"Die bestehenden Verkehrsformen müssen elektrischer werden"

E-Lkw
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Zustelldienste, Lieferdienste, Kurierdienste - der Wirtschaftsverkehr wächst ständig. Wolfgang Aichinger ist Berater für nachhaltige Mobilität. Veronika Felder sprach mit ihm über E-Fahrzeuge im städtischen Wirtschaftsverkehr.

Veronika Felder: Was sind die aktuell größten Probleme der Nachhaltigkeit im Wirtschaftsverkehr?

Wolfgang Aichinger, Experte für E-Mobilität
Wolfgang Aichinger: Das größte Problem ist für mich die Tatsache, dass man nicht viel über den Wirtschaftsverkehr weiß und man ihn dementsprechend oft unterschätzt. Manchmal möchte man vielleicht auch gar nicht hinsehen, weil einem dann gleich vorgeworfen wird, man würde die Wirtschaft stören wollen.

Fakt ist jedoch, dass der Wirtschaftsverkehr ständig wächst. Nicht nur weil mehr Güter transportiert werden, sondern einfach auch weil die zurückgelegten Kilometer, etwa wegen längerer Strecken oder mehr Einzelfahrten, zunehmen. Die Prognosen gehen davon aus, dass es bis 2030 einen Zuwachs von 39 Prozent geben wird. Die Emissionen (CO2, NOX) pro Kilometer wurden in den letzten Jahren zwar reduziert, d. h. die Fahrzeuge sind effizienter geworden, die steigende Anzahl an zurückgelegten Kilometern bringt in Summe jedoch riesige Emissionszuwächse.

Obwohl sich dieser Zuwachs vor allem auf den Schwerlastverkehr auf Langstrecken bezieht, gibt es auch in den Städten Zuwachs. Allein die Zustelldienste, Lieferdienste und Kurierdienste wachsen unglaublich schnell, auch wegen des verstärkten Onlinehandels und der Essenszustellung. Kurierdienste haben 2014 in Deutschland 2,8 Mrd. Sendungen transportiert – im Jahr 2000 waren es nur 1,7 Mrd. Das merkt man natürlich auch auf den Straßen: Staus, Parkplatzprobleme, mehr Abgase und mehr Lärm sind die Folgen.

Nicht alle Fahrten sind gleich sinnvoll. So geht zum Beispiel ein großer Teil der Online-Bestellungen wieder zurück – bei Schuhen und Kleidung etwa ein Drittel. Problematisch ist, dass mehrere Zustelldienste die ganze Stadt bedienen und teilweise mit nur halbvollen Lieferwägen losfahren. Fahrten könnten eingespart werden, wenn etwa nur eine Firma einen Stadtbezirk versorgen würde.

Wie sehen Lösungsansätze für einen zukünftigen nachhaltigen Wirtschaftsverkehr aus?

Der Wirtschaftsverkehr muss reduziert werden, etwa durch Regionalität. Die verbleibenden Fahrten sollten mittels technischer Innovationen immer nachhaltiger werden, Stichwort Elektromobilität. Von der Straßenbahn, die schon elektrisch ist, bis hin zum Fahrrad, welches immer elektrischer wird, müssen bereits bestehende Verkehrsformen untersucht werden um Alternativen für den Güterverkehr zu finden. Hierbei spannt sich der Bogen von elektrischen Vans und LKWs bis hin zu Lastenfahrrädern oder auch elektrischen Booten.

Auf welchem Stand ist Berlin bei der Elektromobilität?

In Berlin gibt es immer wieder Pilotprojekte, die hauptsächlich durch die Bundesförderung entstehen, aber meistens sehr punktuell sind und Marketingzwecken dienen. Außerdem gibt es viele Start-ups, wie etwa im Bereich der Lastenfahrräder. Hierbei handelt es sich meist um Geschäftsmodelle, die Marktanteile von den großen Zustelldiensten übernehmen wollen.

Gibt es aktuell schon E-Fahrzeuge im Einsatz?

Das Ausmaß der zurzeit genutzten E-Fahrzeuge in Berlin ist schwer zu erfassen, da es wenige Daten zum Wirtschaftsverkehr gibt. Deutschlandweit sind nur 0,2 Prozent der leichten Nutzfahrzeuge elektrisch. Generell lässt sich also sagen, dass der Sektor im Moment noch marginal ist. Die Eisenbahn wird natürlich genutzt, zum Beispiel am Westhafen, an dem sich Straße, Schiene und Schiffsverkehr treffen. Lastenfahrräder gibt es auch immer mehr, der allergrößte Teil wird jedoch mit Lkws, Vans und auch Pkws bedient.

In welchem Ausmaß wird eine Übernahme des Wirtschaftsverkehrs durch E-Fahrzeuge möglich sein?

Generell ist eine Kombination vieler unterschiedlicher Verkehrsmittel denkbar – in einem weit größeren Ausmaß als heute. Die unterschiedlichen Transportmittel müssen dann einzeln betrachtet werden. Ein elektrischer Lieferwagen etwa hat eine gewisse Reichweite und an der es sich zu orientieren gilt: Wie weit komme ich an einem Tag? Dasselbe gilt für Fahrräder. Nur eine gewisse Menge an Ware kann mit einem Mal transportiert werden. Für Großstädte sind Lastenfahrräder trotzdem ideal.

Laut einer Studie des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) für das Verkehrsministerium könnten in Großstädten 10-23 Prozent aller Fahrten des Wirtschaftsverkehrs auf das Fahrrad verlagert werden. In Bezug auf den überregionalen Verkehr befinden wir uns noch ganz am Anfang. Die Bahn spielt natürlich eine große Rolle, Probleme gibt es jedoch einige: Inflexibilität, längere Dauer, mühsamer Wechsel an den Grenzen usw.. Für den Lkw-Verkehr gibt es noch keine endgültige Lösung für den nachhaltigen Betrieb, ebenso wie für den Schiffsverkehr.

Das Problem dabei sind die geringen Reichweiten der Batterien. Das Aufladen kostet Zeit, werden größere Batterien benutzt, gibt es weniger Ladefläche. Ideen gibt es einige, wie etwa Oberleitungen an den Autobahnen, in die sich Lkws einklinken können. Das ist aber noch Zukunftsmusik.

Welche Vor- und Nachteile bringt E-Wirtschaftsverkehr mit sich?

Generell geht es im Zusammenhang mit nachhaltigem Wirtschaftsverkehr sehr oft um Neustrukturierung, Abläufe müssen neu organisiert werden. Ein Lkw oder Pkw lässt sich nicht einfach durch ein anderes Fahrzeug ersetzen. Die Fahrer/innen müssen geschult werden und die neue Technik auch akzeptieren, Betriebsabläufe und Infrastruktur müssen angepasst werden. Für Lastenfahrräder werden etwa Zwischenlager in der Stadt gebraucht, da die Lieferstrecke nicht so lang sein kann. Solche Lagerflächen in der Stadt müssen erst geschaffen werden.

Vorteile abseits vom umweltfreundlicheren Verkehr sind etwa der Imagegewinn für Firmen, die sich als innovativ verkaufen und dies zum Geschäftsmodell machen. Es könnten natürlich auch Kosten gespart werden, indem sich etwa drei Lastenräder zulegt werden anstatt eines Lkws, die innerstädtisch sogar schneller unterwegs sind. Es bräuchte dann im Gegenzug unter Umständen mehr Personal, das müsste dann genau durchgerechnet werden.

Nutzen Sie selbst auch E-Fahrzeuge?

In der Regel fahre ich eher konventionell – mit dem Fahrrad. Ansonsten benutze ich die U-Bahn, S-Bahn, die Deutsche Bahn usw.. Bei Lieferungen gibt es leider wenig Auswahl. Einzelne Beispiele sind etwa das Kiezkaufhaus in Wiesbaden, wo Produkte von lokalen Händlern übers Internet bestellt werden können und die Lieferung mit Lastenfahrrädern durchgeführt wird. Normalerweise hat der Kunde jedoch keinen Einfluss auf die Zustellform, und kann E-Fahrzeuge oder Lastenräder gar nicht bevorzugen.