Wie Donald Trump eine App als Geheimwaffe nutzt

Wie Donald Trump eine App als Geheimwaffe nutzt

Bei Digitalisierung denken viele Europäer an die NSA-Überwachung und Übergriffe von Staaten oder Unternehmen auf die individuelle Freiheit und Privatsphäre. Aber können digitale Tools, wie die neue App Nationbuilder, die Politik auch demokratisieren? HBS Transatlantic Media Fellow Lena Schnabl geht der Frage auf den Grund

Die Suche nach der digitalen Macht beginnt, wie könnte es anders sein, mit Donald Trump. Er habe eine Geheimwaffe, heißt es in den amerikanischen Medien. Glaubt man den Berichten, so ist die Geheimwaffe des Mannes mit den wilden Haaren, der Amerika wieder „groß“ machen möchte, nicht sein polternder Charakter. Sondern eine mobile App namens Nationbuilder. Diese Software soll Trump, dem aussichtsreichsten republikanischen Bewerber im Präsidentschafts-Vorwahlkampf, geholfen haben, die Massen zu erreichen und zu motivieren.

Unser Leben ist digital geworden: Wir sehen auf Facebook, wenn eine Grundschulfreundin auf Honduras heiratet, bewerten auf Instagram Fotos von Restaurants, teilen auf Twitter die neuesten Nachrichten. Doch was ist mit der Politik?

Die parlamentarische Debattenkultur scheint sich für Politiker kaum verändert zu haben, während Wähler und Nichtwähler auf Facebook und Twitter wild diskutieren. Politiker werben auf Plakaten oder schicken – wie in Amerika üblich – ihre Unterstützer mit Broschüren in der Hand von Haustür zu Haustür. Daneben gibt es Telefonumfragen oder Podiumsdiskussionen im Fernsehen. Und nun heißt es, eine App entscheide die US-Vorwahlen. Wirklich? Eine Reise nach Los Angeles zu Machern und Nutzern soll helfen, der Sache auf den Grund zu gehen.

Die Vita des Gründers
Denn in Los Angeles befindet sich die Zentrale von Nationbuilder, der angeblichen Geheimwaffe Trumps. Downtown Los Angeles, wo in den Sechzigerjahren Häuser abgerissen und Straßen planiert wurden, wo heute Wolkenkratzer in den Himmel wachsen, galt lange als verwahrlost. Nun werden alte Bürogebäude zu teuren Lofts gentrifiziert. Dort, in einem der Backsteinhäuser an der Grand Avenue, sitzt Will Conway im zweiten Stock in einem Besprechungszimmer vor unverputzten Wänden. Conway, dynamisch, blond und jung, ist Leiter der Ableitung Politics & Advocacy bei Nationbuilder und sagt: „Ich möchte, dass jeder sich ermächtigt fühlt, die Welt zu verändern.“

Das Ziel des Gründers von Nationbuilder, Jim Gilliam, war eine Demokratisierung der Politik. Er glaubte früh an die Macht des Internets. Als Jugendlicher litt er an Krebs, und über das Internet konnte er Menschen motivieren, ihm zu helfen. Er sagt, er habe es dem Netz zu verdanken, dass heute das Blut eines anderen durch ihn fließe, dass er mit den Lungen eines anderen atme: Das Internet habe sein Leben gerettet. Diese Macht wollte Jim Gilliam ins Politische übertragen. Zunächst entwickelte er die Internet-Software für Wahlkämpfe. Dann wollte er für alle da sein und schuf 2011 Nationbuilder.

Nationbuilder, das ist zunächst eine Software. Wer 30 Dollar pro Monat aufbringt, kann mit Hilfe des Programms einen Zehn-Schritte-Prozess durchlaufen und zum Anführer einer Gruppe, einer Organisation, einer Bewegung werden. „Jeder kann mitmachen. Egal, ob man einen Eisladen betreibt oder die britische Arbeiter-Partei leitet“, erklärt Will Conway in der Grand Avenue. Es gehe darum, möglichst effizient ein Netzwerk aufzubauen.

Das Problem, das die App-Erfinder lösen wollten, lag darin, dass die persönlichen Kontakte eines jeden Menschen begrenzt sind. „150 tiefe, bedeutsame und echte Beziehungen: Keiner hat mehr als diese Anzahl“, sagt Conway. Wer also als Politiker – zum Beispiel im Präsidentschaftswahlkampf – möglichst viele Leute erreichen möchte, in Kalifornien etwa Millionen registrierter Wähler, muss darüber hinausgehen. Bisher lief das laut Conway so ab: Die Kandidaten wandten sich an schwerreiche, mächtige Menschen und nutzten deren Einfluss. Ihre eigenen Ideale und Ideen mussten sie dann aber unter Umständen denen der Einflussreichen anpassen. „Unsere Technologie“, behauptet Will Conway, „kann das ändern: Mit uns kann jeder ein Unterstützernetzwerk und eine Bewegung aufbauen.“ Allein 2015 wurden demnach über die Plattform 264 Millionen Dollar für Kampagnen generiert, über eine Million Freiwillige angeworben, 129 000 Veranstaltungen organisiert.

So weit die Zahlen. Aber wie funktioniert das konkret? Zunächst legt der Nutzer seine Ziele fest, erstellt eine Website, entscheidet sich für die passende Farbe und Schrift. Er setzt eine E-Mail-Adresse auf und speist seine bestehenden Kontakte in die Software ein. Zudem können Politiker Datensätze importieren und auswerten, die Nationbuilder über verschiedene Ministerien gesammelt hat. Normalerweise kosten solche Datensätze mit den Adressen von möglichen Wählern Zehntausende von US-Dollar. Manchmal zahle das die Partei für einen Kandidaten, so Conway; wer aber als Parteiloser antreten wolle, müsse sehr viel Geld in diese Daten investieren. „Das war bislang ein Hindernis für Kandidaten außerhalb des Establishments“, sagt Conway.

Sind die Kontaktdaten eingepflegt, können Kunden außerdem filtern, welche Unterstützer sich in der Gegend befinden, welche eher Geld spenden und welche eher Wahlhelfer sein wollen. Und können sie dann gezielt anschreiben. „Der erste Schritt ist zum Beispiel, einem Typ namens John eine E-Mail zu schreiben mit seinem tatsächlichen Namen in der Anrede“, sagt Conway. Der zweite Schritt sei, an Johns Tür zu klopfen und zu sagen: „Hey John, du hast gesagt, Bildung ist ein wichtiges Thema für dich. Hier sind meine Ideen, wie wir die Bildung in diesem Land verbessern können.“ Wenn John angab, er wolle kein Geld spenden, dann bitte man ihn darum auch nicht. „Stattdessen fragt man ihn, ob er am kommenden Sonnabend Broschüren verteilen könnte.“ Alles vernetzt mit Facebook oder Twitter.

Wie gut das funktionieren kann, erklärt Dexter O’Connell, ein Wahlkampfleiter in Charleston, der die App bereits erfolgreich angewendet hat – und zwar bei einer Bürgermeisterwahl . „Tecklenburg for Mayor“ lautete das Motto, nach dem Namen des Kandidaten. Anfangs lag der parteiunabhängige John Tecklenburg um sieben Prozentpunkte zurück, schließlich gewann er mit 18 Prozentpunkten Vorsprung vor seinen Rivalen. „Wir waren die einzigen, die die Technik wirklich nutzten“, sagt O’Connell. Sein Urteil: „Die Qualität der verfügbaren Daten ist so individualisiert, dass sie die Politik verändert.“

Die Technologie half O’Connells Team, mögliche Wähler auszumachen, die sie sonst gar nicht gefunden hätten: Republikaner liberaler Einstellung etwa, die früher schon einmal für die Demokraten gestimmt hatten. O’Connell sandte die Wahlhelfer mit ihren Smartphones aus, um Tecklenburgs Reden zu verteilen. Je nach Parteizugehörigkeit bekamen die Bürger dann verschiedene Ansprachen mit unterschiedlichen Schwerpunkten.

„Ich kann von keinem Helfer verlangen, dass er sich ein Smartphone kauft, um bei unserem Wahlkampf mitzumachen“, sagt er. Es habe auch Wahlhelfergruppen gegeben, die ohne individualisierte Daten, ohne neue Technologie loszogen und wie eh und je an die Türen der Bürger klopften – ohne Vorwissen, ob sie auf Sympathisanten trafen oder nicht. Der Unterschied sei frappierend gewesen. „Wir hatten viel weniger Unterstützung in diesen Gebieten als in den Gebieten der App-Nutzer“, sagt O’Connell.

„Nationbuilder ist eine unglaublich nützliche und mächtige Plattform“, sagt auch Patrick Hines, ein ehemaliger Angestellter der Firma. Er hat sich inzwischen selbstständig gemacht und hilft Republikanern, Unterstützer zu finden. Eigentlich gehe es um dasselbe wie vor der Digitalisierung, sagt er. „Ich überrede Menschen, aktiv zu werden und zu wählen.“ Mit dem Internet könne man allerdings viel mehr Leute erreichen. Die verfügbaren Daten machten eine individualisierte Ansprache möglich. „Wir wissen von vornherein sehr genau, welche Informationen erfolgreich sein werden.“

Die US-Wahlkampfarbeit ist an einem Wendepunkt angelangt, sagten die digitalen Experten. Während eine Facebook-Seite früher nur eine Erweiterung der eigentlichen Kampagne war, findet der Diskurs zunehmend online statt. Die Politiker begreifen, wie wichtig das Internet für ihren Erfolg ist.

Auch Donald Trump? Patrick Hines erzählt folgende Geschichte: Er hat selbst eine E-Mail von Trump bekommen, in der er gefragt wurde, ob er in South Carolina an Türen klopfen könne. Hines lebt aber in Maryland – sieben Autostunden entfernt von South Carolina. „Sie hätten fähig sein sollen, das zu filtern“, sagt er. „Sie nutzen die Plattform. Aber nicht sonderlich gut.“ Genau das gehört seiner Meinung nach zum Trump-Kurs: „Er ist nicht professionell, er ist laut.“ Womöglich wisse er gar nicht, was er mit der App alles anstellen könne.
Aber noch immer kommt es mehrmals pro Woche vor, dass Anhänger von Donald Trump oder von dem demokratischen Vorwahlen-Kandidaten Bernie Sanders einen Account bei Nationbuilder anlegen, um Leute in ihrer direkten Gemeinschaft anzusprechen. „Und das hat nicht mal mit dem offiziellen Wahlkampf zu tun“, sagt Will Conway in Los Angeles.

Das Nutzen von Gefühlen
Auch wenn Trump bisweilen nicht die richtigen E-Mails verschickt, dominiert er die digitale Debatte wie kein anderer. Seine Kommentare verbreiten sich wie Lauffeuer im Internet. Und er ist nicht der Einzige, der von den neuen Medien profitiert. „Dass Bernie Sanders, ein alter Sozialist aus Vermont, als wirklicher Konkurrent von Hillary Clinton angesehen wird, hat er seiner Beliebtheit im Internet zu verdanken“, glaubt Dexter O’Connell in Charleston.

Natürlich geht es nicht nur um Plattformen, sondern auch um Inhalte. Wie Sanders profitiert Trump von einer generellen Unzufriedenheit der Bürger mit dem Establishment. Beide nutzen Emotionen, beide beweisen, dass die Wahl um den höchsten Posten in den USA nicht mehr beschränkt sein muss auf die alte politische Klasse.

Vielleicht demokratisiert das Internet wirklich nicht nur die Musikindustrie, sondern auch die Politik, ganz so, wie Nationbuilder-Gründer Gilliam es erhofft. Aber selbst die Profis machen sich Sorgen. Dexter O’Connell etwa gibt zu: „Ob das alles gut ist, weiß ich nicht.“ Ohne diese Technik würde er allerdings nicht mehr in Wahlkämpfe gehen; der Erfolg spreche für sich. Auch Will Conway von Nationbuilder sagt, er habe Angst. Davor, dass er in zehn Jahren zurückblicke und feststelle, dass die etablierte Klasse nur eine bessere Art gefunden habe, Menschen zu überreden. Auch mit Hilfe der App.

Autor, Lena Schnabl (https://us.boell.org/person/lena-schnabl)

Den vollständigen Artikel können Sie in der Berliner Zeitung vom 8. Mai lesen.

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Der Beitrag drückt die Meinungen der Autorin aus, die nicht notwendigerweise mit den Ansichten der Heinrich-Böll-Stiftung übereinstimmen.

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