Politische Poesie

Der Marsch der Entschlossenen markiert den künstlerischen Quantensprung des Zentrums für politische Schönheit. Denn nicht das Zentrum selbst, sondern die Teilnehmenden vollenden in einem magischen Moment der Selbstermächtigung die Mahnung an die Politik.

Kunst oder politischer Aktivismus? Pietätlos oder respektvoll? Inklusiv oder elitär? Für eine Woche stand die „Die Toten kommen“ des Zentrums für politische Schönheit (ZPS) - im medialen Fokus der Republik. Letzter Teil der Aktion: „Der Marsch der (Un)entschlossenen“ am vergangenen Sonntag. Alle großen Medien berichteten ausführlich, der Live-Ticker des Tagesspiegel spuckte beständig News von der Aktion und, klar: #dietotenkommen war Trending Topic auf Twitter. Aufmerksamkeitsrekord für den politischen Aktivismus des ZPS!

In besonderer Erinnerung bleibt allerdings ein Moment, der den künstlerischen Quantensprung des Zentrums markiert. Der Demonstrationszug erreichte sein vorläufiges Finale, am Kanzleramt war Schluss. Die Behörden hatten mit massiver Präsenz und einem Schreiben im Vorfeld deutlich gemacht, dass eine Besetzung des Platzes vor dem Sitz der Kanzlerin nicht in Frage kommt. Bagger waren verboten, das „Mahnmal für die Unbekannten Einwanderer“ würde heute nicht errichtet werden, so schien es. Die Teilnehmenden der Demonstration, bis dahin Statisten eines inszenierten Bestattungszuges, entpuppten sich als die „Unentschlossenen“, so wie Sie das ZPS in kurzfristiger Umbenennung der Aktion beschrieben hatte.

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Aus Unentschlossenen wurden Entschlossene

Der ZPS-Chefaktivist Philipp Ruch nahm eine Flüstertüte zur Hand, bedankte sich bei allen, die gekommen waren, und erklärte die Aktion für beendet. Noch verharrte die Menge im zugeschriebenen Modus der Trauergemeinde, bewehrt mit Blumen und Kreuzen. Ein Moment entspannter Ratlosigkeit. Und plötzlich fiel der Zaun. Fiel sanft wie in Zeitlupe. Und fünftausend Menschen drehten sich fast gleichzeitig in einer weichen Bewegung und nahmen die unerwartet entgrenzte Reichstagswiese in Besitz. Leicht schritten Sie voran und begannen an vielen Stellen im weichen Grund improvisierte Grabstätten zu errichten. Das angekündigte Mahnmal nahm eine neue Form an, die Statisten hatten sich in Akteure verwandelt, aber sie blieben im Script, indem sie das Mahnmal nun selber realisierten. Aus Unentschlossenen wurden Entschlossene.

Mehr als 5000 Menschen strömen auf den Platz der Republik, nachdem die Zäune gefallen waren

Hatte die letzte Aktion des ZPS noch mit dem kleinen Makel leben müssen, den Aktivist/innen auf ihrer Reise an die bulgarisch-türkische Grenze keine dezidierte Rolle zugewiesen zu haben, dachte das Drehbuch diesmal auch das Publikum mit. Viele Demoteilnehmer waren der viralen Aufforderung Blumen und Kreuze mitzubringen gefolgt, ein Kastenwagen mit der Adresse eines türkischen Bestattungsunternehmens komplettierte den Frame des ZPS, die Inszenierung als Leichenbegängnis entschleunigte Demonstrierende und Polizei gleichermaßen. Die Kraft der Behauptung hatte gesiegt.

Entscheidend war nicht, ob sich in dem Wagen tatsächlich ein toter Geflüchteter befand, allein die Möglichkeit, dass es so sein könnte, setzte den Ton. Alle wurden Teil des großen „als ob“, pures Verwandlungsschauspiel, zart ironisch gebrochen durch einen Miniaturbagger, der würdevoll an einer Leine hinter dem Leichenwagen hergezogen wurde. Und unfreiwillig komplettiert von den zahlreichen Medienvertretern, die ihre Rolle besonders aufopferungsvoll interpretierten. Die gewünschte Bildproduktion fand statt, jeder filmte jeden, schon während die Aktion lief, wurde sie viral. Die Demonstrationsteilnehmer erledigten die Dokumentation des Ereignisses gleich selbst und wurden so zu Co-Regisseuren der Erzählung im Netz.

Am Ende stand das eindrücklichste Bild von allen: über 100 symbolische Grabstätten auf der Reichstagswiese, auch genannt: „Platz der Republik“.

Magischer Moment der Selbstermächtigung

Möglich wurde der magische Moment der Selbstermächtigung durch die gezielten und durchdachten Mitspielangebote des ZPS bis hin vor die Tore des Kanzleramtes, den entscheidenden Impuls des Tages überließen die Macher dann aber klugerweise den Teilnehmenden selbst. Mit der Präzision eines Opernchores schritten die Fünftausend zur (symbolischen) Tat und schufen ein ephemeres Kunstwerk auf dem Rasen, verewigt in tausenden Bildern im Netz.

Der Zaun, den man in Bulgarien nicht durchschneiden konnte, er fiel in Berlin, die blumenübersäten Gräber konfrontierten nicht mehr das Kanzleramt sondern – viel stimmiger - den Bundestag als den Ort, an dem eine neue Flüchtlingspolitik erdacht und entschieden werden muss. Nicht mehr das ZPS, sondern die Teilnehmenden des Marsches der Entschlossenen selbst vollendeten die Mahnung an die Politik. Inzwischen tauchen immer neue symbolische Gräber in ganz Deutschland auf. Blumen, Kerzen und Kreuze mahnen politisches Handeln an. In Form eines Mems (zu sehen unter unknownrefugees.tumblr.com) hat sich die Aktion weit über Berlin hinaus verbreitet, sie ist politische Poesie geworden.

Symbolisches Grab vor österreichischem Parlament

Als künstlerische Improvisationsanordnung ging der „Marsch der Entschlossenen“ deshalb auf, weil das Zentrum erst starke Behauptungen und Inspirationen setzte, aber im entscheidenden Moment die Kontrolle über das Drehbuch an die Teilnehmenden abgab und auf die Magie der Improvisation vertraute. Demnächst ist die erste Theaterinszenierung des Zentrums für politische Schönheit am Schauspiel Dortmund zu sehen. Man darf gespannt sein.