Entwicklung und Zerstörung an Kenias Küste

Entwicklung und Zerstörung an Kenias Küste

Tor vom Hafen nach LamuFür die UNESCO hat sich Lamu die „soziale und kulturelle Integrität bewahrt“. Das könnte sich bald ändern. Urheber/in: Kirsten Maas-Albert. Creative Commons License LogoDieses Bild steht unter einer Creative Commons Lizenz.

Lamu, ein Inselarchipel an der Küste Kenias, wurde lange vernachlässigt. Jetzt entsteht dort ein Hafen und ein Kohlekraftwerk. Die Entwicklung zerstört die Lebensgrundlage der lokalen Bevölkerung. Einige haben begonnen, sich dagegen zu wehren.

In Lamu spielt sich alles auf dem Wasser ab. Der Preis für die Überfahrt vom Flughafen nach Lamu Stadt richtet sich nach den Pferdestärken des kleinen, himmelblau gestrichenen Motorboots. „Welcome to Lamu World Heritage City“ steht über dem Tor, das vom Hafen zum zentralen Platz am Fort führt. Eine einzigartige Architektur umrahmt das Ganze. UNESCO beschreibt die Stadt als „älteste und am besten erhaltene Swahili Siedlung in Ostafrika“, die ihre „soziale und kulturelle Integrität bewahrt“ habe. Am Hafen herrscht geschäftiges Treiben, und doch wirkt dieser Ort tatsächlich ruhiger – so ruhig wie die „Dhaus“, so heißen die traditionellen Segelboote, die hier über das Wasser gleiten. Nur im Zentrum sind die schmalen Gassen gepflastert. Auf Lamu, wie auch auf den anderen Inseln ringsum fahren keine Autos, die Lasten werden auf Eseln transportiert.

Im Büro von „Save Lamu“ treffen sich Vertreter/innen der insgesamt 24 Organisationen, die sich zusammengetan haben, um einen kritischen Blick auf die Entwicklungen im Inselarchipel zu üben. Die 110.000 Bewohner/innen der Inseln leben seit Jahrhunderten vom Fischfang; der Tourismus brachte zusätzliche Einnahmen. „Diese Region wurde zu lange vernachlässigt,“ erklärt Abubakar, der Vorsitzende des Netzwerks. „Zu wenig Infrastruktur, zu wenig Ausbildungsmöglichkeiten, kaum staatliche Unterstützung für die Region.“ Es sind die Fischer, die Eismacher, die Händler und wer sonst in der Kette dieser Lebensgrundlage stecken mag, die am meisten betroffen sind. Betroffen von dem was die Regierung in Nairobi jetzt als Entwicklungsschub propagiert: Ein Hafen wird gebaut im Rahmen des Lamu Port South Sudan Ethiopia Transit (LAPSSET) Projekts, das Öl vom Südsudan an den indischen Ozean befördern soll. Und jetzt auch noch ein Kohlekrafwerk.

"Die Hummer und Krebse werden verschwinden"

„Viele Leute denken, dass jetzt endlich Entwicklung auch zu uns kommt,“ fährt Abubakar fort. „So ein Hafen bringt Fortschritt für die Region und auch für das Land. Aber es geht darum, die negativen Auswirkungen auf unsere Bevölkerung hier abzufedern.“ Sein Mitstreiter Jamal widerspricht: „Es geht aber um unsere Lebensgrundlage. Der Fischfang wird in der Zukunft unmöglich sein. Hummer und Krebse, die wir aus den Mangroven holen, werden verschwinden, und damit auch die Krabben und der Fisch.“ Raya pflichtet ihm bei: “Sie erzählen uns, der Hafen werde Arbeitsplätze generieren, aber was momentan passiert, ist, dass ein paar Jugendliche als Tagelöhner angeheuert werden - bei miserablem Lohn: 400 Kenianische Schilling (umgerechnet 4,50 Euro) am Tag für schwere Arbeit.“

Ein Dhau segelt auf dem Kanal zur Manda Bucht. Urheber/in: Kirsten Maas-Albert. Creative Commons License LogoDieses Bild steht unter einer Creative Commons Lizenz.

Die Jugendlichen aus ihrem Ort seien in ihre Frauenorganisation gekommen und hätten sich beschwert. Auch das Regierungsversprechen, etwa 1000 junge Menschen von den Inseln in Maritim-Studien auszubilden, sei kaum umgesetzt worden. „Bis jetzt sind es nicht mal 250.“ Jamal ist pessimistisch: “Unsere Jugend hat nicht die Ausbildung für die Jobs, die der Hafen bieten wird. Da kommen andere, die aus dem Landesinneren die Chance ergreifen und dann sicher auch chinesische Arbeiter.“

Die Ausschachtungen für den Hafen sind in vollem Gange. Fährt man von Lamu den engen Kanal herauf, sieht man schon die riesigen Frachter in der Manda Bay. Der Sand wird herausgebohrt und mit Schläuchen abgepumpt. Mit dem Sand wird eine Halbinsel aufgehäuft, auf denen eine Landzunge entstehen soll. Eine chinesische Firma hat offensichtlich mit dem Ausbau begonnen. Das Wasser färbt sich braun, in die Mangroven wird der ausschachtete Sand abgeladen. „Schon das hat eine Auswirkung auf die Natur,“ erklärt Shalom, der bei der Organisation Natural Justice in Nairobi arbeitet. Er und seine Anwaltskollegen versuchen die Gemeinden dieser Region auf ihre Rechte aufmerksam zu machen. Die vom Gesetz vorgeschriebenen Umweltverträglichkeitsprüfungen sind zwar durchgeführt worden, aber an der Umsetzung der vorgeschlagenen Abfederungen von Negativeffekten hapert es. „Die größte Sorge ist, dass die gesamte Bucht unzugänglich für den Fischfang wird. Es geht um Kompensationszahlungen, sowohl für das Land auf dem der Hafen entsteht, und scheinbar dann auch an die Fischer“, erklärt Shalom. Aber auch um bessere Boote und hochseetaugliches Gerät.

Ein Kohlekraftwerk mit einem 15 Kilometer langen Transportband

Doch draußen auf dem offenen Meer ziehen Fischereiboote aus Spanien, Korea und China schon seit Jahren den großen Fisch aus dem Ozean. Was übrig blieb, war bisher vielleicht noch genug zum Leben für die Lamu Fischer. Die Mangroven und kleinen Kanäle lieferten Hummer, Krebse, Krabben und Thunfisch. Doch der Markt ist kleiner geworden. Die Fremden liefern direkt an die Märkte an der Küste. Für die Fischer aus Lamu würde schon der Transport dorthin den Fisch zu teuer machen. So blieb ihnen nur der Verkauf an die Hotels und Restaurants, als die Touristen noch kamen. Doch wegen der angespannten Sicherheitslage unweit der somalischen Grenze bleiben sie heute fern.

Die Ausschachtungen für den Hafen haben bereits begonnen. Urheber/in: Kirsten Maas-Albert. Creative Commons License LogoDieses Bild steht unter einer Creative Commons Lizenz.

Ob sie sich damals schon gegen die Lizenzvergabe an die ausländischen Fischer gewehrt haben? Nein, das wurde ja weit weg, in Nairobi entschieden, erklärt Jamal. Seit die Verfassung von 2010 Bundesländer und Landesregierungen geschaffen hat, sollte es mehr lokale Mitbestimmung geben. Woran es dafür aber mangelt, ist schlicht Information. Viele glauben das, was die Politiker aus Nairobi versprechen. Über die Auswirkungen der geplanten Projekte hingegen weiß man wenig. Und die verarmten Gemeinden sind schnell geneigt, das als Kompensation angebotene Geld zu nehmen und an das große Versprechen einer blühenden Zukunft zu glauben – oder eben nicht.
„Es gäbe viele Möglichkeiten diese Region zu entwickeln, aber es muss die richtige Entwicklung sein; eine, die der Bevölkerung hier wirklich zugutekommt,“ erklärt Abdelaziz, der eine der vielen staatlich eingerichteten „Beach Management Units“ vertritt. „Was wirklich keiner hier braucht, weder in Lamu noch in Kenia überhaupt, ist ein Kohlekraftwerk!“

Und doch sind die Pläne dafür weit gediehen. Das erste Kohlekraftwerk Ostafrikas soll 15 Kilometer nördlich vom Hafen gebaut werden, von einer kenianischen Firma „AMU Power“, die aufgrund mangelnder Kapazität chinesische Firmen unter Vertrag nehmen wird. 1050 Megawatt soll das Kraftwerk generieren, 950 davon gehen ins nationale Netz, sollen in Überlandleitungen nach Nairobi transferiert und in die Regionen des Landes verteilt werden. „Die Regierung behauptet, das mit dem wirtschaftlichen Erstarken und Bevölkerungswachstum in den nächsten Jahren ein zusätzlicher Bedarf an Energie von ca. 15 Prozent generiert wird – Experten glauben die Mehrbedarf liegt maximal bei fünf Prozent.“ erklärt Anwalt Shalom. Das Kraftwerk sei zudem eine echte ökonomische Belastung, zumal die Kohle von Südafrika eingekauft werde. Am Hafen von Lamu angeliefert, so ist der Plan, soll sie auf einem 15 Kilometer langen Transportband entlang der Küste bis zum Kraftwerk transportiert werden. Das klingt so absurd, dass die Bevölkerung dem Kraftwerk schon jetzt eine Absage erteilt.

Die Gesundheitsbehörde warnt vor Erkrankungen

Qualifizierte Einwände wie die von der Landes-Gesundheitsbehörde bleiben weitgehend ungeachtet. Die Behörde hat ihre Ablehnung zur Lizenzvergabe für das Kraftwerk auf die Informationen der Umweltverträglichkeitsprüfung und eigene Daten begründet. Sie rechnen fest mit Erkrankungen der nahe des Kraftwerks ansässigen Bevölkerung. Lungen und Atemwege werden leiden, Krankheiten vermehrt auftreten. Dr. David Mulewa, der Direktor der Gesundheitsbehörde, will sich nicht auf politisches Glatteis wagen. Er ist ein Technokrat, jedoch einer, der stolz auf das Erreichte blickt. Seit der Verfassung und der Einrichtung der Landesregierung ist im Gesundheitssektor des Inselarchipels viel erreicht worden. Mit nur zwei Milliarden Kenianischen Schilling, die als Budget vergeben werden, wurde die Gesundheitsversorgung enorm verbessert.

Ambulanz für Schwangere - eine Errungenschaft der verbesserten Krankenversorgung. Urheber/in: Kirsten Maas-Albert. Creative Commons License LogoDieses Bild steht unter einer Creative Commons Lizenz.

Auch das Krankenhaus, in dem sich Dr. Mulewas Büro befindet, ist besser ausgerüstet. Krankentransporte hierher finden statt, Entbindungen und Operationen werden durchgeführt. Sogar eine Mammographie ist möglich geworden ohne den weiten Weg nach Mombasa oder gar Nairobi auf sich zu nehmen. Dr. Mulewa stammt nicht von hier, aber er denkt, dass er als erster eingesetzter Direktor der neuen Behörde ein gutes Fundament schaffen muss. Die von Nairobi beschlossene Entwicklung scheint dieses Fundament geradezu zu untergraben.

Auch das Krankenhaus liegt am Wasser, daran entlang der sandige Weg zurück ins Stadtzentrum. Von den Minaretten übertönen die Gebetsrufe das laute Schreien der Esel. Lamu mit seiner einzigartigen Kultur und Natur scheint einer Entwicklung um jeden Preis geweiht. Gewinn daraus zieht man andernorts.

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