Alle müssen was tun - Der aktivistische Imperativ und sein künstlerischer Konsum

Alle müssen was tun - Der aktivistische Imperativ und sein künstlerischer Konsum

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Unter deutschen Kulturschaffenden gibt es eine eigentümliche Romantisierung der Figur des „Aktivisten“. Möglicherweise speist sie sich aus dem schlechten Gewissen derjenigen, die zwar gerne gesellschaftliche Relevanz reklamieren und behaupten, ihre Arbeit wäre irgendwie politisch, aber doch wissen, dass sie die damit verbundenen Wirksamkeitsforderungen nur selten erfüllen können. Ein Kommentar.

Dabei sind – lässt man die Beförderer des Bestehenden beiseite – die seit einiger Zeit wirkmächtigsten Aktivist/innen in Deutschland und Europa genau jene identitären Kulturalisten, Nationalkonservativen und Faschisten, die man gerne aus den eigenen Zirkeln verbannt sehen möchte. „Taten statt Worte“, das Grundprinzip des Aktivismus, war nicht umsonst auch das Motto des NSU. Wie lässt sich die emphatische Bejahung des widerständig engagierten Staatsbürgers derart problemlos durchhalten? Kollektive Verdrängung unbequemer Wirklichkeit?

Weder politisches Handeln noch „das Politische“ an sich haben einen Wert ohne das zugehörige Referenzsystem, das Ziele festlegt, Gut und Schlecht bestimmt und dadurch die Klassifikation von Freund und Feind ermöglicht. Dass sich in den diskursmächtigen Teilen der Kunst- und Kulturszene das Adjektiv „politisch“ erfolgreich zu einer Art moralischem Gütesiegel entwickeln konnte, zeigt, wie lang und weit solch ein Referenzsystem implizit vorausgesetzt wurde. Dabei musste ihm gar keine konkrete Praxis jenseits von strukturell wirksam werdenden In- und Exklusionsmechanismen entsprechen. Ein paar Marker für die eigene „kritische“ Haltung im Kunstprodukt oder im Gespräch waren lange Zeit ausreichend – vor allem in jenen Punkten, in denen sowieso die Zustimmung aller Beteiligten zu erwarten war. Entscheidend waren Distinktion und Zugehörigkeit innerhalb der peer group. Teilweise erhebliche konkrete politische Differenzen spielten nur eine geringe Rolle, erleichterten allenfalls die Vereinnahmung linker Diskurselemente für bürgerliche Standbein-Spielbein-Darstellungen.

Empört Euch!

Doch diese Zeit könnte vorbei sein. Der europäische Rechtsruck hat auch Deutschland erfasst und dürfte in den nächsten
Jahren hier sein Machtzentrum finden. Für Kulturlinke wird es zunehmend unbequem werden, wenn das Bekennen von politischer Haltung nicht mehr nur Imagepolitik ist. Dies spiegelt freilich nur die größeren Verwerfungen unter den Bewohnern der Mitte der Gesellschaft wider. Während staatstragender Humanismus, der die Probleme am liebsten anderswo sieht und den Standort-Deutschen ihre Moral zurückbeschafft, auf Distanz zu explizit linkem Interventionismus geht, schlägt die Privatisierung des Politischen als individueller Terror zurück in die „Öffentlichkeit“: Mehr als 800 Angriffe auf Geflüchtete und Flüchtlingsunterkünfte im vergangenen Jahr sprechen eine deutliche Sprache.

Noch war unter den attackierten Orten keines jener Theater, die sich im Laufe des Jahres mehr oder weniger PR-trächtig als Zufluchtsort oder Integrationshelfer anboten. Doch wie wird es werden? Security Checks in den Theaterhäusern? Politische Zensur von Stücken oder Künstler/innen? Angst vor Trollen in partizipativen Formaten? Zielgruppenbestimmung und öffentliche Förderung nach ideologischen Kriterien? Die Zukunft ist eine Kolonie der Gegenwart, sie hat sich vom offen Kommenden zur Drohkulisse verwandelt, mit der heute Politik gemacht werden kann, überzuckert mit dem Versprechen von neuen Möglichkeiten im Rahmen des Bestehenden.

Jetzt aktiv werden!

Eine dieser Möglichkeiten ist die Integration von spektakulärem Aktivismus in den bürgerlichen Spielplan. Tatsächlich befriedigt dieser besser als nicht-intervenierende Theaterformen ein neues Grundbedürfnis: die Sehnsucht nach einem Gewissen. Mit der Wertschätzung einer „geilen Aktion“ organisiere ich mir mit dem guten Erlebnis, ein schlechtes Gewissen gehabt zu haben, zugleich die interpassive Absolution meiner eigenen Untätigkeit. Jemand hat etwas getan, und das finde ich gut. Jemand erhebt die Stimme, und das finde ich gut.

Der zu Grunde liegende Deal ist mehr als Fair Trade, denn er schließt Zeichen aktiven Widerstands mit ein, die das Bewusstsein der eigenen Korrumpiertheit mildern. Dem gesellschaftlichen Konsum-Standort entsprechend ist mit solchem Aktivismus dabei nicht die mühevolle tägliche Arbeit zivilpolitischer Organisation gemeint. Auch nicht der konkrete Kampf etwa einer radikalen antifaschistischen Linken, die derzeit mit dem Rücken zur Wand versucht, der rechten Reconquista auf der Straße die Stirn zu bieten, und von dem wir humanistischen Zivilgesellschaftler uns immer schnell dann distanzieren, wenn statt eines Flüchtlingsheimes mal ein paar Mülltonnen brennen – alle Staatsgewalt gehe eben vom Staate aus.

Geschätzt werden vielmehr Aktionen, die primär auf der Ebene des Diskursiven und der Bildproduktion wirksam werden und das Zeug zu „großem Kino“ haben. Die repräsentative Wirksamkeit solcher Aktionen überdeckt ihren realen politischen Effekt (oder seine Abwesenheit). Diese Ähnlichkeit zur Kunstproduktion, bei der jenseits ökonomischer Kennziffern in der Regel auch schwer zu sagen ist, zu was sie jeweils gut gewesen sein könnte, erlaubt einerseits erst die spektakuläre Verwertung. Andererseits lässt sich der Überschuss des Symbolischen durch das Phantasma der Mobilisierung kompensieren: Die Leute könnten ja, vom ansprechenden Aktionsdesign inspiriert, beginnen, selbst “aktiv” zu werden. Doch an diesem Punkt, wo das alte und neue Motiv des erwachenden Volkes sich durchaus zu Hause fühlen darf, wird die Emphase des „Was tun!“ fahrlässig. Nicht nur, weil sie Öl in ein Feuer gießt, das bereits brennt, sondern weil sie zudem diesen Brand potentiell umdeutet, ohne den Widerspruch zwischen künstlerischer und politischer Bedeutungsproduktion vermitteln zu können.

Mobilize!

In einem kurzen Text mit dem Titel „Ein altes Blatt“ beschrieb Franz Kafka vor knapp 100 Jahren die unfreiwillige Mobilisierung bürgerlicher Gesellschaft angesichts einer Invasion von Nomaden. Die einleitenden Sätze sind Präambel eines Manifests besorgter Bürger: „Es ist, als wäre viel vernachlässigt worden in der Verteidigung unseres Vaterlandes. Wir haben uns bisher nicht darum gekümmert und sind unserer Arbeit nachgegangen; die Ereignisse der letzten Zeit machen uns aber Sorgen.“ Der Einbruch des Fremden in Gestalt blutrünstiger, die althergebrachten Regeln des Eigentums missachtenden, sich in einer Art Vogelsprache miteinander verständigenden Nomaden zerstört nicht nur das geordnete Leben der um den zentralen Marktplatz ansässigen Bürger, sondern auch ihre Zukunft: „»Wie wird es werden?«, fragen wir uns alle. »Wie lange werden wir diese Last und Qual ertragen? Der kaiserliche Palast hat die Nomaden angelockt, versteht es aber nicht, sie wieder zu vertreiben. (..) Uns Handwerkern und Geschäftsleuten ist die Rettung des Vaterlandes anvertraut; wir sind aber einer solchen Aufgabe nicht gewachsen; haben uns doch auch nie gerühmt, dessen fähig zu sein. Ein Mißverständnis ist es; und wir gehen daran zugrunde.«“

Das Politische ist privat!

Die im Text durch einen Schuster vorgenommene Schilderung kulturfremder Invasion erfasst nicht nur jenen kollektiven Wahn, der die aktuelle politische Dynamik in Europa mitsamt ihren Erscheinungen des Terrors und der Hysterie stimuliert und begleitet. In veränderter historischer Situation skizziert sie auch die emotionalen Begleiterscheinungen der Privatisierung des Politischen in einer nach kybernetischen Prinzipien umgestalteten Herrschaft. Auf dem Marktplatz, der sein Arbeitsplatz und seine Wohnung ist, begegnet das bürgerliche Subjekt sich selbst und versteht vor Angst kein Wort. Nur eines ist ihm klar: Gehandelt muss werden.

Der Rückzug des Staates in Überwachungs- und Steuerungsmechanismen hat den Weg frei gemacht in eine Zukunft,
in der politisches Engagement – ob mehr oder weniger radikal, aber immer als Lifestyle – nicht unterscheidbar sein wird von der zwanghaften individuellen Identitätsproduktion der Einzelnen. Die unpolitischsten Leute werden dann die Politiker/innen sein. Was jedoch Aktivismus und was Extremismus, was Terror und was Gegenterror genannt wird, bestimmt die Dynamik eines moralischen Kapitalmarktes, in dem sich Diskurs, Propaganda und Aktion gegenseitig regulieren.

Je mehr die für diesen Markt Aktivierten das dortige Geschehen als ein identitäres wahrnehmen – eines, in dem „ich“ und „wir“ und „die“ ihre Rollen spielen –, desto leichter wird die gesamtgesellschaftliche Regulation ihrer Affekte und Aktivitäten fallen. Unser deutsches Theaterwesen mag hier eine Steuerungsfunktion erhalten, weil es strukturell Wahrnehmungen befördert, die gesellschaftliche Realität auf Individuelles bezieht – sei es nun positiv oder negativ. Jenseits von Urteilen über diesen Bezug, seinen Realismus oder sein utopisches Potential wäre es wünschenswert, wenn sich die Theater-Produzierenden dieses Kontextes und der ideologischen Funktionen ihrer Produktion bewusst wären.

Wer, wenn nicht wir!

In Dortmund fiel mir Kafkas „Altes Blatt“ während der Publikumsdiskussion nach der Aufführung von „2099“ des Zentrums für Politische Schönheit (ZPS) wieder ein, als eine junge Zuschauerin jenes im Text beschriebene und vom Stück forcierte Missverständnis emotional berührt so beschrieb: Sie wisse auch nicht, was sie tun könne, aber am kommenden Morgen müsse sie sich beim Blick in den Badezimmerspiegel schon die Frage stellen, ob sie ihren Alltag noch so weiterführen könne wie bisher. Das ist der Sound aktivistischer Moral, die die deutschen Individuen ergreift, und niemand dokumentiert ihn derzeit umfassender als das ZPS.

Ob dem deutschen Publikum bei „2099“ im Staccato moralischer Schnappatmung das relativierende Geschenk gemacht wird, es werde in der näheren Zukunft noch viel schlimmere „Holocausts“ geben, wofür dann z.B. ein Chinese verantwortlich wäre (Schuld ist immer der große Diktator), ob den beflissen Bewegten auf dem Weg zum Grenzzaun-Zerschneiden („1. Europäischer Mauerfall“) oder („Die Toten kommen“) die gemeinte Praxis mittels ikeahafter Schritt-für-Schritt-Anleitung näher gebracht wird - immer wird die mit der Sehnsucht nach dem guten Gewissen einhergehende Hilf- und Trostlosigkeit präzise vergrößert und zurückgespiegelt.

Die Kombination aus hochtouriger Werbetechnik, Kompensation deutscher na(r)zis(s)tischer Kränkung und tatsächlicher politischer Kläglichkeit macht die künstlerische Qualität dieses Theaters aus. Wir wären gut beraten, es als solches auch ernst zu nehmen: Es verrät, was kommt.

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