Der ländliche Raum: Generationengerechtigkeit als Versorgungsgerechtigkeit?

Der ländliche Raum
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Der ländliche Raum

Ländliche Räume befinden sich in einer Abwärtsspirale  – wie können wir eine generationengerechte Versorgung auf dem Land gewährleisten?

Immer mehr Menschen suchen ihr Glück in den Städten und in Ballungsgebieten. Gerade die jüngeren Generationen verlassen ländliche Regionen. Zwar können manche Dörfer, die landschaftlich schön liegen und eine attraktive Bausubstanz haben, hier einen gewissen Kontrapunkt setzen und junge Menschen anziehen. Gleichwohl befinden sich einige entlegene Räume in einer Abwärtsspirale: Sie sind schlecht erreichbar, verfügen über wenig Arbeitsplätze und haben eine deutlich alternde Bevölkerung. Dieser Trend wird weiter anhalten. Ändern ließe sich dies vermutlich nur durch eine grundlegende Veränderung unserer Lebensvorstellung. Da dies derzeit nicht zu erwarten ist, müssen wir uns Gedanken machen, wie wir eine generationengerechte Versorgung auf dem Land gewährleisten können

Video: Podiumsdiskussion: "Die Zukunft der Dörfer"

Strukturschwache Regionen kämpfen mit dem Problem, dass viele Bereiche der Infrastruktur nicht mehr entsprechend bedient werden können. Supermärkte schließen, die Einkaufsmöglichkeit im nächstgelegenen Dorf kann man nicht erreichen, weil keine Busse mehr fahren. Junge Ärztinnen und Ärzte gehen immer seltener in die entlegenen Regionen und eine zentralisierte Wasserwirtschaft könnte auf dem Spiel stehen. Natürlich wäre es denkbar, dass bei einer solch schlechten Versorgungslage auch die Älteren eines Tages in die Ballungsgebiete ziehen. Doch dies gestaltet sich finanziell schwierig, denn mit der Abwanderung verfallen auch die Preise für Grund und Boden. Und wer glaubt, dass die große Zahl an Geflüchteten, die seit einigen Jahren nach Deutschland kommen, hier eine Trendwende herbeiführen, der täuscht sich. Sie sind dann eine Chance, wenn es den Gemeinden gelingt, sie ebenso wie ihre restliche Bevölkerung an sich zu binden.

„Eine Gemeinde hat dann eine Chance, wenn sie eine zukunftsoffene Vision entwickeln kann.“ (Claudia Neu)

Um eine generationengerechte Versorgung auf dem Land zu sichern, wird es nicht ausreichen, über Mindeststandards zu sprechen. Kreativität ist gefragt: Es finden sich schon verschiedene Beispiele wie etwa die Bürgerbusbewegung, bei der ehrenamtliche Fahrerinnen und Fahrer bis zu acht Menschen außerhalb der üblichen Linien an ihr Ziel bringen. In Nordrhein-Westfalen startete der erste Bürgerbus 1985 und der Verein wird vom Land bei der Anschaffung neuer Busse unterstützt. Im Bildungsbereich lassen sich mit cleveren Ansätzen neue Lösungen finden, um die Dorfschule eben nicht schließen zu müssen. Ein Beispiel sind Filialschulen, bei denen sich mehrere Schulen zusammenschließen, einen Hauptstandort wählen, an dem die Schulleitung sitzt und mehrere Filialen belässt. Dadurch können Schulen mit weniger Kindern erhalten bleiben, als seitens des Schulamts notwendig ist. Jahrgangsübergreifendes Lernen und zeitversetzter Unterricht sind weitere Varianten, um mit geringen Kinderzahlen ein wohnortnahes Lernen zu ermöglichen.

Bevölkerungsprognose für Stadt und Land, 2009 bis 2030

Politische Stellschrauben für eine Zukunft

Zwei Voraussetzungen sind entscheidend, um neue und zukunftsfähige Strukturen bei einem Bevölkerungsrückgang zu schaffen: der politische Wille zu grundlegenden Veränderungen und eine wirtschaftliche und juristische Infrastruktur, mit der Freiwillige und Unternehmen einen Richtungswechsel anschieben können. So können neue Projekte als Gemeinschaftsaufgabe entwickelt werden. Das heißt, dass die Politik von Maßnahmen Abschied nehmen muss, die hier und dort nur geringe Auswirkungen haben. Politische Stellschrauben, die zur Zeit vor allem in eine zentrale Richtung gedreht werden, sind in eine dezentrale Richtung zu wenden. Die Gemeinden haben die große Aufgabe, eine Vision zu entwickeln, wie die Diskutantinnen und Diskutanten in der Podiumsdiskussion „Die Zukunft der Dörfer“ gemeinsam feststellen. Werden die Weichen heute nicht gestellt, wird das ungelöste Problem eine Kostenfalle für künftige Generationen.

Zu Kapitel 4: Der digitale Raum