Gesundheitliche Diskriminierung von Menschen außerhalb des binären Geschlechtersystems

Gesundheitliche Diskriminierung von Menschen außerhalb des binären Geschlechtersystems

Am heutigen Welttag für psychische Gesundheit, veröffentlicht Transgender Europe (TGEU) einen richtungsweisenden Bericht über die Erfahrungen von Trans*Menschen in der Gesundheitsversorgung. Der sich auf fünf europäische Länder konzentrierende Bericht bestätigt erneut, dass Trans*Menschen im Gesundheitswesen regelmäßig diskriminiert werden und nicht genug für ihre Gesundheit und ihr Wohlergehen getan wird. Der Bericht zeigt zudem, dass die zur Trans*Gemeinschaft zählenden Nicht-Binären beim Zugang zu Gesundheitsleistungen vor besonders hohen Hürden stehen und dass aus ihren Angaben zu ihrer physischen und psychischen Gesundheit zu entnehmen ist, dass es ihnen am schlechtesten von allen geht.

Eine Demonstration in Washington zu Trans*GerechtigkeitA rally in Washington, DC in support of the equal health and livelihood of trans people (2013). Urheber/in: Ted Eytan. Creative Commons License LogoDieses Bild steht unter einer Creative Commons Lizenz.

Aus vorhergehenden Studien war bereits hervorgegangen, dass Trans*Menschen unter den LSBT innerhalb der Europäischen Union zu denjenigen gehören, die im Gesundheitswesen am häufigsten mit Diskriminierung konfrontiert sind, wobei jeder fünfte Transgender bereits persönlich Diskriminierung erfahren hat und 70 Prozent aller Transgender über negative Erfahrungen im Gesundheitswesen berichteten.

In den Jahren 2016 und 2017 führte die TGEU, Europas größter Transgender-Dachverband, Studien in Georgien, Polen, Serbien, Spanien und Schweden durch, um die Erfahrungen von Trans*Menschen im Gesundheitswesen weiter zu erforschen. Insgesamt wurden in allen Ländern 885 die Gesundheitsdienste nutzende Transgender und 888 Gesundheitsdienstleister befragt. Mehr als ein Viertel (230) der befragten Nutzer der Gesundheitssysteme identifizierten sich als Nicht-Binäre. 

Trans

Trans ist ein Oberbegriff für Menschen, deren Geschlechtsidentität nicht mit dem Geschlecht übereinstimmt, das ihnen bei ihrer Geburt zugewiesen wurde. Ärzte und Eltern legen bei der Geburt eines Kindes (in der Regel auf Grundlage der äußeren Genitalien) das Geschlecht eines neugeborenen Kindes fest. Aber später im Leben könnte eine Person feststellen, dass sie sich nicht mit dem ihr bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht identifizieren kann oder dass sie nicht-binär ist, d.h. eine Geschlechtsidentität hat, die nicht (ausschließlich) männlich oder weiblich ist. 

Nicht-Binär

Nicht-Binäre identifizieren sich möglicherweise mit beiden Geschlechtern oder auch mit keinem der beiden; ihre Geschlechtsidentität kann immer mal wieder wechseln oder sie haben gar keine.

Cis

Cis bzw. Cisgender ist ein Oberbegriff für alle, die keine Transgender sind.

Transition

Als Transition wird der Prozess bezeichnet, die eigene Geschlechtsidentität zu akzeptieren, sich zu ihr zu bekennen und sich mit ihr wohlzufühlen. Dieser Übergang hat viele Aspekte, einschließlich sozialer, medizinischer oder rechtlicher. Soziale Transition bedeutet beispielsweise, anderen Menschen (der Familie, Freunden oder Ärzten) zu erzählen, dass man Transgender ist. Einige Transgender vollziehen auch eine medizinische Transition: Sie nehmen Hormone und/oder entscheiden sich für chirurgische Eingriffe. Andere unterziehen sich keiner medizinischen Transition. Trans*Menschen bilden eine überaus vielfältige Gruppe. Dementsprechend sind auch ihre Bedürfnisse in Bezug auf das Gesundheitswesen sehr unterschiedlich.

Geschlechtsidentität

Viele Transgender erheben zudem Anspruch auf die rechtliche Anerkennung ihrer Geschlechtsidentität, also auf eine Änderung des Geschlechtseintrags in ihrem Personalausweis oder Reisepass, damit dieser mit ihrer Geschlechtsidentität übereinstimmt. Das ist wirklich keine große Forderung an den Staat. Es sei daran erinnert, dass Cisgender sich nie Gedanken darüber machen müssen, dass ihr Ausweis zu der Person passt, die sie sind. In vielen europäischen Ländern müssen Trans*Menschen alle oder eine Kombination der folgenden schwerwiegenden Eingriffe hinnehmen, um die Voraussetzungen für den von ihnen gewünschten Geschlechtseintrag zu erfüllen: Sie sind gezwungen, sich einer Sterilisation, einer psychiatrischen Diagnose, einer Hormonbehandlung und medizinischen Untersuchungen zu unterziehen und/oder sich scheiden zu lassen.

Selbstbericht zur Gesundheit

In zahlreichen Studien wurde bereits herausgestellt, dass Trans*Menschen besonders anfällig für einen schlechten physischen und psychischen Gesundheitszustand und Suizidgedanken sind. Die Gesundheitsstudie der TGEU ergab, dass 78% der Befragten schon über Selbstmord nachgedacht und 25% bereits mindestens einen Suizidversuch unternommen hatten. Unter der weitergefassten Gruppe der Trans*Menschen ist es bei den Nicht-Binären erschreckenderweise doppelt so häufig, dass sie ihren Gesundheitszustand als schlecht bezeichnen. Sie waren auch die Gruppe mit dem höchsten Risiko von schlechter psychischer Gesundheit, einschließlich schlechter Stimmung oder Depressionen. In Schweden sagten über die Hälfte der Nicht-Binären, dass ihr Gesundheitszustand schlecht sei, was sie zu der Gruppe mit dem schlechtesten selbstberichteten Gesundheitszustand machte. Spanien und Schweden gehören beispielsweise zu den Ländern, in denen es am unwahrscheinlichsten ist, dass Nicht-Binäre ihrer Geschlechtsidentität entsprechend leben können. In Schweden wird 85% der Nicht-Binären dauerhaft das falsche Geschlecht zugewiesen, auch in der Gesundheitsversorgung. Diese beiden Phänomene können sich weiter negativ auf die Gesundheit und das Wohlbefinden von Nicht-Binären auswirken.

Diskriminierung im allgemeinen Gesundheitswesen

Trans*Menschen werden im allgemeinen Gesundheitswesen, d.h. wenn sie zu ihrem Allgemeinmediziner, Zahnarzt oder anderen Ärzten gehen, regelmäßig in hohem Maße diskriminiert. Die Agentur der Europäischen Union für Grundrechte stellte fest, dass jeder fünfte Trans*Mensch im Gesundheitswesen diskriminiert wird. Der TGEU-Bericht offenbart, dass Trans*Menschen bei Gesundheitsdienstleistern häufig auf mangelndes Fachwissen über Transgender-Anliegen treffen, ihnen unangebrachte Fragen gestellt werden, ihr Geschlecht immer wieder falsch gedeutet wird, sie nicht ernst genommen und beschimpft werden oder ihnen gar die Behandlung verweigert wird. Daher überrascht es vielleicht nicht, dass etwa die Hälfte aller Trans*Menschen aufgrund ihrer Geschlechtsidentität den Gang zum Arzt vor sich herschieben. Die Frage nach dem Aufschieben des Arztbesuches wurde am zweithäufigsten von Nicht-Binären bejaht. Im Vergleich zu anderen Trans*Menschen waren diese auch in Bezug auf ihre Geschlechtsidentität den Ärzten gegenüber weniger offen – in Spanien outeten sie sich am seltensten. In Schweden hatten die meisten das Gefühl, dass die Gesundheitsdienstleister ihre Geschlechtsidentität nicht verstehen wollten. Bei den Nicht-Binären war es am wahrscheinlichsten, dass sie keine transgender-freundlichen Ärzte kannten; 80% von ihnen kannten keinen Arzt, an den sie sich ohne Angst vor Diskriminierung wenden konnten.

Diskriminierung bei transgender-spezifischen Gesundheitsdiensten

Zu den transgender-spezifischen Gesundheitsdiensten gehören beispielsweise Arztbesuche für Hormonblocker- oder Hormonbehandlungen oder verschiedene chirurgische Eingriffe sowie die Inanspruchnahme psychischer Gesundheitsdienste für Tests oder Diagnosen. Der Bericht stellt fest, dass Ärzte immer wieder als Torwächter zwischen Trans*Menschen und der von diesen gewünschten Behandlung fungieren: Die Ärzte glauben im Allgemeinen, dass die Entscheidung ihnen und nicht der betroffenen Trans*Person selbst obliegt, ob sie sich einer Hormonbehandlung oder chirurgischen Eingriffen unterziehen darf. Nicht-Binäre konsultieren transgender-spezifische medizinische oder psychologische Dienste seltener als Transgender, was nicht heißt, dass sie sie nicht beanspruchen wollen. Es liegt vielmehr daran, dass sie Angst vor Vorurteilen und kein Vertrauen in diese Dienste haben. In Serbien werden Nicht-Binären grundsätzlich keine Hormone verschrieben, was häufig dazu führt, dass sie sich „illegal“ Hormone kaufen und sie ohne ärztliche Kontrolle einnehmen, was wiederum ernsthafte Gesundheitsrisiken mit sich bringt. Die Befragten gaben an, dass sie ihre Ärzte anlügen und behaupten mussten, sie seien tatsächlich binär. In einigen Ländern müssen Trans*Menschen ihre Ärzte über Jahre aufsuchen, bevor diese ihnen eine Hormonbehandlung oder chirurgische Eingriffe gewähren. Nicht-Binäre aus allen an der TGEU-Studie beteiligten Ländern berichteten, dass sie beweisen mussten, in ausreichendem Maße Transgender zu sein oder in das binäre Muster zu passen. In Polen gaben beispielsweise 95% der Trans*Menschen an, sie hätten beweisen müssen, „ausreichend trans“ zu sein, und 92% sagten, dass sie sich für den Zugang zu Gesundheitsdiensten in das binäre Schema hätten pressen lassen müssen. Von den beteiligten Ländern ist Schweden das einzige, in dem es medizinische Richtlinien gibt, die Nicht-Binären ausdrücklich Zugang zu transgender-spezifischen Gesundheitsdiensten gewähren und in denen es heißt, dass diese Leistungen auf die individuellen Bedürfnisse zugeschnitten werden sollten. Allerdings ist die Befolgung dieser Richtlinien nicht obligatorisch.

Rechtliche Anerkennung des Geschlechts

In vielen europäischen Ländern müssen Trans*Menschen sich für diese Anerkennung gegen ihren Willen einer Sterilisation, einer psychiatrischen Diagnose, einer Hormonbehandlung sowie medizinischen Untersuchungen unterziehen und/oder sich scheiden lassen. In Malta, Irland und Dänemark ist jetzt auch eine rechtliche Anerkennung des Geschlechts auf der Grundlage von Selbstbestimmung auch ohne jegliche intrusive medizinische Maßnahmen möglich. Weltweit gibt es allerdings nur eine Handvoll Länder, in denen die Geschlechtsidentität von Menschen anerkannt wird, die außerhalb des binären Geschlechtersystems stehen. In Malta wurde vor einigen Wochen mit „X“ eine dritte Möglichkeit des Geschlechtseintrags in Personalausweisen und Reisepässen eingeführt. In Deutschland konnte eine nicht-binäre Person unlängst die Forderung nach Streichung des Geschlechtseintrags aus seinem/ihrem Personalausweis gerichtlich durchsetzen. Keins der fünf an der Studie beteiligten Länder bietet andere Möglichkeiten des Geschlechtseintrags als männlich oder weiblich. Somit können Nicht-Binäre keinen Ausweis haben, der ihrer Identität entspricht, da es kein entsprechendes Feld zum Ankreuzen gibt. In Spanien können Nicht-Binäre nicht einmal nach der Erfüllung der für Transgender geltenden Voraussetzungen, die eine Diagnose und zwei Jahre Behandlung umfassen, eine Anerkennung ihres Geschlechts bekommen. Verständlicherweise sprach sich die große Mehrheit der Nicht-Binären dafür aus, dass die rechtliche Anerkennung des Geschlechts ohne jegliche medizinische Voraussetzungen erfolgen sollte (98%) und dass es viele verschiedene Optionen des Geschlechtseintrags im Personalausweis geben sollte (93%).

Nicht-Binäre dürfen nicht außen vor gelassen werden

Es ist wichtig, dass Staaten und Gesundheitsdienstleister sich der Hürden bewusst werden, die Nicht-Binäre überwinden müssen, um Zugang zu allgemeinen und transgender-spezifischen Gesundheitsleistungen zu bekommen oder eine rechtliche Anerkennung ihres Geschlechts zu erwirken. Ebenso wichtig ist, dass Nicht-Binäre in Programme miteinbezogen werden, die auf eine Verbesserung der physischen und psychischen Gesundheit von Trans*Menschen abzielen. Zudem müssen alle transgender-spezifischen Gesundheitsdienste auf die individuellen Bedürfnissen zugeschnitten und auch die der Nicht-Binären berücksichtigt werden. Es ist unerlässlich, dass in der Ausbildung von Gesundheitsdienstleistern ausdrücklich auf die Bedürfnisse von nicht-binären Nutzern des Gesundheitswesens eingegangen wird. Es ist zwar lobenswert, dass immer mehr europäische Länder eine rechtliche Anerkennung des Geschlechts auf der Basis der Selbstbestimmung akzeptieren wollen, aber sie müssen letztlich auch daran denken, dass es für Nicht-Binäre möglicherweise kein Kästchen zum Ankreuzen gibt. Eine einfache und effektive Art und Weise, hier Abhilfe zu schaffen, wäre eine Vielzahl von Optionen für die Geschlechtsidentität und dazu jedem/jeder die Möglichkeit zu bieten, ganz auf einen Geschlechtseintrag im Personalausweis zu verzichten.

 
Wichtigste Quellen:
• European Union Agency for Fundamental Rights. (2013). EU LGBT survey: European Union lesbian, gay, bisexual and transgender survey
• European Union Agency for Fundamental Rights. (2014). Being trans in the European Union. Comparative analysis of EU LGBT survey data.
• Transgender Europe. Overdiagnosed - Underserved. Trans healthcare in Georgia, Poland, Serbia, Spain, and Sweden: TGEU’s Trans Health Survey. October 2017. tgeu.org/healthcare 

 

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