Ich werde mich daran erinnern: Meine Zeit als Korrespondent in Deutschland

Ich werde mich daran erinnern: Meine Zeit als Korrespondent in Deutschland

Ein Mann liest Zeitung im Département VaucluseEin Café im Département Vaucluse – Urheber/in: martin. Creative Commons License LogoDieses Bild steht unter einer Creative Commons Lizenz.

Frédéric Lemaître, der Deutschland-Korrespondent von LE MONDE und Autor zahlreicher Bücher, skizziert in diesem Text Erinnerungen und Assoziationen zu Deutschland und Frankreich.

Ich werde mich daran erinnern, dass am Tag meiner Ankunft in Deutschland zwei a priori sehr unterschiedliche Blätter, der Spiegel und die Bildzeitung, Werbung für ein Buch machten, das so viel Ehre nicht verdiente: Deutschland schafft sich ab!

Ich werde mich daran erinnern, dass Steffen Seibert, der Regierungssprecher von Angela Merkel, am selben Tag wie ich sein Amt antrat. Ich erinnere mich gelesen zu haben, dass er Protestant war und zum Katholizismus konvertiert ist. Ich erinnere mich nicht, schon einmal eine Information dieser Art über eine französische Persönlichkeit gelesen zu haben.

Ich werde mich an meinen ersten Termin mit einem Berater von Angela Merkel erinnern, der für 13 Uhr angesetzt war. Er entschuldigte sich für seine Verspätung. Es war 13:02 Uhr.

Ich werde mich daran erinnern, dass die Deutschen, im Stehen zu Mittag essen und ihren Kaffee im Sitzen trinken. In Frankreich ist das umgekehrt.

Ich werde mich an einen Staatssekretär unter Sarkozy erinnern, der nichts über den deutschen Föderalismus wusste.

Ich werde mich daran erinnern, dass in Deutschland Fernverkehrszüge dazu neigen, sich vor der Ankunft in Berlin zu leeren. In Frankreich füllen sie sich, wenn man sich Paris nähert.

Ich werde mich daran erinnern, dass ein bayerischer Beamter mir erklärte, dass der Limes durch den Norden von Bayern verlief. Dahinter waren die Barbaren.

Ich werde mich daran erinnern, dass Wolfgang Schäuble als Finanzminister bereits mit vier verschiedenen französischen Kollegen arbeiten musste. "Schäuble, das ist eine Marke", fasst ein französischer Politiker zusammen.

Ich werde mich an meine Verlegenheit erinnern, wenn ich die Franzosen "Wolfgang Schobleu" oder "Joachim Gock" aussprechen höre. 

Ich werde mich daran erinnern, dass die deutschen Abgeordneten anlässlich des 50. Jahrestages der Unterzeichnung des Elysée-Vertrags eine Debatte im Bundestag organisiert haben, bevor sie die französischen Abgeordneten zu einer Gedenkfeier empfingen. Ich erinnere mich, dass jeder über die besondere Beziehung erzählt hat, die ihn mit Frankreich verband. Das war für mich unerwartet und bewegend.

Ich werde mich daran erinnern, dass Gregor Gysi mich gefragt hat, ob ich es für möglich hielte, dass er eines Tages Mireille Mathieu treffen könne.

Ich werde mich daran erinnern, dass es viel weniger Polizisten auf den Straßen von Berlin gibt als in Paris. Und dass die kleinen Lieferwagen, die das Geld der Banken und der Supermärkte befördern, nichts zu tun haben mit den Panzerwagen, denen man in Frankreich begegnet.

Ich werde mich daran erinnern, zweimal hintereinander Angela Merkel gesehen zu haben, von ihren Leibwächtern umgeben, wie sie selbst ihre Sachen in den Kofferraum ihres Autos räumte.

Ich werde mich daran erinnern, dass es in Bremerhaven ein "Museum der Auswanderung" gibt, das eigentlich auch ein Museum der Einwanderung ist.

Ich werde mich daran erinnern, als Angela Merkel bei einer CSU-Feier in Dachau im August 2013, wo das Bier in Strömen fließt, das Wort ergriff und sich nicht scheute an die Nähe der Konzentrationslager zu erinnern. "Wer wollte konnte sehen und hören, was passiert war". Um dann mit Europa und dem Frieden fortzufahren. Eine ihrer besten Reden.

Ich werde mich daran erinnern, dass die deutschen Frauen oftmals ein Problem mit Sigmar Gabriel haben. Ich weiß nicht welches.

Ich werde mich daran erinnern, dass ich auf dem AFD-Parteitag zwischen einem Soldaten und einer ehemaliger Aktivistin der Grünen saß. Sie war eine Pazifistin.

Ich werde mich daran erinnern, als Angela Merkel François Holland nach Stralsund eingeladen hatte, hisste das Rathaus eine Flagge von Schleswig-Holstein (oder den Niederlanden?) anstatt der französischen Flagge.

Ich werde mich daran erinnern, dass Annegret Kramp-Karrenbauer den Plan hatte, im Saarland das Französische zur zweiten Sprache zu machen, und sie hoffte, dass Lothringen es mit dem Deutschen genauso halten würde, die Regionalpolitiker diesen gemeinsamen Plan aus Angst vor den Reaktionen der Front National aber aufgegeben hätten.

Ich werde mich daran erinnern, dass Thomas de Maizière und Bernard Cazeneuve sich einen Begrüßungskuss geben.

Ich werde mich daran erinnern, dass Thomas de Maizière, der in Deutschland in der Flüchtlingspolitik  die Rolle des "bad cop" spielt, in der Assemblée Nationale gesagt hat: "Viele (Migranten) sagen, dass der deutsche Polizist der erste sympathische Polizist ist, den sie getroffen haben. Wir haben nicht die Absicht, diese Kultur zu ändern."

Ich werde mich daran erinnern, dass das deutsch-französische Jugendwerk (DFJW) bei ihren Austauschprogrammen manchmal mit jungen deutschen Musliminnen Probleme hat, die nicht nach Frankreich mitreisen wollen, weil sie im Schulunterricht den Schleier tragen, was in Frankreich nicht möglich ist.

Ich werde mich daran erinnern, dass im März 2015 Jean-Marc Ayrault in Berlin für eine "große deutsch-französische Initiative" plädierte, um Europa aus der Krise zu führen. Ich erinnere mich, dass ihm seine deutschen Gesprächspartner geantwortet haben, das Problem sei, dass "es Deutschland gut ginge und es seit einem Jahrhundert nicht mehr so mit sich selbst in Frieden gewesen sei wie heute".

Ich werde mich daran erinnern, mehrmals die Verachtung von Angela Merkel gegenüber Wirtschaftswissenschaftlern festgestellt zu haben.

Ich werde mich daran erinnern, dass Angela Merkel André Gide und Victor Hugo in zwei ihrer Reden zitiert hat.

Ich werde mich daran erinnern, dass sich 2009 die zwei Kurven der Arbeitslosenrate Frankreichs und Deutschlands gekreuzt haben.

Ich werde mich daran erinnern, dass die beiden Länder im Jahr 2016 ungefähr dieselben Staatsschulden hatten. Etwas mehr als 2100 Milliarden Euro. Einzig übersteigt das deutsche BIP das französische BIP um fast 30 Prozent.

Ich werde mich an diesen Satz von Mario Monti erinnern: "In Deutschland ist die Wirtschaft noch heute ein Teil der moralischen Philosophie. Das Wachstum wird als das Ergebnis eines tugendhaften Verhaltens der Bürger, der Unternehmen und des Staats betrachtet. Es gibt keine Möglichkeit, Frau Merkel wie auch die deutsche öffentliche Meinung zu überzeugen, dass öffentliche Defizite eine gute Sache sein können."

Ich werde mich daran erinnern, dass es in Anwesenheit eines Franzosen immer zwei allgegenwärtige Themen in den Diskussionen mit Deutschen gibt: Nationalsozialismus und regionale Besonderheiten.

Ich werde mich daran erinnern, dass man in Frankreich, die Existenz einiger der schönsten Städte Deutschlands ignoriert: Bamberg, Erfurt, Goslar …

Ich werde mich an die eindrucksvolle Stille erinnern, die die Deutschen an den Tag legen, sogar die ganz Kleinen, wenn sie klassische Musik im Freien hören.

Ich werde mich daran erinnern, dass in Berlin die meisten offiziellen Konvois an roten Ampeln anhalten.

Ich werde mich an einen Samstagmorgen erinnern, als Dresdner Fußballfans eine Regionalbahn zerstörten.

Ich werde mich daran erinnern, dass Angela Merkel und ihr Umfeld nicht vorhergesehen hatten, den 24. Juni 2016 dem Brexit vorzubehalten. 

Ich werde mich daran erinnern, dass "Je me Souviens" von Georges Perec nicht ins Deutsche übersetzt wurde.

Dieser Artikel erschien in dem Dossier zur Publikation "Frankreich und Deutschland - Bilder über den Nachbarn in Zeiten der Krise".

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