Politisches Framing: Wie eine Nation sich ihr Denken einredet - und daraus Politik macht

Unser kollektives Sprechen - gerade in der politischen Sphäre - ist selten wertfrei und neutral. Begriffe wie "Flüchtlingsstrom", "Mindestlohn", "Klimawandel", "Steueroase" sind heimliche Herrscher über unser politisches Denken und Handeln, so die moderne Neuro- und Kognitionsforschung. Weil diese Worte in unseren Gehirnen sogenannte Frames (Deutungsrahmen) aktivieren, welche dann die aufgenommenen Informationen einordnen und bestimmen, welche Fakten wir als wichtig begreifen, welche sich uns besonders gut einprägen und welche wir gar nicht erst wahrnehmen. In ihrem Buch beschreibt die Linguistin und Politikberaterin Elisabeth Wehling, wie sich Sprache auf unser Denken und Handeln auswirkt - ein Auszug über den Begriff "Steuerlast":

Steuern sind eine Last oder gar existenziell bedrohlich, sie bestrafen den Bürger, er wird gemolken oder gejagt, und wenn er kein Schlupfloch findet, all dem im eigenen Land zu entkommen, so muss er fliehen, in eine Oase oder ins Asyl – so oder ähnlich denken wir über Steuern. Zumindest spiegelt das unser Sprachgebrauch wider. Der Frame von Steuern als bedrohliche Einschränkung der individuellen Freiheit wird durch eine ganze Heerschar von Metaphern erweckt. Einige muten zunächst vielleicht unverfänglich an oder so überzogen, dass sie nicht ernst gemeint sein können. Und doch spiegeln alle eine Denkweise über Steuern wider, die uns zumindest nachdenklich werden lassen sollte.

Erleichtert uns

„So steigt die Steuerlast der Deutschen“, titelt die Süddeutsche zum Jahresende 2013 (Bohsem in Süddeutsche, 6.12.2013) und in Die Welt liest man: „Steuerlast ist seit einem Jahrzehnt kaum gesunken“ (Greive in Die Welt, 12.7.2015). Die beiden Aussagen haben eines gemeinsam: Sie liefern dieselbe moralische Interpretation von Steuern – Steuern sind eine Last.

Der Frame von Steuern als Last fährt gleich mit einer ganzen Armada von Begriffen auf – ›Steuerlast‹, ›Steuerbelastung‹, ›Steuer-erleichterung‹, ›Steuerbürde‹. Und wenn es um die Angleichung von Steuern geht, so geht es fast immer auch darum, wen es aus der Sicht einer Partei oder Gruppe zu ›belasten‹ und wen hingegen es zu ›entlasten‹ gilt.

Die Metapher von der Steuerlast bricht unsere Wahrnehmung von Steuern auf eine konkrete, körperliche Erfahrung herunter. Nicht umsonst sprechen wir davon, dass Steuern von uns ›getragen‹ werden und Steuern auf unseren Schultern ›lasten‹. Steuern werden in diesem Bild zu einer physischen Last, etwas Erdrückendem, das uns daran hindert, uns frei zu bewegen. Geringe Steuern zu zahlen wird in diesem Frame folgerichtig als positiv bewertet. Und jene, die den Bürger von seinen ›Steuerbürden‹ befreien wollen – durch ›Steuererleichterung‹ und ›Steuerbefreiung‹ –, tun ihm per se Gutes.

Der Frame von Steuern als Last blendet dabei völlig aus, dass es unsere Steuerbeiträge sind, mit deren Hilfe wir es uns selbst überhaupt erst ermöglichen, relativ frei und unbelastet in diesem Land zu leben. Der britische Chemiker James Dewar hat diesen Umstand in der Vergangenheit einmal so auf den Punkt gebracht: „Es gibt nur etwas, was mehr schmerzt, als Einkommensteuer zu zahlen – keine Einkommensteuer zu zahlen“ (Fink 2007).

Entnommen aus:
Elisabeth Wehling: Politisches Framing. Wie eine Nation sich ihr Denken einredet – und daraus Politik macht (edition medienpraxis, 14). Köln [Herbert von Halem] 2016, S. 84 - 85. Am 2. März war Elisabeth Wehling zu Gast in der Heinrich-Böll-Stiftung - hier ihr Vortrag und die Diskussion zum Nachschauen: