"Smogathon": Startups gegen den Smog

"Smogathon": Startups gegen den Smog

Krakau ist für viele Polen und Polinnen ein anderes Wort für Smog. Kein Wunder, dass gerade hier eine Aktion für saubere Luft ins Leben gerufen wurde. Inzwischen ist daraus sogar ein weltweiter Start-Up-Wettbewerb geworden.

Straße mit Autos in Warschau, im Hintergrund die versmogte StadtAuch in Warschau gibt es Smog, wie hier im Januar 2017. Urheber/in: Jar.ciurus. Creative Commons License LogoDieses Bild steht unter einer Creative Commons Lizenz.

Tief durchatmen, das ist in Krakau leichter gesagt als getan. Ein klebriger, dichter Smogschleier liegt an vielen Wintertagen über der Großstadt im Südosten Polens. Regelmäßig rangiert Krakau in den Top Fünf der Städte Europas mit der schlechtesten Luftqualität. Das bedeutet für die Bürger/innen der Stadt, dass sie im Schnitt 2082 Zigaretten pro Jahr extra rauchen, unfreiwillig versteht sich. Das sind sechs Kippen am Tag, rechnen lokale Anti-Smog-Bürgerinitiativen vor.

Erst lokaler Hackathon, dann weltweites Startup-Kräftemessen

Verantwortlich für die verpestete Luft sind in Polen nicht zuerst die Emissionen von Verkehr oder Industrie. Vielmehr ist Polens Smog-Problem hausgemacht: Über 80 Prozent der privaten Haushalte heizen mit kleinen, meist völlig überalterten Kohle-Öfen. Oft landet minderwertige Kohle oder gar Hausmüll im Feuer, was den Ausstoß von Feinstaub und schwarzem Ruß weiter nach oben treibt.

So ist die Luft zum Feind des Menschen geworden, was bei einigen aber auch kreative Kräfte freisetzt. Auch der Startup-Unternehmerin Anna Ryś ging es so. Zusammen mit ihrem Bruder Maciej rief sie das Projekt "Smogathon" ins Leben. "Für uns gab es den Punkt, wo der Smog so schlimm war, dass wir gesagt haben: wir müssen jetzt etwas tun!"

In den ersten beiden Jahren war das ein Hackathon, der helfen sollte, das Smogproblem in der Stadt loszuwerden. Organisiert und umgesetzt wurde das Treffen von einer Clique polnischer Tech-Freaks. In 24 Stunden musste aus einer Idee eine praktikable, digitale Lösung werden. In diesem Jahr fand der "Smogathon" zum dritten Mal statt.

Und aus dem polnischen "Techy"-Wettstreit ist ein globaler Startup-Wettbewerb geworden, stark professionalisiert und mit Förderern aus Politik und Wirtschaft, darunter die Europäische Union, viele Regionalverwaltungen in Polen und so manchem globalen Großkonzern wie Philipps oder HSBC.

"Wir suchen jetzt Anti-Smog-Ideen aus der ganzen Welt und haben deshalb für unseren Wettbewerb fünf Vorentscheidungen auf vier Kontinenten organisiert", erklärt Anna Ryś, die hauptberuflich als Geschäftsführerin des digitalen Marktplatzes AnyMind arbeitet.  

Wandbilder, die ganz nebenbei die Luft reinigen

Von Juni bis November lieferten sich Teams in China, Indien, Großbritannien, den USA und Polen ein Rennen um die zehn Tickets zum Finale nach Krakau. Pro Land und Startup-Pitch wurden von regionalen Jurys zwei Teams ausgewählt. Zwei weitere Finalisten wurden per Online-Auswahl bestimmt.

Im Finale in Krakau konnten dann zwölf Projektteams ihre Idee einer Jury aus Wissenschaftler/innen, Unternehmer/innen und IT-Spezialist/innen vorstellen. Die sechs Besten kamen eine Runde weiter und wurden am Montag (27.11) einem breiten Publikum präsentiert. Der Anlass war eine Konferenz zum gleichen Thema: der "Global Clean Air Summit" in Krakau.

Der "Airly"-Sensor macht Smog-Probleme transparent und gewann den "Smogathon" im Jahr 2016. Urheber/in: Richard Fuchs. All rights reserved.

Ein letzter Pitch, dann standen die diesjährigen Sieger fest: Artveoli, ein Silicon-Valley-Start-Up, dass künstlerisch gestaltete Wandbilder entwickelt, die ganz nebenbei die Luft in Konferenzräumen, Klassenzimmern oder Wohnzimmern reinigen sollen. Das Prinzip: Überschüssiges Kohlendioxid wird der Raumluft entzogen und geht als Sauerstoff zurück in den Raum. Dazu hat das Startup einen kleinen Bioreaktor entwickelt, der die Photosynthese der Pflanzen kopiert.

100.000 Dollar Preisgeld für die Umsetzung

"Der Gewinner bekommt 100.000 Dollar", sagt Anna Ryś. "Darin sind 25.000 Dollar für die weitere Produktentwicklung enthalten und 75.000 Dollar sollen dafür verwandt werden, das Projekt in Krakau umzusetzen." Die Ideen gegen den Smog sind dabei so bunt und vielfältig wie die globale Ausrichtung des Wettbewerbs vermuten lässt.

Darunter sind intelligente Atemmasken aus Großbritannien, die Luftqualität messen können und Empfehlungen geben. Darunter sind Emissions-Staubsauger aus Indien, die Abgase von Dieselgeneratoren bei der Entstehung reinigen. Darunter sind Startups aus den USA, die Ruß als Tinte wiederverwerten wollen.

Besonders aus Afrika beobachtet die polnische Startup-Unternehmerin Anna Ryś viele brillante, ebenso wie einfach umsetzbare Anti-Smog-Ideen. Im Halbfinale in Berkley in den USA hätten zwei junge Afrikaner ihr Konzept eines Ofen-Filters vorgestellt, den Betroffene selbst nachbauen können. "Der verhindert dann, dass der Innenraum mit Feinstaub vollgeblasen wird."

Dabei ließen sich die meisten Innovationen in drei große Kategorien einsortieren, haben die Veranstalter bemerkt. Entweder es geht darum, den Smog erst gar nicht entstehen zu lassen. Oder es soll versucht werden, Feinstaub und Rußpartikel aus der Luft herauszufiltern. Und eine dritte Gruppe von Innovationen will den Smog für jedermann einfach und kostengünstig messbar machen, um daraus kluge Schlüsse zu ziehen.

"Airly": Wie aus dem Smog ein Unternehmen wird

Mit genau diesem Anspruch ist auch das Startup "Airly" gestartet, das Sieger-Team des Wettbewerbs im vergangenen Jahr. Zwei Jahre später ist aus drei damaligen Gründern und einer smarten Idee ein kleines Unternehmen entstanden.

Das "Airly"-Team im Co-Working-Space in Krakau. Urheber/in: Richard Fuchs. All rights reserved.

Das beschäftigt fünfzehn Mitarbeiter/innen in einem Co-Working-Space in Krakau und entwickelt eine App, mit der Nutzer/innen die Luftqualität an Messstationen im ganzen Land kontrollieren können. Wann man künftig zum Joggen geht, kann man also auch vom Grad der aktuellen Luftverschmutzung abhängig machen.

Beim Besuch vor Ort hält der 25-jährige Michał Misiek das Herzstück der "Airly"-Idee in der Hand: einen Sensor, der in einem silbernen Metallgehäuse steckt. Das Ganze ist in etwa so groß wie eine Hand. Von diesen Sensoren hat das Unternehmen inzwischen über 500 im Land installiert.

Möglichst viele weitere sollen folgen, natürlich, wenn der Markt anspringt. Hier hofft das Startup vor allem auf Deutschland und seine Diesel-Debatte. "Die Daten werden dann von uns gebündelt und wir sehen den Sensor und die dort gemessene Luftqualität als Punkt auf einer Karte", erläutert der "Airly"-Mitarbeiter. Punkt für Punkt entsteht so eine Gesamtübersicht, die via App für den jeweiligen Standort abgerufen werden kann. In Echtzeit, versteht sich.

Als ihre Kund/innen sehen die Gründer vor allem Städte und Gemeinden, die diesen Service ihren Bürger/innen ermöglichen wollten. Für Endnutzer/innen soll der Airly-Dienst kostenlos sein - zumindest bislang. Als weitere Funktion bietet das Unternehmen auch eine 24-Stunden-Smog-Vorhersage an. Eine Idee, für die sie bei "Airly" einen selbstlernenden Algorithmus eingespannt haben.

Der wird mit Wetter- und Verkehrsdaten gefüttert - und spuckt dann Verhaltenstipps für die Einwohner/innen aus. Für den 23-jährigen Airly-Mitbegründer Wiktor Warchalowski ist das ein Zukunftsmarkt: "Wir wollen den Leuten so viele Antworten wie möglich geben, beispielsweise, wo ist der beste Platz, um ein Haus zu kaufen?"

"Wir wollen endlich wieder durchatmen können"

Der Smogathon-Gründerin Anna Ryś sieht man die Freude an, wenn sie über die vielen Ideen von der Startup-Rampe in Krakau spricht. Ganz nüchtern betrachtet wird es den Wettbewerb aber noch viele Jahre brauchen, nicht zuletzt, weil die Ursache des Smog-Problems - die vielen ungefilterten Kohle-Öfen in den Häusern - nur sehr schleppend gegen neue, emissionsärmere Geräte ausgetauscht werden.

Und auch im weltweiten Kampf gegen den Smog sieht es nicht danach aus, dass Erfolge über Nacht möglich wären. Für Anna Ryś kein Problem: ihre Motivation scheint ungebrochen. "Wir wollen das Problem schnell loswerden. Ganz einfach, denn wir wollen endlich wieder durchatmen können."

Dieser Beitrag wurde im Rahmen des Journalismus-Stipendiums Europäische Energiepolitik von der Heinrich-Böll-Stiftung unterstützt. Er wurde zuerst bei der Deutschen Welle veröffentlicht.

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