„Menschen wandern in die Städte ab - oder steigen in ein Boot in Richtung Europa“

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Fischer gehörten lange Zeit zu den reichsten Menschen im Senegal

Annamaria Bokor ist Senegalexpertin der Caritas Auslandshilfe in Österreich. Im Interview spricht sie, anlässlich der Entwicklungspolitischen Diskussionstage vom 11. - 13. Mai 2016, über die wirtschaftliche und soziale Situation im Senegal und die Folgen des Freihandels für die Menschen im Land.


Heinrich-Böll-Stiftung: Senegal ist seit 1960 unabhängig. Wie hat sich das Land seither entwickelt?


Annamaria Bokor: Eigentlich ist die Unabhängigkeit keine wirkliche Unabhängigkeit. Die unausgeglichenen Handelsbeziehungen in Afrika zum Vorteil von ehemaligen Kolonialstaaten sind groß. Ausländische Firmen kaufen billig Rohstoffe, gleichzeitig wird subventionierte Ware importiert - mit fatalen Konsequenzen vor allem im Lebensmittelsektor.


Welche Importprodukte beeinflussen den Markt am stärksten?


Annamaria Bokor
Senegal hat wenige Rohstoffe, eine schwache Industrieproduktion und ist in der Energieversorgung zu 90 Prozent von importiertem Erdöl abhängig. Fertigprodukte, Maschinen, Billigware aus Asien (Kleidung, Gebrauchsgegenstände von schlechter Qualität, usw.) oder subventionierte Nahrungsmittel wie Hühnerfleisch oder Obst werden importiert und beeinflussen den lokalen Markt negativ.


Der Preis für lokal produzierte Lebensmittel ohne Subvention ist höher und die Bauern können nicht mithalten. Ein Beispiel ist der Weizen. Früher aßen Senegalesen zum Frühstück Hirsebrei oder das, was vom Vortag übriggeblieben ist. Mittlerweile ist aber auch das französische Baguette weitverbreitet, vor allem in den Städten. Es bedeutet Wohlstand, man isst wie die Weißen. Und weil in Senegal kein Weizen wächst, kommt es aus Frankreich.


Das heißt, die Marktöffnung der afrikanischen Staaten ist generell ein Problem?


Das ist zu kurz gegriffen. Man muss zwischen den verschiedenen Importprodukten unterscheiden. Sind es Geräte für die Landwirtschaft oder Geräte zum Produzieren von Gütern, dann ist das positiv. Und jede Maßnahme die Arbeitsplätze schaffen kann ist gut. Was sicherlich negativ ist, ist wenn Fertigprodukte oder andere Produkte, welche in Senegal keine Arbeitsplätze schaffen, importiert werden - vor allem wenn es sich dabei um subventionierte Lebensmittel handelt.


Welche Investitionen wären etwa zum Vorteil für Senegal?


Senegal bräuchte dringend Fabriken, die Verpackungsmaterialien herstellt. Es gibt so viel Obst das unter den Bäumen verrottet, weil es keine Fabrik gibt, die Getränkekartons oder Einmachgläser herstellt. Gäbe es solche, könnte man Säfte machen oder Marmeladen. Dasselbe gilt für die Käseverarbeitung. Es gibt viele Tiere, viele Rinder, aber keine Möglichkeit Käse zu produzieren. Wo man noch sinnvoll investieren sollte, ist die Müllverarbeitung oder Energiegewinnung durch Müll-Recycling. Der Müll ist nämlich ein riesiges Problem! Im Solarenergiesektor könnte man ebenfalls Arbeitsplätze schaffen. Die meisten Solarmodule kommen jedoch aus China und halten nicht lange.


Welchen Einfluss üben Länder außerhalb der EU auf den senegalesischen Markt aus?


Arbeitsplätze werden auch vernichtet indem China und andere asiatische Länder ihre Produkte in Senegal absetzen. Das vernichtet die lokale Produktion, zum Beispiel in der Textilindustrie. Viele Menschen haben früher von der Weberei und Färberei gelebt, vom Anbau von Baumwolle. Die Webkultur ist groß in Senegal, handgefertigte Stoffe gehören zum Land dazu. Wenn man diese Stoffe in China druckt, schauen sie gleich aus, sind jedoch von minderer Qualität.


Zunehmend beherrschen synthetische Stoffe den Markt, welche für das heiße Klima nicht geeignet sind, jedoch nur einen Bruchteil von den anderen Stoffen kosten. Dadurch verlieren viele Handwerkerinnen ihre Arbeit und die Menschen verarmen. Hierbei entsteht dann ein Kreislauf: Die, die von ihrem Handwerk leben konnten, leben nun viel schlechter und sind gezwungen immer billiger einzukaufen.


Wird die Landwirtschaft auch noch von anderen Faktoren beeinflusst?


Es besteht eine Gefahr in der sogenannten „Grünen Allianz“. Die Landwirtschaft wird durch Konzerne massiv beeinflusst, es werden die Tore geöffnet für genmanipuliertes Saatgut, Chemikalien, Kunstdünger, Pestizide. Bauern, die jetzt ihr Saatgut auf dem lokalen Markt verkaufen können, werden immer mehr zurückgedrängt. Außerdem ernten die Menschen durch die Verkürzung der Regenzeit (in 20 Jahren hat diese sich um vier bis fünf Wochen verkürzt) weniger.


Wenn es schließlich regnet, dann so stark, dass die jungen Triebe zerstört werden. Mit diesem Rückgang ist nicht nur der Getreideanbau in großer Gefahr, auch die Tiere finden zu wenig Futter. Die Tiere sind aber wichtig für die Menschen, da sie verkauft werden können, wenn jemand krank wird oder die Kinder zur Schule gehen sollen. Sehr viele Menschen vom Land wandern infolge dessen in die Städte ab, sie leben am Stadtrand und versuchen sich dort über Wasser zu halten, oder steigen in ein Boot in Richtung Europa.


Welche Entwicklungen gibt es in der Fischerei?


Früher haben viele Senegalesen von der Fischerei gelebt. Durch illegale Fischerei seitens asiatischer Länder, aber auch durch die subventionierte Fischerei der EU, die mit riesigen und kleinmaschigen Netzen fischen, ist der Fischbestand zurückgegangen. Der Fluch der Schlepper-Boote in der Flüchtlingsthematik hat auch hiermit zu tun. Die Fischer gehörten zu den reichsten Menschen im Senegal, um den starken Verlust in der Fischerei auszugleichen, haben einige begonnen, mit ihren Booten Menschen zu transportieren.


Wie viele Menschen gelangen auf diesem Weg nach Europa?


Früher kamen Leute auch aus anderen Ländern nach Senegal, um von dort aus in die Boote zu steigen. Durch EU-Maßnahmen ist diese Route inzwischen nicht mehr praktikabel. Die meisten Menschen aus Westafrika fahren jetzt durch die Wüste zur Küste von Libyen, Tunesien und anderen Ländern.


Was erhoffen sich Senegalesen die nach Europa kommen?


Einige Senegalesen haben es im Ausland geschafft und nach ihrer Rückkehr ein schönes Haus gebaut. Solche Beispiele fördern den Wunsch, es ihnen gleich zu tun. Aber auch weniger reiche Senegalesen schicken aus dem Ausland Geld an ihre Familien. Dies hat zur Folge, dass sich ganze Familien verschulden, um einer Person die Flucht zu ermöglichen.


Der Druck ist dadurch enorm groß. Alle, die die Flucht mitfinanziert haben, erwarten finanzielle Unterstützung. In der Realität lebt die Mehrheit der Migranten aus Afrika in Europa am Rande der Existenz. Es ist ihnen nicht nur nicht möglich, Geld an ihre Familien zu schicken, sondern sie können sich kaum selbst über Wasser halten oder ein Tickt für den Rückflug kaufen.


 


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