliere ich von ganzem Herzen! Und ich komme zurück auf meinen Eingangsgedanken: Beim unerwartet freundlichen und tatkräftigen Willkommen gegenüber den Flüchtlingen in diesem Herbst hat sich gezeigt und zeigt sich noch, dass die langjährige Arbeit und das Engagement von vielen Lehrerinnen und Lehrern, Schülerinnen, Schülern und Eltern für eine Bildung und für Schulen im Dienste der Demokratie und eine demokratische Lebensform doch Früchte getragen hat. Bildung braucht einen langen Atem und oft weiß man nicht, ob das, wofür man sich müht, was man sehnlichst anstrebt und wünscht, gelingt. Heute ist eine Gelegenheit, dieses Gelingen ausdrücklich zu bestätigen. Ihnen allen meinen herzlichen Dank für Ihre Mühen, für die Beharrlichkeit Ihres Engagements! Und weiterhin so viel Erfolg wie bisher!