Junge Leute im Nordkaukasus: Im Einklang mit den Traditionen

Junge Leute im Nordkaukasus: Im Einklang mit den Traditionen

Konservativ und wenig attraktiv für junge Menschen erscheint das Leben im Nordkaukasus. Schlechte Ausbildung, hohe Arbeitslosigkeit, mangelnde Infrastruktur und strenge Regeln für den Alltag schränken die Entwicklungsmöglichkeiten ein. Dennoch finden junge Menschen dort Wege, sich selbst zu verwirklichen und sich für ihre Generation einzusetzen. Ein junger Inguschete und eine Tschetschenin berichteten am 6. September 2017 auf Einladung der Böll-Stiftung in Berlin, wie sie ihren Platz in der Gesellschaft fanden und zufrieden sind.

Zwei junge Frauen auf einer Straße in TschetschenienYoung Leaders, Tschetschenien. Urheber/in: Heda Omarchadzhieva. All rights reserved.

„Ich bin gern unterwegs, aber ich komme gern nach Hause zurück. Ich verwirkliche mich, meine Arbeit gefällt mir“, sagt Ruslan Bokov, der in der russischen Republik Inguschetien im Nordkaukasus als Journalist und Dozent für russische Sprache und Literatur arbeitet.

Auch Alina Matyeva, eine junge Psychologin und Mitglied der NGO Sintem aus Tschetschenien, sagt, mit einer guten Bildung sei es ihr möglich geworden, sich in ihrer Heimat selbst zu verwirklichen und sich für ihre Republik zu engagieren. Als Tschetschenin fühle sie sich verpflichtet, sich in ihrer Heimat für die jungen Menschen einzusetzen. Schließlich helfe niemand von außen.

Die junge Aktivistin und der junge Aktivist berichteten am 6. September 2017 bei einer Veranstaltung der Heinrich-Böll-Stiftung in Berlin aus ihrem Alltag, in dem sich nach wie vor viel um die Traditionen dreht. Beide traten jedoch der Vorstellung entgegen, dass aus den Traditionen hervorgegangene Regeln ihr Leben einengen.

Vielmehr seien diese eine Richtschnur, um in der Gesellschaft zurecht zu kommen und nicht aufzufallen, sagte Bokov. Er zeigte sich froh darüber, dass seine Mutter ihn und seine fünf Brüder in diesem Sinne erzogen habe. Traditionsbewusst zu leben, bedeute keine Einschränkung im Alltag.

Traditionen als Schutz in der Gesellschaft

Die Traditionen entwickelten sich außerdem weiter, Eltern entschieden nicht mehr alles hinsichtlich Familienplanung, Arbeit und Freizeitgestaltung ihrer Kinder, berichtete der junge Inguschete. Er nannte eine Reihe von Beispielen dafür, dass junge Menschen heute mehr Freiheiten haben. So hätten Freunde von ihm trotz großer Skepsis ihrer Familien einen Catering-Service aufgebaut und ein ordentliches Geschäft daraus gemacht.

Auch müssten verheiratete Paare heute nicht mehr bei den Familien leben, so Bokov. Seine Ehefrau habe er, anders als noch sein Bruder, selbst ausgesucht. Allerdings habe es Vorteile, wenn Mütter ihre Kinder zu Hause erzögen und seiner Frau wolle er das Autofahren noch nicht erlauben, auch wenn andere arbeitstätige Frauen bereits am Steuer säßen – anders als noch vor zehn Jahren.

Auch Matyeva verteidigte die Traditionen und zeigte Verständnis dafür, dass die Älteren den jungen Generationen Regeln vorgeben wollten, denn es gehe ihnen darum, die Kinder zu verteidigen und ihnen eine sichere Zukunft zu ermöglichen.

Auch sie habe festgestellt, dass sich die Traditionen veränderten. So könnten heute junge Väter ihre Kinder in der Öffentlichkeit an die Hand nehmen. Früher sei es Vätern nicht möglich gewesen, ihren Kindern ihre Liebe zu zeigen.

Was junge Menschen bedrückt

Jedoch gebe es etwas, das junge Menschen bedrücke, so Matyeva: Es seien die schlechte Ausbildung und die hohe Arbeitslosigkeit. Die Ausbildung an den Universitäten entspreche nicht den modernen Ansprüchen für die Arbeit. Nicht die Lehrinhalte an Hochschulen zählten in den Augen junger Leute, sondern lediglich das Diplom.

Viele würden ihre Heimat verlassen für eine bessere Bildung und die Erlangung eines interessanten Berufs. Doch die Hochschulen hätten das Problem erkannt und wollten besser werden, sagte Matyeva. Junge Frauen besuchten Kurse fürs Nähen und Frisieren, um sich damit Geld zu verdienen.

Auch Bokov berichtete von hoher Arbeitslosigkeit unter jungen Menschen in Inguschetien. Viele gingen für eine Ausbildung in andere Länder. Wenn sie nach ihrer Rückkehr keine Arbeit fänden, verließen sie die Region wieder. Doch nannte er sich selbst und Freunde als Beispiel dafür, dass sich mit Kreativität durchaus Möglichkeiten erschließen ließen. Ein Taxifahrer habe eine App entwickelt und Freunde hätten im Internet eine Verkaufsplattform entwickelt, was geringe Investitionen erfordere.

Mangelnde finanzielle und organisatorische Ressourcen nannte Matyeva als Grund dafür, dass Initiativen junger Leute oft nicht von Dauer sein können. Auch nehme die Suche nach einem Job oder die Versorgung für die Familie Zeit für gesellschaftliches Engagement.

Bokov erinnerte daran, dass das Leben im Nordkaukasus mit der Organisation grundlegender Dinge ausgefüllt ist: Wer zum Beispiel eine Woche oder einen Monat ohne Wasser auskommen müsse, dem bleibe nicht viel Zeit, über seinen eigenen Alltag hinaus zu denken. Auch andere Dinge wie kaputte Straßen belasteten den Alltag.

Vorurteile – man kennt sich zu wenig

Ein wichtiges Thema sind Vorurteile über die Menschen aus dem Nordkaukasus, aber auch gegenüber Russinnen und Russen. Bokov berichtete zum Beispiel davon, dass ihm oder auch einem wichtigen Lokalpolitiker beim Kauf von Elektroprodukten oder einem Auto kein Kredit gewährt wurde.

Es sei auch möglich, dass es Russen und Russinnen gegenüber Vorurteile gebe, dies liege aber an persönlichen Erfahrungen oder der eigenen frustrierenden Lebenssituation. Eine allgemeine Russophobie gebe es in Inguschetien demnach nicht, auch würden sich die Menschen im Nordkaukasus als Teil Russlands verstehen.

Matyeva sagte, in Moskau gehe sie möglichst nur in Begleitung auf die Straße, sie rechne dort immer mit der Aggressivität junger Menschen oder der Aufforderung, ihren Pass zeigen zu müssen. Im Ausland, zum Beispiel in Georgien, fühle sie sich dagegen freier.

Gegenseitige Vorurteile seien darauf zurückzuführen, dass es nur wenige persönliche Kontakte gebe und wenig über das Leben der anderen bekannt sei. Auch spiele die Kriegserfahrung in Tschetschenien noch eine Rolle. Jedoch habe sie bei den Toleranztrainings während des Psychologie-Studiums wichtige Erfahrungen gesammelt, so bei einem Rehabilitationstraining zum Anschlag in Beslan.

Nachdem alle Teilnehmenden ihren persönlichen Schmerz formuliert hatten, habe eine ältere russische Dame sie umarmt und ihr gesagt, alles werde gut. „Das war wichtiger als alles vorher“, sagt Matyeva.

Sie berichtete zudem von einem Projekt, bei dem die Teilnehmenden der Frage nachgingen, wie ihre Familien von Deportation und Krieg gezeichnet wurden. Beeindruckt zeigten sich Matyeva und Bokov von privaten Initiativen in Berlin wie um das Flughafengelände Tempelhof, die sie bei einer von der Böll-Stiftung organisierten Reise kennengelernt hatten.

Als wichtiges Thema nannte Bokov ökologische Projekte. Und er wies darauf hin, dass viele Inguscheten insbesondere auf Facebook viel über gesellschaftliche Themen debattierten und dabei auch die internationale Entwicklung im Blick hätten. Die Menschen im Nordkaukasus seien keineswegs nur auf ihr Leben fokussiert.

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