Die Ohnmacht fährt mit

Die Ohnmacht fährt mit

Die Sea-Watch 2 verlässt Malta in Richtung libyscher Küste (Screenshot aus dem Video s.u.)Die Sea-Watch 2 verlässt Malta in Richtung libyscher Küste (Screenshot aus dem Video s.u.). Urheber/in: Sea-Watch. All rights reserved.

Seit dem 19. April ist die Sea-Watch wieder im Mittelmeer unterwegs, um Menschen in Seenot zu retten. Die Ausrüstung des Schiffes ist besser als im Jahr zuvor - doch den fehlenden Willen der politisch Verantwortlichen kann sie nicht ausgleichen.

Es ist jetzt über ein Jahr her, dass ich das erste Mal von der Sea-Watch gehört habe. Es war zufällig, durch ein Radiointerview mit Harald Höppner. Die Idee war so einfach wie genial: Statt immer nur über die schrecklichen Ereignisse auf dem Mittelmeer zu sprechen und sich über die Politik der deutschen Regierung und ganz Europas aufzuregen, wollte die Sea-Watch konkrete Seenotrettung machen.

Heute sitze ich zum zweiten Mal auf der Sea-Watch. Auf unserem Schiff, das die wichtige Aufgabe der zivilen Seenotrettung in Ermangelung politischen Willens der eigentlich Verantwortlichen mit übernommen hat. Die Anerkennung unserer Arbeit in der Gesellschaft hat sich auch durch das recht gute Spendenaufkommen gezeigt. Unser jetziges Schiff wurde komplett durch Crowdfunding finanziert. Großartig. Und doch bleibt der Nachgeschmack, dass es immer nur eine Notlösung ist, hier unterwegs zu sein - ein Tropfen auf den heißen Stein.

Zum Jahrestag der schrecklichen Tragödien vor Lampedusa im April 2015 mit 700 Toten sind dieses Jahr wieder vierhundert Menschen im Mittelmeer ertrunken. Noch immer gibt es keine annährend sinnvolle politische Strategie, um ungefährliche und rechtlich gesicherte Zugangswege nach Europa zu schaffen. Die massive Zunahme der Flucht über das zentrale Mittelmeer im Vergleich zum Vorjahr zeigt, dass die Bedingungen in den jeweiligen Ländern Menschen auch weiterhin dazu zwingen, diese schrecklichen Wege ins Ungewisse in Kauf zu nehmen. Die Idee, durch Abschreckung und immer höhere Barrieren etwas daran zu ändern, ist absurd und verkennt bewusst die Fluchtursachen.

Die ersten Notrufe

Die Sea-Watch 2 ist am 19. April von Malta aus in Richtung der libyschen Küste ausgelaufen, um dort Such- und Rettungseinsätze durchzuführen. Das Wetter war anfangs schlecht, die Windstärke fünf mit zwei Meter hohen Wellen machte große Fluchtbewegungen per Boot unwahrscheinlich.

Am 25. April wurden wir dann zu mehreren Noteinsätzen gerufen. Als der Wind schwächer wurde, haben sich wieder vermehrt Flüchtende auf den Wasserweg gemacht. Die meisten der Notrufe konnten Boote in der direkten Umgebung abdecken. Dennoch kommt es vor, dass wir stundenlang zu einem Notruf fahren, weil in vielen Meilen Umkreis keine Schiffe sind. Denn jedes Schiff ist verpflichtet, im Notfall umgehende Hilfe zu leisten.

Gestern bekamen wir um 11.30 Uhr einen Notruf mit der Nummer 321 durch die zentrale Leitstelle in Rom. Wir sollten einem Boot mit noch laufendem Motor zur Hilfe kommen. Schon 60 Minuten später wurden wir durch den Notruf 326 umgeleitet, in dem von einem sinkenden Boot mit 100 bis 120 Personen die Rede war. Auch befänden sich schon Menschen im Wasser.

Sea-Watch 2 startet Einsatz im zentralen Mittelmeer

Nach kurzer Vorbereitung der Crew und der nötigen Rettungsmittel inklusive medizinischem Material, verließ das Schnellboot mit zwei anhängenden einfachen Rettungsbooten, 120 Rettungswesten und vier Leuten Besatzung um 13.00 Uhr die Sea-Watch, um die noch verbleibenden 25 Meilen bis zum Zielort so schnell wie möglich zu überbrücken. Bei etwa drei Windstärken und bis zu einem Meter hohen Wellen konnten wir mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 20 Meilen in der Stunde fahren. Es war eine harte Tour, die nur dank des Talents und der jahrzehntelangen Erfahrung von Willem, unserem Kapitän, möglich war.

Auf dem Weg zum vermuteten Einsatzort hat die Leitstelle noch zwei Mal die Zielkoordinaten geändert. Am Ende stellte sich gegen 13.55 Uhr heraus, dass die Besatzung des Schiffes in Seenot schon durch die italienische Küstenwache gerettet worden war. Wir sollten jetzt noch nach Überlebenden suchen, die über Bord gegangen seien. Auch hierzu gab es widersprüchliche Informationen. An der Suche beteiligten sich später auch das Mutterschiff und ein Frachter - allerdings erfolglos. Um 16.30 Uhr kehrten wir auf die Sea-Watch zurück.

Der gestrige Tag ist ein Beispiel für die Situation auf dem Meer. Sobald es das Wetter zulässt, aber häufig auch schon viel früher, fahren die völlig überfüllten, seeuntüchtigen Boote von der Küste Libyens Richtung Europa. Es fehlt an guter Aufklärung, und es kommen immer wieder Menschen um, weil Informationen nicht überprüfbar sind, und viele Manöver sehr viel Zeit brauchen.

Vor türkischen Gewässern

Wir haben zwar ein besseres Schiff als im Vorjahr und eine gute Ausrüstung. Aber was ist das im Vergleich zu dem, was hier eigentlich nötig wäre? Auch in diesem Jahr bleibt für mich ein Gefühl der Ohnmacht gegenüber der Ignoranz aller politisch Verantwortlichen, die weiterhin auf Abschreckung durch Tote auf den Fluchtwegen setzen – im Mittelmeer und an den EU-Außengrenzen.

Ein weiteres sehr schreckliches, aber bezeichnendes Beispiel dafür kommt aus der Region des östlichen Mittelmeeres, in der die Sea-Watch ebenfalls mit Schnellbooten versucht, Menschen in Lebensgefahr bei der Überquerung der Seegrenzen zu retten. Am 19. März kam es abends zu Notmeldungen über verschiedene Kanäle. Die berichteten übereinstimmend, dass bei einer klar definierten Position innerhalb der türkischen Gewässer ein Boot in Seenot sei. Zwei Menschen seien schon über Bord gegangen. Es war also eine extreme Notlage, die sofortiges Handeln erforderte.

Unser Boot lief daraufhin von Tsonia auf Lesbos sofort aus, bis zur Seegrenze zur Türkei, in der sich das Boot befand. In der zwischenzeitlichen Kommunikation lehnten die entsprechenden türkischen Behörden unseres dringenden Ersuchen, für Nothilfe in türkische Gewässer einzufahren, mehrfach ab - obwohl wir uns sehr nahe an der vermutlichen Unglücksstelle befanden. Angeblich handele es sich nicht um eine akute Notlage, und sie selbst seien dabei, zur Hilfe zu kommen.

Es dauerte über eine Stunde, bis die türkische Küstenwache am Unglücksort eintraf. Zwei Menschen verloren ihr Leben. Ein Erwachsener und ein acht Jahre alter Junge.

Es gibt zahlreiche Berichte über extrem schlechte Behandlung Flüchtender durch die türkische Küstenwache und andere nicht klar definierbare Gruppen. Trotzdem setzt die EU mit dem ausgehandelten Deal genau auf diese Abschreckung und überlässt diese „dreckige Arbeit“ anderen.

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